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Petra J. Brzank, Sabrina Schramme et al. (Hrsg.): Praxishandbuch Soziale Arbeit und toxische Männlichkeit

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 10.08.2026

Cover Petra J. Brzank, Sabrina Schramme et al. (Hrsg.): Praxishandbuch Soziale Arbeit und toxische Männlichkeit ISBN 978-3-7799-9090-1

Petra J. Brzank, Sabrina Schramme, Stefan Kunde-Siegel (Hrsg.): Praxishandbuch Soziale Arbeit und toxische Männlichkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 1. Auflage. 342 Seiten. ISBN 978-3-7799-9090-1. 38,00 EUR.

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Herausgeber:innen

Dr. Petra J. Brzank ist Seniorprofessorin für Soziologie und Methoden der Sozialforschung am Fachbereich Wirtschafts‑ und Sozialwissenschaften der Hochschule Nordhausen.

Dr. Sabrina Schramme ist Professorin für Inklusive Pädagogik am Fachbereich Wirtschafts‑ und Sozialwissenschaften der Hochschule Nordhausen.

Dr. Stefan Kunde-Siegel ist Professor für Sozialpsychiatrie am Fachbereich Wirtschafts‑ und Sozialwissenschaften der Hochschule Nordhausen.

Thema

Der Sammelband widmet sich einem Begriff, der in den vergangenen Jahren zugleich populär, politisch aufgeladen und wissenschaftlich klärungsbedürftig geworden ist: „Toxische Männlichkeit“. Dieser Begriff wird im öffentlichen Diskurs häufig als Chiffre für Gewalt, Dominanz, Antifeminismus, emotionale Verhärtung, Risikoverhalten, Misogynie oder autoritäre Selbstinszenierung verwendet. Dies trifft in Teilen zu. Gerade die begriffliche Unschärfe macht den Begriff jedoch problematisch. Von toxischer Männlichkeit zu sprechen ist eingängig, zugleich aber deutungsoffen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen kann analytisch produktiv sein, sie kann aber auch moralisierend, vereinfachend, in Teilen überdramatisierend sowie stigmatisierend wirken. Die Autor:innen des Sammelbandes setzen an eben dieser Spannung an.

Der Band verfolgt nicht das Ziel, eine abschließende Definition toxischer Männlichkeit vorzulegen. Das wäre auch vermessen. Sie wird im Buch als gesellschaftlich hervorgebrachtes, historisch wandelbares und praktisch bearbeitbares Phänomen verstanden. Damit steht der Sammelband in der Tradition der kritischen Männlichkeitsforschung, der Geschlechterforschung und der machtkritischen Sozialen Arbeit. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass problematische Männlichkeitsnormen durch Gewaltverstrickungen, Gesundheitsrisiken, emotionale Einschränkungen oder die Bindung an starre Rollenerwartungen nicht nur Frauen, queere Personen und marginalisierte Gruppen schädigen, sondern auch Männer selbst.

Relevant ist der Band für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, weil toxische Männlichkeitsmuster in vielen Handlungsfeldern auftreten, darunter etwa Gewaltberatung, Jungenarbeit, politische Bildung, Präventionsarbeit, Gesundheitsförderung, Straffälligenhilfe, Familienarbeit, Online-Radikalisierungsprävention und die Auseinandersetzung mit rechter Ideologie. Der Band macht deutlich, dass toxische Männlichkeit kein Randthema ist, sondern zentrale Fragen professionellen Handelns, sozialer Ungleichheit und demokratischer Kultur berührt.

