Jonathan Haidt: Generation Angst
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 27.08.2026
Jonathan Haidt: Generation Angst : wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2025. 1 Auflage. 445 Seiten. ISBN 978-3-499-62941-9. 16,00 EUR.
Thema
Drei mediale Megatrends bestimmten die frühen 2010er-Jahre: Smartphones, Social-Media-Plattformen und die Selfie-Kultur. Das Ergebnis: Eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen verwendete mehrere Stunden am Tag darauf, durch die Beiträge von Influencer:innen und mehr oder weniger fremden Nutzer:innen zu scrollen, statt sich mit Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld auseinanderzusetzen. Die Mitglieder der Generation Z, die als Erste ihre Pubertät mit den neuen Medien in der Tasche durchlebten, wurden so zu Testpersonen für das Aufwachsen in einer radikal umgestalteten, zunehmend digitalen Umgebung. Die Folgen dieses Experiments waren, wie Jonathan Haidt auf Grundlage umfangreichen Datenmaterials zeigt, katastrophal – und sie betreffen auch die heute Heranwachsenden. Die schnellste und allumfassendste Neuverdrahtung menschlicher Beziehungen führte dazu, dass sich die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen rapide und dauerhaft verschlechtert hat. Dieser Entwicklung müssen wir jetzt entgegentreten: Haidt erklärt, was Regierungen, Schulen und Eltern tun können, um Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.
Autor
Jonathan Haidt ist Sozialpsychologe und Professor an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Aufbau und Inhalt
Die zentrale Frage steht gleich am Anfang im Fokus: Warum geht es der jungen Generation eigentlich so schlecht? Dass das keine bloße Behauptung ist, sondern belegbare Fakten macht Haidt mit empirischen Daten deutlich: Sos ist seit den 2010er-Jahren ein Anstieg von Angststörungen und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, insbesondre bei Mädchen, feststellbar. Außerdem steigen die Selbstmordraten unter Teenagern in vielen westlichen Ländern. Ursächlich dafür, so legen es Forschungsergebnisse nah, sind zu weiten Teilen Soziale Medien und Smartphones, da der Anstieg der psychischen Probleme zeitlich mit ihrer Verbreitung korreliert. Im weiteren Verlauf beschreibt der Autor ein Phänomen, dass er „Große Neuverdrahtung“ nennt, also die Veränderung der Kindheit durch Smartphones. Das macht er an einigen wesentlichen Punkten fest. Früher verbrachten Kinder ihre Freizeit draußen, spielten mit Freunden und entwickelten soziale Kompetenzen durch direkte Interaktion. Heute verbringen sie Stunden auf TikTok, Instagram oder Snapchat, wo sie Likes, Kommentare und Vergleiche als soziale Währung erleben. Dadurch verliert die Kindheit ihre Bedeutung als Schutzraum, da Sozialen Medien es Kindern ermöglichen, Inhalte zu konsumieren, die eigentlich Erwachsenen vorbehalten sein wollten wie zum Beispiel Pornografie oder Extremismus. Außerdem kommen die Kinder auf diesem Weg in Kontakt mit Cybermobbing – und das ohne die emotionale Reife, diese zu verarbeiten. Darüber hinaus belohnen Algorithmen Aufmerksamkeit, nicht Wohlbefinden: Plattformen sind darauf ausgelegt, Nutzer:innen so lange wie möglich zu binden, auch um den Preis von Suchtverhalten und Selbstzweifeln.
