Manuel Castells: Die digitale Gesellschaft
Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 09.09.2026
Manuel Castells: Die digitale Gesellschaft. Eine kritische Einführung. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 150 Seiten. ISBN 978-3-8474-3405-4. 19,90 EUR.
Thema
Im Vorwort zu seinem neuen Buch schreibt Manuel Castells, dass die Fülle an verfügbaren digitalisierten Daten in einem noch nie dagewesenen Ausmaß einen „Big Brother“ und eine Vielzahl von „Little Sisters“ (privaten Datensammelunternehmen) erschaffen hat. Es gibt keine Privatsphäre mehr. Die Menschen werden zur Ware gemacht und in gigantischem Ausmaß überwacht. Weltweit nutzen im Jahr 2026 6,04 Milliarden Menschen das Internet. „Wir alle sind Konsumenten und Subjekte, die weitgehend ahnungslos den Algorithmen gegenüberstehen, die unser Leben steuern und über Leben und Tod bestimmen.“ (Seite VII) Sein Buch ist ein Versuch, durch die Vermittlung von Kenntnissen über den laufenden Prozess des technologischen Wandels, die Kontrolle über das eigene Leben wieder zu erlangen, von desinformierter Verwirrung zu einem informierten Bewusstsein der gewandelten menschlichen Existenz zu kommen.
Autor
Manuel Castells, geboren 1942 in Hellin (Spanien), hat seine akademische Laufbahn als Assistenzprofessor für Soziologie am Campus von Nanterre (Frankreich) begonnen. Die Universität von Nanterre gilt als Keimzelle der französischen 1968er-Bewegung. Zu seinen Kollegen gehörte Alain Tourraine (La société post-industrielle, 1969), zu seinen Studenten Daniel Cohn-Bendit. 1979 wurde er an die University of California (Berkely) berufen, wo er bis 2003 Soziologie und Stadt‑ und Regionalplanung lehrte. Seit 1996 publiziert Castells zur Entwicklung der Informationstechnologie und ihrem Einsatz im globalisierten Kapitalismus. Seine dreibändige Trilogie „The Informage Age“ gilt als soziologisches Standardwerk, in dem er die strukturelle Transformation der Gesellschaft in globale Netzwerke beschrieben hat.
Entstehungshintergrund
In seinem neuen Buch aktualisiert er sein vor 30 Jahren geschriebenes tausend seitiges Mammutwerk bewusst als kompakte (150 Seiten) und für die breite Öffentlichkeit geschriebene Einführung. Seine ursprüngliche Theorie der Netzwerkgesellschaft basierte auf der Entstehung des Internets und der Vernetzung von Menschen. Im neuen Band reagiert er auf die Ablösung des Webs durch Algorithmen und die Konzentration der Macht in den Händen weniger oligopolistischer Tech-Unternehmen.
Aufbau
Der Band ist in elf Kapitel untergliedert, in denen einzelne Aspekte der digitalen Entwicklung besonders herausgegriffen werden. Die Kapitel sind zwischen zehn und zweiundzwanzig Seiten lang und haben jeweils einen eigenen Literaturteil. Sie befassen sich mit dem Geschäftsmodell der Digitalisierung, Überwachungstechnologien, Finanzmärkten und Kryptowährungen, Telearbeit, digitalisierten Unterrichtsformen, digitalen Klüften, sozialen Bewegungen, politischer Polarisierung und digitaler Kriegsführung.
