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Nina Breßlein: Soziale Berufe: wertgeschätzt, aber nichts wert?

Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 19.08.2026

Cover Nina Breßlein: Soziale Berufe: wertgeschätzt, aber nichts wert? ISBN 978-3-7841-3896-1

Nina Breßlein: Soziale Berufe: wertgeschätzt, aber nichts wert? Eine Untersuchung von Nina Breßlein. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2026. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3896-1. 11,25 EUR.

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Autorin

Nina Breßlein hat einen Bachelor in Heilpädagogik und einen Master in Praxisforschung Soziale Arbeit. Sie ist als systemische Supervisorin tätig.

Aufbau

Das Buch ist eine Forschungsarbeit und entsprechend gegliedert: Forschungsfrage und Ziele, theoretischer Hintergrund, Forschungsvorgehen und Ergebnisse.

Inhalt

Die Autorin geht der Frage nach, wie Fachkräfte in der Sozialen Arbeit die gesellschaftliche Stellung ihres Berufes erleben. Existieren gemeinsame kollektive Erfahrungsbestände oder ein professioneller Habitus? Methodisch werden die Fragen mit der dokumentarischen Methode von Bohnsack und den Daten aus zwei Gruppeninterviews mit je fünf Teilnehmer*innen beantwortet.

In der theoretischen Auseinandersetzung wird zunächst anhand struktureller Themen aufgezeigt, dass eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung des Berufes mit dem überproportional hohen Anteil an Frauen korreliert. Hinzukommt, dass gesellschaftliche Deutungsmuster den Fachkräften zwar eine hohe intrinsische Motivation und moralische Integrität zuschreiben, ohne die vorhandene fachliche Expertise wirklich wahrzunehmen. Dies führt dazu, „dass soziale Fachkräfte ihre Arbeit in der Öffentlichkeit häufiger erklären müssen, da gesellschaftlich verbreitet noch immer die Annahme besteht, Soziale Arbeit könne jede*r leisten und erfordere kein spezifisches Fachwissen“ (12). Dabei sind die Anforderungen in der Sozialen Arbeit in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Die Diskrepanz zwischen der wahrgenommen gesellschaftlichen Anerkennung und der fachlichen Komplexität beeinflusst die Motivation, Berufsidentität und das berufliche Handeln der Fachkräfte (13). Anschließend werden drei Anerkennungsformen in Anlehnung an Honneth unterschieden: die emotionale Zuwendung in der Liebe und in der Familie, die rechtliche Anerkennung und die soziale Wertschätzung als Solidarität und in der Wirtschaft. Es wird darauf hingewiesen, dass in westlichen Gesellschaften die Anerkennung fast ausschließlich über monetären Erfolg erlangt wird. Damit erfährt im beruflichen Kontext nur noch ein kleiner werdender Kreis an Menschen tätigkeitsbezogene Anerkennung (18).

Im nächsten Kapitel wird das Thema aus Sicht der Fachkräfte empirisch untersucht. Der Fokus liegt dabei auf der Wahrnehmung der Fachkräfte, was die gesellschaftliche Anerkennung betrifft und wie sich diese auf die eigene berufliche Identität und das berufspolitische Handeln auswirkt. Um die Auswirkungen theoretisch zu fassen, wird auf das Konzept des Habitus von Bourdieu zurückgegriffen. Damit kann aus Sicht der Autorin im weiteren Verlauf auch die Auswahl der Forschungsmethode begründet werden. „Zentraler Gegenstand dokumentarischer Interpretation ist der Orientierungsrahmen, den Bohnsack weitgehend mit dem Habitus gleichsetzt“ (21). Es wurden zwei Gruppen interviewt:

  • eine Gruppe mit fünf Studierenden eines Masterstudiengangs und
  • eine Gruppe mit fünf Fachkräften mit Praxiserfahrung.

