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Robert Sempach, Peter Zängl: Caring Communities

Rezensiert von Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker, 27.07.2026

Cover Robert Sempach, Peter Zängl: Caring Communities ISBN 978-3-7799-9363-6

Robert Sempach, Peter Zängl: Caring Communities - Sehnsuchtsort oder gesellschaftliche Bewegung? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 1. Auflage. 189 Seiten. ISBN 978-3-7799-9363-6. 39,00 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch greift den seit den 2000er-Jahren zunehmenden Trend auf, kleinräumige „sorgende Gemeinschaften“ (Caring Communities), zu etablieren, in denen sich in kommunaler Verantwortung ein Netzwerk aus zivilgesellschaftlichem Engagement und professionellen Diensten um alle Menschen sorgt, die in unterschiedlichen Lebensphasen Unterstützung benötigen. Seither ist eine, in Deutschland auch durch den siebten Altenbericht angestoßene, gesellschaftspolitische Diskussion um die Vielfalt der „sorgenden Gemeinschaften“ entstanden. Der vorliegende Band zeichnet die Theoriestränge nach und frägt die Praxis nach Gelingensbedingungen von Caring Communities in der Schweiz.

Autoren

Dr. Robert Sempach war vor seiner Pensionierung Wissenschaftler in der Suchtforschung und als Therapeut in eigener Praxis tätig. Jetzt ist er ehrenamtlich als Präsident in den Netzwerken der selbstorganisierten Tischgemeinschaften (https://www.tavolata.ch/) und der Caring Communities (https://caringcommunities.ch/) Schweiz (CCS) tätig.

Prof. Dr. Peter Zängl lehrt und forscht seit 2010 an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hauptsächlich zu organisationssoziologischen Fragestellungen. Der studierte Diplom-Verwaltungswirt und Sozialwissenschaftler ist Mitglied im Netzwerk CCS und im Vorstand NetzwerkSelbstorganisation (https://netzwerkselbstorganisation.net).

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit zwei Gastbeiträgen. Im Geleitwort der Pastorin und Autorin Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin a.D., zur Entwicklung Sorgender Gemeinschaften mit dem Titel „Begeisternde Praxis – hilfreiche Theorie“ (S. 7–12) berichtet sie von Initiativen der 1980er Jahre aus ihrer Kirchengemeinde, die als Inbegriffe von sorgenden Gemeinschaften gesehen werden können. Basisprojekte, die zeigen, dass Menschen sich und das Gemeinwohl im Blick haben, sich treffen, selbstorganisiert etwas anstoßen, sind deren Grundpfeiler. Aber, so das Credo der Autorin, sie brauchen auch eine begleitende kritische Reflexion, um zu sehen, wo Erwartungen unerfüllt bleiben, Menschen enttäuscht wurden und vieles andere mehr. Coenen-Marx ist mit dem Tavolata-Netzwerk und dem Netzwerk CCS verbunden. Die Untersuchung der Autoren zu den sieben Thesen erachtet sie als einen gewinnbringend.

Das Mitglied im Vorstand des Netzwerks CCS Ruedi Winkler gibt ein „Ein Plädoyer für Caring Communities“ (S. 13–16) ab. Angesichts seiner Erkenntnisse aus Gesellschaftsanalysen könne die „gemeinsame Stoßrichtung“ (S. 14) nur in der Fürsorge, verstanden als „Sammelbegriff für soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Sorge für die Umwelt, Gleichstellung der Care-Arbeit mit Erwerbsarbeit und Kooperation statt Konkurrenz“ (S. 14) zu finden sein. Winkler knüpft an die Vorrednerin an, indem er das Potenzial im Engagement der lokalen Gemeinschaften sieht, welche die „Demokratie von unten“ (S. 16) anschieben.

In 15 einzelnen Abschnitten werden Theorie und Untersuchungsergebnisse präsentiert. Es folgen ein Literaturverzeichnis (S. 181–187) und die Autorenbiografien (S. 189).