Aufbau und Inhalt

Das 2026 bei Beltz Juventa erschienene Buch ist als Sammelband und zugleich als Praxishandbuch angelegt. Es umfasst rund 340 Seiten und ist in drei große Teile gegliedert. Zunächst erfolgt eine makroanalytische Einordnung, anschließend werden Beiträge zu Manifestationen toxischer Männlichkeit präsentiert, und zuletzt werden praxisbezogene Handlungsansätze in Prävention und Intervention diskutiert. Diese Dreiteilung ist plausibel, weil sie vom theoretischen Begriff über gesellschaftliche Erscheinungsformen hin zu professionellen Bearbeitungsmöglichkeiten führt. Das Inhaltsverzeichnis zeigt eine breite thematische Anlage: Behandelt werden unter anderem hegemoniale Männlichkeit, Autoritarismus, Gesundheit, Manosphere, extreme Rechte, Fleischkonsum, Partnergewalt, Amateurfußball, Rap, Schematherapie, Gewaltkonfliktberatung, Verschwörungsideologie, maskulinistische Influencer, Gleichstellungspolitik und feministische Jungenarbeit.

In der Einleitung stellen die Herausgeber:innen heraus, dass „toxische Männlichkeit“ seit mindestens einer Dekade verstärkt in öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen kursiere, etwa im Zusammenhang mit #MeToo, Donald Trump, Mass Shootings, Gewalt gegen Frauen oder autoritären Führungsstilen. Der Begriff erfülle damit eine zentrale Orientierungsfunktion. Zugleich betonen die Herausgeber:innen seine Ambivalenz. Einerseits ließe sich argumentieren, dass jede Form von Männlichkeitskonstruktion innerhalb patriarchaler Verhältnisse toxische Anteile enthält, weil sie auf Abgrenzung, Hierarchisierung und Marginalisierung beruhe. Andererseits könne dem Adjektiv „toxisch“ ein differenzierendes Potenzial zugeschrieben werden, wenn bestimmte Männlichkeitsformen als besonders schädlich, gewaltförmig oder dominanzorientiert analysiert werden. Die Herausgeber:innen vermeiden damit eine vorschnelle Festlegung und öffnen ein Diskursfeld, in dem verschiedene theoretische und praktische Zugänge nebeneinanderstehen.

Im ersten Teil des Buches führt Diana Lengersdorf in die soziale und politische Konstruktion von Männlichkeit ein. Sie knüpft dabei an Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit an. Ihr Beitrag ist für den Band grundlegend, da er zeigt, dass Männlichkeit nicht als individuelle Eigenschaft, sondern als gesellschaftlich erzeugte Ordnung verstanden werden muss. Dem Beitrag zufolge wird Männlichkeit in Praktiken, Institutionen, Körpern, Routinen und politischen Ordnungen hergestellt. Toxische Männlichkeit erscheint vor diesem Hintergrund nicht als psychologisches Defizit einzelner Männer, sondern als spezifische, sozial stabilisierte Konstruktion von Männlichkeit, die mit Gewalt, Aggressivität und Herrschaft verbunden ist.

Birgit Sauer analysiert in ihrem Beitrag politische Führung, Autoritarismus und Maskulinismus. Ihr Beitrag zeigt, wie autoritär-rechte Diskurse männliche Stärke, Hierarchie, Aggression und Kontrolle politisch mobilisieren. Männlichkeit wird hier zu einer Ressource der Legitimation politischer Macht. Dies ist besonders aufschlussreich, weil toxische Männlichkeit nicht nur im Nahbereich von Familie, Partnerschaft oder Peergroups betrachtet wird, sondern auch

Der Beitrag von Tobias Staiger, Gironimo Krieg, Maja Stiawa, Paul Nickel und Silvia Krumm widmet sich dem Zusammenhang von toxischer Männlichkeit und Gesundheit. Hier wird sichtbar, dass traditionelle Männlichkeitsnormen auch für Männer selbst schädlich sein können. Risikoverhalten, emotionale Selbstkontrolle, geringe Inanspruchnahme von Präventionsangeboten und erschwerte Hilfesuche werden als gesundheitlich relevante Folgen bestimmter Männlichkeitsorientierungen diskutiert. Der Begriff „toxische Männlichkeit“ wird dabei zugleich genutzt und problematisiert. Er könne auf schädliche Normen aufmerksam machen, laufe aber Gefahr, die Vielfalt von Männlichkeiten zu verengen und Männer als homogene Gruppe erscheinen zu lassen.

