Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Elli Scambor, Daniel Holtermann: Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 11.08.2026

Cover Elli Scambor, Daniel Holtermann: Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken ISBN 978-3-7799-8530-3

Elli Scambor, Daniel Holtermann: Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken. Caring Masculinities in der pädagogischen Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-8530-3. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Autor:innen

Elli Scambor ist Sozialwissenschaftlerin, Leiterin des Instituts für Männer‑ und Geschlechterforschung in Graz sowie stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Männerarbeit Österreich. Sie ist Lehrbeauftragte an Universitäten und Fachhochschulen und wurde 2016 mit dem Käthe-Leichter-Preis für Frauenforschung, Gender Studies und Gleichstellung in der Arbeitswelt ausgezeichnet.

Dr. Daniel Holtermann ist Soziologe, Bildungsreferent, Autor und Coach. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen geschlechterreflektierte Pädagogik, fürsorgliche und gewaltfreie Männlichkeiten, Väterarbeit, Gewaltprävention, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie die Begleitung von Gruppenprozessen in Theorie und Praxis.

Thema

Wie können gewaltförmige, dominanzorientierte und ausschließende Männlichkeitsmuster pädagogisch bearbeitet und durch fürsorgliche, relationale und gewaltfreie Männlichkeitspraxen erweitert oder verändert werden? Das ist die zentrale Frage, der sich Elli Scambor & Daniel Holtermann widmen. Ausgangspunkt ist ihre Beobachtung, dass Fürsorglichkeit in vielen gesellschaftlichen Erzählungen noch immer nicht selbstverständlich mit Männlichkeit verbunden wird. Vielmehr werden Jungen und Männer häufig mit Praxismustern wie Härte, Konkurrenz, Autonomie, Abgrenzung, Durchsetzungsfähigkeit und Gewalt in Verbindung gebracht. Das Buch fragt demgegenüber, wie Männlichkeit anders gedacht, gelernt und gelebt werden kann: nicht als Dominanzverhältnis, sondern als soziale Praxis, die Fürsorge, Empathie, Verletzlichkeit, Verantwortung und Verbundenheit einschließt. Damit verbindet der Band kritische Männlichkeitsforschung, feministische Care-Theorie, Gewaltprävention und geschlechterreflektierte Pädagogik. Die zentrale These lautet: Caring Masculinities sind kein fertiges Modell, sondern ein pädagogischer, sozialer und politischer Suchprozess, der Jungen, Männer und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen betrifft.

Aufbau und Inhalt

Das zweigeteilte Buch umfasst 235 Seiten und ist 2026 bei Beltz Juventa erschienen. Der erste Teil behandelt die theoretischen und wissenschaftlichen Grundlagen fürsorglicher Männlichkeiten, der zweite Teil wendet sich der pädagogischen Praxis zu. Diese Struktur ist sinnvoll, weil die Autor:innen damit zunächst die analytische Grundlage schaffen, bevor sie auf Haltungen, Methoden, institutionelle Bedingungen und Umsetzungsfragen eingehen. Bereits in der Einleitung wird deutlich, dass das Buch nicht bei einer individualisierenden Sicht auf Jungen oder Männer stehen bleibt. Männlichkeit wird vielmehr als soziales, kulturelles und machtbezogenes Praxismuster verstanden, das gelernt, eingeübt, anerkannt, sanktioniert, aber auch irritiert und verändert werden kann. Die Autor:innen machen zugleich deutlich, dass pädagogische Fachkräfte keine neutralen Beobachter:innen sind, sondern selbst an der Reproduktion oder Veränderung von Geschlechterordnungen beteiligt sind.

