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Michael Klöpper, Wolfgang Mertens: Emotionsbasierte psychodynamische Psychotherapie

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 04.08.2026

Cover Michael Klöpper, Wolfgang Mertens: Emotionsbasierte psychodynamische Psychotherapie ISBN 978-3-608-98933-5

Michael Klöpper, Wolfgang Mertens: Emotionsbasierte psychodynamische Psychotherapie. Emotional begreifen, psychodynamisch denken und intersubjektiv arbeiten. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2026. 272 Seiten. ISBN 978-3-608-98933-5. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

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Thema

Michael Klöpper verzichtet darauf, seine Behandlungstheorie einer emotionsbasierten psychodynamischen Psychotherapie psychoanalytisch zu nennen. Wolfgang Mertens, einer der (Groß-)Theoretiker des Fachs (lange Prof. an der LMU), rät ihm aber zu: Ja, auch das sei Psychoanalyse.

Klöppers Konzept steht unbeirrt in der Tradition der Selbstpsychologie Heinz Kohuts, er ist einer seiner wichtigsten deutschsprachigen Protagonisten, was eben auch heißt, er lehnt die Freudsche Triebtheorie ab und ersetzt sie durch eine moderne neurobiologisch fundierte Motivationstheorie, die weitgehend auf Jaak Panksepp basiert. Die Säuglings‑ und Bindungstheorie, auf die er sich ebenso bezieht, gründet sich auf Lichtenberg und andere, bei uns ist vor allem Martin Dornes ihr streitbarer Vorreiter gewesen. Der relationalen Psychoanalyse in der Lesart Stephen Mitchells, in Deutschland gehören auch Michael Buchholz und Ulrich Streeck zu dieser Perspektive, entstammt die Vorstellung vom Primat der Beziehung. Daniel Stern und die Boston Change Process Study Group (BCPSG), als bedeutendste Vertreter der intersubjektiven Psychoanalyse, werden von Klöpper als Fortentwicklung der Selbstpsychologie verstanden, und die Londoner Gruppe um Peter Fonagy, also die Vertreter:innen der Bindungstheorie und sich an ihr angelehnten mentalisierungsbasierten Psychotherapie, sind wissenschaftstheoretische Verwandte.

Das Buch kann als anwendungsbezogenes Lehrbuch für Psychotherapeut:innen in Ausbildung verstanden werden.

Autor

Michael Klöpper, Dr. med., Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (DGPT). Ist Gründungsvorsitzender, Lehranalytiker, Dozent und Supervisor an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg (APH), viele Jahre Mitglied des wissenschaftlichen Leitungsteams der Psychotherapiewochen auf Langeoog. Er ist produktiver Autor einschlägiger Fachbücher (Die Dynamik des Psychischen, 3. Aufl. 2026, Emotional-Reflexiv-Implizit, 2023).

Entstehungshintergrund

Nachdem die Selbstpsychologie im Gefolge Heinz Kohuts und die relationale Psychoanalyse in der Tradition Stephen Mitchells mit der triebpsychologischen Metapsychologie im Gefolge Freuds schon in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts brach, entwickelte sich seit den 90er Jahren eine neue psychodynamische Psychotherapie durch die Integration der Säuglingsforschung, der Bindungstheorie, aktueller Erkenntnisse in der Neurobiologie sowie durch die intersubjektive Wende der Psychoanalyse. Neue Ergebnisse der Psychotherapieprozessforschung belegten die Evidenz dieser Verfahren, wenngleich das in der klinischen Theorie nicht so repräsentiert ist, wie man vermuten könnte. In der neoklassischen Psychoanalyse werden wichtige Begriffe heute eher in einem metaphorischen Sinn gebraucht. Auch wenn Bions Anhänger der Patientin ohne Wunsch und ohne Erinnerung begegnet, verläuft die klinische Praxis erwartbar.