Darauf aufbauend lassen sich laut Haidt vier Hauptfaktoren der psychischen Krise identifizieren:
- Der Rückgang des „Spielens“ im Freien
Freies Spiel ohne Erwachsenenaufsicht war früher essenziell, um Resilienz, Kreativität und soziale Intelligenz zu entwickeln. Heute wird Spiel durch strukturierte Aktivitäten wie vereinsorganisierter Sport oder Bildschirmzeit ersetzt. Das führt dazu, dass Kinder nicht mehr lernen, Konflikte zu lösen, Risiken einzugehen oder Langeweile auszuhalten. - Der Aufstieg der „Phone-Based Childhood“
Smartphones wurden ab 2010 zum ständigen Begleiter – und damit zum Tor zur virtuellen Welt. Soziale Medien ersetzen echte Freundschaften durch oberflächliche Online-Interaktionen. Viele Jugendliche schlafen mit dem Handy neben dem Bett und wachen nachts auf, um Nachrichten zu checken – was zu chronischer Erschöpfung führt. - Die Überwachung durch Eltern („Overparenting“)
Eltern nutzen Tracking-Apps und soziale Medien, um ihre Kinder ständig zu überwachen. Das führt dazu, dass das Autonomiebestreben von Kindern reduziert wird, weil sie sich kontrolliert und unter Druck gesetzt fühlen. Dazu kommt, dass sogenannte Helikopter-Eltern und solche, die alle Hindernisse aus dem Weg räumen, verhindern, dass Kinder eigene Erfahrungen mit Scheitern und Erfolg machen. - Die Polarisierung der Gesellschaft
Soziale Medien verstärken politische und soziale Spaltungen, indem sie Nutzer:innen in Filterblasen einschließen. Jugendliche wachsen so in einer Welt auf, in der Wahrheit relativ erscheint und Vertrauen in Institutionen schwindet. Das führt zu existenzieller Unsicherheit und dem Gefühl, in einer zerrissenen Welt leben zu müssen.
Das alles stellt Schule und Politik vor große Aufgaben, die sie nach Ansicht von Jonathan Haidt nicht gut lösen, ganz im Gegenteil. Schulen haben Smartphones nicht verbieten können und setzen oft auf digitale Bildung – ohne die Risiken zu bedenken. Politiker:innen ignorieren die psychologischen Kosten der Digitalisierung und setzen stattdessen auf technologischen Fortschritt um jeden Preis. Als Alternativen plädiert der Autor für Smartphone-Verbote in Schulen, für eine deutliche Ausweitung des freien Spiels als Alternative zu strukturierten Aktivitäten und für ein Pflichtfach Medienkompetenz.
Gerettet werden kann die psychische Gesundheit einer ganzen Region nur durch einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der virtuellen Welt. Dazu gehören ein Smartphone-Verbot für unter 14-Jährige, Altersbeschränkungen von Plattformen wie Instagram sowie die Veränderung der Algorithmen weg von maximaler Aufmerksamkeit hin zu Wohlbefinden. Erforderlich seien auch mehr gemeinschaftsorientierte Aktivitäten und Familienzeit ohne Bildschirme sowie ein Handyverbot an Schulen. Das alles, so schließt der Autor, geht nicht ohne politische Regulierung wie Gesetze, die Tech-Konzerne zwingen, entsprechende Produkte für die Minderjährigen zu entwickeln, oder Steuern auf soziale Medien, um die Kosten zum Beispiel durch die Behandlung psychischer Erkrankungen zu refinanzieren.
Diskussion
Aktuell, wissenschaftlich fundiert und bisweilen etwas provokant: Jonathan Haidt ist ein Buch gelungen, dass mit einer verständlichen Sprache und konkreten Handlungsempfehlungen einen Finger in die Wunde legt. Manch Leser:in mag es befremdlich erscheinen, dass er sich förmlich auf Smartphones und soziale Medien „einschießt“ und dabei andere Faktoren wie zum Beispiel die wirtschaftliche Unsicherheit sowie die Spätfolgen der Corona-Pandemie außer Acht lässt. Die spannende Frage an dieser Stelle wäre, ob die von ihm beschriebenen Aspekte wirklich der Hauptgrund für psychische Krisen der Jugendlichen sind oder sie letztlich nur ein Symptom einer tieferen gesellschaftlichen „Erkrankung“ sind. Spannend wäre es auch gewesen, die Perspektive der Jugendlichen näher zu beleuchten. Doch das ändert nichts daran, dass Generation Angst ein wichtiges Buch ist, das eine dringend notwendige Debatte anstoßen sollte. Es liefert überzeugende Argumente dafür, dass die digitale Revolution tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen hat – und dass wir dringend handeln müssen, um die negativen Folgen einzudämmen.
Fazit
Dieses Buch ist alles andere als neutral – und das ist gut so. Es ist ein Weckruf, um zum Nachdenken und Handeln anzuregen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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