Inhalt
Castells These ist, dass die Netzwerkgesellschaft, die durch das Zusammenwirken von sozio-kulturellen Faktoren und technologischem Wandel entstanden ist, den Informationskapitalismus (er nennt ihn auch Informationalismus) hervorgebracht hat. Für den Informationskapitalismus (Castells, 2017) ist die Anhäufung von Informationen über menschliche Aktivitäten und ihre anschließende Verwertung eine Form der Kapitalakkumulation. Unter den Bedingungen digitaler Information und Kommunikation kommt es gleichzeitig zu einer zunehmenden Zentralisierung von Informationen. Für ihn gibt es eine Verbindung zwischen dem Informationskapitalismus und dem Überwachungsstaat. Ein grundlegendes Instrument zur Durchsetzung der Macht sei seit jeher die Kontrolle von Informationen und das Monopol der Kommunikation. Da Alles digitalisiert und Alles in Datenbanken gespeichert wird, ist die totale Kontrolle möglich geworden. Sie wird nicht nur durch staatliche Organe (z.B. NSA) ausgeübt, sondern viele private Unternehmen („Little sisters“) beteiligen sich aus Gewinnstreben/​Profitinteresse ebenfalls daran. Entsprechend den geopolitischen Positionen der Staaten umfassen die Überwachungsnetze jetzt alle NATO-Staaten und ihre Verbündeten (Israel). Die National Security Agency (NSA) sammelt beispielsweise so viele Daten, dass sie ein eigenes Datenzentrum in Bluffdale (Utah) bauen musste. Pegasus, entwickelt von dem israelischen Unternehmen NSO, wird als ein besonders extremes Beispiel von Malware vorgestellt. Das Programm infiziert Telefone und liefert Daten, einschließlich Fotos, Textnachrichten und Videos an die Kunden. Jeff Bezos, Gründer von Amazonund Eigentümer der Washington Post, wurde mit Hilfe dieser Malware erpresst.
Castells weist darauf hin, dass sich durch die explosionsartige Zunahme großer Sprachmodelle die Landschaft der KI-Anwendungen in den Bereichen Bildung, Forschung, Gesundheitswesen, Verkehr, Kriegsführung, Management und Entscheidungsfindung grundlegend verändert. Zahlreiche Beispiele und Statistiken im Buch belegen diese Entwicklungen.
Nach seiner Analyse haben mehrere Faktoren ihren Anteil an der Durch-Digitalisierung der Gesellschaften und Staaten: Die massenhafte und beschleunigte Erzeugung digitaler Informationen ist vor allem auf die Ausweitung der Internetnutzung und die wachsende Zahl an Internetnutzer:innen zurückzuführen. Auch die Leistungsfähigkeit der digitalen Techniken beschleunigt sich, angetrieben durch die zunehmenden Datenmengen, durch neuartige Techniken und durch die verfügbare Rechenleistung. Die Verbesserung der digitalen Konnektivität, die Verbreitung von 5G-Verbindungen und die fortschreitende Entwicklung der 6G-Technik haben die Übertragungsgeschwindigkeit und das Übertragungsvolumen erheblich gesteigert.
Er weist darauf hin, dass sich die Massenkommunikation durch die Verbreitung interaktiver digitaler Kommunikationsnetze von „Einbahn“-Nachrichten zu einem kaum regulierten System der „Massenselbstkommunikation“ verändert hat. Dessen Hauptkomponente ist die Verzerrung der Realität durch Missinformation. Aus dieser multidimensionalen Transformation der Kommunikation entstehe eine gewaltige Kakophonie zerstückelter Massenkommunikation, die den persönlichen Lebensraum kolonisiere und Zeit, Raum und Erfahrung verwirre.
Castells bleibt jedoch optimistisch: „Es wird kein Ende der Privatsphäre geben, solange die Bürger mit ihrem Bewusstsein und ihrem kritischen Denken bereit und imstande sind, dem Techno-Determinismus entgegenzutreten, der die neuen Herrscher der Welt charakterisiert.“ (S. 46)
Vernetzte sozialen Bewegungen sind die Träger des sozialen Wandels in unserer Zeit, ob es um Ideen, um Themen oder um Institutionen geht. Die Kombination vernetzter Interaktion – im Cyberraum und im städtischen öffentlichen Raum – lässt materiell und kulturell einen autonomen Bereich entstehen, der rhizomatisch ist, also tief verwurzelt und weit verzweigt. Mit dem Aufkommen digitaler sozialer Netzwerke, die über das Internet kommunizieren, war das Monopol der Macht an der Massenkommunikation beschädigt.
