Christian Stecker: Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern
Rezensiert von Maximilian Kreter, 21.08.2026
Christian Stecker: Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern. Wie flexible Mehrheiten die Demokratie stärken. Campus Verlag (Frankfurt) 2026. 180 Seiten. ISBN 978-3-593-52198-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Thema
Christian Stecker zeigt Möglichkeiten der Mehrheitsbildung in deutschen Parlamenten auf, die sich jenseits fester, geschlossener Bündnisse auf Zeit und möglichen Kooperationsverboten bewegen, sondern flexible, unter anderem thematisch ausgerichtete, wechselnde Mehrheiten als Machtoption beinhalten. Er analysiert die Defizite des starren Modells aus Regierung und Opposition offen und legt anhand von anderen Länderbeispielen dar, wie sich diese flexiblen Mehrheiten mit formalen und informellen Regeln organisieren lassen. Anlässlich dieser Art der Mehrheitsbildung nimmt er auch den bisherigen Umgang mit der AfD in Form der Brandmauer prüfend in den Blick und zeigt mögliche alternative Optionen auf.
Autor
Christian Stecker ist Professor für das politische System Deutschlands und den Vergleich politischer Systeme an der Technischen Universität Darmstadt.
Aufbau
Die Monographie von Christian Stecker ist in sieben Kapitel untergliedert: Zunächst skizziert Stecker die von ihm diagnostizierte Problemlage einer „komplexere[n] Konfliktstruktur der Gesellschaft“ (S. 15) und ein zunehmend stärker fragmentiertes Parteiensystem, das die Regierungsbildung und die Umsetzung des Wählerwillens immer schwieriger werden lassen (Kapitel 2). In der Folge legt der Autor zwei zentrale Nachteile von Koalitionsregierungen offen: Erstens, dass Koalitionen als feste, geschlossene Bündnisse auf Zeit interne Blockaden durch Minderheiten begünstigen, da Mehrheiten nur innerhalb der Koalition gesucht und gebildet werden – die „normativen Betriebskosten“ (S. 16) (Kapitel 3). Zweitens die „politischen“ (S. 16) Betriebskosten, die sich aus immer häufiger werdenden Minimalkompromissen in Regierungen ergeben und die eigenen Wähler enttäuschen, da Wahlkampfversprechen nur begrenzt umgesetzt werden können und zum Teil ideologische Grundpfeiler für Kompromisse verrückt werden müssen (Kapitel 4). Im Anschluss zeigt er auf, wie sich diese Situation durch Kooperationsverbote einzelner Parteien oder ganzer politischer Lager mit anderen Parteien und politischen Lagern verschärft (Kapitel 5). Abschließend legt er Lösungsvorschläge zunächst anhand anderer Länderbeispiele wie Dänemark, Schweden oder Neuseeland dar (Kapitel 6) und wie diese in Deutschland adaptiert und umgesetzt werden könnten (Kapitel 7).
Inhalt
In Kapitel 1 zeigt Stecker kursorisch entlang der Entwicklung des deutschen Parteiensystems auf, welche Möglichkeiten der Mehrheitsbildung – inner‑ und außerhalb des „Koalitionskorsetts“ und ohne Kooperationsverbote – es gegeben hat und hätte geben können, so beispielsweise eine linke Mehrheit aus SPD, Bündnis90/Die Grünen und Die Linke von 2005 bis 2009 und von 2013 bis 2017, wobei eine andere Regierung, jeweils unter Führung der CDU/CSU zustande kam. Er führt hierbei zu seinem Kernargument hin, dass flexible Mehrheiten „ohne Koalitionskorsett und Brandmauern“ die Lösung für immer schwieriger organisierbare Mehrheiten im Parlament seien, die auf „einer Demokratiekonzeption, in der die politische Gleichheit der Bürger im Mittelpunkt steht“ (S. 10), beruhen. Wichtig ist ihm zu betonen, dass er seine „Begeisterung für eine Themen-Demokratie mit flexiblen Mehrheiten nicht erst entdeckt [habe], seitdem damit auch Björn Höcke und Alice Weidel eine Abstimmung mitgewinnen können“ (S. 12) – was in Bezug auf den Umgang mit der AfD die Glaubwürdigkeit seiner Argumente erhöhen soll.