Der zweite Teil behandelt konkrete Manifestationen toxischer Männlichkeit. Jennifer Degner-Mantoan untersucht die Manosphere als digitalen Raum, in dem Männerrechtsdiskurse, Incels, Pick-up-Artist-Kulturen, Misogynie, Antifeminismus und rechte Ideologien miteinander verschränkt werden. Der Beitrag ist für die Soziale Arbeit nützlich, zumal digitale Räume längst in pädagogische, beratende und jugendkulturelle Kontexte hineinwirken. Toxische Männlichkeit erscheint hier nicht nur als persönliche Haltung, sondern als digital organisierte, affektiv aufgeladene und ideologisch verdichtete Szene.

Esther Lehnert setzt sich mit Männlichkeiten in der extremen Rechten auseinander. Sie zeigt, wie soldatische, kämpferische und patriarchale Männlichkeitsbilder junge Männer an rechte Ideologien binden können. Männlichkeit fungiere als Rekrutierungsinstrument, als Versprechen von Bedeutung und als Legitimation der Abwertung von Frauen, queeren Personen und nicht-hegemonialen Männern. Martin Winter erweitert die Perspektive, indem er Fleischkonsum als symbolische Praxis von Männlichkeit analysiert. Fleisch stehe dabei für Stärke, Kontrolle, Herrschaft über Tiere und Natur sowie für eine spezifische Verbindung von Geschlecht, Gewalt und ökologischen Folgen. Dieser Beitrag wirkt im Band etwas ungewöhnlich, ist aber gerade deshalb interessant, weil er toxische Männlichkeit nicht nur im Bereich personaler Gewalt, sondern auch in Konsumpraktiken und Mensch-Tier-Verhältnissen verortet.

Petra J. Brzank behandelt Partnergewalt gegen Frauen als Ausdruck toxischer Männlichkeit. Der Beitrag gehört zu den sozialarbeiterisch unmittelbar relevantesten Texten des Bandes. Partnergewalt wird nicht als individuelles Fehlverhalten isolierter Täter verstanden, sondern als Ausdruck patriarchaler Geschlechterordnungen, in denen Kontrolle, Dominanz und Gewalt normalisiert werden können. Philipp Niedermeyer analysiert Amateurfußball als Ort der sozialen Konstruktion von Männlichkeit. Homophobie, Körperlichkeit, Leistungsdruck, Abwertung und Gruppendynamiken werden als Mechanismen beschrieben, durch die männliche Dominanz hergestellt und abgesichert werde. Heidi Süß widmet sich Männlichkeiten im Rap des 21. Jahrhunderts und arbeitet Ambivalenzen heraus. Rap könne hypermaskuline,

Der dritte Teil des Sammelbandes richtet den Blick schließlich auf Praxisfelder, Prävention und Intervention. Judith Kunde entwickelt einen schematherapeutischen Zugang zu toxischer Männlichkeit, insbesondere am Beispiel soldatischer Sozialisation. Felicia Leimbach beschreibt Gewaltkonfliktberatung in der freien Straffälligenhilfe und verdeutlicht, wie Täterarbeit geschlechterreflektiert gestaltet werden kann. Sonja Marzock analysiert Zusammenhänge zwischen toxischen Männlichkeiten und Verschwörungsideologie. Till Dahlmüller, Ulla Wittenzellner und Lino Köhler fragen nach der Attraktivität maskulinistischer Influencer für Jungen und junge Männer, etwa am Beispiel Andrew Tate. Dag Schölper kontrastiert toxische mit nachhaltiger Männlichkeit und bringt Gleichstellung, Care und soziale Verantwortung ins Spiel. Sebastian Tippe schließt mit einem Beitrag zur feministischen Jungenarbeit, die toxische Muster nicht nur kritisieren, sondern durch alternative, reflektierte und fürsorgliche Männlichkeitsentwürfe bearbeiten will.

