Ulrich Sollmann: Genau geschaut
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.07.2026
Ulrich Sollmann: Genau geschaut. Psychologie des Autoritarismus. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2026. 186 Seiten. ISBN 978-3-8497-0649-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit
Wahrnehmen, Beachten, Schauen und Handeln, das sind Eigenschaften und Tätigkeiten, die im alltäglichen Prozess des Daseins meist automatisch und gewohnheitsgemäß sich vollziehen. Es sind Aufforderungen zum Denken und zum Paradigmenwechsel. Genaues Schauen ist Kompetenz und Fähigkeit zu einem guten, gelingenden, menschenwürdigen Leben [1]. Die US-amerikanische Philosophin Martha Craven Nussbaum setzt sich mit dem gefühlsbetonten, emotionalen Denken und Handeln der Menschen auseinander. Wenn Emotionen mehr sein sollen als nicht steuerbare und nichtbeeinflussbare Gemütsbewegungen, die Willkür, Macht, Gewalt und momentane Verhaltensweisen hervorbringen und damit ein gerechtes, friedliches und gedeihliches Zusammenleben der Menschen auf der Erde unmöglich machen, bedarf es neuer Stellschrauben, Denk‑ und Verhaltensmodelle; insbesondere in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender, ego-, ethnozentristischer und populistischer sich entwickelnden globalen Welt [2].
Entstehungshintergrund und Autor
Selbstbewusstsein und Selbstbestimmtheit sind Eigenschaften¸ die den Menschen eigen sind. Es ist die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Zugehörigkeit zur Conditio Humana ist notwendig, Abhängigkeit und Machtmissbrauch schädlich. Der Bochumer Gestalttherapeut, Psychologe, Coach und „Körperleser“ Ulrich Sollmann nimmt sich mit seinem Buch „Genau geschaut“ die Wege, Um‑ und Irrwege des Autoritarismus vor. Es sind autoritäre, faschistische, diktatorische, „ewig gestrige“ (Max Weber) Herrschaftssysteme, die – beschönigend, beruhigend und illusionär – mittlerweile weltweit einen Großteil der Regierungen ausmachen und demokratiefeindlich sind.
Aufbau und Inhalt
Neben der Einführung in die Thematik, in der der Autor die individuellen und kollektiven, rationalen und affektiven Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen charakterisiert und oberflächliche, angepasste Wahrnehmung ablehnt, gliedert er seine Studie in die Situationen des genauen¸ wahrnehmenden, leiblichen, emotionalen, aktiven Hinschauens: „Leibliches Schauen ist ein Ganzkörpersinn“. Es ist die „Weltanschauung“, die vom Ich zum Wir geht [3]. Mit dem Freud’schen Begriff der „Gefühlsansteckung“ will er „aus dem Bann der Erregung aussteigen“ und sich „ihren Sog nicht auszuliefern“. Weiterhin formuliert er „emotionale Milieus und Schutzbedürfnis“. Es sind Fragen nach dem „Wer bin ich?“ und „Wie bin ich geworden, wer und was ich bin?“, in den möglichen Umwelt-Milieus – dem verletzten, dem distanzierten, dem sicherheitsorientierten, dem pragmatischen und dem moralisch-sinnorientierten. Negative, parteipolitische (AfD) und mediale Erregungszustände verdeutlichen mögliche Aktivitäten und Reaktionen.
Im vierten Kapitel geht es um „Körper und Identität – Körper und Identifizierung“, und um die Frage, wie Ego-, Ethnozentrismen sich in rechtsextremen, demokratiefeindlichen Milieus entwickeln und in autoritären Bildern wirksam werden. Es sind die Gegenbilder der demokratischen, gemeinwohlorientierten Existenz: „Rechtspopulistische, rechtsextreme Identitätspolitik heilt nicht – sie betäubt“. Mit „vier Achsen der Blickhypnose“ setzt sich der Autor mit den öffentlichen, in Endlosschleifen wiederholenden, medialen Nachrichten auseinander: Globalisierung – Digitalisierung/​Inszenierung – Identität – Affekt. Daraus entstehen Wahrnehmungen und Handlungsanweisungen, wie: Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource! – Geschwindigkeit ist nicht Alles! – Perspektivenwechsel! – Wertebewusstsein! – Gefühlsbewusstsein! Mit einer neuen Art von Autorität, dem „sanften Autoritarismus“ diskutiert Sollmann positive und negative Beispiele und benennt mögliche, autobiografische Existenzen. Er kommt zu dem Ergebnis: „Biopolitik und Lebenserkennungsgefühl“, als „doppelte Bewegung, sich selbst lebendig zu fühlen und zugleich das Leben im Anderen wahrzunehmen und zu respektieren“.
Diskussion
Weil ein „Lebenserkennungsgefühl“ nur in einer menschenwürdigen, umweltbewussten Welt ge‑ und erlebt werden kann, kann es nur darum gehen, im Buber’schen Sinne „Räume zu schützen und neu zu eröffnen, in denen Menschen einander als Ich und Du begegnen“. Das eigene, individuelle Leben erkennen, es akzeptieren und zu verändern, und lokal und global human und kollektiv zu leben, das ist Emanzipation!
Schauen lehren und lernen, das sind Bildungsanforderungen, die ganz früh, in der Familie, der Kita, der Schule beginnen müssen und ein lebenslanges Lernen erfordern. Mit dem „Augenblicks“ – Unterricht werden „Rund-um-Themen“ diskutiert und bewusst gemacht.
Fazit
Genau hinschauen und verantwortungsbewusst denken und handeln. „Wer Komplexität wahrnimmt, kann nicht beliebig vereinfachen – und wer Vereinfachungen misstraut, entzieht Hass einen Teil seiner Grundlage“.
[1] Jörn Müller, u.a., Hrsg., Aufmerksamkeit, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php
[2] Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php
[3] siehe auch: Resilienz als Lern‑ und Bildungsherausforderung, 2021, www.sozial.de/der-ich-und-wir-faktor.html
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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