„Die digitalen Kommunikationstechnologien in Verbindung mit Techniken der Bildwiedergabe und dem Einsatz von KI bei der Bildgestaltung unterstützen die sozialen Protestbewegungen, die in Reaktion auf wahrgenommene soziale Ungleichheit entstehen, in einer Weise, die ihnen im Prozess des sozialen Wandels erhebliche Macht verleiht.“ (Seite 118)
Als Beleg dafür sieht er den „Arabischen Frühling“, die Occupy Wall Street-Bewegung, politischen Wandel in Chile, Kolumbien und Mexico, „Podemos“ in Spanien. Auch wenn die Ziele der Bewegungen nicht immer erreicht worden sind.
Er weist auch auf die zahlreichen Klüfte hin, die durch Digitalisierung noch weiter verstärkt werden. Territoriale Ungleichheit hinsichtlich des Zugriffs auf die technologischen Möglichkeiten zeigt sich in allen Ländern mit deutlichen Unterschieden zwischen ländlichen und städtischen Regionen. Eine weitere territoriale Kluft besteht im Standort der Infrastrukturen, im unterschiedlichen Zugang zur Cloud. Es gibt außerdem unterschiedliche Formen der digitalen Kluft, bei Frauen, bei Senioren, bei der Ungleichheit an Ressourcen, bei der Klasse, bei Ethnie.
Diskussion
Das Buch beschreibt in vielfältiger Weise die Entwicklung der digitalen Sozialstruktur und ihre Auswirkungen auf das menschliche Leben. Es ist eine gelungene Fortführung der wissenschaftlichen Arbeit von Castells zu Netzwerkgesellschaften. Er verlässt die „Netzwerk-Romantik“ und beschreibt nun explizit, dass KI das Internet ablöst, um die „Netze unseres Lebens zu steuern“. Bei der Vielzahl angeführter Referenzen ist es überraschend, dass Castells die Arbeiten von Shoshana Zuboff zur Digitalisierung völlig unerwähnt lässt und sich auch nicht inhaltlich mit ihrem Begriff des „Überwachungskapitalismus“ auseinandersetzt. Auch die unter dem Begriff „Techno-Faschismus“ geführte Diskussion bleibt leider bei Castells unberücksichtigt. Man könnte sagen: Castells erklärt in seinem Spätwerk, wie die globalen oligopolistischen KI-Unternehmen das Internet kapern, um die Kontrolle über unser Leben zu übernehmen. Zuboff liefert dazu das ökonomische Fundament, indem sie zeigt, wie die Eigentümer dieser Netze uns seelisch und verhaltensbiologisch enteignen, um daraus Profit zu schlagen. Deimann oder Mühlhoff vollenden dieses Bild, indem sie demonstrieren, wie Tech-Oligarchen diese Kabel direkt in die Schaltzentralen des Staates einstöpseln, um demokratische Institutionen durch algorithmische Herrschaft zu ersetzen und Empathie durch reine Effizienz auszuschalten.
Fazit
Wo Zuboff auf der Mikro-Ebene die psychologische Extraktion des „Verhaltensüberschusses“ analysiert, bettet Castells diese Dynamik in eine makrosoziologische Struktur ein. Seine „Little Sisters“ sind die privatwirtschaftliche Infrastruktur, die das alltägliche Leben algorithmisch durchdringt und die Privatsphäre als bürgerliches Schutzkonzept de facto auflöst. Die beschriebene „KI-Oligarchie“ operiert nicht mehr marktkonform, sondern staatstransformierend. Technologie wird vom Werkzeug der Profitmaximierung zum Instrument einer autoritären Herrschaft, die demokratische Deliberation durch algorithmische Exekutive ersetzt.
Literatur
Markus Deimann (2025) Techno-Faschismus – Wie digitale Technologien die Demokratie aushöhlen. Medienimpulse. Band 63. No. 4
Rainer Mühlhoff (2025) Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam
Shoshana Zuboff (2019) Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.
Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Präsident des European Consumer Debt Network, Mitglied der Financial Services User Group der Europäischen Union
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