Der Autor dieses spannenden Fachbuchs macht nun aber wirklich ernst und entwickelt für die Psychoanalyse und die dynamische Psychotherapie eine empirische Fundierung, vor allem, was die klinische Theorie und die Behandlungspraxis angeht. Gelegentliche Rückgriffe auf Freud zeigen, dass seine Texte mit Gewinn neu interpretiert werden können, alte Zöpfe wie die triebpsychologische psychoanalytische Entwicklungslehre, die sich darauf gründende Theorie der Neurosenentstehung, werden überwunden. Die traditionelle psychoanalytische Behandlungstheorie, wenn sie nicht mehr in Einklang mit dem aktuellen Stand der empirischen Forschung zu bringen sind. (So etwa das Liegen auf der Couch, die 4. oder gar 5-stündige Frequenz, die strenge analytische Abstinenz, die Verachtung empirischer Befunde aus den Nachbardisziplinen) wird verworfen und durch ein Konzept ersetzt.

Aufbau/​Inhalt

In 11 Kapiteln fasst Klöpper die Essentials seiner entwicklungspsychologischen Fundierung zusammen

Erste Entwicklungsschritte des Kindes

Über angeborene Prinzipien der Selbstorganisation seiner Struktur, über angeborene Fähigkeiten, Kontingenzen (Verknüpfungen von Ereignissen) zu entdecken, über eine primäre Aktivität, ausgehend von primären Affekten, über das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit sowie über die Fähigkeit zur Bindung.

Hier sehen wir das Modell der „kompetenten“ Säuglings beschrieben, wie er etwa auch von Stern, Lichtenberg oder Dornes verstanden wird, im Unterschied zur klassischen psychodynamischen Entwicklungstheorie, die den Säugling für autistisch hält. Während die gesamte psychoanalytische Entwicklungstheorie und wichtige Teile der Metapsychologie auf die Entwicklung der psychosexuellen Stufen (oral, anal, phallisch und ödipal) zurückgeht, beschreibt Klöpper ein somatopsychisches und psychosomatisches Modell, das von Anfang an interpersonell begründet ist. Durch das markierte affektive Spiegeln entsteht ein immer mehr ausdifferenziertes Selbst (vgl. Winnicott (1967), Fonagy & Target (2003)), aus dem wiederum das epistemische Vertrauen als Voraussetzung der sicheren Exploration der Welt und der zwischenmenschlichen Beziehungen erwächst (Fonagy 2015).

Das Selbstsystem – Ein emotionales Funktionssystem

Die Abkehr vom triebpsychologischen Denken führt bei Klöpper zu einem dynamischen Motivationssystem im Gefolge von Panksepp (1998), wie es im Bereich der Selbstpsychologie erstmals von Lichtenberg et al. (2000) formuliert wurde. Ausgehend von 7 emotionalen Systemen: Seeking, Lust, Care, Play, Fear, Rage/Anger, Sadness/​Panic, aus denen vier Sekundärbedürfnisse Lust, Fürsorge, Spiel und soziale Dominanz hervorgehen, entwickelt er ein, wie er es nennt, neurobiologisches Motivationssystem, aus dem wiederum eine empirisch begründete Konfliktpsychologie abgeleitet werden kann. Das duale Triebkonzept wird damit überflüssig, die klinischen Konsequenzen halten sich jedoch in Grenzen.

Psychotherapie

Was für die Entwicklung gilt, setzt sich fort im interpersonellen Konzept der Entwicklung in der Psychotherapie. Die Deutung unbewusster Konflikte tritt dabei in den Hintergrund, vielmehr hat die Therapeutin einen ähnlichen Beitrag wie die Pflegeperson (eines Kindes) zur Verfügung zu stellen. In der Gegenübertragung erfasse die Therapeutin – zumindest partiell – das in der Kindheit erworbene implizite Beziehungswissen. Dass Psychotherapeut:innen implizit wirksam werden, geschehe aufgrund der angeborenen Prinzipien der Organisation des Selbst »von allein«.

Die Voraussetzung dieser Prozesse beschreibt Klöpper abschließend als „die Basics der Praxis der psychodynamischen Psychotherapien.

Was wollen wir erreichen?

