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Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt: Wirklich psychisch bedingt?

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 06.07.2026

Cover Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt: Wirklich psychisch bedingt? ISBN 978-3-608-40184-4

Ulrich Lamparter, Hans Ulrich Schmidt:Wirklich psychisch bedingt? Somatische Differenzialdiagnosen in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2025. 639 Seiten. ISBN 978-3-608-40184-4. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.

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Herausgeber und Autor:innen

Prof. Dr. med. Ulrich Lamparter, Diplompsychologe und Psychoanalytiker, ist nach langjähriger Tätigkeit an der Abteilung für Psychosomatische Medizin des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf jetzt niedergelassen. Seit 2008 gibt er die Zeitschrift „Forum der Psychoanalyse“ mit heraus; er ist Autor bzw. Herausgeber zahlreicher Publikationen u.a.: Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms (1943) und ihre Familien, mit Silke Wiegand-Grefe, Dorothee Wierling, Göttingen: 2013

Prof. Dr. med. Hans Ulrich Schmidt studierte zunächst Klavier und Musiktherapie, später Medizin. Als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin hatte er die ärztliche Bereichsleitung Psychosomatik im Ambulanzzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf inne. Er lehrt Musiktherapie am Leopold Mozart College of Music und an der Universität Augsburg und betreibt eine Privatpraxis für Psychotherapie in Hamburg. Er hat vielfach publiziert, häufig in Zusammenarbeit mit Ulrich Lamparter.

Es gibt vierzig Mitautor:innen: PD Dr. med. Marcus Oliver Ahlers, Prof. Dr. med. Christian Arning, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Beil, Dr. med. Alexandra Bussopulos-Orpin, Dr. med. Uta Fendel, Prof. Dr. med. Oliver Fricke, PD Dr. med. Mathias Gelderblom, Thomas Haalck, Prof. Dr. med. Hans Christian Hansen, Prof. Dr. med. Sigrid Harendza, PD Dr. med. Michael Hölzer, Dr. med. Matthias Janneck, PD Dr. med. Christof Iking-Konert, Prof. Dr. med. et phil. Horst Kächele+, Dr. med. Thomas Kahlert, Prof. Dr. med. Uwe Kehler, Dr. med. Andreas Klinge, PD Dr. med. Hans Klose, Dr. med. Ingo Krenz, Dr. med. Thomas Marte, Dr. med. Tomas Müller-Thomsen, Dr. med. Fritz Reinecke, Prof. Dr. med. Matthias Rose, Dr. med. Andreas Sadjiroen, Dr. med. Helmut Schaaf, Dr. med. Hanno Scherf, Dr. med. Stefan Schmiedel, PD Dr. med. Daniel Schöttle, Prof. Dr. med. Julian Schulze zur Wiesch, Prof. Dr. med. Ulrich Schutz-Venrath, Prof. Dr. med. Carster Spitzer, PD Dr. med. Strenge, PD Dr. med. Henrik Suttmann, Prof. Dr. med. Karsten Sydow, Dr. rer. biol. Natalie Uhlenbusch, Cosima Vieth, Prof. Dr. med. Andreas De Weerth, Prof. Dr. med. Klaus Wiedemann, Prof. Dr. Eberhard Windler, Dr. med. Christapher Wirtz mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Christian Gerloff, ÄD des UKE

