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Patrick Schwalm: Suizidalität von Jugendlichen in der Gegenwartsgesellschaft

Cover Patrick Schwalm: Suizidalität von Jugendlichen in der Gegenwartsgesellschaft. Perspektiven sozialpädagogischen Handelns. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. 274 Seiten. ISBN 978-3-8288-8809-8. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Einführung in die Themenstellung

Die Suizidversuchsrate in unserem Land ist in keiner anderen Lebensphase so hoch wie in der Adoleszenz. Zwischen dem Entschluss zu einer suizidalen Handlung und ihrer Ausführung liegt bei Jugendlichen nicht selten nur ein kurzes Intervall. Die Phase suizidaler Erwägung reicht dagegen üblicherweise einige Zeit zurück. Suizidalen Krisen junger Menschen geht in der Regel eine Entwicklungsgeschichte zunehmender sozio-emotionaler Verengung voraus. Oft ist der erlebte Verlust sozialer Zugehörigkeit und emotionaler Verbundenheit mit einer vorausliegenden realen Bedrohung der gesellschaftlichen Teilhabe assoziiert. Es ist vor diesem Hintergrund lohnenswert, das Phänomen "Suizidalität" nicht nur mit psychologischen und psychiatrischen, sondern auch mit sozialpädagogischen Konzepten zu erfassen und zu bearbeiten.

In den Dienst dieser Aufgabe hat Patrick Schwalm seine pädagogische Dissertation gestellt, die bei Frau Professor Flösser an der Universität Dortmund entstanden ist und vom Tectum-Verlag als Buch vorgelegt wird. Angesichts der hohen Suizidversuchsrate kommt der konzeptionellen Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit dem Themenfeld Suizidalität auch versorgungspolitisch hohe Relevanz zu, nicht zuletzt für die Kooperation der verschiedenen Professionen, die mit suizidalen Personen und Risikogruppen arbeiten.

Aufbau und Inhalte

Bei der Dissertation handelt es sich um eine literaturkritische Arbeit.

Als Ziele nennt Schwalm, die Bewertung und Weiterentwicklung vorliegender sozialpädagogischer Änsätze zum Themenfeld "adoleszente Suizidalität". In zwei einführenden Abschnitten werden zunächst die Begriffe "Suizidalität" und "Jugend" hinsichtlich ihrer fachlichen Verwendung ausgelotet und terminologisch eingegrenzt. Das dritte Kapitel stellt das theoretische Inventar zusammen, mit dem Suizidalität im weiteren Verlauf des Buches als sozial verstehbarer Sachverhalt herausgearbeitet werden soll. Die Erarbeitung des Theorierahmens erscheint zeitweise etwas fundamental, stellt insgesamt aber eine gute Vorbereitung der weiteren Kapitel dar. Schwalm setzt sich mit soziologischen Sozialisationskonzepten auseinander, mit Becks Verständnis von Individualisierung, Havighursts Konstrukt der Entwicklungsaufgabe, dem Modell der Identitätsentwicklung von Erikson und Freuds Theorie der Geschlechtersozialisation.

Das nachfolgende Kapitel geht auf die Epidemiologie von Suizidhandlungen im Jugendalter ein. Herangezogen werden vor allem die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Häufigkeit von Selbsttötungen, ergänzt durch Literatur zur Häufigkeit von Suizidversuchen, die in der amtlichen Statistik nicht erfasst werden. Eine noch stärkere Auseinandersetzung mit dem gegebenen epidemiologischen Wissen über die Verteilung und Auftretensbedingungen von Suizidversuchen wäre an dieser Stelle wünschenswert gewesen, denn im Altersvergleich liegt die Besonderheit adoleszenter Suizidalität ja in der stark erhöhten Versuchsrate.

Im Kapitel Suizidtheorien schlägt Schwalm einen Bogen durch sozialpsychologische und psychoanalytische Erklärungsmodelle suizidalen Verhaltens, neben Durkheim, Freud und Henseler werden die Studien von Jerry Jacobs und Sigrid Schröer diskutiert.

Nach den auf die einschlägige psychiatrische Literatur bezogenen Ausführungen zum typischen Verlauf suizidaler Krisenund der Beschreibung vorliegender Ansätze der Suiziprävention konzentrieren die Schlusskapitel des Buches sich auf die Frage, mit welchen konzeptionellen Grundlagen die Dynamik suizidalen Geschehens sozialpädagogisch erfasst werden kann. Dem Ansatz der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit wird dabei das Konzept der Sozialraumorientierung zur Seite gestellt. Beide Ansätze zusammen ermöglichen eine sozialpädagogisch begründete Auseinandersetzung mit Suizidalität, in deren Zentrum der Anspruch der Person auf soziale Partizipation steht.

Mikroanalytisch geht Schwalm im Weiteren der Frage nach, welche Strukturmerkmale der sozialpädagogischen Arbeitsbeziehung antisuizidales Potential entfalten können. Gegenübergestellt werden Nohls Verständnis des "pädagogischen Bezugs", das auf eine direkte, "echte" soziale Begegnung zwischen Helfer und Klient abzielt, und das Konzept des Frankfurter Soziologen Ulrich Oevermann, das am Beispiel des klassischen psychoanalytischen Arbeitsbündnisses eine dialektisch aufgebaute Struktur professionalisierter Therapiebeziehungen rekonstruiert. Schwalm leistet auf knappem Raum eine überzeugende Auseinandersetzung mit dem Frankfurter Ansatz. Für eine sozialpädagogische Beantwortung von Suizidalität gibt die Konzeption nach Einschätzung Schwalmswertvolle Hinweise, bietet jedoch insgesamt keine passende Struktur. Die helfende Beziehung in der suizidalen Krise, so lässt die Diskussion sich zusammenfassen, ist nicht nur ein Medium, durch das der Klient an der Klärung seines eigenen, suizidalen Erlebens arbeiten kann, sie ist auch ein direkter sozialer Gegenpol zur Suizidalität. Insofern liegt das Vorgehen des Helfers, zumindest im Fall akuter Suizidalität, näher bei Nohls Beziehungsmodell.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch ist für den wissenschaftlichen Diskurs verfasst. Es will keine praktischen Antworten geben, sondern dazu beitragen, Fragen einzugrenzen, die zu lösen sind, damit eine Verknüpfung von Suizidologie und Sozialer Arbeit gelingen kann. Hier leistet das Buch teilweise Pionierarbeit. Der Autor bemerkt zwar, am Ende seiner Arbeit stünden "mehr Fragen als Antworten", "mehr Forschungsbedarf als gesichertes Wissen". Doch darin liegt die Intention und der Wert des Buches: das Themenfeld für die weitere Diskussion vorbereitet und sinnvoll abgesteckt zu haben.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 19.09.2006 zu: Patrick Schwalm: Suizidalität von Jugendlichen in der Gegenwartsgesellschaft. Perspektiven sozialpädagogischen Handelns. Tectum-Verlag (Marburg) 2005. ISBN 978-3-8288-8809-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3460.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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