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Gine Elsner: Was wir von Corona lernen könnten

Rezensiert von PD Dr. Nicolai Savaskan, 18.09.2026

Cover Gine Elsner: Was wir von Corona lernen könnten ISBN 978-3-96488-256-1

Gine Elsner: Was wir von Corona lernen könnten. Über die Entstehung, Eindämmung und den politischen Umgang mit einer Pandemie. VSA-Verlag (Hamburg) 2025. 175 Seiten. ISBN 978-3-96488-256-1. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR.

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Thema

Die Aufarbeitung der COVID-19-Pandemie ist seit einiger Zeit zunehmend auch Gegenstand für die Sozial- und Gesundheitswissenschaftlichen. Mit der Veröffentlichung ‚Was wir von Corona lernen könnten‘ legt die Arbeitsmedizinerin und Soziologin Gine Elsner eine analytisch angelegte Rückschau auf die Entstehung und den politischen Umgang mit der Pandemie vor. Ziel der Autorin ist es, zentrale Probleme der Krisenbewältigung zu identifizieren, um daraus Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse abzuleiten.

Autor:in 

Gine Elsner ist eine Exotin im deutschen universitären Medizinbetrieb. Die Hamburgerin (*1943) studierte Medizin in Hamburg und im Anschluss Soziologe an der FU Berlin, arbeitete als Referentin in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln und wechselte in das Institut für Arbeitsmedizin an der Universität Bremen. Hier betätigte sie sich auch berufspolitisch, bevor die Fachärztin für Arbeitsmedizin die Leitung des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Frankfurt am Main als Direktorin von 1995 bis 2009 übernahm. Elsners epidemiologische Forschung zu Berufskrankheiten führten sie zu den Verbindungen und Verstrickungen nationalsozialistischer Denke, Traditionen und Ärztekarrieren (u.a. Ernst Wilhelm Baader, Helmut Valentin, Ernst Günther Schenck). Für Teile des Arbeitsmedizinischen Establishments in den Nullerjahren galt Elsner als Nestbeschmutzerin. So wundert nicht, dass erst mit 75 Jahren im Jahr 2018 Gine Elsner für ihre wissenschaftlichen Verdienste mit der Salomon-Neumann-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) späte Ehre zuteilwurde (https://www.aerzteblatt.de/archiv/gine-elsner-als-68erin-nach-wie-vor-aktiv-e41df631-6db8-450f-aec3-431f785dd32b) .

Entstehungshintergrund

Bereits im Vorwort macht Elsner deutlich, dass die Pandemie zwar epidemiologisch beendet sei, die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung jedoch noch ausstehe. Gerade weil „Skandale aus der Zeit der Epidemie … jetzt ans Licht“ kämen und eine parlamentarische Aufarbeitung begonnen habe, erscheine eine erneute Betrachtung der Ereignisse notwendig. Tatsächlich hat der Bundestag die Einsetzung einer Enquete-Kommission mit dem Auftrag im Namen „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ im Juli 2025 beschlossen. Die Enquete-Kommission setzt sich aus 14 Mitgliedern des Bundestages sowie 14 Sachverständige zusammen und ein Abschlussbericht ist bis zum 30.06.2027 geplant.

Aufbau

Das Buch ist im Wesentlichen chronologisch angelegt. Startpunkt sind die Entstehung des Virus und den ersten Ausbrüchen in Deutschland. Besondere Aufmerksamkeit widmet Elsner dem frühen deutschen Infektionsgeschehen, insbesondere dem Ausbruch im Kreis Heinsberg während der Karnevalszeit 2020, der als „offizielles Epizentrum für den deutschen Corona-Ausbruch“ bezeichnet wird.