In den Interviews und deren Auswertung spiegelt sich die eingangs beschriebene Diskrepanz der fehlenden Anerkennung und der damit verbundenen Falschzuschreibungen auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem fachlich, professionellen Anspruch und dessen Umsetzung im beruflichen Alltag wider. Es fällt auf, dass sich die Studierenden von den gesellschaftlichen Zuschreibungen distanzieren, während die Fachkräfte unter der fehlenden Anerkennung leiden. In beiden Gruppen führt dies dazu, dass Streik, Organisation und politisches Engagement keine realistische Handlungsoption darstellen (43). „Obwohl die Notwendigkeit von Organisation und politische Handeln benannt wird, verschiebt sich die Frage der Zuständigkeit im weiteren Verlauf zunehmend nach außen. Kollektive Organisation wird als notwendig erkannt, erscheint jedoch nicht als eigene Handlungsperspektive“ (48). Ähnlich perspektivlos werden die Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf die Bezahlung und die Rahmenbedingungen eingeschätzt (45). Es werden eher individuelle Entscheidungs‑ und Abwägungsprozesse umgesetzt.

Da auch eine angemessene monetäre Anerkennung fehlt, verharren die Betroffenen in einer „Anerkennungskrise“ (55). Es bleibt ein Habitus der Resignation. Die Krise und dem resignativen Umgang damit beschreibt die Autorin auch in ihrem Resümee. Für sie wird deutlich: „Langfristig erscheint eine strukturelle Aufwertung sozialer Berufe – etwa in Form verbesserter Vergütung, klarer beruflicher Entwicklungsperspektiven und einer stärkeren politischen Interessenvertretung – als zentrale Voraussetzung, um gesellschaftliche Anerkennung zu fördern und die Attraktivität des Berufsfeldes nachhaltig zu stärken“ (58). Ohne diese Maßnahmen wird sich der Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit nicht abbauen lassen.

Diskussion

Das Buch greift ein permanent akutes Thema der Sozialen Arbeit empirisch auf. Die fehlende bzw. ambivalente Wertschätzung der Gesellschaft als Ganzes, der Politik und der Arbeitgeber ist anscheinend immer wieder und immer noch relevant.

Die qualitative Gruppenbefragung mit zwei Gruppen und jeweils fünf Teilnehmer*innen ist überschaubar und liefert nicht viele neuen Erkenntnisse. Spannend zu lesen und empirisch dokumentiert, dass die Fachkräfte zwar die fehlende Anerkennung und deren Ursachen beschreiben können, aber aufgrund des Arbeitsdrucks im beruflichen Alltag keinen Weg einer Beteiligung an einer Lösung sehen. Hier wird eine fehlende Selbstfürsorge in der Sozialen Arbeit sichtbar. Immer für das Klientel und deren Sorgen offen, aber die eigenen Probleme nicht zu bearbeiten.

Der Grad der Organisation der Sozialen Arbeit im Berufsverband und den Gewerkschaften überstieg in den letzten Jahrzehnten nicht den unteren einstelligen Prozentbereich. Damit lässt sich in der Politik keine gezielte Lobbyarbeit machen. Offensichtlich wurde dies in den Ergebnissen der Tarifverhandlungen und den damit verbundenen Streiks. Allein die Erzieher*innen erzielten in diesem Jahrhundert maßgebliche Einkommenszuwächse, die in der Sozialen Arbeit blieben bescheiden. Soziale Arbeit bleibt der am schlechtesten bezahlte akademische Studienabschluss. Und bei der rechtlichen Anerkennung kämpft die Berufsgruppe schon seit Jahren darum, dass ihr ein Zeugnisverweigerungsrecht wie den Ärzten, Theologen oder Juristen zugestanden wird. Bisher ohne erkennbare Erfolgsaussichten.

Fazit

Die Forschungsarbeit ist interessant für Studierende, Lehrende und Praktiker, die sich mit der Auswirkung der Anerkennung sozialer Berufe auseinandersetzen wollen. Sie finden hier empirisches Material, die die Anerkennung aus Sicht der Fachkräfte beschreibt.

Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Es gibt 57 Rezensionen von Winfried Leisgang.

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ISSN 2190-9245