Kapitel 2 nutzt der Autor um die Entwicklungen des deutschen Parteiensystems auf Bundes‑ und Länderebene sowie die damit einhergehenden, immer komplexer werdenden Regierungsbildungen darzulegen. Er definiert dabei „komplexe Koalitionen“ (S. 33) als solche, die drei Parteien umfassen oder lagerübergreifend gebildet werden. Stecker zeigt auf, dass zu Beginn der Bundesrepublik häufig komplexe Koalitionen gebildet wurden und ihr Anteil bis zur Mitte die 1980er-Jahre rapide sank. Von Ende der 1980er-Jahre bis 2020 stieg der Anteil mit Schwankungen wieder auf ein ähnliches Niveau wie in der frühen Bundesrepublik an und erreichte 2025 einen Anteil von 70 Prozent. Mit Blick auf diese Entwicklung wirft der Autor die Frage auf, warum das Koalitionskorsett zu Beginn der Bundesrepublik funktioniert hat und es aktuell immer weniger zu funktionieren scheint. Den Gründen geht der Autor in den folgenden beiden Kapiteln nach.
In Kapitel 3 analysiert Stecker das Zustandekommen der „normativen Betriebskosten“ (S. 16) der deutschen Koalitionsdemokratie. Dazu identifiziert er vier Entscheidungstypen zur Erzielung einer Mehrheit für ein Thema: 1. Flexible Mehrheiten, 2. Koalitionskompromiss, 3. Koalitionstauschhandel, 4. Koalitionsinternes Veto. Die Entscheidungstypen zwei bis vier finden im Rahmen einer Koalition statt, schließen andere Parteien von der Mehrheitsbildung aus und erhöhen das Risiko blockierter Mehrheiten. Dagegen ermöglicht Entscheidungstyp eins die Einbeziehung anderer Parteien außerhalb der Koalition und wird somit als einziger sowohl dem Anspruch politischen Gleichheit der Bürger gerecht als auch der Minimierung des Risikos blockierter Mehrheiten. Stecker diagnostiziert, dass wenn die Bildung „komplexerer Koalitionen aufgrund des zersplitterten Parteiensystems und der Kooperationsverbote häufiger [werden], wächst auch das Risiko blockierter Mehrheiten und es steigen die normativen Kosten des Koalitionskorsetts“ (S. 58).
Kapitel 4 widmet sich den „politischen Kosten des Koalitionskorsetts“ (S. 59). Diese ergeben sich zunächst aus dem Ziel des Regierens beziehungsweise einer Regierungsbeteiligung. Auf Basis der Wahlergebnisse und Regierungsbeteiligungen der Parteien zeigt Stecker auf, dass Regierungsbeteiligungen häufig mit Stimmenverlusten bei der nächsten Wahl einhergehen, wobei kleinere Koalitionspartner anteilig mehr Stimmen einbüßen. Die Kosten des Regierens erhöhen sich in der Tendenz mit der steigenden Übernahme von Regierungsverantwortung: „Tatsächlich verstecken sich diese Kosten im Mehrebenensystem der Bundesrepublik, wo Politik in Kommunen, Ländern, im Bund und auf EU-Ebene miteinander verwoben sind“ (S. 65). Regierungsparteien tragen mit den Kosten einer Koalition und den darin geschlossenen Kompromissen eine doppelte Last. Dieser Umstand sei ein Kommunikationsproblem bezüglich der Kompromisse, das durch das „Koalitionskorsett“ als strategischer Nachteil noch verstärkt werde.
Ein weiterer Faktor, der das „Koalitionskorsett“ noch enger schnüre und die Kosten des Regierens weiter erhöhe, sei das Kooperationsverbot, so Stecker, der sich diesem in Kapitel 5 widmet. Er wählt dafür die beiden bekanntesten Kooperationsverbote nach der Wiedervereinigung: die „Roten-Socken-Kampagne“ und die „Brandmauer zur AfD“ (S. 83).