Vom Konsens zur Kontroverse und wieder zurück (S. 17–21) umreißt thematisch den Spannungsbogen des Buches zwischen „Sehnsuchtsort und gesellschaftliche[r] Bewegung“, geht auf die Bedeutung der sieben Thesen als analytisches Raster mit den jeweiligen Potenzialen, aber auch den Gefährdungen ein, benennt den geografischen Fokus auf die D-A-CH-Region, erläutert den Nutzen für die Zielgruppen und dankt den Akteuren. Das Buch ist inhaltlich unterteilt in die Bestandsaufnahme, den theoretischen Diskurs und die „Vision eines kritischen Pragmatismus“ (S. 19).

Bestandsaufnahme

Das Netzwerk Caring Communities Schweiz: Von der Gründung bis zu den sieben Thesen (S. 23–31) skizziert das Herausschälen des Netzwerks CCS aus den selbstorganisierten Tischgemeinschaften (Tavolata-Gruppen). Initialgezündet bei einem Workshop und einer Tagung hat sich 2018 das Netzwerk aus heterogenen Akteur:innen formiert. Aufgrund des Interesses von Stiftungen an dem CCS-Netzwerk konnten kleine Fördersummen für weitere Gründungen ausgelobt werden. Aufgabe der Konsolidierungsphase von 2021 bis 2023 war die partizipative Erarbeitung der Organisationsstruktur sowie der Grundsätze für die Zusammenarbeit. Sie gipfelte in der Gründung des Vereins CCS und einer Neuorientierung der Organe. Die Caring Communities (CC) wurden inhaltlich mit dem 7E-Modell (Werte, Sorge, Gemeinschaft, Verantwortung, Beteiligung, Organisation und Tausch) konkretisiert. In mehreren iterativen Prozessen, die wegen der Heterogenität der Beteiligten nötig waren, kristallisierten sich, basierend auf den Fundamenten der Ethik des Sorgens, der Sozialkapital-, Governance‑ und Netzwerktheorien, des Kommunitarismus und dem Konzept der „Kulturellen Übersetzungsarbeit“ die sieben Thesen heraus, die 2024 veröffentlicht wurden.

Unser methodisches Vorgehen (S. 33–38): Weil CC nichts Statisches sind, sondern zwischen Idee und gelebter Realität oszillieren, geht es den Verfassern darum, mit ihrer Untersuchung keine Bestandsaufnahme zu machen, sondern Potenziale und Grenzen herauszufinden und Grundlagen für die Weiterentwicklung zu schaffen. Für ihre Studie haben sie mit neun Schlüsselpersonen aus sechs unterschiedlichen CC Interviews zu den sieben Thesen ausgewertet. Aus der Vielfalt der 200 Projekte haben sie mit Blick auf eine möglichst große Kontrastierung in Größe, Entwicklungsstand, Sprachregion sowie Stadt-/​Land-/​Quartierregion CC ausgewählt und einer Kontrollgemeinde (ohne CC-Finanzierung) gegenübergestellt. Die am Sample beteiligten Gemeinden und die befragten Personen werden kurz beschrieben.

Theoretischer Diskurs

Die Thesen auf dem Prüfstand (S. 39): Die Befragungsergebnisse werden zu jeder These nach der gleichen Systematik – bestehend aus einem Theorie‑ und einem Praxisteil – dargestellt:

  • Die Einführung in das Spannungsfeld umfasst Fragen, Herausforderungen und Kontexte der Thesen.
  • Bei den Absichten werden die argumentativen Begründungen für die These erläutert.
  • Die kritische Ausleuchtung enthält Gegenargumente, Grenzen oder unbeabsichtigte Begleiterscheinungen.
  • In der Sichtweise der Praxis werden Ausschnitte angeführt, wie die Thesen in den CC wahrgenommen oder umgesetzt werden.
  • Die Schlussfolgerungen beinhalten Erkenntnisse, die in der Praxis relevant sind, für die theoretische Weiterentwicklung.

