Michael Borg-Laufs, Norbert Beck et al.: Therapie-Tools Kindeswohlgefährdung
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 27.07.2026
Michael Borg-Laufs, Norbert Beck, Monika Bormann: Therapie-Tools Kindeswohlgefährdung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 197 Seiten. ISBN 978-3-621-29112-5. 46,00 EUR.
Thema
Psychotherapeut:innen werden in ihrer Arbeit oft unvermittelt mit möglichen Kindeswohlgefährdungen (Misshandlung, Vernachlässigung oder sexualisierte Gewalt) konfrontiert – sei es in der Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie oder im Rahmen von Behandlungen erwachsener Patient:innen mit Familie. Viele Therapeut:innen fühlen sich in diesen Situationen unsicher: Wie soll ich vorgehen? Was ist rechtlich geboten? Und wie kann ich gleichzeitig das Vertrauen im therapeutischen Prozess erhalten? Um Antworten auf diese Fragen zu geben stehen über 70 Arbeits‑ und Informationsblätter sowie fachliche und rechtliche Einordnungen zur Verfügung. Ziel des Buches ist es, den therapeutischen Fachkräften das Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, die Auslotung therapeutische Handlungsmöglichkeiten sowie die Arbeit mit Betroffenen bei laufenden Strafverfahren zu erleichtern.
Autor:innen
Dr. Norbert Beck ist Diplom-Psychologe und Diplom-Sozialarbeiter (FH) und leitet das Therapeutischen Heim Sankt Joseph des SkF in Würzburg, eine stationären Jugendhilfeeinrichtung mit multiprofessionellem Behandlungsansatz.
Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Diplom-Psychologe, ist Professor und war Dekan am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Jugendhilfe, Kindes‑ und Jugendwohlgefährdung, Diagnostik, Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapie sowie Soziale Online-Netzwerke.
Monika Bormann, Diplom-Psychologin, ist Psychologische Psychotherapeutin. Bis 2021 war sie Leiterin der Caritas-Beratungsstelle Neue Wege, einer ärztlichen und psychosozialen Beratungsstelle gegen Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch von Kindern, mit Abteilungen für betroffene und für sexuell übergriffige Kinder, Jugendliche und Heranwachsende. Danach war sie drei Jahre Ansprechperson im Bistum Essen für Betroffene von sexuellem Missbrauch durch Kirchenmitarbeiter:innen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch behandelt fünf zentrale Themenkomplexe:
Einführung mit wesentlichen inhaltlichen Bestimmungen zu Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung
Nachdem zunächst deutlich wird, dass auch Psychotherapie für Kinder und Jugendliche immanent ist, in Kontakt mit Kindeswohlgefährdungen zu kommen, erhalten die Leser:innen in diesem Kapitel wichtige grundlegende Informationen. Es wird erkennbar, dass die Begriffe Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung im Einzelfall auszulegen sind und es keine allgemeingültige Definition gibt. Deshalb ist es wichtig, sich über die entsprechenden Rechtsgrundlagen, Gerichtsentscheidungen aber auch Fachliteratur diesen unbestimmten Begriffen anzunähern. Die Autor:innen ordnen die Begrifflichkeiten entsprechend ein und versuchen, diese mit Leben zu füllen, zitieren dabei dankenswerter Weise auch juristische Fachliteratur. Erläutert werden auch verschiedene Formen der Kindeswohlgefährdung wie zum Beispiel die Vernachlässigung: „Als Vernachlässigung wird das andauernde oder wiederholte Unterlassen fürsorglichen Handelns bzw. Unterlassen der Beauftragung geeigneter Dritter mit einem solchen Handeln durch Eltern oder andere Sorgeberechtigte verstanden. Diese Unterlassung führt zu erheblichen Beeinträchtigungen der physischen und/oder psychischen Entwicklung des Kindes oder beinhaltet vorhersehbar ein hohes Risiko solcher Folgen“ (S. 15).
Rechtliche Fragestellungen mit einem Schwerpunkt auf das Meldeverfahren bei Kindeswohlgefährdungen
Nach den ersten Annäherungen an die Thematik, die rechtliche Rahmenbedingungen schon angerissen haben, stehen juristische Aspekte in diesem Kapitel vollständig im Fokus. Auf die Zielgruppe der Therapeut:innen ausgerichtet ist dabei direkt der Einstieg, wenn es um den Zusammenhang von Therapie und Strafverfahren bei sexuellem Missbrauch geht. Deutlich wird zum Beispiel, dass es in Deutschland keine Pflicht gibt, dass Therapeut:innen eine Anzeige erstatten, wenn sie im Rahmen der Arbeit mit Patient:innen von solchen Taten erfahren. Nach der Erklärung, wie ein Ermittlungs‑ und Strafverfahren überhaupt strukturiert ist, geben die Autor:innen praktische Tipps für solche Fälle und werden dabei sehr deutlich: „Fachlich auf keinen Fall vertretbar ist die Einigung darauf, mit dem Kind nicht über den Missbrauch zu sprechen. Das würde das Kind retraumatisieren, denn schweigen musste es schon während der ganzen Missbrauchszeit. Außerdem erhöht das Schweigen das Risiko der Veränderung der Aussage, weil Kinder dann denken, sie hätten etwas falsch gemacht und anhand ihrer falschen Annahmen nun versuchen, die Situation zu verbessern“ (S. 28). Im weiteren Verlauf werden die rolle des Familiengerichtes und des Jugendamtes beschrieben, aber auch Kinder‑ und Elternrechte thematisiert. Auch die Problematik der Schweigepflicht findet ihren Platz in diesem Kapitel.