Stecker zeigt auf, dass SPD, Bündnis90/Die Grünen und Die Linke von 2005 bis 2009 und von 2013 bis 2017 eine linke Koalition hätten bilden können, aber selbst ohne formalen Koalitionszwang viele Themen wie Mindestlohn oder Bürgerversicherung mit einer flexiblen Mehrheit hätten beschließen können. Durch die Ausgrenzung von Die Linke auf Bundesebene geschah dies nicht und die SPD beschränkte sich auf Koalitionen und Tolerierungsmodelle, also eine eingeschränkte Form flexibler Mehrheiten, nur auf der Landesebene, insbesondere mit moderat-pragmatischen Landesverbänden von Die Linke.
Die Brandmauer zur AfD stelle die Union seit der Gründung der AfD vor ein ähnliches Problem: ein Wettbewerber im eigenen Lager, der sich zunehmend etabliert, mit dem man aber nicht zusammenarbeiten möchte. Die Union hat daraufhin im Dezember 2018 ein Kooperationsverbot mit der AfD (und der Partei Die Linke) beschlossen. [1] Ohne flexible Mehrheiten ist die Union seitdem nahezu ausschließlich auf die Bildung von komplexen Koalitionen unter Ausschluss dieser beiden Parteien angewiesen. Stecker argumentiert, dass eine solche „hermetische Brandmauer“ (S. 100) undemokratisch sei, da sie die politische Gleichheit der Bürger verletze und spricht sich für flexible Mehrheiten auch unter Beteiligung der AfD aus, denn so könne man „thematische Mehrheiten für nicht-extreme Inhalte mit der AfD“ (S. 107) im rechten Lager bilden, ohne dass die Partei an der Regierung beteiligt werde. Gleiches gelte auch für SPD in Bezug auf Die Linke im linken Lager.
So könne man am besten den Präferenzen der Wähler entsprechen, den Repräsentationsanspruch erfüllen, sich der strategischen Nachteile der Koalitionsdemokratie mit Kooperationsverboten entledigen und gleichzeitig Extremisten von Regierungspositionen fernhalten.
In Kapitel 6 präsentiert der Autor seinen „Werkzeugkasten für flexible Mehrheiten“ (S. 121), den er anhand praktischer Beispiele aus Neuseeland und Skandinavien entwickelt. Er stellt der von ihm als starr beschriebenen Koalitionsdemokratie mit Kooperationsverboten das Modell des flexiblen Vertragsparlamentarismus, der auf einem „Confidence & Supply-Abkommen“ (S. 122) beruht, gegenüber. In verschiedentlich ausgeprägten und verbindlichen Modellen der „support party agreements“ (S. 124) verpflichten sich Oppositionsparteien grundlegend zur Unterstützung der Regierung in der Vertrauensfrage und bei dem Beschluss des Haushalts (zur Erhaltung der Regierungsfähigkeit). Im Gegenzug erhalten sie Einfluss auf die Gesetzgebung und eigene Posten, beispielsweise Ministerposten außerhalb des Regierungskabinetts (support party ministers), die aber voll verantwortlich für ihr Ressort sind. Sie können nach dem Grundsatz „agree to disagree“ (S. 123) agieren, das heißt sie können einer beschlossenen Position der flexiblen Mehrheit, deren Teil sie sind, öffentlich widersprechen, verpflichten sich aber dennoch zur Umsetzung der Mehrheitsentscheidung, wenn diese in ihren Geschäftsbereich fällt. Während diese Kooperationsmodi vor allem in Neuseeland und Schweden etabliert sind, findet sich in Dänemark das Modell der „Gesetzgebungskoalitionsverträge“ (S. 124), das die Zusammenarbeit über Parteigrenzen und Legislaturperioden in wichtigen Politikbereichen regelt, die der langfristigen Planung bedürfen, wie beispielsweise Verteidigungs‑ oder Rentenpolitik. Wichtige Voraussetzungen für das Funktionieren dieser Verfahren sind laut Stecker die Anlage als langfristige Modi der Kooperation und nicht als kurzfristige Alternative mit der Rückkehr zu bekannten Mustern der Koalitionsbildung sowie „Good faith und no surprises“ (S. 128) als Verhaltenskodex gegenüber den Kooperationspartnern.