Ein gutes Leben für alle – Über Solidarität und Überforderung (These 1) (S. 41–57): Das Ideal, durch gemeinschaftliche Sorge ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, vertraut auf ein Spektrum an solidarischen Aktivitäten, die auf vielen Schultern ruhen und flexibel erbracht werden, gespeist vom Zusammenwirken verschiedener Potenziale. In der Umsetzung ist die Verantwortung jedoch oft auf wenige Personen verteilt, in der Sorgearbeit verstärkt auf Frauen, bei denen es nach einer Weile zu Ermüdungserscheinungen kommt. Um solchen Gefahren vorzubeugen, ist es hilfreich, über hybride Sorgemodelle, in denen gemeinschaftliche, professionelle und staatliche Elemente verknüpft sind, nachzudenken und die strikte Trennung zwischen Aktiv-Sorgenden und Umsorgten aufzugeben. Erfolgreiche Umsetzungen gelangen dort, wo niedrigschwellige und historisch gewachsene Strukturen vorhanden waren, die sich wechselseitig bereichert haben. Als hinderlich entpuppten sich u.a. strukturelle Exklusion in Verbindung mit sozialen Hierarchien und einer Verklärung des Ehrenamts. Zu bedenken bleibt, dass eine universelle Sorge zwar eine regulative Idee sein kann, in der Umsetzung jedoch an die kulturell und lokal bedingten Sorge-Traditionen adaptiert, dokumentiert und auf eine realistische Basis gestellt werden muss.

Caring Communities als Ergänzung zum Sozialstaat – Entlastung oder Ausverkauf? (These 2) (S. 59–73): Das Spannungsfeld beginnt bei den Argumenten der Befürworter, die idealerweise in den CC eine komplementäre und stärkende Sphäre zu den Leistungen des Sozialstaats sehen. Der Sozialstaat könne zwar professionelle Leistungen finanzieren, die emotionale, lebensweltliche oder alltagspraktische Seite der Sorge könne er nicht vollends bedienen. Die Kritiker der Aufwertung von CC führen u.a. ins Feld, dass letztere als Ersatz für sozialpolitisch gewollte Einschnitte in den Sozialstaat instrumentalisiert werden und Sorgearbeit deprofessionalisiert werden könnte. Nach Ansicht der Autoren könne gemeinschaftliche Sorge nur in einem sozialstaatlichen Rahmen nachhaltig gelingen, in dem staatliche Institutionen sich für zivilgesellschaftliche Beteiligung öffnen und gemeinschaftliche Strukturen institutionalisieren. Die Beispiele aus der Praxis zeigen gelungene Koproduktionen auf lokaler Ebene, ebenso deutlich werden strukturelle Hindernisse oder Grenzen, die in gescheiterten Kooperationen oder in Fragmentierungen begründet liegen. Bedingungen für eine erfolgreiche Koproduktion lassen sich bei der Unterschiedlichkeit der CC nur schwer pauschalieren. Fest steht aber, dass CC neben einer materiellen Grundlage professionelle Unterstützungsstrukturen benötigen, die eine Abhängigkeit von Zufallsgegebenheiten verhindern. Das Zusammenspiel von selbstorganisierten Gemeinschaften und staatlichen Institutionen erweist sich als kontinuierlicher Prozess.