Vorgehen bei Kindeswohlgefährdung
Mit Hilfe von Checklisten und Arbeitsblättern wird in diesem Kapitel genau dargestellt, wie der Ablauf ist, wenn Therapeut:innen eine Kindeswohlgefährdung vermuten. Gerade im Kontext Therapie ist Handlungssicherheit hier von großer Bedeutung, da die eventuelle Weitergabe von Informationen an den Grundfesten der therapeutischen Haltung rüttelt: „Die konkrete Entscheidung, zum Verdacht auf Kindeswohlgefährdung aktiv zu werden, fällt vielen Psychotherapeut:innen schwer, egal ob sie mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten oder mit den Eltern. Sie widerspricht so sehr der vertrauensvollen Grundhaltung in einer Psychotherapie. Hier wird der Frage nachgegangen, ob ein Kind, sei es aus Absicht oder Unfähigkeit, geschädigt wird“ (S. 48).
Diagnostische Aspekte
Hier werden strukturierte Verfahren vorgestellt, mit denen mögliche Kindeswohlgefährdungen beurteilt werden können. Ein grundsätzliches strukturiertes Verfahren gibt es in Deutschland allerdings nicht. Dieses Kapitel stellt den Leser:innen viele Informationen bereit, die ihnen bei der Entscheidung helfen können, eine (vermutete) Kindeswohlgefährdung zu melden. Die grundlegende Entscheidung darüber, ob es eine solche auch wirklich ist, hat aber das Jugendamt mit seinen Fachkräften – gegebenenfalls unter Einbezug des Familiengerichtes – festzustellen.
Handlungsstrategien im therapeutischen Setting, differenziert nach Strategien mit Kindern und Jugendlichen, mit den Sorgeberechtigten und Aspekten der Eigenreflexion für Therapeut:innen
Das therapeutische Handeln mit den Patient:innen bei (vermuteter) Kindeswohlgefährdung steht in diesem Kapitel im Mittelpunkt. So gibt es wichtige Hinweise für die Arbeit mit Angst, Wut aber auch Schuld, durch eine Offenbarung eventuell die eigene Familie zerstört zu haben. Neben Therapie-Tools stehen aber auch Checklisten zur Erfassung von Ressourcen und Risiken sowie Schutzfaktoren zur Verfügung. Der Abschlussteil widmet sich dann der Selbstfürsorge: Was für Möglichkeiten der Psychohygiene gibt es und welche rolle spielen in solchen Fällen eigentlich eigene Kindheitserfahrungen?
Diskussion
Im Kinderschutz ist es Chance und Risiko gleichzeitig, dass häufig viele Professionen beteiligt sind. Das kann zu Verwirrungen führen, weil nicht alle Beteiligten die gleiche Sprache sprechen. Genau an dieser Stelle setzt dieses Buch an, vermittelt es doch Therapeut:innen wesentliche Aspekte des Kinderschutzverfahrens. Aber auch Fachkräfte aus der Jugendhilfe als originär zuständigem Bereich für den Kinderschutz und andere Interessierte finden hier in einer praxisorientierten und klaren Form viele Inhalte. Die grafische sehr übersichtliche Aufbereitung mit Informations‑ und Arbeitsblättern schafft im besten Falle Handlungssicherheit und kann ein guter Leitfaden sein, auch wenn Checklisten im Kinderschutz immer die Gefahr bergen, den Einzelfall aus dem Blick zu verlieren. Dieses Buch ist ein wichtiger Bestandteil für eine multiprofessionelle Zusammenarbeit im Kinderschutz, die unabdingbar ist, um effektiv tätig werden zu können. Dass mit dem Kauf des Buches auch das kostenlose E-Book erworben wird, ist ebenfalls hervorzuheben.
Fazit
Gibt viel Wissen weiter und vermittelt Handlungssicherheit: Solche Bücher sollte es auch für andere Professionen, die am Kinderschutz beteiligt sind wie zum Beispiel Lehrer:innen, geben. Eine gemeinsame Sprache ist das A und O für effektiven Kinderschutz!
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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