Wie sich diese Ideen auf die deutsche Koalitionsdemokratie übertragen lassen, skizziert Stecker in Kapitel 7. Zunächst prüft er, inwiefern sich „Verfassungsordnung und Parlamentsorganisation“ (S. 135) für flexible Mehrheiten eignen. Dazu zieht er „die Wahl des Bundeskanzlers, das konstruktive Misstrauensvotum, die Vertrauensfrage, die Rolle des Bundesrates und die Entscheidungshürde der Gesetzgebung“ (S. 135) heran. Stecker kommt zu dem Schluss, dass diese Regeln den Akteuren dabei nicht im Wege stehen, auch wenn einige formale Anpassungen und Änderungen informeller, bisher eingeübter Abläufe notwendig seien. Anschließend rekonstruiert er die Entstehung der deutschen Koalitionsdemokratie und die Gründe ihres Fortbestands bis heute. Diese beiden Stränge verbindet er mit seiner abschließenden Forderung nach „wechselnde[n] Mehrheiten und Semi-Parlamentarismus im Versuchslabor der Bundesländer“ (S. 150), da dort schon mit komplexen Koalitionen und auch bedingt flexiblen Mehrheiten experimentiert wurde.
Diskussion
Mit „Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern: Wie flexible Mehrheiten die Demokratie stärken“ hat der Autor ein stark verdichtetes und trotzdem gut lesbares Werk zu Optionen von flexiblen Mehrheiten in Demokratien am Beispiel der deutschen Koalitionsdemokratie mit Kooperationsverboten vorgelegt. Er vertritt dabei offensiv sein Kernargument, dass es flexibler Mehrheiten im deutschen Parlamentsbetrieb bedürfe, da mit „Ausschließeritis“ (S. 83), insbesondere in Form der Brandmauer gegen die AfD, einerseits der Wählerwille ignoriert und der Anspruch der Repräsentation unterlaufen werde sowie andererseits die Parteien sich strategischer Optionen berauben und man nur durch flexible Mehrheiten auch unter Einbindung der AfD die Durchsetzung der AfD-Agenda verhindern könne. Im Folgenden wird anhand von drei Thesen Steckers gezeigt, dass seine Argumentation, die theoretisch gut überlegt und urdemokratisch ist, in der Praxis auf Hindernisse stößt, die schwer oder gar nicht zu überwinden sind.
Steckers 1. These: „Ein konsequentes Plädoyer für flexible Mehrheiten kann aber nicht anders, als diese auch der AfD und vor allem ihren Wähler zuzugestehen. Die derzeitige hermetische Brandmauer ist undemokratisch, weil repräsentative Demokratie verlangt, dass auch die Wähler der AfD – im Osten derzeit mehr als ein Drittel – parlamentarische Entscheidungen beeinflussen können“ (S. 11).
Die Brandmauer ist nicht per se undemokratisch, denn es gibt in parlamentarischen Demokratien wie Deutschland kein Anrecht von Parteien darauf, in der Regierung vertreten zu sein. Parteien sind frei in der Wahl ihrer Koalitions‑ und Kooperationspartner. Nüchtern betrachtet, handelt sich hier um eine strategische Entscheidung im politischen Wettbewerb, in dem insbesondere die Union sich entschieden hat, mit einer Abgrenzung von der AfD bessere Ergebnisse zu erzielen als mit einer Kooperation mit ihr – und nicht um ein rechtliches Instrument, das die AfD im Vergleich mit anderen Oppositionsparteien unverhältnismäßig benachteiligt. Ganz im Gegenteil: Die AfD hat die Chance, die Instrumente zu nutzen, die der Opposition zur Verfügung stehen, um die Regierung zu kontrollieren, wie es beispielsweise Die Linke und Bündnis90/Die Grünen aktuell auch machen. Zudem kann sie sowohl das Parlament als auch die außerparlamentarische Arena zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung in ihrem Sinne nutzen – etwas, wonach viele Parteien schauen und bis zu einem gewissen Grad ihre Politik ausrichten, insbesondere in Wahlkampfzeiten.
Steckers 2. These: „Argumente, thematische Mehrheiten für nicht-extreme Inhalte mit der AfD zum Risiko des schleichenden Sterbens der Demokratie zu stilisieren, sind m.E. zu weithergeholt“ (S. 107).