Entstehungshintergrund

Über lange Zeit wurden psycho-somatische Zusammenhänge auch der sogenannten körperlichen Erkrankungen nicht anerkannt. Pioniere wie Viktor von Weizsäcker (1886–1956) oder Thure von Uexküll (1908–2004) entwickelten eine anthropologische (bzw. integrierte) Medizin, in der menschliche Sinnerfahrung und psychodynamische Bedeutung von Krankheiten Berücksichtigung fanden. Anders war es in den USA, wo für die psychosomatischen „Holy Seven“ von Franz Alexander (1950) eine strikte Psychogenese angenommen wurde. Spätestens seit der Entdeckung der Verursachung von Magengeschwüren durch das Bakterium Helicobacter pylori und der Widerlegung von Konzepten wie die „kanzerogene Persönlichkeit“ gilt die psychoanalytische Psychosomatik bei vielen Mediziner:innen als überholt. Jedoch auch die integrierte Medizin steht in der Krise, seitdem Long Covid-Patient:innen die Anerkennung ihres Leidens „Fatigue“ als ausschließlich biologisch verursacht fordern und die psychosomatischen Grundkonzepte von Vertretenden einer molekularbiologisch und genetisch orientierten Medizin als obsolet betrachtet werden. Die Autor:innen hinter Lamparter und Schmidt setzen sich mit dieser Problematik auseinander und machen darauf aufmerksam, dass auch die psychosomatische Medizin in einem Legitimationskonflikt steht, der sich auch nach somatischer Ausschlussdiagnostik fortbesteht.

Inhalt

Allgemeiner Teil

1. Der Begriff »psychogen« als diagnostischer Fehler

(Lamparter/Schmidt)

Beide Autor:innen blicken auf eine profunde publizistische Zusammenarbeit von mehr als 25 Jahren zurück. Es eint sie das Anliegen, die psychosomatische Medizin besser empirisch zu begründen und gegenüber der somatischen Medizin offen zu halten. Die Zusammenarbeit mit psychotherapeutisch interessierten Somatiker:innen entspricht einem besonderen Weg im psychotherapeutischen Mainstream. Bisher wurde der klinischen Medizin eher vorgeworfen, sie gebe Patient:innen erst an die Psychosomatik ab, wenn ihr nichts mehr einfiele – diese These ist hier gewendet: Psychosomatiker:innen fragen sich, ob sie nicht zuweilen vorschnell Patient:innen annehmen, die besser in einem somato-psychischen Setting behandelt werden müssten. Für das Fach als solches wäre dadurch eine bessere Ergebnisqualität erreichbar; nicht erwähnt wird in diesem Zusammenhang jedoch, dass wohl mehr als 80 % der Behandler:innen andere Grundberufe als den ärztlichen haben. Für diese wäre nur eine konsiliarische Untersuchung zielführend, die den Namen wirklich verdient. Die behandelnde Ärztin müsste den Patienten gründlich untersucht haben, bevor sie sich äußert. Diese Untersuchung müsste vor allem diejenigen angemessen vergüten, die die Patient:innen überhaupt erst kennen lernen, um den Konsiliarbericht zu schreiben. [1] Die Fehldiagnose des psychotherapeutischen Behandlers bezeichnen die Autorinnen als »psychogenen Fehler«. Das geschieht jedoch m.E. zu unkritisch, denn gerade schwer erkrankte Patientinnen benötigen eine Psychotherapie entweder zur Krankheitsbewältigung – oder aber psychogene Faktoren sind beteiligt am Krankheitsgeschehen. Gerade onkologische Patientinnen (die somatische Genese wird hier von niemandem bestritten) steigern ihre Lebensqualität und vielleicht auch die Lebensdauer, wenn sie psychoonkologisch mitbehandelt werden (vgl. Siedentopf 2016).

2. Fehldiagnosen in der Psychotherapie – eine Fallgeschichte

(Kächele/Hölzer)

Prof. Dr. med. Horst Kächele ist nicht nur der Nestor der empirischen Psychotherapieforschung in Deutschland und einer der renommiertesten weltweit, sondern er stand als einer der wenigen für eine transparente Fehlerkultur in seinem Fach ein (allerdings erst jenseits der aktiven Berufstätigkeit). Der Bericht über einen zunächst nicht bemerkten somatischen Befund (Neurolues) und den daraus resultierenden Behandlungsfehler und den daran anschließenden Briefwechsel mit dem Patienten lässt uns aktive Kolleg:innen vielleicht beschämt zurück; zugleich ist zu fragen, wie ein nichtärztlicher Psychotherapeut eine solche Situation erkennen sollte, wenn ein Universitätsprofessor mit neurologischer Expertise darin fehlging. Die meisten von uns haben einen Patienten mit der beschriebenen Störung nie zu Gesicht bekommen.