Kapitel 1 führt in das Konzept der Geschlechterkulturen ein. Geschlecht erscheint hier nicht als biologische Gegebenheit, sondern als gesellschaftliches Strukturprinzip, das Wahrnehmung, Bewertung, Interaktion und institutionelle Routinen prägt. Zentral ist die These, dass pädagogische Praxis nie geschlechtsneutral ist. Sie kann bestehende Normen bestätigen, aber auch irritieren. Die Autor:innen arbeiten mit Konzepten wie Performativität, Heteronormativität, epistemischer Gewalt und symbolischer Gewalt. Dadurch wird sichtbar, dass Geschlecht nicht nur über direkte Zuschreibungen hergestellt wird, sondern auch über Sprache, Materialien, räumliche Ordnungen, Routinen, Erwartungen und Normalitätsvorstellungen. Besonders bedeutsam ist der Hinweis, dass pädagogische Einrichtungen Geschlechtervielfalt nicht nur dann thematisieren, wenn sie ausdrücklich darüber sprechen: Auch Schweigen, Auslassung und scheinbare Neutralität können normative Wirkungen entfalten. Für die pädagogische Praxis folgt daraus die Notwendigkeit einer machtbewussten Reflexivität.

Kapitel 2 fragt, was Männlichkeit eigentlich ist. Die Antwort fällt bewusst plural und relational aus: Es gibt nicht „die“ Männlichkeit, sondern Männlichkeiten, die in sozialen Feldern hergestellt werden und in Machtverhältnissen zueinander stehen. Die Autor:innen greifen unter anderem auf Raewyn Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit, auf Pierre Bourdieus Habitus‑ und Herrschaftsanalyse sowie auf weitere Ansätze kritischer Männlichkeitsforschung zurück. Männlichkeit wird dabei nicht als Eigenschaft einzelner Jungen oder Männer verstanden, sondern als Ensemble von Erwartungen, Praktiken, Anerkennungsformen und Sanktionen. Besonders überzeugend ist die Darstellung von Männlichkeitsanforderungen: Jungen werden häufig dazu angehalten, Verletzlichkeit, Fürsorglichkeit, Angst oder Abhängigkeit abzuwehren, während Härte, Kontrolle, körperliche Stärke oder Dominanz Anerkennung versprechen. Zugleich zeigen die Autor:innen, dass Männlichkeit brüchig bleibt und ständig bestätigt werden muss. Diese Fragilität ist pädagogisch bedeutsam, weil sie einerseits zu Abwertung und Gewalt führen kann, andererseits aber auch Veränderungsspielräume eröffnet.

Kapitel 3 behandelt das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht. Hier wird deutlich, warum das Buch den Weg „von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken“ nicht metaphorisch, sondern in einem sehr konkreten gewaltpräventiven Sinne versteht. Die Autor:innen analysieren verschiedene Gewaltformen und ‑kontexte: Gewalt unter Jungen, gewaltförmige Peer-Dynamiken, die Rolle der Manosphere, Gewalt in Paarbeziehungen, sexualisierte Gewalt gegen Jungen sowie schwere Gewaltformen wie School Shootings und Femizide. Besonders wichtig ist, dass Jungen nicht eindimensional als Täter:innen adressiert werden. Sie erscheinen als Ausübende, Betroffene, Zeug:innen und als Subjekte, die in widersprüchlichen Geschlechterordnungen handeln. Dadurch gelingt eine differenzierte Betrachtung, die weder verharmlost noch stigmatisiert. Gewalt wird als geschlechterbezogenes Phänomen analysiert, ohne auf einfache Kausalitäten reduziert zu werden. Pädagogisch folgt daraus, dass Gewaltprävention nicht allein auf Regelvermittlung, Sanktion oder Konflikttraining beschränkt bleiben kann. Sie muss die Männlichkeitsnormen bearbeiten, die Gewalt legitimieren, verschleiern oder normalisieren.

Kapitel 4 führt das Konzept der Caring Masculinities systematisch ein. Die Autor:innen verorten es historisch und theoretisch an der Schnittstelle von feministischer Fürsorgeethik und kritischer Männlichkeitsforschung. Fürsorge wird nicht als „weibliche“ Eigenschaft verstanden, sondern als universelle menschliche Praxis und als politisch-gesellschaftliches Prinzip. Caring Masculinities richten sich demnach gegen Männlichkeitsentwürfe, die auf Dominanz, Autonomie, Abwertung und Unverbundenheit beruhen. Zugleich verweist das Kapitel auf europäische Forschungs‑ und Praxisprojekte, in denen fürsorgliche Männlichkeiten pädagogisch erprobt und weiterentwickelt wurden. Damit erhält das Konzept eine empirische und praxisbezogene Fundierung. Für die pädagogische Arbeit ist besonders relevant, dass Fürsorglichkeit nicht bloß moralisch eingefordert werden soll. Sie muss erfahrbar, anerkennbar und sozial lebbar gemacht werden.

