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Pat Thane (Hrsg.): Das Alter. Eine Kulturgeschichte

Cover Pat Thane (Hrsg.): Das Alter. Eine Kulturgeschichte. Primus Verlag (Darmstadt) 2005. 320 Seiten. ISBN 978-3-89678-270-0. 39,90 EUR, CH: 66,70 sFr.

Aus dem Englischen von Dirk Oetzmann und Horst M. Langer.
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Hintergrund

Alter gilt vielen als neues Phänomen. Früher, so heißt es, starben die Menschen früh. Selbst in gerontologischer Fachliteratur findet sich nicht selten die Meinung, dass früher die Menschen kaum älter als 40, vielleicht 50 Jahre alt wurden. Übergangen wird dabei, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in vielen Epochen durch eine hohe Kindersterblichkeit gering ausfiel - die fernere Lebenserwartung von Menschen aber, die die ersten Jahre überlebt haben, wesentlich höher war. Das ist historische Demographie und meist etwas für Menschen mit Vorliebe für Daten und Zahlen.

Der Band "Das Alter" von Pat Thane macht demgegenüber anschaulich, dass es "Alter" auch in früheren Epochen gab. Es wird gezeigt, dass es schon in der Antike keine Seltenheit war, 60 Jahre und älter zu werden - und verdeutlicht viele Kontinuitäten in gesellschaftlichen Definitionen von "Alter". "Alt" waren in der griechischen und römischen Antike, später im westeuropäischen Mittelalter und dann auch in Nordamerika bis heute beispielsweise Menschen "über 60" oder "über 70" Jahre. In einer weiteren Bedeutung galten als "alt" früher wie heute auch Menschen, deren Kräfte nicht mehr ausreichten, für sich selbst zu sorgen.

In Beiträgen verschiedener Autoren geht es in dem Band um die anschauliche Beschreibung der Lebenssituation älterer Menschen und ihre Darstellung in Kunst, Literatur und anderen Medien in verschiedenen Epochen. Berücksichtigt werden fast ausschließlich die Geschichte des westlichen Europas und die neuere Geschichte Nordamerikas.

Inhalt

Das Buch beginnt - nach einer Einführung von Pat Thane - mit einem Beitrag zum Alter im antiken Griechenland und in der römischen Welt. An vielen Beispielen aus zeitgenössischer Literatur und Kunst wird die Vielfalt der "Altersbilder" illustriert. Hier werden bereits Kernmotive sichtbar, die in den anderen Beiträgen zu späteren Epochen immer wieder aufscheinen. Themen sind

  • abhängiges Alter,
  • autonomes Alter,
  • soziale Stellung,
  • gesellschaftliche Integration und
  • medizinische Theorien zum biologischen Altern.

Körper und Seele altern gleichermaßen, getrennt oder entgegengesetzt. Alter ist mit Weisheit, Güte und Würde assoziiert - aber auch mit Hässlichkeit, Kummer oder Narretei.

Eine über die Epochen hinausgehende Analyse von Entwicklungssträngen findet sich bei dieser Art der Darstellung nicht. Dazu trägt sicher auch bei, dass die Einzelbeiträge von verschiedenen Autorinnen und Autoren stammen, die sich nur wenig aufeinander beziehen. Hinzu kommt natürlich, dass die Tiefenschärfe des Wissens über die Lebenssituation älterer Menschen in den besprochenen Epochen sehr unterschiedlich ist.

Durch die vielen, manchmal lose aneinander gereihten Einzelbeispiele wird stattdessen die Vielfalt in Lebenssituation und Wahrnehmung alter Menschen verdeutlicht. Dies wird unterstützt durch viele Abbildungen und zahlreiche Anekdoten, die zu jeder beschriebenen Epoche angeführt werden. Dazu gehört die Geschichte, in dem ein 22jähriger Heinrich IV. bei seinem Gang nach Canossa einem 57jährigen Papst Gregor VII. gegenübersteht ebenso wie die Geschichte über Heinrich II. (34), der von Papst Gregor IX. (73) exkommuniziert wird. Dazu gehören Tagebuchaufzeichnungen, in denen Hochzeiten alter Frauen mit jungen Männern beschrieben werden. Und dazu gehören die vielen Illustrationen, zum Beispiel zwei aus Giorgiones Bildern, denen im Untertitel die Frage angefügt wird: "Ist es eine positive oder eine negative Darstellung?"

Eine Kontinuität wird  beim Lesen aller Beiträge aber dann doch deutlich: Wer (an Jahren) alt ist und dabei gesund, jedenfalls leistungsfähig, genießt damals wie heute eine offenbar eher gute Wertschätzung. Wer krank ist und abhängig, genießt sie oft nicht; auch bei relativ jungem (kalendarischem) Alter.

Fazit

Das Buch ist schön, leicht zu lesen und toll illustriert. Als solches eignet es sich gut als Geschenk auch für interessierte Laien. Aber auch für historisch und gerontologisch Vorgebildete kann das Buch ein Gewinn sein. Viele historische Betrachtungen zum Thema "Alter" widmen sich der Frage nach der Wertschätzung älterer Menschen in der Gesellschaft. Auch in der Fachliteratur ist die Überzeugung verbreitet, dass dieses Bild in den vergangenen Jahrzehnten besonders negativ geworden sei. Durch seine illustrative Darstellungsweise macht das Buch demgegenüber anschaulich, dass es immer schon unterschiedlichste Bilder vom Alter gab, die nebeneinander standen, sich ergänzten und perspektivische Vielfalt ermöglichten. Damit hebt sich das Buch schön von den Werken ab, die, oft anklagend oder verklärend, das Altersbild einer Gesellschaft oder Epoche nachzuzeichnen suchen. Wer sich schon länger fragt, ob Alter wirklich ein neues Phänomen ist und ob sich Altersbilder wirklich so dramatisch wandeln, wird in dem Buch eine inspirierend neue Botschaft finden. Statt Dramaturgie des Wandels findet sich ein Eindruck großer Kontinuität nicht nur in der Vielfalt, sondern auch im Spektrum der Altersbilder.


Rezensent
Christian Carls
Magister für Kommunikationswissenschaften und Sozialmedizin, Diplom-Sozialpädagoge. Forum Seniorenarbeit, Diakonisches Werk Rheinland
Homepage www.forum-seniorenarbeit.de
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Rezensentin
Doris Engelmann
Wirtschaftsingenieurin


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Zitiervorschlag
Christian Carls/Doris Engelmann. Rezension vom 25.02.2007 zu: Pat Thane (Hrsg.): Das Alter. Eine Kulturgeschichte. Primus Verlag (Darmstadt) 2005. ISBN 978-3-89678-270-0. Aus dem Englischen von Dirk Oetzmann und Horst M. Langer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3459.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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