Die Vorschläge zu Qualitätssicherung und Fehlerkultur bleiben ungeachtet dieses Einwands sehr beachtenswert. Nur lassen sie sich im heutigen Versorgungssystem praktisch kaum umsetzen; wenn, dann in einer hochspezialisierten Uniklinik, in der Ärzt:innen in die psychosomatische Versorgung integriert sind, z.B. im Sinn eines neurologischen Konsiliar‑ und Liaisondienstes. Im viel gescholtenen NHS oder in skandinavischen Ländern, die sich sogar Krankenpflegepersonal in Schulen leisten, mag dies eher realistisch sein.

3. Spezieller Teil

Dieser Abschnitt ist erkennbar an ärztliche Berufskolleg:innen adressiert und zugleich für nichtärztliche Psychotherapeut:innen relevant. Es ist keineswegs banal, davon Kenntnis zu haben, dass sich hinter einer Ticstörung auch ein Hirntumor verbergen kann, der auch bei leitliniengerechter Psychotherapie nicht besser wird. In diesem Abschnitt des Buchs werden nicht nur viele klinisch relevante Symptome, Syndrome, aber auch psycho-somatisch imponierende, primär somatische Krankheitsbilder vorgestellt. Der praktische Umgang mit diesen Einsichten bleibt dennoch schwierig. Eine gründliche fachärztliche Untersuchung vor Beginn der Psychotherapie würde z.B. nicht nur hohe Kosten verursachen, sondern auch die langen Wartezeiten vermutlich noch verlängern.

Diskussion

Der Text kann gelesen werden als eine reflektierte Kritik an der psycho-somatischen Krankheitslehre und Medizin aus psychodynamischer Perspektive. Während der allgemeine Teil systematisch Fehlerquellen untersucht und Möglichkeiten aufzeigt, solche Fehlleistungen zu vermeiden, werden im speziellen Teil für vielfältige Syndrome und Krankheitsbilder, besonders für solche, die häufig psychosomatisch gedeutet werden, somatische Erklärungen gegeben. Einige der zugrunde liegenden Fälle sind solche, die in der Praxis vorgefallen sind, einige davon mit tragischem Ende. So beschreibt Prof. Horst Kächele einen Fall aus seiner Praxis, bei dem der Patient letztlich an den Spätfolgen einer Infektionskrankheit starb. Im 41. Lebensjahr hatte er eine psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeit für seine chronischen Kopfschmerzen gesucht und im Verlauf die subjektiv nicht hilfreiche Behandlung zunehmend depressiv abgebrochen. Eine heute selten gewordene neurologische Spätfolge der Syphilis wurde erst (zu) spät diagnostiziert. Er führte einen Briefwechsel mit Kächele, der ihm empathisch antwortet und seine Anteilnahme bekundete. Das Beispiel ist sicher lehrreich, verweist aber auf ein Dilemma. Alle nichtärztlichen psychotherapeutischen Fachleute unterziehen ihre Patient:innen dem sogenannten Konsiliarverfahren, bei dem eine Ärztin oder ein Arzt gezielt nach somatischen Ursachen fahndet, die die psychische Störung erklären könnten. So ein Konsil kann auch im Verlauf der Behandlung wiederholt werden, falls sich Anhaltspunkte für eine somatische Erkrankung ergeben.