Der zweite Teil beginnt mit Kapitel 5 zu pädagogischen Grundlagen. Hier werden professionelles Handeln, geschlechterreflektierte Pädagogik, Jungenarbeit, Gewaltprävention und das Erlernen von Fürsorglichkeit zusammengeführt. Professionelles pädagogisches Handeln wird als theoriegeleitetes, reflektiertes und widerspruchsbewusstes Handeln verstanden. Das ist konsequent, denn geschlechterreflektierte Pädagogik bewegt sich stets in Spannungsfeldern: Geschlecht muss sichtbar gemacht werden, ohne stereotype Zuschreibungen zu verfestigen; Jungen müssen adressiert werden, ohne sie auf Männlichkeit zu reduzieren; Gewalt muss thematisiert werden, ohne Jungen pauschal zu problematisieren. Die Autor:innen verbinden deshalb Wissen, Haltung und Didaktik. Pädagogische Fachkräfte sollen nicht nur Methoden anwenden, sondern ihre eigenen Geschlechterbilder, Normalitätsannahmen und Beziehungsangebote reflektieren.

Kapitel 6 vertieft die Entwicklung der pädagogischen Haltung. Selbstreflexion wird hier als zentrale professionelle Grundlage beschrieben. Fachkräfte sollen sich mit eigener Sozialisation, eigenen Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit, Fürsorge, Nähe, Gewalt, Grenzen und Verletzlichkeit auseinandersetzen. Besonders stark ist dabei der Gedanke, dass Fürsorge für andere nicht von Selbstfürsorge getrennt werden kann. Wer fürsorgliche Männlichkeitspraxen fördern will, muss selbst in der Lage sein, Bedürfnisse, Grenzen, Ambivalenzen und Machtpositionen wahrzunehmen. Das Kapitel stellt Reflexionsfragen bereit und betont, dass pädagogische Haltung nicht abstrakt bleibt, sondern sich im Alltag zeigt: in Sprache, Reaktionen, Nähe-Distanz-Regulation, Konfliktverhalten, Materialauswahl und im Umgang mit nonkonformen Geschlechterausdrücken.

Kapitel 7 ist besonders praxisorientiert. Es entfaltet die Vermittlung von Caring Masculinities anhand von drei Dimensionen: Förderung von Fürsorglichkeit, Normalisierung von Vielfalt und Dekonstruktion tradierter Männlichkeitsmuster. Diese Dreiteilung ist didaktisch plausibel. Fürsorglichkeit soll nicht nur besprochen, sondern geübt und sozial anerkannt werden. Vielfalt soll nicht nur toleriert, sondern normalisiert werden. Tradierte Männlichkeitsmuster sollen nicht nur kritisiert, sondern in ihren sozialen Funktionen verstanden und pädagogisch bearbeitet werden. Das Kapitel bietet damit einen Rahmen, in dem pädagogische Methoden nicht isoliert erscheinen, sondern in ein fachliches Konzept eingebettet werden. Die Darstellung macht deutlich, dass Caring Masculinities nicht als zusätzliche Einheit im pädagogischen Programm zu verstehen sind, sondern als Querschnittsperspektive, die Beziehungsgestaltung, Gewaltprävention, Demokratiebildung und Antidiskriminierungsarbeit miteinander verbindet.

