Sirkka Jendis: Armut hat System
Rezensiert von Thomas Barth, 25.09.2026
Sirkka Jendis: Armut hat System. Warum wir in Deutschland eine soziale Zeitenwende brauchen. BPB-Verlag diritto Publikationen (Eichstaett) 2025. 250 Seiten. ISBN 978-3-7425-1237-6.
Thema
Die wachsende soziale Ungleichheit im drittreichsten Land unseres Planeten (seit Deutschland Japan im BIP überholt hat), ist ein in unseren Medien weithin verschwiegener Skandal. Einer der Gründe das Thema gerne wegzuschieben ist, dass „ja bei uns keiner hungern muss“. Denn die ehrenamtlich betriebenen „Tafeln“ sorgen für arme Menschen und verteilen abgelaufene Lebensmittel und die können damit „tafeln“ (Duden: „gehoben für 'speisen'“). Die Autorin ist Geschäftsführerin von Tafel Deutschland und weiß aus Erfahrung, wie Armut in Deutschland aussieht: Die Versorgung durch die Tafeln reicht schon lange nicht mehr aus, viele Hilfesuchende kommen inzwischen auf eine Warteliste und werden hungrig nach Hause geschickt; die Behörden, denen eigentlich obliegt, die Bedürftigen zu versorgen, drücken sich vor der Verantwortung und verweisen auf die überlasteten Tafeln. Sirrka Jendis befindet nach anschaulicher Analyse, dass Armut in Deutschland System hat: Steuerentlastungen für Wohlhabende und Verschweigen der Gerechtigkeitslücke bei Einkommen und Vermögen. Die Autorin zeigt, wie Armut im Alltag ausgrenzt, einschränkt, und stigmatisiert. Sie zeigt auch, welche Ursachen dies hat und wie die Politik eingreifen sollte.
Autorin und Hintergrund
Hintergrund: In Deutschland sind 14 Millionen Menschen von Armut betroffen, das sind 17 Prozent der Bevölkerung. Die Tafeln unterstützen bis zu 2 Millionen Menschen mit geretteten und gespendeten Lebensmitteln. Die Tafeln bieten mehr als nur abgelaufene Nahrung, sind auch Begegnungs‑ und Beratungsstellen für vereinsamte, depressive Arme, organisieren Nachhilfe für bildungsbenachteiligte Kinder verarmter Familien. Sirkka Jendis ist Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, dem Dachverband von über 970 Tafeln in Deutschland; sie war in leitender Funktion in der ZEIT-Verlagsgruppe tätig und Vorständin des Deutschen Evangelischen Kirchentages sowie 2024 Sachverständige im Bundestags-Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“. Ihr vorliegendes Buch erschien zunächst 2024 bei Droemer, wurde aber angesichts seiner sozialpolitischen Bedeutung 2025 in die Schriftenreihe der staatlichen Bundeszentrale für Politische Bildung aufgenommen und so besonders für Schulen und andere Bildungseinrichtungen kostengünstig verfügbar gemacht.
Aufbau und Inhalt
Die Einleitung: „Die Tragödie der Armut“ stimmt uns auf das Thema ein. Sirkka Jendis berichtet von ihren Erfahrungen bei Tafel Deutschland, dem Ansturm in Folge erst der Covid-Lockdowns und dann des Ukrainekriegs mit vielen Flüchtlingen und Energiepreisexplosion, Inflation, Wirtschaftsflaute: Jede Krise trieb den Bedarf bei den Tafeln höher, während die Nahrungsmittelspenden mit sinkendem Umsatz der Supermärkte weniger wurden. Es wurden Wartelisten für die Bezieher von Lebensmitteln nötig und viele Bedürftige mussten sogar abgewiesen werden. Jendis weist daraufhin, dass die Tafeln „nicht zu den staatlichen Versorgungseinrichtungen“ gehören, viele Menschen wüssten dies nicht und glaubten, sie hätten rechtlichen Anspruch auf Hilfe bei den Tafeln. „Zumal Geflüchtete aus der Ukraine von teilweise komplett überforderten Behörden an uns Tafeln