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Doris Schaeffer, Lennert Griese et al. (Hrsg.): Gesundheitskompetenz in Krisenzeiten

Rezensiert von Jan-Hendrik Ortloff, 01.09.2026

Cover Doris Schaeffer, Lennert Griese et al. (Hrsg.): Gesundheitskompetenz in Krisenzeiten ISBN 978-3-7799-9622-4

Doris Schaeffer, Lennert Griese, Himal Singh, Michael Ewers, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Gesundheitskompetenz in Krisenzeiten. Ergebnisse und Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 364 Seiten. ISBN 978-3-7799-9622-4. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.

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Thema

Gesundheitskompetenz (eng. Health Literacy) hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Forschungs‑ und Handlungsfeld der Gesundheitswissenschaften entwickelt. Die Digitalisierung, gesellschaftliche Entwicklungen sowie zunehmende Krisen mit zum Teil globale Auswirkungen verdeutlichen die wachsende Bedeutung der Fähigkeit, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. Der Sammelband Gesundheitskompetenz in Krisenzeiten: Ergebnisse und Analysen greift diese Entwicklungen auf, indem die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet wird. Im Mittelpunkt stehen die Ergebnisse der dritten Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland (HLS-GER 3), die in aktuelle wissenschaftliche, gesundheitspolitische und gesellschaftliche Diskurse eingeordnet werden. Gesundheitskompetenz wird dabei nicht ausschließlich als individuelle Fähigkeit verstanden, sondern als Zusammenspiel persönlicher Kompetenzen mit den strukturellen Rahmenbedingungen und Anforderungen des Gesundheitssystems.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Herausgegeben wird der Band von Doris Schaeffer, Lennert Griese, Himal Singh, Michael Ewers und Klaus Hurrelmann. Die Herausgeber verfügen über ausgewiesene Expertise in den Bereichen Gesundheitswissenschaften, Pflegewissenschaft, Versorgungsforschung, Public Health und Gesundheitssoziologie. Der Sammelband knüpft an die langjährige Forschung zur Gesundheitskompetenz in Deutschland sowie an die Studien HLS-GER 1 und HLS-GER 2 an. Mit der HLS-GER-3-Studie wird diese Forschungsreihe fortgeführt und um aktuelle Fragestellungen der Digitalisierung sowie zu Krisenphänomene und gesellschaftlichen Entwicklungen erweitert.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in drei Bereiche. Im ersten Teil werden die empirischen Ergebnisse der HLS-GER-3-Studie und die allgemeine Gesundheitskompetenz sowie Entwicklungen und Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorgestellt. Ergänzend werden die digitale, navigationale und katastrophenbezogene Gesundheitskompetenz als neue beziehungsweise weiterentwickelte Dimensionen untersucht. Der zweite Teil beinhaltet die Kommentierungen und Einordnungen dieser Studienergebnisse. Verschiedene Autor:innen greifen zentrale Themen auf, darunter soziale Ungleichheit, digitale Gesundheitskompetenz, künstliche Intelligenz, Navigation im Gesundheitssystem sowie gesellschaftliche Resilienz. Der dritte Teil richtet den Blick auf gesundheits‑ und forschungspolitische Konsequenzen. Betrachtet werden unter anderem internationale Entwicklungen zur Messung von Gesundheitskompetenz, organisationale und professionelle Gesundheitskompetenz sowie die Weiterentwicklung des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz. Neben empirischen Befunden werden daraus resultierende Anforderungen an Prävention, Gesundheitsförderung, Gesundheitspolitik und Versorgungspraxis abgeleitet und diskutiert.

Inhalte

Die Ergebnisse der dritten Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland (HLS-GER 3) werden im Sammelband vorgestellt und mit den Befunden der vorangegangenen Erhebungen verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die allgemeine Gesundheitskompetenz trotz vielfältiger gesellschaftlicher Herausforderungen weitgehend stabil geblieben ist. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Analyse sozialer Determinanten von Gesundheitskompetenz. Dabei werden insbesondere Sozialstatus, Bildungsniveau und finanzielle Deprivation als zentrale Einflussfaktoren beschrieben und ihre Zusammenhänge mit der Gesundheitskompetenz differenziert dargestellt. Der Band veranschaulicht, dass die individuelle Gesundheitskompetenz nicht ausschließlich von individuellen Fähigkeiten abhängt, sondern maßgeblich durch soziale Ungleichheiten, Lebensbedingungen und verfügbare Ressourcen geprägt wird. Darüber hinaus werden mit der digitalen, navigationalen und katastrophenbezogenen Gesundheitskompetenz drei erweiterte Dimensionen aufgegriffen. Diese berücksichtigen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie die Orientierung in komplexen Versorgungssystemen sowie den Umgang mit Gesundheitsinformationen in Krisen‑ und Katastrophensituationen. Ergänzende Beiträge zu Prävention, Gesundheitsförderung sowie gesundheits‑ und forschungspolitischen Perspektiven ordnen die Studienergebnisse ein und verdeutlichen, dass die Förderung der Gesundheitskompetenz keine individuelle Aufgabe darstellt, sondern als gemeinsame Verantwortung von Individuen, Organisationen und politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Akteur:innen verstanden werden muss.