Diskussion

Was lässt sich zu diesem Sammelband festhalten? Wer kann von der Lektüre profitieren? Was ist gelungen und was ist kritikwürdig?

Formal anspruchsvoll: Stilistisch und fachwissenschaftlich ist das Buch durchaus anspruchsvoll. In diversen Textpassagen finden sich lange Sätze, die teils mit Fachausdrücken durchsetzt sind und mitunter den Lesefluss erschweren. Es ist daher zu vermuten, dass manche Passagen im Buch für Leser:innen ohne Vorkenntnisse in Geschlechter‑ und Männlichkeitsforschung (zu) anspruchsvoll sein könnten. Positiv ist jedoch, dass die Themenbreite für Abwechslung sorgt, auch weil unterschiedliche Gegenstandsbereiche wie Politik, Gesundheit, Sport, Popkultur, digitale Medien und Beratung einbezogen werden. Zugleich erleichtern die konkreten Felder den Zugang. Besonders für die Lehre dürfte der Band geeignet sein, weil einzelne Beiträge separat gelesen und diskutiert werden können.

Hohe Mehrperspektivität: Eine Stärke des Buches liegt in seiner Mehrperspektivität. Toxische Männlichkeit wird hier nicht auf ein einzelnes Erklärungsmuster reduziert. Sie wird weder ausschließlich psychologisch als Persönlichkeitsproblem noch nur soziologisch als Strukturproblem oder pädagogisch als Sozialisationsdefizit behandelt. Vielmehr entsteht ein mehrdimensionales Bild, das zeigt, dass toxische Männlichkeit zugleich ein kulturelles Deutungsmuster, ein sozialer Habitus, ein politisches Mobilisierungsangebot, eine Körperpraxis, eine digitale Radikalisierungsform, ein Gesundheitsrisiko, ein Gewaltmuster und eine professionelle Herausforderung ist. Gerade für die Soziale Arbeit ist diese Breite gewinnbringend, weil ihre Praxisfelder ebenfalls nicht disziplinär sauber zu trennen sind.

Traditionelle Männlichkeit unter Generalverdacht: Trotz der angesprochenen Mehrperspektivität fällt auf, dass eine Perspektive im Sammelband vergleichsweise kurz kommt, obwohl manche Praktiker:innen und Forscher:innen ihr durchaus Gewicht beimessen: die biologische bzw. biopsychosoziale Perspektive. Männlichkeit wird im Buch primär als sozial, kulturell und politisch hervorgebracht beschrieben. Dass Sozialisation und Enkulturation das gesellschaftliche Männlichkeitsbild (Gender) und damit auch männliches Verhalten prägen, steht außer Frage. Die biologische Dimension von Geschlecht (Sex), die ebenfalls zu berücksichtigen ist, wird im Buch jedoch deutlich zurückgestellt. Zwar wird eine biologistische Lesart zumindest in zwei Texten erwähnt, sie erscheint aber eher als überholte Gegenposition, was durchaus diskutabel ist. Es fällt auf, dass traditionelle Männlichkeit im Band überwiegend als Problem gerahmt wird, während deren möglichen sozialen Funktionen weniger sichtbar werden.

Konservativ ist nicht gleich toxisch: Zwar thematisiert der Band auch „nachhaltige“ Männlichkeit, Care und soziale Verantwortung, diese positiven Alternativen zur „toxischen“ Männlichkeit sind jedoch eher eng an Gleichstellung, Fürsorge und Dekonstruktion gebunden und weniger an klassische Tugenden wie Pflicht, Loyalität, Bindung, Maß, Autorität und generationale Verantwortung. Der Band gewinnt dadurch an Bedeutung, dass reale Probleme wie Gewalt, Misogynie, Extremismus und männliches Risikoverhalten plausibel analysiert werden. Aus der Perspektive sozialpädagogischer Praxis mit jungen Männern, deren Agieren im Band vermutlich als Ausdruck problematischer Männlichkeitsmuster gelesen würde, kann die Tendenz, diese Probleme primär in eine umfassende Patriarchats‑ und Konstruktionskritik einzubetten, aber kritisiert werden.