verwiesen wurden…“ (S. 23). Eine „zunehmende soziale Kälte“ sieht sie weniger bei den Menschen „als vielmehr in der politisch und medial ausgetragenen Debatte“ (S. 29). Kapitel 1 „Arm in einem (immer noch) reichen Land…“ Jendis klärt uns darüber auf, wovon wir reden, wenn wir von Armut reden: Über Ausgrenzung von sozialer und kultureller Teilhabe als Basis der eigentlich grundrechtlich garantierten Menschenwürde. Es sei zynisch der Mutter, die ihren Kindern keine Nachhilfestunden, Geschenke zu Weihnachten oder angemessene Kleidung finanzieren kann, vorzuhalten, verglichen mit Armut bei verhungernden Afrikanern sei dies ein Klagen auf „hohem Niveau“. Dennoch würden, so kritisiert die Autorin unsere Medien, Berichte und Meldungen „über Armut in Deutschland auch heute noch regelmäßig mit Obdachlosen bebildert, die mit gemalten Schildern in Einkaufsstraßen sitzen…“ (S. 39) Dabei würden gerade diese absolut Armen hierzulande von Armutsstatistiken teilweise gar nicht erfasst. Außerdem würde so die Armut in ein entwürdigendes Klischee gepresst und die Lage der (noch) nicht obdachlosen Armen verharmlost. Denn ganz so schlecht wie den von ARD & Co. stereotypisiert gezeigten Bettlern geht es den meisten Armen noch nicht. Die Masse der Armen wird damit unsichtbar gemacht, denn man sieht auf den Straßen nur wenige Bettler, jedoch nicht die 14 Millionen Menschen, die von Armut betroffen oder „armutsgefährdet“ sind. Es sind inzwischen 17 Prozent der Einwohner Deutschlands, die hier medial unsichtbar gemacht werden. Wer über Armut spreche, meint Jendis, dürfe „über Reichtum nicht schweigen“ (Kapitelüberschrift S. 56).
Kapitel 2 „Arm und (allein-) erziehend – Kinderarmut und Chancengerechtigkeit“ macht klar, dass Kinderarmut die von Neoliberalen proklamierte Chancengleichheit in unserer Gesellschaft widerlegt. Es fehlen den alleinerziehenden (meist) Frauen viele benötigte Dinge für ihre Kinder: Kleidung, Schulbedarf, sogar Nahrungsmittel. Die Tafeln bieten vielerorts Schülern besondere Hilfen an, um auch die Bildungsungerechtigkeit zu bekämpfen. Jendis verweist immer wieder auf die engagierten Menschen, die ehrenamtlich die Tafeln am Laufen halten (es sind ca. 60.000 Ehrenamtliche in ca. 2000 Ausgabestellen). Kapitel 3 „Arm trotz, wegen und ohne Arbeit – zwischen Niedriglohn und Bürgergeld“ beginnt mit einer persönlichen Erfahrung des medialen Umgangs mit dem Thema: Im ZDF-Talk von Maybrit Illner saß Jendis am 3.11.2022 u.a. dem CDU-General Carsten Linnemann gegenüber, der gegen die von Olaf Scholz geplante Hartz IV-zu-Bürgergeld ‑Reform „wetterte“, so Jendis. Linnemann berief sich auf eine just publizierte Studie des neoliberalen „Kiel Institutes für Weltwirtschaft“ (IfW Kiel) dessen Ökonomen ermittelt haben wollten, dass sich Arbeit „in sechs von acht überprüften Erwerbskonstellationen“ dann nicht mehr lohnen würde, weil der Bürgergeldanspruch höher liege. Zwei Tage später, berichtete laut Jendis das Handelsblatt online, man hätte so viele kritische Leserzuschriften zur fehlerhaften Methodik der IfW-Kiel-Studie erhalten, dass das IfW diese von ihrer Website genommen hätte. „Da waren die Gerüchte aber schon in der Welt und hielten sich hartnäckig.