Inhalt

Ein zentrales Thema des Buches ist das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Anhand der Heinsberg-Studie und der wissenschaftlichen Kritik daran rekonstruiert Elsner politische Entscheidungen unter Bedingungen widersprüchlicher wissenschaftlicher Einschätzungen. Besonders kritisch bewertet die Autorin die politische Kommunikation während der Pandemie. Elsner zufolge führte ein Nebeneinander unterschiedlicher politischer Positionen – zwischen Bund, Ländern und Parteien – zu erheblichen Irritationen in der Bevölkerung. Nicht der öffentliche Diskurs zwischen Politikern und Experten, sondern der unzureichend kommentierte politische Entscheidungsprozess sei für die Bevölkerung irritierend gewesen. Hier referiert die Autorin die Debatte um die Maskenpflicht. Elsner beschreibt den Verlauf dieser Diskussion pointiert als eine „Maskenkomödie“, die von zunächst ablehnenden Empfehlungen bis zur späteren Pflicht reichte: „Bringt nix, sowieso zu wenig, näht sie Euch selbst, Maskenpflicht!“. Diese Episode steht für Elsner exemplarisch für die Schwierigkeiten politischer Krisenkommunikation unter Bedingungen wissenschaftlicher Unsicherheit.

Neben der Analyse einzelner Maßnahmen widmet sich Elsner den institutionellen Strukturen der Pandemiebekämpfung und deren teilweise unklarer Aufgabenverteilung im deutschen Gesundheitssystem. So verweist sie darauf, dass das Robert-Koch-Institut eine zentrale Rolle in der wissenschaftlichen Beratung spielte, während andere Institutionen, etwa die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, nach ihrer Einschätzung während der Pandemie kaum öffentlich in Erscheinung traten. Diese Beobachtungen führen zu einer grundlegenden Frage, die sich durch das gesamte Buch zieht: In welchem Verhältnis stehen wissenschaftliche Beratung und politische Entscheidungsprozesse in einer Pandemie?

Diskussion

Elsners Buch ist weder eine rein epidemiologische Analyse noch eine klassische historische Darstellung der Pandemie. Vielmehr handelt es sich um eine interdisziplinäre Studie, die medizinische, politische und gesellschaftliche Aspekte der Krisenbewältigung miteinander verbindet. Die Stärke des Buches liegt vor allem in seiner materialreichen Rekonstruktion der frühen Phase der Pandemie und der öffentlichen Debatten um wissenschaftliche Expertise. Gleichzeitig ist der argumentierende Ton der Autorin deutlich normativ geprägt. Elsner formuliert wiederholt kritische Bewertungen politischer Entscheidungen und institutioneller Strukturen. Gerade diese Positionierung macht das Buch jedoch zu einem wichtigen Beitrag zur laufenden gesellschaftlichen Aufarbeitung der COVID-19-Pandemie. Es zeigt, dass Pandemien nicht nur epidemiologische Ereignisse sind, sondern auch komplexe soziale und politische Prozesse darstellen.

Für die sozial- und gesundheitswissenschaftliche Forschung bietet die Studie vor allem dort wichtige Impulse, wo sie das Verhältnis von wissenschaftlicher Expertise, politischer Entscheidungsfindung und öffentlicher Kommunikation untersucht.

Angesichts der Wahrscheinlichkeit zukünftiger Pandemien bleibt die zentrale Frage des Buches hochaktuell: Welche institutionellen und gesellschaftlichen Lehren lassen sich aus der COVID-19-Krise ziehen?

Fazit

Das Buch bietet eine kritisch argumentierende Analyse der politischen und gesellschaftlichen Bewältigung der COVID-19-Pandemie. Es richtet sich insbesondere an Leser:innen aus den Sozial-, Gesundheits- und Politikwissenschaften sowie an alle, die sich mit der wissenschaftlichen und politischen Aufarbeitung der Pandemie befassen.

Rezension von
PD Dr. Nicolai Savaskan
Amtsarzt, Gesundheitsamt Berlin-Neukölln
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Es gibt 3 Rezensionen von Nicolai Savaskan.

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ISSN 2190-9245