Kapitel 8 behandelt die institutionelle Verankerung. Damit wird der Blick von der einzelnen Fachkraft auf die Organisation erweitert. Eine Kultur der Fürsorge muss in Leitungsstrukturen, Gewaltschutzkonzepten, Konfliktregelungen, Teamkulturen, Materialien und Räumen verankert werden. Das ist ein wichtiger Schritt, weil geschlechterreflektierte Pädagogik sonst leicht individualisiert wird: Dann hängt ihre Qualität allein vom Engagement einzelner Fachkräfte ab. Scambor & Holtermann argumentieren demgegenüber, dass Caring Masculinities institutionelle Rahmenbedingungen benötigen. Dazu gehören auch mutige Räume, in denen Diskriminierung, Gewalt, Geschlecht, Scham und Verletzlichkeit thematisiert werden können. Das Kapitel benennt zudem Widerstände, etwa Abwehrreaktionen von Jungen, Eltern, Kollegien oder Institutionen.

Kapitel 9 führt die zentralen Erkenntnisse zusammen. Es macht Caring Masculinities als Prozess sichtbar, der auf Gleichstellung, Gewaltfreiheit und Fürsorge zielt. Der Ausblick betont, dass kleine pädagogische Momente bedeutsam sein können: Situationen, in denen Jungen Anerkennung nicht durch Abwertung, sondern durch Fürsorge erfahren, irritieren tradierte Normen und eröffnen neue Handlungsmöglichkeiten.

Diskussion

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur geschlechterreflektierten Pädagogik, zur kritischen Männlichkeitsforschung und zur gewaltpräventiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Seine besondere Stärke liegt darin, dass es Fürsorge und Männlichkeit nicht additiv zusammendenkt, sondern als grundlegende Irritation tradierter Geschlechterordnungen. Caring Masculinities erscheinen nicht einfach als „nettere“ Männlichkeit, sondern als Gegenentwurf zu Männlichkeitsanforderungen, die auf Dominanz, emotionale Abspaltung, Autonomiezwang, Abwertung von Weiblichkeit und Abwehr von Verletzlichkeit beruhen. Damit formulieren Scambor & Holtermann eine klare normative Perspektive, die fachlich gut begründet ist: Männlichkeiten sind wandelbar, weil sie soziale Praxis sind. Wenn sie sozial gelernt werden, können sie auch pädagogisch bearbeitet, erweitert und verändert werden.

Besonders überzeugend ist die Verbindung von theoretischer Fundierung und pädagogischer Anwendungsorientierung. Das Buch bleibt nicht bei allgemeinen Appellen an „mehr Fürsorge“ stehen, sondern rekonstruiert die gesellschaftlichen, symbolischen und institutionellen Bedingungen, unter denen Männlichkeit entsteht. Butler, Bourdieu, Connell, feministische Care-Theorien und Gewaltforschung werden nicht nur referiert, sondern auf pädagogische Praxis bezogen. Dadurch entsteht ein tragfähiges Argumentationsgerüst: Wer fürsorgliche Männlichkeitspraxen fördern will, muss verstehen, wie Geschlecht hergestellt wird, wie Anerkennung funktioniert, wie Sanktionen wirken, warum Gewalt für manche Jungen statusrelevant wird und weshalb Fürsorge in männlichen Selbstbildern häufig abgewertet ist. Der Band leistet damit mehr als Methodentransfer. Er arbeitet an einem professionellen Deutungsrahmen.

Ein zweiter großer Vorzug liegt in der differenzierten Sicht auf Jungen. Jungen werden nicht homogenisiert und nicht pauschal problematisiert. Das ist für geschlechterreflektierte Jungenarbeit zentral. In öffentlichen Debatten werden Jungen häufig entweder als Opfer einer angeblich „verweiblichten“ Pädagogik oder als potenzielle Täter:innen dargestellt. Beide Verkürzungen vermeidet das Buch. Jungen erscheinen als Subjekte in widersprüchlichen, machtvollen und teils gewaltförmigen Geschlechterordnungen. Sie können Gewalt ausüben, von Gewalt betroffen sein, Gewalt bezeugen, Gewalt normalisieren oder Gewalt widerstehen. Sie können sich an hegemonialen Normen orientieren, diese aber auch irritieren. Diese Mehrdimensionalität bewahrt das Buch vor Moralisierung und macht es pädagogisch produktiv.