Der therapeutische Dialog beziehe die Kraft seines Voranschreitens daraus, dass zwei Elemente der therapeutischen Arbeit gleichwertig nebeneinanderstehen: „die intersubjektive Beziehung, in der zwei emotionale Welten miteinander in Kontakt treten, miteinander vertraut und verbunden werden und einander zunehmend implizit erfassen, sowie die psychisch-reflexive Arbeit, die beide im gemeinsamen Dialog leisten. Aus dieser gemeinsam geteilten, prozesshaft wiederholten Arbeit entsteht die implizite Wirkkraft der psychodynamischen Psychotherapie.“ (Klöpper 2023, S. 196)

Die emotionsbasierte Arbeit

In Klöppers Modell vom therapeutischen Dialog, bei dem dem Therapeuten die Aufgabe zufällt, mittels Achtsamkeit, Symbolisieren, Mentalisieren und Kontextualisieren die Beziehung, Übertragung und Gegenübertragung im Kontext zu kommunizieren.

Der Patientin falle die Aufgabe zu, Psychisches in sich wahrzunehmen, zu symbolisieren und zu reflektieren, um es auf diese Weise in das Selbst-System zu integrieren und zu repräsentieren, d.h. es zu neuen Zeit‑ und Sinnzusammenhängen und zu bildhaft-szenischen Vorstellungen im Lebenskontext zusammenzufügen.

Die psychodynamische Arbeit

Im therapeutischen Dialog werde das mikroepisodische Geschehen während der Sitzung vom Therapeuten, im Entstehen-Lassen von Resonanzphänomenen und Gegenübertragung sowie in der Haltung der achtsamen Wahrnehmung erfasst und symbolisiert (=Holding) und zur Mentalisierung vorbereitet (Containment). Der Prozess der Mentalisierung erfolge in zwei Schritten, dem Auftauchen-Lassen von Assoziationen, Fantasien und Erinnerungen (=Reverie=Mentalisierung im Als-ob-Modus) und der an Beziehungskontexten orientierten Reflexion. Es folgen 5 weitere Rubriken sehr verdichteter Handlungsanleitungen, die sich aus den ersten 6 Kapiteln ableiten lassen. Gemeinsamkeiten mit der „Boston Change Process Study Group“ sind augenfällig.

»Entscheidend aber – und das ist in der emotionsbasierten Psychotherapie gegenüber der Arbeit auf der Basis der Triebtheorie neu – ist die Möglichkeit, dass mithilfe dieses Ansatzes emotionales Erleben auf der Grundlage des sieben Systeme der Basisemotionen gezielt bearbeitet werden kann…Diese psychotherapeutische Arbeitsweise hat für Patent:innen nicht nur eine zunehmende Veränderung in ihrem Erleben von Lebendigkeit zur Folge, indem sie im therapeutischen Geschehen kontinuierlich neue emotionale „Spektralfarben“ ihrer Basisemotionen entdecken, sondern indem sie darüber hinaus eine Reifung ihrer emotionalen Kompetenz erfahren.« (S. 225)

Diskussion

Klöpper zeigt auf, dass nicht nur die Deutung der Übertragung und der hier verorteten Konflikte therapeutisches Potenzial entfalten können, sondern vielleicht sogar in größerem Ausmaß die implizite Begegnung, in der unbewusst kodierte Beziehungserfahrungen auf dem Wege der Affektkommunikation miteinander in Austausch treten. Diese intersubjektiven (impliziten) Erfahrungen, die in Gegenwartsmomenten vertieft und geteilt werden, haben einen anderen therapeutischen Effekt als Deutungen, sie erweitern das implizite Beziehungswissen sowohl des Therapeuten wie der Patientin.

Die in den letzten Jahren sehr in den Vordergrund getretene Unterscheidung zwischen Struktur‑ und Konfliktpathologie mit jeweils unterschiedlichen behandlungstechnischen Pfaden scheint in der intersubjektiven Therapie weniger wichtig zu sein, allerdings steht die strukturbezogene Arbeit, wie sie etwa Rudolf schildert, der intersubjektiven Therapie viel näher, steht doch die Intervention des markierten Spiegelns, ursprünglich aus der mentalisierungsbasierten Therapie stammend, der intersubjektiven Therapie viel näher als etwa die Konzepte aus der übertragungsfokussierten Therapie Kernbergs.