“ Als das Bürgergeld zwei Jahre später erhöht werden sollte, hätte der damals noch nur CDU-Chef Friedrich Merz „ungerührt“ das von den IfW-Kielern produzierte Anti-Bürgergeld-Narrativ herbeizitiert. (S. 111) Tafel Deutschland würde als Antwort darauf eine Anhebung des Mindestlohns auf mindestens 15 Euro pro Stunde fordern (S. 125). Der Niedriglohnsektor mit seinen Minijobs sei eine Armutsfalle und Bürgergeld statt Hartz IV – das sei ohnehin nur wenig mehr als ein neuer Name gewesen. Kapitel 4 Arm und alt – Demografie, Menschenwürde und Einsamkeit“ macht uns mit dem Problem „Riestern statt Solidarisieren“ bekannt, fragt nach der Grundsicherung im Alter und fordert ein Altern in Würde. Die Unsicherheiten bei der Rentenversicherung werden diskutiert, auf Scham, Stress und Einsamkeit als Folgen von Krankheit und Altersarmut hingewiesen; Fazit: Arm macht krank, krank macht arm: Von der Kinderarmut über Minijobs und Arbeitslosigkeit in die Altersarmut ‑so sieht die Perspektive der unteren Hälfte der deutschen Bevölkerung aus, die über nur 0,5 Prozent des Privatvermögens verfügt: Über praktisch keine Rücklagen. Kapitel 5 Arm mit Migrationsgeschichte – zwischen (Nicht-)Willkommenskultur und Fachkräftemangel packt schwierige Themen an: Jendis weist darauf hin, dass ohne 63.000 ausländische Ärzt*innen (meist aus Syrien und Rumänien) das Gesundheitssystem am Ende wäre und sorgt sich auch um den Braindrain in den Herkunftsländern (S. 190); der Missstand sei die hierzulande defizitäre Bildung und Ausbildung, nicht die Migration. Deren Probleme sind mangelnde Chancengleichheit und daraus manchmal folgende Armut. Kapitel 6 Arm und außen vor – soziale Ungleichheit und Demokratiegefährdung Mit jeder Krise, so Jendis, wachse die Ungleichheit, was auch die Demokratie untergrabe, weil die Reichen „mittels Parteispenden und Lobbying die politische Agenda und Willensbildung beeinflussen können“; dies verringere folglich die Anstrengungen der Politik, Benachteiligte zu unterstützen und die Vermögen gerechter zu besteuern (S. 201). Unter der Überschrift „Eigentum verpflichtet – Überreichtum erst recht“ empfiehlt Jendis Armutsprävention als „beste Investition, die ein Staat in seine Zukunft tätigen kann“ (S. 207). Der Spitzensteuersatz sei seit der Kanzlerschaft Helmut Kohls (CDU) um elf Prozent abgesenkt worden, hierzulande gebe es 7,5 Billionen Euro an Privatvermögen, weshalb wir die vierthöchste Zahl an Milliardären weltweit hätten (S. 208). Gerade bei den Superreichen fehle „dem Staat offenbar der Mut, mehr Solidarität einzufordern“ (S. 209). Das Schlusswort „Eine soziale Zeitenwende braucht eine mutige Gesellschaft“ unterstreicht noch einmal alle Forderungen.
Diskussion
Reiche und Superreiche hätten sich, so Jendis, trotz ihrer explodierenden Privatvermögen immer mehr aus der Solidarität verabschiedet und es sei sogar „eine regelrechte Steuervermeidungsindustrie entstanden“ (S. 64). Diese mache Milliardäre und Millionäre noch reicher ‑und, so lässt sich ergänzen, die sie beratenden Steuerfachjuristen oft zu Millionären. Geschrieben am Ende der Kanzlerschaft von Olaf Scholz, ahnte Jendis noch nicht, dass schon bald solch ein Fachjurist das Land regieren würde: Friedrich Merz (vgl. Barth 2009). 2025 ist die Gesamtzahl der Milliardär*innen in Deutschland trotz Krise um ein Drittel auf 172 gestiegen und ihr Gesamtvermögen stieg 2025 inflationsbereinigt um 30 Prozent auf 840 Milliarden US-Dollar (Oxfam 2026). Das hat auch Auswirkungen auf unsere Demokratie, weil Verteilungskämpfe mit Stimmungsmache gegen Migranten verknüpft werden und rechtsextreme Politik immer mehr Anhänger*innen gewinnt ‑trotz vielfacher Gegenwehr (vgl.Urban, Barth 2026).
