Kōhei Saitō: Am Ende des Fortschritts
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.06.2026
Kōhei Saitō:Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus | Die neue Vision für eine Gesellschaft jenseits von Fortschrittsglauben und Klimaschutz-Optimismus. Das neue Buch des Bestseller-Autors. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2026. 368 Seiten. ISBN 978-3-423-28534-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
Lichtblicke – Alternativen
Beim intellektuellen, alltäglichen und gesellschaftspolitischen Diskurs darüber, wie es gelingen kann, dass die humane, globale Ethik, nämlich, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Menschenrechtsdeklaration von 1948), wirksam werden kann. Grundlegend ist dabei die Frage: „Wie wollen wir leben?“ [1]. In den Zeiten des Ego-, Ethnozentrismus, Nationalismus und Populismus kommt es darauf an, Alternativen zu denken und zu entwickeln. Da ist die Marx’sche Kapitalismuskritik [2]. Da ist die kritische Auseinandersetzung mit „anything goes“ und den scheinbar natürlichen, nicht veränderbaren Marktmechanismen [3]. Da ist die Suche nach Auswegen [4], nach Hoffnungen und Erwartungen [5]; bis hin zu chuzpigen Einstellungen, dass es einen „sozialen Kapitalismus“ geben könne [6].
Entstehungshintergrund und Autor
Die Reichen werden reicher, und die Habenichtse ärmer! Beim Diskurs über die Werte, Theorien und Praxen, wie alle Menschen ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges, gleichberechtigtes Leben führen können, gibt es – ethisch und ideologisch – unterschiedliche Meinungen. Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom (1933 – 2012) hat für ihre Theorie „Dass mehr wird, wenn wir teilen“ 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Es sind die Gemeingüter, die gegen kapitalistisches Denken und Tun wirksam werden [7]. Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch ist Teil der Erde, und die Welt ist Gemeingut. In der postkapitalistischen Ordnung sind Commons erstrebenswerte, zukunftsbestimmte Aktivitäten. Die Sozialwissenschaftlerin Silke Helferich (+2021) und der Menschenrechtler David Bollier schlagen Commoning vor und fordern damit zum Perspektivenwechsel auf [8]. Der Paradigmenwechsel zu den Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen wird immer wieder gefordert [9]. Der japanische, deutschsprachige Philosoph Kohei Saito übt Kapitalismuskritik [10]. Er ist überzeugt, dass der Kapitalismus nicht gegenwarts‑ und zukunftsfähig ist. Die ökonomische Wachstumsideologie – immer mehr – führt nicht nur zu Klima-, Umwelt‑ und sozialen Krisen in der Welt, sondern auch zu existentiellen Katastrophen. Er plädiert für eine wirtschaftliche Entschleunigung und fordert eine Beendigung des individuellen und globalen kapitalistischen Denkens und Handelns. Es gilt, Abschied zu nehmen von materialistischen, imperialen, ausbeuterischen Einstellungen und hinzukommen zu gemeinwohl-orientierten Verhaltensweisen. Die Ziele seines Degrowth-Veränderungsprozesses sind machbar: Weg von der Profit-, hin zur grundbedürfnisorientierten Gebrauchswirtschaft – Gerechte, gleichberechtigte Verteilung der Arbeitszeit – Kreativität, Selbstermächtigung und Verwirklichung am Arbeitsplatz – Demokratisierung der Wirtschaft. Die Chancen zur Realisierung des neuen Denkens würden steigen, gelänge es, nicht belastete Begrifflichkeiten, wie z.B. „Degrowth-Kommunismus“, durch demokratische, gemeinwohlbestimmte zu ersetzen. Ein neuer Sozialismus ist gefragt!
Aufbau und Inhalt
Die Degrowth-Bewegung setzt sich dafür ein, dass die traditionellen, ungerechten und menschen‑ unwürdigen, kapitalistischen und faschistischen Entwicklungen (endlich) abgelöst werden von menschenwürdigen, gerechten und sozialen Positionen. Saito übt den Blick über den Kapitalismus hinaus. Er fragt, wie es möglich ist, „in den Ruinen des Kapitalismus“ zu überleben und kündigt das „Ende des (ökonomischen) Fortschritts“ an [11]. Es sind die traditionellen apokalyptischen Reiter – Seuchen, Krieg, Hunger, Tod – die wie ein Menetekel über dem Leben der Menschheit thronen. Mit dem fünften Reiter – Katastrophen und Krisen – sind Mensch, Natur und Kultur heute konfrontiert. Mit der Kakophonie, dass die Zukunft Faschismus heiße, verdeutlicht Saito in 10 Kapiteln den Zustand der Welt: „Die Ära des Klimakollapses und die permanente Mangelwirtschaft“ – „Mit dem Technokapitalismus kommt der Faschismus“ – „Das ‚Ende der Welt‘ und der Akzelerationismus“ – „Führt die Planwirtschaft in den Absolutismus? – „Was brauchen wir, um uns von Hayeks Bann zu befreien?“ – „Ist digitaler Sozialismus möglich?“ – „Hayeks blinder Fleck und grüne Kriegswirtschaft“ – „Der späte Marx und die Diktatur des Proletariats“ – „Die Diktatur der Ökologie“ – „Die Hoffnung heißt Dunkler Sozialismus“. Das Diktat, dass für die Menschheit und allen Lebens auf der Erde ein „defect life“, ein würdiges Alltagsleben, notwendig sei, ist notwendig und möglich: „Die Zukunft hängt davon ab, ob wir eine demokratische Planung Realität werden lassen können oder nicht“.
Fazit
Die Systemfrage stellen heißt: Radikal und konsequent umdenken! Also: Neue Lebensformen finden – individuell und kollektiv! Diese intellektuelle Herausforderung erfordert Lebensmut und -kraft! Umdenken jedoch ist auch verbunden mit der Hoffnung, dass Dasein gegenwärtig und zukünftig menschen‑ und kosmoswürdiger wird. Ist ein „neuer Autoritarismus“ dafür geeignet?
[1] Hans-Jochen Vogel/​Sandra Maischberger, Wie wollen wir leben?, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12983.php
[2] Rahel Jaeggi/​Daniel Loick, Hrsg., Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15989.php
[3] Christian Stenner, Hrsg., Kritik am Kapitalismus, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9013.php
[4] Nancy Fraser/​Smail Rapie, Hrsg., Wege aus dem Kapitalismus?, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/31187.php
[5] Meinhard Creydt, Wie der Kapitalismus unnötig werden kann, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22312.php
[6] Paul Collier/​Thorsten Schmidt, Sozialer Kapitalismus!, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25338.php
[7] Elinor Ostrom, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php
[8] Silke Helferich/​David Bollier, Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25797.php
[9] Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995), Bonn 1997, S. 18
[10] Kohei Saito, Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus, 2023, dtv, 4. Aufl., 320 S., ISBN 978-3-423-28369-4
[11] Ders., Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. Am Ende des Fortschritts, dtv 2026, gebunden mit Schutzumschlag, 363 S., ISBN 978-3-423-28534-6
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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