Dieser These Steckers widersprechen zahlreiche Befunde der politikwissenschaftlichen Forschung der letzten circa 15 Jahre, und zwar mit folgenden drei Kernaussagen, die entgegen Steckers Aussage nicht „weithergeholt“, sondern sehr real sind:
1. Die Normalisierung einer rechtsextremen Partei und das Mainstreaming ihrer mitunter verfassungsfeindlichen Positionen kann nicht mehr rückgängig gemacht werden und begünstigt ihren weiteren Erfolg. Die Funktion des Gatekeepings kann damit nicht mehr erfüllt werden. [2]
2. Eine inhaltliche Annäherung an und parlamentarische Kooperation mit rechtsextremen Parteien führt nicht dazu, dass sich die (elektorale) Unterstützung für diese Parteien verringert. Es führt tendenziell dazu, dass ihre Kooperationspartner, insbesondere christdemokratische und konservative Parteien Stimmverluste bei den nächsten Wahlen erleiden oder sogar in der Bedeutungslosigkeit verschwinden: „We do not find any evidence that accommodative strategies reduce radical right support. If anything, our results suggest that they lead to more voters defecting to the radical right”. [3]
3. Das „Risiko des schleichenden Sterbens der Demokratie“ (S. 107) haben Tom Mannewitz und Isabelle-Christine Panreck bereits 2020 konkret für die AfD in Deutschland untersucht [4] – und zwar auf Basis von „Hauptindikatoren autoritären Verhaltens“ [5], die zum Sterben von Demokratie führen: „I. Ablehnung demokratischer Spielregeln (oder schwache Zustimmung zu ihnen) […] II. Leugnung der Legitimität politischer Gegner […] III. Tolerierung von oder Ermutigung zu Gewalt […] IV. Bereitschaft, die bürgerlichen Freiheiten von Opponenten, einschließlich der Medien, zu beschneiden“ [6], die dem von Wissenschaft und Öffentlichkeit stark rezipierten Werk „Wie Demokratien sterben“ [7] von Steven Levitsky und Daniel Ziblatt entlehnt sind. Dabei kommen Sie zu dem Ergebnis: „Und erfassen Levitsky und Ziblatts Indikatoren autoritären Verhaltens valide, was sie vorgeben zu erfassen, so ist im Falle einer AfD-geführten Bundesregierung die Erosion der Demokratie im Sinne der Verschlechterung der demokratischen Qualität in bestimmten Feldern zu befürchten. Damit kommen wir zu ähnlichen Ergebnissen wie die normative Extremismusforschung, deren Ansatz sich im Grunde nur in Teilen von Levitsky und Ziblatts Indikatorenkatalog unterscheidet. Auf beiden Seiten wird nach der Akzeptanz der demokratisch-konstitutionellen Ordnung, der politischen Rechte und bürgerlichen Freiheiten sowie des Rechtsstaates gefragt.“ [8]
Steckers 3. These (ist eine Verhaltensweise derer sich die AfD bei flexiblen Mehrheiten befleißigen müsste, damit die thematische, punktuelle Zusammenarbeit beispielsweise mit der Union funktioniert): „Good faith und no surprises gehört explizit zum Verhaltenskodex des Vertragsparlamentarismus. Absprachen gilt es zu respektieren und ehrlich umzusetzen. Taktische Manöver, die andere düpieren, gehören sich nicht“ (S. 128).
Statt vieler möglicher Beispiele sollen hier drei Passagen aus dem vorliegenden Werk zitiert werden, die die Annahme, die AfD würde sich bei einer Kooperation im Sinne von „good faith und no surprises“ (S. 128) verhalten, bereits deutlich widerlegen:
„In den ostdeutschen Ländern war es ihr ohnehin schon mit jeder Wahl näher zu Leibe gerückt, besonders in Sachsen, Sachsen-Anhalt und ganz besonders in Thüringen. Im Februar 2020 war die Union im Erfurter Landtag der AfD unter Björn Höcke auf dem Leim gegangen und hatte – halb versehentlich – mit den Stimmen der AfD Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten gewählt“ (S. 95).
„Das Abstimmungsgeheimnis schützt weniger das freie Mandat […], als dass es parlamentarische Heckenschützen von der Rechenschaftspflicht entbindet. Es ermöglicht auch Finten wie die der Thüringer AfD, Thomas Kemmerich zum Kurzzeitministerpräsidenten zu wählen“ (S. 138).