Stark ist auch die Einbeziehung von Gewaltbetroffenheit von Jungen. Sexualisierte Gewalt gegen Jungen wird ausdrücklich behandelt, ebenso Scham, Sprachlosigkeit und stereotype Männlichkeitsbilder, die das Erkennen und Ansprechen solcher Erfahrungen erschweren. Damit wird ein lange randständiges Thema in die geschlechterreflektierte Pädagogik integriert. Das ist fachlich bedeutsam, weil es Fürsorge nicht nur als Prävention gegenüber potenzieller Gewalt durch Jungen, sondern auch als Schutz‑ und Anerkennungspraxis für Jungen versteht. Für die Praxis bedeutet das: Fachkräfte müssen lernen, Jungen nicht nur als „stark“, „laut“, „grenzüberschreitend“ oder „risikobereit“ wahrzunehmen, sondern auch als verletzbare, hilfebedürftige und schutzbedürftige Subjekte.

Ein weiterer positiver Aspekt ist die Aktualität des Gewaltverständnisses. Die Thematisierung der Manosphere macht deutlich, dass Männlichkeitssozialisation heute nicht allein in Familie, Schule oder Peergroups stattfindet, sondern auch in digitalen Räumen. Misogyne, antifeministische und gewaltaffine Online-Kulturen können Jungen und junge Männer mit Anerkennungsangeboten versorgen, die auf Kränkung, Entwertung und Feindbildproduktion beruhen. Dass das Buch diese digitalen Resonanzräume aufnimmt, stärkt seine Gegenwartsdiagnose. Pädagogische Fachkräfte müssen solche Räume kennen, weil sie in Gesprächen, Konflikten, Haltungen und Weltbildern Jugendlicher wirksam werden können.

Hervorzuheben ist zudem die konsequente Verbindung von Gewaltprävention und Demokratiebildung. Fürsorgliche Männlichkeiten werden nicht als individuelles Sozialkompetenztraining verstanden, sondern als Beitrag zu Gleichstellung, Vielfalt, Solidarität und sozialer Kohäsion. Diese Weitung ist überzeugend. Gewaltprävention darf nicht bei Verhaltenskorrektur stehen bleiben. Sie muss an den sozialen Bedingungen ansetzen, die Gewalt begünstigen: Entwertung, Beschämung, Dominanzzwang, Homofeindlichkeit, Misogynie, Rassismus, Klassismus und Heteronormativität. Das Buch öffnet diese Perspektive, indem es intersektionale und queer-theoretische Ansätze integriert. Dadurch wird deutlich, dass Männlichkeit nicht isoliert von anderen Differenz‑ und Machtverhältnissen betrachtet werden kann.

Gleichzeitig bringt diese Breite auch Herausforderungen mit sich. Das Buch bearbeitet sehr viele Themen: Geschlechterkulturen, Performativität, epistemische Gewalt, symbolische Gewalt, Heteronormativität, hegemoniale Männlichkeit, Männlichkeitsanforderungen, Anerkennung, Gewalt unter Jungen, Manosphere, Paargewalt, sexualisierte Gewalt, School Shootings, Femizide, feministische Care-Ethik, Jungenarbeit, professionelle Haltung, Selbstreflexion, Methoden, institutionelle Verankerung und Widerstände. Diese inhaltliche Fülle ist einerseits beeindruckend, andererseits kann sie für Leser:innen aus der Praxis anspruchsvoll sein. Wer wenig Vorwissen in Geschlechtertheorie oder Männlichkeitsforschung mitbringt, könnte einzelne Passagen als dicht erleben. Das Buch bleibt zwar insgesamt gut verständlich, setzt aber die Bereitschaft voraus, sich auf theoretisch anspruchsvolle Konzepte einzulassen.