Jede:r kann mitmachen – Wirklich? Über Exklusion trotz Inklusionsversprechen (These 3) (S 75–93): Solidarische Gemeinschaften beanspruchen, niemanden zurückzulassen und die Diversität als Potenzial zu begreifen, anders formuliert: Inklusion zu leben und in den Strukturen abzubilden. In der Realität treffen CC aber – obschon nicht intendiert – auf Exklusionsmechanismen, die u.a. darin bestehen, dass Teilhabechancen aufgrund sozioökonomischer oder kultureller Unterschiede ungleich verteilt sind, dass Wertvorstellungen abschreckend wirken bzw. subtile Hierarchien und altersbezogene Unterschiede ausgrenzen, ganz zu schweigen von Mobilitätseinschränkungen u.a.m. Deshalb gehört es zu den Kernaufgaben von CC, diese Hemmnisse und Barrieren zu thematisieren und mit Maßnahmen (mehrsprachige Informationen, verschiedene Zeiten und Orte, abwechslungsreiche Beteiligungsformate, Aufwandsentschädigung u.a.m.) zu einer inklusiven Kultur beizutragen. Die Praxis enthält Beispiele von Inklusion, zumeist dort, wo niederschwellige Begegnung und Partizipation gelebt werden. Ebenso werden Details geschildert, die persönlich, situativ oder strukturell Exklusion verursachen. Das Ideal Inklusion sei, so die Autoren, eine Dauerlernschleife. Ihre Umsetzung sei proaktiv zu gestalten und nichts, was sich einfach einstelle.

Caring Communities zwischen Marktlogik und Gemeinschaftsmoral – Solidarität als unbezahltes Geschäftsmodell? (These 4 Teil 1) (S. 94–104): Zufriedenheitserlebnisse, Sinnerleben, reziproke Beziehungen gelten als konstitutive Elemente gelingender Sorge, die am „Gebrauchswert statt am Tauschwert“ (S. 96) orientiert sind und oft als Signale für ein alternatives Organisationsprinzip (dem der Selbstorganisation) gesehen werden. In der Verbindung mit Marktlogiken erkennen Kritiker eine Vereinnahmung oder Überformung des Gemeinschaftssinns: CC können z.B. durch Förderinstrumente gezähmt oder in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, weswegen eine unabhängige staatliche Mindestabsicherung gefordert wird. Neben einer ausgeprägten Reflexionskultur zu ihren Aktivitäten in den CC können sich die Dach-Netzwerke in ihrer Rolle als politische Akteure für eine Ökologie und Ethik der Sorge stark machen, inklusive einer anderen Bewertung als die der Outputorientierung.

Sorgearbeit sichtbar machen – Emanzipation oder neue Abhängigkeiten? (These 4 Teil 2) (S. 105–116): Weil Sorge-Arbeit trotz vieler Versuche häufig nicht quantifiziert, von Frauen als unsichtbare Beziehungs-Arbeit erbracht wurde bzw. lange Zeit als Erziehungs‑ und Pflegeberuf wenig honoriert wurde, ist darauf zu achten, dass die CC diese Tradition nicht fortsetzen. Besonders relevant ist, dass mit der Sichtbarmachung auch eine Umverteilung zwischen den Geschlechtern stattfindet und jede Sorgearbeit inbegriffen ist, also nicht nur diejenige derer, die sie es sich leisten können. Die Empirie zeigt, dass es möglich ist, über die Sichtbarmachung von Care-Arbeit zu einer Kultur kollektiver Verantwortung beizutragen, dass es aber aus unterschiedlichen Beweggründen auch Widerstände gibt, die einen Verlust an Qualität befürchten. Welche Form von Sichtbarmachung nötig und möglich ist, scheint stark von der Kontextualität der gemeinschaftlichen Sorge abzuhängen.