Die therapeutische Arbeit ähnelt mit Stern einem gemeinsamen Vorangehen, bei dem es zur affektiven Aufladung von Gegenwartsmomenten kommt. Gelingt die Regulierung der impliziten Beziehung nicht mehr und es kommt zu einer Zuspitzung, die als Now Moment bezeichnet wird (Stern 2002). Diese Now Moments führen zu einer affektiven Aufladung des interpersonellen Raums, die von den Beteiligten als Augenblicke der Veränderung erlebt werden.

Hätte jemand die Befürchtung, dass psychodynamische Psychotherapie zwangsläufig veralten und aus dem Kontext der evidenzbasierten Therapien fallen könnte, so widerlegt Michael Klöpper diese Befürchtungen glänzend. Sie bedürfen keiner Revision in Anpassung an die evidenzbasierte Mainstreamwissenschaft, sondern einer zeitgenössischen Lesart, die den kritischen Stachel der Triebtheorie würdigt. Psychoanalyse und dynamische Psychotherapie sollten argumentationszugänglich bleiben und aufhören, sich gegen jede Kritik zu immunisieren. Was Klöpper et al. für die Formulierung einer zeitgenössischen klinischen Theorie und Behandlungstechnik leisten, ist beispielhaft, kommt aber ohne die gesellschaftliche Dimension der Psychoanalyse nicht aus.

Tatsächlich zeigen die Fallstudien aber auch, wie ein kreativer Umgang mit zum großen Teil schwer gestörten und teilweise chronisch traumatisierten Menschen geleistet werden kann. Hier sehen wir keine Selektion von leicht erkrankten sozial besser Gestellten, wie der Psychotherapie von der Psychiatrie gern vorgeworfen wird.

Fazit

Das Buch von Michael Klöpper ist eine ausgezeichnete Einführung in die relationale Psychotherapie aus intersubjektiver Perspektive. Auch Therapeut:innen anderer Orientierung würden davon profitieren, wenn sie sich mit den Konsequenzen des intersubjektiven Paradigmas auseinandersetzen.

Literaturverzeichnis

Martin Altmeyer und Helmut Thomä (Hrsg. 2006): Die vernetzte Seele. Die Intersubjektive Wende in der Psychoanalyse Stuttgart: Klett-Cotta

Jessica Benjamin (1988): Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Frankfurt am Main: Stroemfeld/​Nexus, 2004

Psychodynamik Stuttgart: Klett-Cotta

Michael B. Buchholz und Horst Kächele (2019): Verirrungen in der bundesdeutschen Diskussion. Eine Polemik in Psychotherapeutenjournal 2/2019

Peter Fonagy, Mary Target (2003): Psychoanalyse und die Psychopathologie der Entwicklung. Klett-Cotta, Stuttgart

Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist, Mary Target (2002): Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta

Michael Klöpper (2006): Reifung und Konflikt Säuglingsforschung, Bindungstheorie und Mentalisierungskonzept in der tiefenpsychologischen Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta

Michael Klöpper (2014): Die Dynamik des Psychischen. Praxishandbuch für das Verständnis der

Michael Klöpper (Hg. 2023): Emotional – Reflexiv – Implizit. Wie wir in psychodynamischen Prozessen wirksam werden. Stuttgart: Klett-Cotta

Joseph D. Lichtenberg, Frank M. Lachmann, James L. Fosshage (2000): Das Selbst und die motivationalen Systeme, Frankfurt: Brandes & Apsel

Jaak Panksepp (1998): Affectiv neuroscience. The foundation of human and animal emotions, New York: Oxfort University Press

Stern, D.N. & The Boston Change Process Study Group (2002). Nicht-deutende

Mechanismen in der psychoanalytischen Therapie. Das „Etwas-Mehr“ als Deutung. Psyche – Zeitschr. f. Psychoanal, 56, 974–1006.

Daniel Stern (2005): Der Gegenwartsmoment. Frankfurt: Brandes & Apsel

Daniel Stern, The Boston Change Process Study Group (2012): Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma. Frankfurt: Brandes und Apsel

Robert D. Stolorow, Bernard Brandchaft, George E. Atwood (1996): Psychoanalytische Behandlung. Ein intersubjektiver Ansatz. Frankfurt am Main: Fischer (Original: Psychoanalytic Treatment. An Intersubjective Approach. Hillsdale/New Jersey: The Analytic Press, 1987).

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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Es gibt 52 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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ISSN 2190-9245