Kritisch lässt sich auch anmerken, dass die empirische Fundierung teilweise eher exemplarisch als systematisch erscheint. Die Autor:innen verweisen auf europäische Forschungs‑ und Praxisprojekte und beziehen empirische Befunde ein. Dennoch steht nicht eine eigene umfassende empirische Studie im Mittelpunkt, sondern eine konzeptionelle, theoretisch fundierte und praxisorientierte Synthese. Das ist für ein Fachbuch legitim, sollte aber bei der Einordnung berücksichtigt werden. Wer präzise Wirksamkeitsnachweise, Evaluationsdesigns oder vergleichende Daten zur Effektivität einzelner Methoden erwartet, wird nur teilweise bedient. Der Band zeigt überzeugend, warum Caring Masculinities pädagogisch relevant sind und wie sie umgesetzt werden können; er belegt aber nicht im strengen empirischen Sinne, welche Interventionen unter welchen Bedingungen mit welcher Effektstärke wirken.

Eine weitere Diskussionsfrage betrifft den normativen Charakter des Care-Begriffs. Die Autor:innen positionieren Fürsorglichkeit sehr deutlich als positive Alternative zu dominanzorientierten Männlichkeitsmustern. Das ist fachlich und ethisch gut nachvollziehbar. Dennoch hätte an manchen Stellen noch stärker problematisiert werden können, dass auch Fürsorge ambivalent sein kann. Care kann solidarisch, beziehungsorientiert und emanzipatorisch sein; sie kann aber auch paternalistisch, kontrollierend, moralisierend oder asymmetrisch werden. Gerade in pädagogischen Kontexten ist Fürsorge immer mit Macht verbunden. Fachkräfte sorgen nicht nur, sie definieren auch, was als Sorgebedarf gilt, welche Grenzen legitim sind und welche Formen von Nähe angemessen erscheinen. Das Buch reflektiert Macht und Institutionen durchaus, doch eine noch intensivere Auseinandersetzung mit den Ambivalenzen von Fürsorge hätte das Konzept weiter geschärft.

Auch die Umsetzung in pädagogischen Einrichtungen wirft praktische Fragen auf. Das Buch fordert zu Recht institutionelle Verankerung, Leitungshandeln, Gewaltschutzkonzepte, Teamreflexion und eine Kultur der Fürsorge. In der Praxis arbeiten viele Einrichtungen jedoch unter Bedingungen von Personalmangel, Zeitdruck, hoher Fluktuation, begrenzten Fortbildungsressourcen und widersprüchlichen Erwartungen von Einrichtungsträgern, Eltern, Politik und Öffentlichkeit. Die Autor:innen benennen Widerstände, doch die strukturellen Grenzen pädagogischer Arbeit könnten noch ausführlicher diskutiert werden. Gerade in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen oder offenen Angeboten stellt sich die Frage, wie Caring Masculinities dauerhaft implementiert werden können, wenn Fachkräfte bereits mit zahlreichen Querschnittsanforderungen konfrontiert sind. Hier wären ausführlichere Fallbeispiele, Implementierungspläne oder Priorisierungsvorschläge hilfreich gewesen.

Gleichwohl ist die Betonung der institutionellen Dimension sehr wertvoll. Viele pädagogische Konzepte scheitern daran, dass sie als Methodenpool verstanden werden. Scambor & Holtermann machen demgegenüber klar: Fürsorgliche Männlichkeitspraxen können nicht allein durch einzelne Übungen entstehen. Sie brauchen eine Einrichtungskultur, die Fürsorge anerkennt, Vielfalt normalisiert, Diskriminierung bearbeitet und tradierte Geschlechternormen nicht unbewusst reproduziert. Diese Einsicht ist besonders wichtig, weil Jungen sehr genau wahrnehmen, welche Verhaltensweisen in einer Einrichtung tatsächlich Anerkennung finden. Wenn fürsorgliches Verhalten zwar in Projekteinheiten gelobt, im Alltag aber belächelt oder ignoriert wird, bleibt die Intervention schwach. Das Buch sensibilisiert deshalb für die Notwendigkeit, Anerkennungsordnungen zu verändern.