Arbeit mit begrifflicher Unschärfe: Positiv hervorzuheben ist wiederum, dass der Band die begriffliche Unschärfe von „toxischer Männlichkeit“ nicht verdeckt, sondern produktiv macht. Viele öffentliche Debatten verwenden den Begriff eher etikettierend: Bestimmte Männer, Verhaltensweisen oder Milieus werden als „toxisch“ gerahmt, ohne dass genauer gefragt wird, welche sozialen, politischen und biografischen Bedingungen diese Muster hervorbringen. Die Autor:innen vermeiden diese Verkürzung nicht durchgehend, aber doch weitgehend. So wird in der Einleitung offen die Frage gestellt, ob es überhaupt nicht-toxische Männlichkeit innerhalb patriarchaler Ordnungen geben kann, oder ob das Adjektiv „toxisch“ sinnvoll zwischen schädlichen und weniger schädlichen Formen von Männlichkeit unterscheidet. Diese Offenheit ist eine klare Stärke des Bandes, die ihn nicht dogmatisch wirken lässt.

Konkretisierung hegemonialer Männlichkeit: Damit verbunden ist eine weitere Stärke des Buches: Das Werk arbeitet mit dem Konzept hegemonialer Männlichkeit, ohne dieses schematisch zu reproduzieren. Raewyn Connells Theorie bildet einen wichtigen Referenzpunkt, doch der Band bleibt nicht bei einer abstrakten Darstellung stehen. Hegemoniale Männlichkeit wird in unterschiedlichen Feldern konkretisiert, etwa in politischer Führung, rechter Ideologie, Gesundheitsverhalten, Fußball, Rap, digitaler Misogynie, Gewaltbeziehungen und Jungenarbeit. Dadurch wird sichtbar, dass hegemoniale Männlichkeit keine einheitliche, immer gleiche Form besitzt, sondern sich in spezifischen Kontexten unterschiedlich ausprägt.

Verbindung von Makro-, Meso‑ und Mikroebene: Gut gelungen ist auch die Verbindung von Makro-, Meso‑ und Mikroebene im Sammelband. Einige Beiträge betrachten gesellschaftliche Machtverhältnisse, politische Diskurse und institutionelle Ordnungen. Andere untersuchen Szenen, Milieus und kulturelle Praktiken. Wieder andere gehen auf Beratung, Therapie, Prävention und pädagogische Arbeit ein. Diese Ebenenverschränkung verhindert zwei typische Fehlformen der Debatte: Einerseits wird toxische Männlichkeit nicht individualisiert, als wären einzelne Männer einfach moralisch defizitär. Andererseits wird sie auch nicht so stark strukturalisiert, dass konkrete Verantwortlichkeit, Beratung und Veränderungsarbeit aus dem Blick geraten. Für die Soziale Arbeit ist diese Balance entscheidend, da professionelles Handeln Machtverhältnisse berücksichtigen muss, aber nicht bei Gesellschaftskritik stehen bleiben darf.

Variierender Praxisbezug: Der Praxisbezug ist aus Sicht des Rezensenten insgesamt überzeugend, allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. Besonders gut gelungen sind die Beiträge zu Partnergewalt, Gewaltkonfliktberatung, maskulinistischen Influencern, nachhaltiger Männlichkeit und feministischer Jungenarbeit. In diesen Texten wird erkennbar, was Fachkräfte konkret aus dem Band mitnehmen können: die Notwendigkeit geschlechterreflektierter Täterarbeit, Sensibilität für digitale Radikalisierung, die Bedeutung von Prävention, die Arbeit an alternativen Männlichkeitsentwürfen, die Verbindung von Gewaltkritik und Beziehungsgestaltung sowie die Anerkennung von Jungen und Männern als zugleich potenziell privilegierte, verstrickte und verletzliche Subjekte. Gerade die Beiträge zu Influencern und Manosphere sind sehr zeitgemäß, da sie pädagogische Praxis mit einer veränderten medialen Wirklichkeit konfrontieren.