Experimentierräume schaffen – Zwischen Innovation und Unsicherheit (These 5) (S. 117–127): CC sind im Idealfall Räume, in denen neue Formen des sozialen Miteinanders erprobt werden. Dafür braucht es, wie die Erfolgsgeschichten erweisen, Ermöglichungs‑ und Förderstrukturen. Anders als bei kommerziellen Innovationen sind neben den Investor:innen bei sozialen Innovationen beim Scheitern auch vulnerable Gruppen betroffen, für die eine Rückkehr in eine alte Versorgungsstruktur kaum möglich ist, d.h. dem ansonsten so wichtigen Lernen aus Fehlern sind Grenzen gesetzt. Sozialen Innovationen Chancen zu geben, wie dies z.B. in sog. Living Labs unter Beteiligung der Nutzer:innen erprobt werden kann, wäre ein risikomindernder Experimentierraum. Die Befragung hat sowohl Praxisbeispiele für Experimentierfreude (inklusive digitaler Ansätze) als auch zurückhaltende bis beharrend widerständige Projekte offenbart. Die Gründe für den Erfolg lagen oft in der Offenheit für die Mitsprache verschiedener Partner und gelungener Netzwerkstrukturen. Als hemmend haben sich u.a. geschlossene Kreise, fehlende Lernbereitschaft und mangelnde Ressourcen erwiesen. Das richtige Maß zwischen der erforderlichen Institutionalisierung und einer experimentellen Offenheit zu finden, scheint eine wichtige strategische Kompetenz für Innovation zu sein.

Austausch fördern – Synergie oder Kampf um Einfluss? (These 6) (S. 129–142): Obwohl das Potenzial der CC ihre Synergien und ihre komplementären Stärken von Staat, Zivilgesellschaft, Markt und Bürger:innen sind, die sich vernetzen und so zu passgenauen regionalen und innovativen Lösungen kommen, gibt es auch bei ihnen Interessenskonflikte und Machtdynamiken, die z.T. aufgrund der zugrunde liegenden unterschiedlichen Logiken bedingt sind. Um die solidaritäts‑ und gemeinwohlstiftende Kraft der CC davon nicht beeinträchtigen zu lassen, können Mechanismen wie transparente Entscheidungsprozesse, rotierende Führungsrollen, deliberative Prozesse und Capacity-Building zu Rate gezogen werden. Die Praxisperspektive liefert Belege, wie Ressourcenverteilung praktiziert wird (z.B. bei den Finanzen auf Vertrauensbasis). Zugleich werden bei der Frage der Ressourcen auch Grenzen ersichtlich, indem nämlich Wissen – absichtlich eingesetzt zur übervorteilenden Überlegenheit ‑wenig freizügig verteilt wird, was zu Ressourcenverschwendung (Administration, Mehrfacherledigung u.a.m.) führen kann. Aufgabe von CC ist es, eine Balance zu finden zwischen vertrauensvoller Kooperation, strukturierter Verteilung der Mittel und einer Interessen ausgleichenden Konfliktmoderation.

Politik muss Rahmenbedingungen schaffen – Zwischen Ermöglichung und Vereinnahmung (These 7) (S. 143–157): Diese These diskutiert, welche Form politischer Unterstützung für CC wirklich nötig ist, um ihr Potenzial zu entfalten, ohne „durch staatliche Überregulierung in ihrem Wesen gefährdet zu werden“ (S. 143). Die Unterstützungsformen können eine finanzielle Förderung in der Anfangsphase sein, rechtliche Rahmenbedingungen umfassen, die CC als legitime Form der Daseinsfürsorge absichern oder aus infrastruktureller Unterstützung bestehen. Sie können auf kommunaler, Länder‑ oder Bundesebene angesiedelt sein. Risiken ergeben sich aus der Projektzentriertheit der Förderung, unpassenden Förderkriterien, Fehl‑ und Übersteuerung kombiniert mit hohen formalen Qualifikationen, einem Widerspruch der Logiken, wie z.B. bei der Differenz zwischen Output‑ und Prozessorientierung. Am besten managen ließen sich die Spannungen, indem koproduktiv gearbeitet würde. Die Beispiele aus der Praxis beinhalten zahlreiche Friktionen zwischen Anspruch und Wirklichkeit: strukturelle Rahmenbedingungen werden gefordert, um Kontinuität (z.B. Personenunabhängigkeit und Dokumentation) zu gewährleisten, zugleich sollten diese aber den Anspruch auf Selbstorganisation nicht ersticken. Sich mit den benannten Dilemmata (Authentizität, Ressourcen, Steuerung) zuzüglich der interkulturellen Öffnung auseinander zu setzen, bleibt eine die CC begleitende Daueraufgabe.