Sprachlich und didaktisch ist der Band gut zugänglich, auch wenn die Theoriepassagen Konzentration erfordern. Die Verwendung des Gendersterns ist nicht nur formale Sprachpolitik, sondern Teil des fachlichen Ansatzes: Geschlecht soll nicht naturalisiert, sondern als konstruiert, vielfältig und offen markiert werden. Dies passt konsequent zur Argumentation des Buches. Gleichwohl ist absehbar, dass gerade dieser Sprachgebrauch in manchen Praxisfeldern Widerstände hervorrufen kann. Das Buch thematisiert Widerstände gegenüber geschlechterreflektierter Arbeit, könnte aber noch stärker darauf eingehen, wie Fachkräfte in polarisierten Diskursen handlungsfähig bleiben. Die gegenwärtige gesellschaftliche Debatte um Gender, Vielfalt und Pädagogik ist stark emotionalisiert. Fachkräfte benötigen daher nicht nur Methoden für Kinder und Jugendliche, sondern auch kommunikative Strategien für Elternarbeit, Teamkonflikte und institutionelle Aushandlungen.

Besonders gelungen ist die Perspektive auf Haltung. Scambor & Holtermann machen deutlich, dass geschlechterreflektierte Pädagogik nicht bei Wissen stehenbleiben kann. Fachkräfte müssen sich selbst als vergeschlechtlichte Subjekte begreifen, die eigene Erfahrungen, Abwehrmechanismen, Unsicherheiten und Normalitätsvorstellungen in pädagogische Situationen einbringen. Dieser Anspruch ist herausfordernd, aber unverzichtbar. Gerade in der Arbeit zu Männlichkeit und Gewalt können unreflektierte Haltungen schnell problematisch werden: Fachkräfte können Jungen beschämen, Gewalt verharmlosen, queere Jugendliche unsichtbar machen oder Fürsorglichkeit nur bestimmten Kindern zutrauen. Die Reflexionsfragen und Haltungskapitel sind daher ein wesentlicher Mehrwert des Buches.

Für die Soziale Arbeit, die Kinder‑ und Jugendhilfe, die schulische Bildung, die frühkindliche Pädagogik und die außerschulische Jugendbildung ist der Band sehr anschlussfähig. Er bietet keine einfache Rezeptpädagogik, sondern einen fachlichen Orientierungsrahmen. Das ist gerade bei einem komplexen Thema angemessen. Wer nach schnellen Übungen sucht, findet Anregungen; wer aber tiefer verstehen will, warum diese Übungen notwendig sind, erhält die theoretische Grundlage dazu. Die Qualität des Buches liegt genau in dieser Verbindung: Es ist weder rein theoretisch noch bloß methodisch, sondern arbeitet an der Schnittstelle von Analyse, Haltung und Handlung.

Insgesamt ist Von gewaltvollen zu fürsorglichen männlichen Praktiken ein fachlich starkes, gesellschaftspolitisch relevantes und pädagogisch nützliches Buch. Es zeigt, dass Caring Masculinities mehr sind als ein weiterer Begriff im Feld der Geschlechterpädagogik. Sie bündeln zentrale Herausforderungen unserer Gegenwart: den Umgang mit Gewalt, die Veränderung von Männlichkeitsnormen, die Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, die Stärkung von Fürsorge und die Entwicklung demokratischer Beziehungskulturen. Besonders überzeugend ist, dass das Buch Jungen nicht als Problemgruppe behandelt, sondern ihnen neue Erfahrungs‑ und Anerkennungsräume eröffnet. Fürsorge wird nicht als Gegensatz zu Männlichkeit dargestellt, sondern als menschliche und soziale Fähigkeit, die Jungen und Männer ebenso betrifft wie alle anderen Geschlechter. Damit leistet der Band einen wichtigen Beitrag zu einer Pädagogik, die Gewalt nicht nur verhindern, sondern andere Formen von Beziehung, Anerkennung und Subjektwerdung ermöglichen will.

Fazit

Scambor & Holtermann legen ein theoretisch fundiertes und praxisnahes Fachbuch vor, das durch seine Verbindung von Männlichkeitskritik, Gewaltprävention, Fürsorgeethik und institutioneller Praxis überzeugt. Das Buch ist anspruchsvoll, aber empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
Mailformular

Es gibt 78 Rezensionen von Christian Philipp Nixdorf.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245