Diskussion und Bewertung

Der Sammelband überzeugt durch seine hohe wissenschaftliche Qualität, seine Aktualität sowie die gelungene Verbindung empirischer Forschung mit gesundheitspolitischen Fragestellungen. Die Verknüpfung der Ergebnisse des HLS-GER-3 mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen erhöht die Relevanz für die wissenschaftliche Fachcommunity. Besonders hervorzuheben sind die wissenschaftlichen Kommentierungen, durch die Gesundheitskompetenz nicht ausschließlich als individuelle Fähigkeit betrachtet, sondern in relevante Kontexte transferiert wird. Dadurch wird die Bedeutung struktureller Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Förderung von Gesundheitskompetenz deutlich. Zu berücksichtigen bleibt, dass die statistischen Auswertungen des HLS-GER-3 auf Selbsteinschätzungen der Befragten beruhen. Dies sollte bei der Interpretation und Einordnung der Ergebnisse berücksichtigt werden, da subjektive Einschätzungen nicht vollständig mit tatsächlich vorhandenen Kompetenzen gleichzusetzen sind. Darüber hinaus liefern insbesondere die Ausführungen zur navigationalen Gesundheitskompetenz wichtige Impulse für die weitere Forschung. Die Orientierung an den Schritten: finden, verstehen, beurteilen und anwenden bietet eine hilfreiche Struktur zur Beschreibung von Kompetenzen im Umgang mit dem Gesundheitssystem. Offen bleibt jedoch, inwiefern der Schritt des Anwendens auch eine Reflexion und gegebenenfalls Anpassung getroffener Entscheidungen umfasst. Die Anwendung von relevanten Informationen als iterativer Prozess (also inklusive Reflexion und Anpassung z.B. bei der navigationalen Gesundheitskompetenz) sollte zukünftig stärker berücksichtigt werden, da Entscheidungen im Gesundheitssystem häufig dynamischen Entwicklungen und veränderten Rahmenbedingungen unterliegen. Insgesamt stellt der Sammelband einen empfehlenswerten Mehrwert für die wissenschaftliche Fachcommunity dar. Gleichzeitig lassen sich die thematischen Erkenntnisse gut auf verschiedene Praxisfelder übertragen und bieten wertvolle Impulse für Akteur:innen in unterschiedlichen Settings des Gesundheitswesens. Hervorzuheben ist zudem, dass der Sammelband online freizugänglich zur Verfügung steht.

Gesundheitskompetenz in Krisenzeiten. Ergebnisse und Analysen ist ein wissenschaftlich fundierter und aktueller Sammelband, der die Entwicklung der Gesundheitskompetenz in Deutschland auf Grundlage vorangegangener Studien mit vergleichbarem Studiendesign untersucht. Der Sammelband greift zentrale Themen wie Digitalisierung, Navigation im Gesundheitssystem und gesellschaftliche Resilienz auf und verbindet empirische Ergebnisse mit wissenschaftlichen sowie gesundheitspolitischen Perspektiven.

Fazit

Besonders hervorzuheben ist die ganzheitliche Betrachtung von Gesundheitskompetenz, die individuelle Fähigkeiten ebenso berücksichtigt wie soziale, organisationale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Dadurch leistet der Sammelband einen wichtigen Beitrag zum Verständnis und zur Weiterentwicklung der Gesundheitskompetenzforschung und bietet zugleich relevante Anknüpfungspunkte für Forschung, Politik und Praxis.

Rezension von
Jan-Hendrik Ortloff
Ergotherapeut, Fachtherapeut demenzielle Erkrankungen, Standortleitung einer besonderen Wohnform, Promovend an der Universität Witten/Herdecke
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Es gibt 5 Rezensionen von Jan-Hendrik Ortloff.

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ISSN 2190-9245