Vision eines kritischen Pragmatismus

Übergreifende Erkenntnisse aus den Thesendiskursen (S. 159–166): Nach der kritischen Analyse werden die Argumente zusammengefasst, die ein „informiertes, nüchternes und zugleich hoffnungsvolles Ja“ (S. 159) begründen, CC weiterzuentwickeln. Die DNA erfolgreicher CC sehen die Autoren in den unauflösbaren Grundspannungen Spontaneität und Struktur, Autonomie und Einbettung sowie Offenheit und Grenzziehung. Es gibt keine Blaupause einer CC, ihre Kontextabhängigkeit zeigt sich an den Differenzierungslinien Stadt versus Land, Entwicklungsstand und Reife, Größe und Reichweite, Sprachregionen und kulturelle Prägungen. Als kritische Erfolgsfragen für CC formulieren Sempach & Zängl die Kosten‑ und Machtverteilung sowie die konstruktive Konfliktkultur. Ihr Ja zu den CC basiert auf „der transformativen Kraft alltäglicher Erfahrungen“ (S. 165), deren Leuchtturmstatus für andere Formen des Zusammenlebens und der Akzeptanz von Ehrlichkeit, Realismus und Verbindlichkeit.

Anstelle eines Ausblicks: Die Vision des kritischen Pragmatismus (S. 167–171): Als kritischen Pragmatismus verstehen die Verfasser, an den Werten der CC entschlossen festzuhalten, die nachweisbaren Spannungen, Widersprüche und Grenzen anzunehmen und die Arbeit zwischen den lokalen Gemeinschaften mit ihren jeweiligen Besonderheiten und den Netzwerken (wie z.B. das Netzwerk CCS) so aufzuteilen, dass die Stärken beider ausgenutzt werden können. CC erbringen die zu großen Teilen nicht quantifizierbare Sorgearbeit und laufen Gefahr als systemstabilisierend genutzt zu werden, weshalb sie strategisch werden müssen. Die Netzwerke verleihen den Mitgliedern die Stimme und sorgen für deren politisches Gehör.

Strategische Prinzipien für ein Netzwerk Caring Communities: Konstruktive Sichtbarmachung vor Konfrontation (S. 173–180): Zwei Kernprinzipien sind es, die ein Netzwerk permanent anwendet: 1. Sichtbare Kritik statt stummer Hilfe und 2. Dokumentierte Wertschöpfung statt unsichtbarer Arbeit sowie zwei Ultima Ratio-Instrumente: 1. Strategische Zeitlimits und 2. Strategische Eskalation. Kernprinzipien und Ultimo-Ratio-Instrumente dienen dazu, die Rollen und Aufgaben der CC und der Netzwerke sorgsam aufzuteilen. Praktisches Engagement führt zur politischen Bewusstseinsbildung, die umso stärker ist, je mehr Allianzen vorhanden sind. Der Arbeitsteilung liegt eine dreistufige Struktur zugrunde: Ebene 1 sind die lokalen Communities, Ebene 2 die regionale Koordination und Ebene 3 das nationale Netzwerk. Die strukturellen Grenzen sind in der moralischen Macht, der Systemkritik und der Gefahr der Vereinnahmung zu sehen. Operative Risiken sind die interne Machtbalance und die externen Machtverhältnisse. Abschließend erläutern Sempach & Zängl ihre Erwartungen, die sie in den kritischen Pragmatismus als übergreifende politische Haltung der Gegenwart setzen.