„Die Thüringer Minderheitsregierung war – unter tatkräftiger Mitwirkung von Linken, SPD, Grünen und CDU – eine besonders dysfunktionale Erscheinung. Die anschließenden Landtagswahlen machten den besonders extremen Landesverband der AfD um Björn Höcke erstmals zur stärksten Kraft in einem Bundesland. Die konstituierende Sitzung des Landtags im September 2024 eröffnete der AfD-Abgeordnete Jürgen Treutler als Alterspräsident. In einer sorgfältig vom parlamentarischen Geschäftsführer Torben Braga choreografierten Aufführung demonstrierte die AfD, zu welchem Institutionenmissbrauch sie bereits als starke Minderheit willens und in der Lage ist“ (S. 149f).
Stecker legt seinen analytischen Finger in die Wunde einer immer dysfunktionaleren Koalitionsdemokratie, provoziert an einigen Stellen Widerspruch widerlegt sich teils selbst und manchmal hängt er seinem Kernargument zu stark an, formuliert aber zugleich viele kluge Ideen und Anregungen für die Lösung der strategischen und demokratietheoretischen Probleme der deutschen Demokratie.
Fazit
Das Buch von Christian Stecker „Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern: Wie flexible Mehrheiten die Demokratie stärken“ enthält kluge Diagnosen zum Zustand der deutschen (Koalitions-)Demokratie, zeigt Defekte auf und lässt sich für Lösungen von Fallbeispielen aus anderen Ländern inspirieren. Man spürt beim Lesen die „Begeisterung [des Autors] für eine Themen-Demokratie mit flexiblen Mehrheiten“ (S. 12), die jedoch teils darin mündet, dass er teils zu verbissen innerhalb dieses Korridors nach Lösungen für die Defekte der deutschen Demokratie sucht, dabei aber stellenweise grundlegende für alle Parteien verbindliche Spielregeln der Demokratie aus seiner Argumentation ausblendet. Nichtsdestotrotz wird dieses Buch für Gesprächsstoff unter Fachkollegen ebenso wie für mögliche hitzige Diskussion am politisch interessierten, belesenen Stammtisch sorgen.
[1] Vgl. Christlich Demokratische Union Deutschlands: Unsere Haltung zu Linkspartei und AfD (9.7.2026; https://archiv.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/cdu_deutschlands_unsere_haltung_zu_linkspartei_und_afd_0.pdf?file=1)
[2] Vgl. Mudde, Cas (2019): The Radical Right Today. Cambridge: Polity, Kapitel 10; Valentim, Vicente (2026): Die Normalisierung der radikalen Rechten. Über politische Präferenzen und politisches Verhalten. Wiesbaden: VS Springer, Kapitel 8; Weisskircher, Manès (2024): Introduction: German exceptionalism during the fourth wave of far-right politics. In: Manès Weisskircher (Hg.): Contemporary Germany and the Fourth Wave of Far-Right Politics. From the Streets to Parliament. London: Routledge, S. 1–18.
[3] Krause, Werner; Cohen, Denis; Abou-Chadi, Tarik (2023): Does accommodation work? Mainstream party strategies and the success of radical right parties. In: Political Science Research and Methods 11 (1), S. 172–179, hier S. 172. (Hier statt vieler)
[4] Vgl. Mannwitz, Tom; Panreck, Isabelle-Christine (2020): Systemtransformatives Potenzial im deutschen Parteiensystem: Die rechtspopulistische AfD. In: Totalitarismus und Demokratie 17 (1), S. 97–118.
[5] Levitsky, Steven; Ziblatt, Daniel (2018): Wie Demokratien sterben: Und was wir dagegen tun können. München: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 32.
[6] Mannwitz, Tom; Panreck, Isabelle-Christine (2020): Systemtransformatives Potenzial im deutschen Parteiensystem: Die rechtspopulistische AfD. In: Totalitarismus und Demokratie 17 (1), S. 97–118, hier S. 104 f.
[7] Levitsky, Steven; Ziblatt, Daniel (2018): Wie Demokratien sterben: Und was wir dagegen tun können. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
[8] Ebd., S. 117.
Rezension von
Maximilian Kreter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. in Dresden
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