Doppelte Perspektive auf toxische Männlichkeit: Ein weiterer Vorzug des Bandes besteht darin, dass er den Schaden toxischer Männlichkeit nicht einseitig verteilt. Es bleibt deutlich, dass Frauen, queere Personen und marginalisierte Gruppen häufig besonders betroffen sind, etwa durch Partnergewalt, Misogynie, Homofeindlichkeit oder rechte Gewalt. Zugleich wird herausgearbeitet, dass starre Männlichkeitsnormen durch riskantes Gesundheitsverhalten, geringe Hilfesuche, emotionale Verarmung, Gewaltverstrickung, Einsamkeit, ideologische Verhärtung oder die Unfähigkeit, Fürsorge anzunehmen und zu geben, auch Männer selbst schädigen. Diese doppelte Perspektive erscheint fachlich gelungen und für die Praxis wichtig, weil sie verhindert, Männer ausschließlich als Täter oder Träger patriarchaler Privilegien zu beschreiben. Soziale Arbeit braucht schließlich eine machtbewusste, aber keine entmenschlichende Perspektive.

Intersektionaler Anspruch: Als gelungen und sinnvoll hervorzuheben ist auch der intersektionale Anspruch des Bandes, der bereits institutionell durch die Herausgeber:innen am Kompetenzzentrum Intersektionalität und Gesundheit markiert wird. Verschiedene Beiträge zeigen, dass Männlichkeit nicht isoliert von Klasse, Sexualität, Gesundheit, politischer Orientierung, Migration, Körper, Alter oder medialer Positionierung betrachtet werden kann. Besonders sichtbar wird dies in den Beiträgen zu Rap, Amateurfußball, Manosphere und rechter Ideologie. Gleichwohl bleibt Intersektionalität im Band nicht überall gleich stark ausgearbeitet.

Eher Sammelband als Praxishandbuch: Kritisch zu sehen ist aus Sicht des Rezensenten die Selbstbezeichnung als Praxishandbuch. Das Buch trägt diesen Anspruch im Titel, ist aber über weite Strecken eher ein wissenschaftlicher Sammelband mit Praxisbezügen als ein Handbuch im engeren Sinne. Wer, wie der Rezensent, konkrete Methoden, Gesprächsleitfäden, Checklisten, Fallvignetten, Ablaufmodelle oder Interventionsmanuale erwartet, wird nur teilweise fündig. Viele Beiträge sind analytisch stark, aber nicht unmittelbar handlungsanleitend. Das ist kein grundsätzlicher Mangel, denn die Komplexität des Themas verlangt theoretische Klärung, aber es entsteht doch eine gewisse Spannung zwischen Titel und tatsächlicher Anlage.

Heterogenität der Beiträge: Ferner ist kritisch zu sehen, dass die Heterogenität der Beiträge zugleich eine Stärke und eine Schwäche des Sammelbandes ist. Als Stärke erzeugt sie ein breites Panorama. Als Schwäche führt sie dazu, dass der Band nicht immer eine durchgehende Argumentationslinie entwickelt. Manche Beiträge sind stark theoretisch, andere eher praxisnah. Manche arbeiten empirisch, andere essayistisch oder konzeptionell. Diese Vielfalt ist für einen Sammelband normal, verlangt aber von Leser:innen eine hohe Integrationsleistung. Die Einleitung leistet diesbezüglich viel Vorarbeit, ein ausführlicheres Nachwort, das die Beiträge systematisch aufeinander bezieht, hätte dem Band allerdings gutgetan.

