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Barbara Stauber: Wie Differenzen gemacht werden

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 09.07.2026

Cover Barbara Stauber: Wie Differenzen gemacht werden ISBN 978-3-8474-3425-2

Barbara Stauber: Wie Differenzen gemacht werden. Zur Politik relationaler Übergangsforschung. Ein Essay. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 220 Seiten. ISBN 978-3-8474-3425-2. 35,00 EUR.

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Thema

Die Weltkommission„Kultur und Entwicklung“ hat 1995 die Menschheit aufgerufen, pluralistisch und in Vielfalt leben. Sie forderte auf, sich dieses Menschheitssinns bewusst zu sein und im individuellen, lokalen und globalen Bewusstsein „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Dieser individuelle und kollektive Perspektivenwechsel ist in den Zeiten von Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus, Nationalismus und Populismus dringender denn je.

Entstehungshintergrund

Beim Tübinger Institut für gender‑ und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis (tifs.e.V.) wird den Fragen nachgegangen, wie es gelingen kann, die natürlichen und menschengemachten Wandlungs‑ und Veränderungsprozesse human und menschenwürdig zu gestalten: „Doing Transitions“. Die theoretischen und praktischen Notwendigkeiten dafür werden im DFG-Graduiertenkolleg erforscht. Die in der allgemeingültigen Menschenrechtsdeklaration (1948) ausgewiesene „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, (die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, ist dabei Fakt und Forderung.

Die Erziehungswissenschaftlerin Barbara Stauber setzt sich in ihrer Lehr‑ und Forschungstätigkeit mit Fragen des Übergangs, des Wandels und Veränderns im menschlichen Dasein auseinander. Sie bezieht sich dabei u.a. auf den britischen Soziologen Stuart Hall (1932 – 2014), der das Leben mit Differenz und Unterschieden als An‑ und Herausforderungen für die Menschheit im postkolonialen, migrantischen 21. Jahrhundert angekündigt hat [1]. Stauber geht essayistisch vor, indem sie ihre Forschungsarbeit als grundlagentheoretische Analyse, als fachspezifische Debatte und gesellschaftspolitische Intervention darlegt.

Aufbau und Inhalt

Die Auseinandersetzung mit Differenzentwicklung und relationalen Unterscheidungen bedingt, den Paradigmenwechsel von Differenz zur Differenzierung vorzunehmen. Ihre Frage – „Werden beim Differenzsetzen Phänomene aufgespalten, die eigentlich zusammengehören bzw. nur in Relation zueinander existieren können?“ – verknüpft sie mit zwei verbundenen Zusammenhängen, die jedoch im lokal‑ und global-gesellschaftlichen Diskurs kaum kritisch wahrgenommen und thematisiert werden: Um Differenzierungen als soziale Prozesse zu verstehen, bedarf es die Einsicht, dass sie miteinander zu tun haben und aufeinander angewiesen sind; andererseits wie gleichzeitig sind es die entstandenen¸ erworbenen und praktizierten gesellschaftlichen Werte und Normen, die bewusst und unbewusst gelebt oder geleugnet werden. Die Autorin betrachtet dabei verschiedene theoretische und praktische Konzepte, wie z.B. die „poststrukturalistische Subjekttheorie“, die „Subjekte nicht als ausschließlich autonom handlungsfähige ‚freie‘ Wesen“ erkennt, sondern Freiheit und Abhängigkeit als zusammengehörende, nicht trennende Werte sieht. Oder die vom Judith Butler u.a. entwickelten Konzepte zur „Subjektivierung“ [2], das in der Ein-, Unterordnung die Anerkennung zum Subjekt erfährt. Wie auch als Kompetenz, denk‑ und handlungsfähig (agency) [3] zu sein. Es sind machttheoretische und ‑praktische Aspekte, die es zu erkennen, zu leben und zu widerlegen gilt [4].