Zu Recht kritisiert Jendis immer wieder die soziale Kälte, die von den Medien verbreitet wird (beginnend auf S. 29). Genauere Analysen dazu bleibt sie jedoch schuldig, obwohl diese besonders auf Migration hin nötig wären. In unseren Medien wird Migration, sprich: Zuwanderung, meist als Problem thematisiert, statt als Lösung, kritisiert Jendis. Doch warum? Angeblich sei man von der AfD vor sich her getrieben und könne nicht anders, so der führende ARD-Journalisten Alexander Teske, in einem Bestseller. Teske zufolge hätte die ARD-Tagesschau AfD-Positionen nicht genug präsentiert bzw. in deren Sinne berichtet, so monierte Teske angeblich verschwiegene „Ausländer-Kriminalität“ (siehe aber meine Rezension auf socialnet dazu, die Teskes Behauptungen widerlegt).
Der mediale Gegenwind bläst denen mächtig ins Gesicht, die sich gegen die Mächtigen für die Benachteiligten einsetzen ‑das beweisen auch die Analysen und Erfahrungen von Sirkka Jendis in diesem Buch über Armut. Ist das wirklich überraschend? Verwundern kann das kaum, gehören doch die mächtigen Privatmedien meist superreichen Leuten (vgl. Eckart Spoo 2006). Und die wissen sich Gehör zu verschaffen, wie allen voran die Bertelsmann-Stiftung, an deren Beispiel die Medien‑ und Machtkritik von Jendis exemplifiziert werden kann (vgl. Barth 2005, 2006). Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung erben hierzulande so viel wie die gesamten ärmeren 90 Prozent, Erbschaften und Schenkungen sind damit der wichtigste Grund für die große Vermögensungleichheit ‑nicht Leistung, wie ideologisch behauptet (worauf Jendis hinweist). Chancengleichheit kann damit nicht als Rechtfertigung für gravierende Ungleichheit herhalten und schon gar nicht für die Menschenwürde verletzenden Umgang mit verarmten Menschen (vgl. Barth 2024).
So ist dem Buch von Jendis eine weite Verbreitung zu wünschen ‑besonders in Schulen und Bildungseinrichtungen. Denn die sind umkämpftes Gebiet im Umgang mit Benachteiligten, denen z.T. offener Klassismus entgegen schlägt (vgl. Abou 2024 und meine Rezension dazu auf socialnet).
Fazit
Ein wichtiges Buch, das die Dramatik der Ungleichheit in unserem reichen Land und das Unrecht der Vorenthaltung von Chancen auf Teilhabe und menschliche Würde dokumentiert. In klarer Analyse, und vielfach illustriert mit persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen leistet Jendis einen überzeugenden Beitrag dazu, das Armutsproblem anzuerkennen, die Benachteiligten wahrzunehmen und zu hören.
Quellen
Abou, Anja: Klassismus im Bildungssystem, Unrast, Münster 2024. https://www.socialnet.de/rezensionen/32351.php
Barth, Thomas und Oliver Schöller: Der Lockruf der Stifter. Bertelsmann und die Privatisierung der Bildungspolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 11, 2005,S. 1339–1348.
Barth, Thomas: Controlling statt Demokratie? In: ders. Hg., Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006, S. 101–111.
Barth, Thomas: Finanzmafia, Lobby und ihr medialer Nebelschirm, in: Elmar Altvater: Privatisierung und Korruption. Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Hamburg 2009, S. 75–81.
Barth, Thomas: Medien, Eliten und Superreiche: Wie sie den Klassismus fördern, Telepolis, 12. Juli 2024,
Barth, Thomas: Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Netzphilosophie 18.6.2026.
https://netzphilosophie.org/armutsbericht-paritaetischer-wohlfahrtsverband/
Oxfam-Pressemitteilung: Bericht zur sozialen Ungleichheit: So schnell wie nie, so groß wie nie: Milliardärsvermögen erreichen historischen Rekordwert, 19. Januar 2026, https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2026-01-19-so-schnell-nie-so-gross-nie-milliardaersvermoegen-erreichen
Spoo, Eckart: Pressekonzentration und Demokratie, in: Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006, S. 23–34.
Teske, Alexander: inside tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache, Langen Müller, München 2025. (siehe meine Rezension bei socialnet) https://www.socialnet.de/rezensionen/33710.php
Siehe auch die ungekürzte Fassung dieser Rezension von Sirrka Jendis Buch auf Netzphilosophie:
https://netzphilosophie.org/deutschland-systematische-armut/
Rezension von
Thomas Barth
Dipl.-Psych, Dipl.-Krim.
Mailformular
Es gibt 31 Rezensionen von Thomas Barth.