Problematische Semantik: Kritisch diskutieren lässt sich außerdem, ob der Begriff „toxische Männlichkeit“ trotz aller Differenzierungen nicht doch eine problematische Semantik mit sich führt, ähnlich wie der Begriff „Systemsprenger:in“. „Toxisch“ stammt aus dem Feld des Giftigen, Schädlichen und Kontaminierenden. Das ist rhetorisch stark, kann aber auch dazu führen, dass Männlichkeit insgesamt als verunreinigte oder gefährliche Substanz erscheint. Der Band ist sich dieser Gefahr bewusst, besonders deutlich im gesundheitsbezogenen Beitrag, der vor einer eindimensionalen und empirisch unterkomplexen Verwendung des Begriffs warnt, eine Restspannung bleibt aber bestehen. Kurzum ist aus Sicht des Rezensenten zu kritisieren, dass ein Begriff, der politisch mobilisiert und Aufmerksamkeit erzeugt, nicht immer der beste analytische Begriff ist. Für Forschung und professionelle Praxis braucht es möglicherweise eine genauere Sprache: patriarchale Männlichkeitsnormen, hegemoniale Männlichkeitspraktiken, maskulinistische Ideologien, gewaltlegitimierende Männlichkeit, fürsorgeabwehrende Männlichkeit oder antifeministische Radikalisierung.

Interdisziplinäre Eignung: Konstruktivistisch gewendet ließe sich dieses Vorgehen freilich auch als Stärke lesen, denn das Buch nimmt einen öffentlichen Begriff auf, ohne sich ihm unkritisch zu unterwerfen. Dadurch wird es anschlussfähig für Fachkräfte, Studierende und politisch interessierte Leser:innen, die den Begriff bereits kennen, aber eine differenziertere Grundlage suchen. Das Praxishandbuch eignet sich deshalb besonders für Lehrveranstaltungen in Sozialer Arbeit, Gender Studies, Sozialpädagogik, politischer Bildung, Gesundheitswissenschaften und Gewaltprävention. Es kann Diskussionen anregen, weil es keine einfache Botschaft liefert.

Aufzeigen alternativer Männlichkeiten: Plausibel und weitgehend überzeugend ist die Orientierung an alternativen Männlichkeiten im Buch. Der Band bleibt nicht bei Kritik stehen, sondern fragt nach fürsorglichen, nachhaltigen, profeministischen und reflexiven Männlichkeitsentwürfen. Wie schon erwähnt, ist das Ausblenden traditionellerer, konservativerer Männlichkeitsentwürfe, die nicht toxisch sind, allerdings ein Kritikpunkt – auch aus pädagogischen Gründen, denn eine reine Defizitbeschreibung kann Abwehr erzeugen und Jungen oder Männer in Scham, Trotz oder Radikalisierung treiben. Veränderungsarbeit braucht positive Gegenbilder: Männlichkeit kann mit Fürsorge, Verletzlichkeit, Verantwortung, Gleichstellung, Emotionalität und Gewaltfreiheit verbunden werden.

Insgesamt ist dasPraxishandbuch Soziale Arbeit und toxische Männlichkeit ein wichtiger, lesenswerter und aktueller Beitrag zu einer geschlechterreflektierten Sozialen Arbeit. Sein Wert liegt weniger in der Bereitstellung fertiger Lösungen als in der präzisen Problematisierung eines schwierigen Begriffs und in der Öffnung eines breiten Reflexionsraums. Der Band zeigt, dass toxische Männlichkeit nicht als isoliertes Männerproblem missverstanden werden darf. Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse, kultureller Anerkennungsordnungen, politischer Mobilisierungen und biografischer Verarbeitungen. Gerade deshalb ist sie für Soziale Arbeit relevant, weil Soziale Arbeit an den Schnittstellen von Individuum und Gesellschaft, Hilfe und Kontrolle, Prävention und Intervention, Beziehung und Struktur arbeitet.

Fazit

Das Buch ist ein differenzierter, fachlich einschlägiger Sammelband, der Männlichkeitsforschung, Gesellschaftsanalyse und Praxisreflexion überzeugend verbindet. Der Praxisanspruch wird nicht durchgehend eingelöst, das Werk bietet nichtsdestotrotz eine sehr gute Grundlage für Lehre, Beratung, Prävention und geschlechterreflektierte Soziale Arbeit.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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ISSN 2190-9245