Diskussion

Mit diesem Buch liefern die Autoren Argumente aus verschiedenen Strängen der Fachdebatte zu den CC und vereinen sie mit Einblicken in den Alltag der interviewten Personen, welche die breite Vielfalt der CC repräsentieren. Allein die Schilderung des Entstehungsprozesses des Netzwerk CCS sowie der aufwändige Prozess der Konzeptionierung der sieben Thesen lassen erahnen, wie viele Diskussions‑ und Zustimmungsrunden es gegeben haben muss, die genau das beinhalteten, was die Autoren von den CC fordern: Eine der Basis entstammende Kultur des Aushandelns, der Offenheit und der Konfliktbereitschaft. Die Publikation macht deutlich, wie stark sich in den letzten zwei Jahrzehnten aus einer abstrakten Idee heraus – nur auf die D-A-CH-Region bezogen – ein Potpourri an lokal und kulturell kontextualisierten Sorgegemeinschaften gebildet hat. Jede CC ist geprägt von denen, die sie ins Leben rufen und erhalten, hat unterschiedliche Ziele und Zuschnitte, meistert den Alltag auf verschiedene Weise u.a.m. Insofern sind diese lebendigen Gemeinschaften auch schwer zu „standardisieren“, sie spiegeln das Auf und Ab des Zusammenwirkens und Ineinandergreifens von Ehrenamt, von professionellen Diensten und staatlichen Rahmenbedingungen wider, das immer wieder neu auszutarieren ist.

An den CC wird deutlich, dass diese Balance stets aktiv gehalten werden muss, ein einfach „Weiter-So“ nur von kurzfristiger Dauer sein kann. Die in den Thesen des Buches beschriebenen Spannungsbögen sind stets präsent (wie z.B. der Inklusionsanspruch und Exklusionsrealität). Sie fordern alle Beteiligten auf, sie immer wieder neu zu überprüfen. Die von den Autoren angekündigten Interdependenzen der in den Thesen enthaltenen Einzelaspekte und die intersektionale Verstärkung von Faktoren in der Care-Arbeit werden in den Textpassagen sehr deutlich. Die Verfasser zeichnet aus, dass sie es schaffen, obwohl ergriffen von ihrer eigenen wohlwollenden Haltung zur Idee der CC, die eine neue Solidarität entstehen lassen können, eine ausreichende Distanz bei der Überprüfung von Ideal und Realität beizubehalten. CC werden nicht zu Zaubermitteln verklärt, die es braucht, um Transformation voranzutreiben. Sehr deutlich warnen Sempach & Zängl vor jeglicher Instrumentalisierung für einen Zweck, der von anderen als denjenigen gesetzt wird, aus deren Mitte und für welche die CC da sein wird.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die sorgenden Gemeinden sichtbarer werden und ihre sozial-emotionalen Beziehungsleistungen bewusster wahrgenommen werden. Jede einzelne CC bestimmt aber selbst, wie sie den Sorgeauftrag vor Ort ausagiert („Communities helfen, ohne sich als politisch verstehen zu müssen“ (S. 171)). Das ist der erste Strang der klugen Arbeitsteilung. Die Netzwerke der CC (wie z.B. das der Schweiz) sind der politische Akteur und das Sprachrohr („das Netzwerk kritisiert auf der Grundlage der geleisteten Hilfe und stellt Forderungen auf“ (S. 171)). Das ist der zweite Strang der Arbeitsteilung. Beides zusammen ergibt den von den Autoren favorisierten kritischen Pragmatismus.

Dieses Buch stellt die Caring Communities und die in sie hinein projizierten Erwartungen vom „Kopf auf die Füße“, zerstört jegliche Heilsversprechen, bahnt aber den Weg für realistische Optionen eines dritten Wegs der Kooperation von Staat, Markt und Zivilgesellschaft.

Fazit

Wer sich – unabhängig davon ob als freiwillig Engagierte:r, als Vertreter:in einer Kommune oder eines professionellen Dienstes – mit alternativen Wegen von Caring interessiert, dem sei dieses Buch empfohlen. Es liefert einen kritischen und realistischen Einblick.

Rezension von
Prof. a.D. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 94 Rezensionen von Irmgard Schroll-Decker.

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ISSN 2190-9245