Praktisch geschieht das sehr selten. In unserem versäulten und zu wenig vernetzten Gesundheitswesen ist es nur unter Überwindung von erheblichen logistischen Schwierigkeiten möglich, jedenfalls eher nicht vorgesehen. Gleichsam kann natürlich ein selbstbewusster, reflektierter Patient neben einer Psychotherapie auch weitere neurologische Diagnostik betreiben lassen; auch das geschieht nur sehr selten. Idealfall wäre eine ärztliche Person, die nicht nur therapeutisch hervorragend, sondern auch in der somatischen Diagnostik auf der Höhe der Zeit ist. In der Realität wird es so jemanden kaum geben. [2] Noch weniger Aussichten, diesem Dilemma zu entgehen, haben die Patient:innen von psychologischen Psychotherapeut:innen und von Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut:innen. Ihr medizinisches Wissen geht über Laienniveau meist nicht wesentlich hinaus. Aussichtsreicher ist der Versuch, den Michael Balint in den 50er Jahren in London begann. In regelmäßigen Gruppentreffen arbeiteten somatische Mediziner:innen, vor allem Hausärzt:innen, mit einer psychotherapeutisch gut ausgebildeten Gruppenleitung an ihren Beziehungsproblemen mit schwierigen Patient:innen. In dieser manchmal jahrelangen Arbeit gewinnen die Ärzt:innen immer mehr psychodynamische Kompetenzen und überwinden sukzessive ihre blinden Stellen und damit eventuell auch ihre diagnostische Bias.

Auch wenn die Problematik, der sich das Buch widmet, schwer zu überwinden ist, muss doch der Versuch zur Quadratur des Kreises ausdrücklich anerkannt werden. Ich wäre als psychotherapeutischer Lehrer schon sehr zufrieden, wenn Kolleg:innen unmittelbar einsehen könnten, dass systemische, kognitiv-behaviorale und psychodynamische Perspektiven kein Ausweis von Überlegenheit, sondern ein unterschiedliches Fallverständnis begründen. Dass Menschen auch einen Körper haben, der Krankheiten hervorbringen kann, auch bei achtsamster Behandlung und emotionaler Wertschätzung, sollte keiner elaborierten Beweisführung bedürfen. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein, dass Psychotherapien auch negative Folgen haben können, deutlich gewachsen, das ist aber ein Aspekt, den der Text nur am Rande streift.

Fazit

Das Buch von Lamparter und Schmidt ist eine große Leistung. Die Autor:innen legen den Finger in eine offene Wunde des Versorgungssystems. Ich wünsche ihnen eine große Leserschaft in allen Gesundheitsberufen.

Literatur

Michel Balint (1954 dt. 2001): Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. 10. Auflage, Stuttgart: Klett-Cotta

Enid Balint, J. S. Norell (Hrsg., 1977): Fünf Minuten pro Patient. Eine Studie über die Interaktionen in der ärztlichen Allgemeinpraxis. Frankfurt: Suhrkamp

Peter Henningsen (2025): Die neue Psychosomatik der Körperbeschwerden. Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung & Co. besser verstehen und behandeln, Stuttgart: Klett-Cotta

Friederike Siedentopf (2016): Integration psychosomatischer Aspekte in die medizinische Behandlung. In C. Diegelmann, M. Isermann: Ressourcenorientierte Psychoonkologie. Psyche und Körper ermutigen, Stuttgart: Kohlhammer

Thure von Uexküll, Wolfgang Wesiack (1998): Theorie der Humanmedizin. Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns, 3., völlig überarbeitete Auflage, München: Urban & SchwarzenbergThure von Uexküll (1979/2000): Psychosomatische Medizin (4. Auflage), München: Urban & Schwarzenberg


[1] Nach meiner Erfahrung aus 25 Jahren Praxis, füllen manche der beauftragte Ärzte den Konsiliarbericht so aus, dass sie die Diagnosen die sie auf dem Überweisungsschein der Psychotherapeut:in finden einfach in den Konsiliarbericht übernehmen. Nur weniger als 10 % äußern sich differenziert zum somatischen Zustand der Patient:innen

[2] Im deutschen KV-Recht, kann ich auch nur für ein Fach zugelassen werden. Niedergelassene Fachärzte für ein somatisches Fach und Psychotherapie gibt es zwar aber nur sehr wenige führen beide Disziplinen auf hohem Niveau.

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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Es gibt 50 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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ISSN 2190-9245