Relationales Denken und Handeln, wie es z.B. von Norbert Elias mit der „Figur der Figuration“ [5] eingeführt wurde, als Ausdruck, Kommunikation und Sprache wirkt, sich ambivalent und mehrdeutig als „Sehnsucht nach Eindeutigkeit“ darstellt (Zygmunt Bauman [6]), Ordnungsrecht, ‑pflicht und ‑macht gebiert, koloniales und neokoloniales Wirken bewirkt und „Othering“ herausfordert [7]. Es ist weiterhin die „Care-Ökonomie“, die als Fundament einer funktionierenden, funktionalen Gesellschaftsordnung verpflichtend ist [8]. Nicht zuletzt sind es die genderpolitischen Auseinandersetzungen und die Forderungen nach „Doing gender“ und das weite Feld des „Differenzfeminismus“, die sich als solidarischen Gemeinsinn artikulieren [9]. Im (etablierten, gewohnten?) Freund-Feind-Denken und Tun sind gewaltsame, nationale und internationale Kriege entstanden und entstehen bis heute. Die UNESCO, die Kultur-, Bildungs‑ und Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen bringt zum Ausdruck, „da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Friede im Geist der Menschen verankert werden“. Es sind die unsäglichen Vokabeln, wie „Kriegstüchtigkeit“ [10], die aus dem humanen Vokabular gestrichen werden müssen. Dagegen sollten „Denkfiguren“ eingeführt und benutzt werden, wie „Essentialisierung“ (thinkification), „Othering“, „Silencing“.

Diskussion

Es sind die Hoffnungen und Erwartungen, in der humanen Kommunikation Wahres vom Falschen, Richtiges vom Vermuteten, Gutes vom Bösen unterscheiden zu können. Es ist aber auch die Fähigkeit, bei der Suche nach den richtigen Wegen fehlerhaftes Denken und Tun zu erkennen, Korrekturen und Paradigmenwechsel vorzunehmen und Unvollständiges als Mögliches oder Unmögliches einzuordnen. Denn relationales Denken und Handeln zeichnet sich dadurch aus, dass es vermeintlich Gegensätzliches zusammen bringen und Verbindungslinien, Relationen herstellen kann.

Fazit

Der Aufruf zum pädagogisch-politischen, relationalen, individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Denken und Handeln verbindet sich mit der Aufforderung zum Perspektivenwechsel – weg vom egoistischen Streben, hin zur relationalen Bildung und Bindung, zum Gemeinsinn [11]. „Relationale Denkbewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie vermeintlich Gegensätzliches zusammenbringen – und dabei Verbindungslinien, eben: Relationen aufzeigen“.


[1] Wolf Lotter, Unterschiede. Wie aus Vielfalt Gerechtigkeit wird, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29038.php; Jos Schnurer, Mut und Übermut, www.sozial.de/mut-und-uebermut.html

[2] Bernd Dollinger, u.a., Hrsg., Gesellschaftsbilder sozialer Arbeit. 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​13483.php; Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezemsionen/​29929.php

[3] Jos Schnurer, Der Ich‑ und Wir-Faktor. Resilienz als Lern‑ und Bildungsherausforderung, sozial.de/der-ich-und-wir-factor.html

[4] Miranda Fricker, Epistemische Ungerechtigkeit, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/​30603.php

[5] Ramona M. Kordesch, u.a., Hrsg., Die Arbeit der Zivilgesellschaft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25339.php

[6] Kai Junge, u.a., Hrsg., Erleben, Erleiden, Erfahren, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6954.php

[7] Anti-Bias-Netz, Hrsg., Vorurteilsbewusste Veränderungen, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​17679.php

[8] Johanna Brandstetter, Hrsg., Soziale Frage(n) der Zukunft, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/​29205.php

[9] Claudia Schünemann, Hrsg., Zeit für Gender, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3915.php

[10] Leo Ensel, Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit. Oder: Krieg heißt Töten, 2026, www.socialnet.de/rezensionen/​34415.php

[11] Aleida Assmann/Jan Assmann (+2024), Gemeinsinn. Der sechste soziale Sinn, 2024, www.socialnet.de/rezensionen/​32989.php

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1754 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245