Inge Seiffge-Krenke: Liebesbeziehungen
Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 03.08.2026
Inge Seiffge-Krenke: Liebesbeziehungen. Entwicklung, Diversität, Psychodynamik und Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2026. 368 Seiten. ISBN 978-3-608-98930-4. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
Thema
Liebesbeziehungen werden selten Gegenstand der wissenschaftlichen Literatur. Es gibt zahlreiche Publikationen zu „pathologischen“ Entgleisungen und Grenzüberschreitungen, nicht jedoch zu dieser großen emotionalen Gestalt selbst.
Autorin
Prof. Dr. phil. Inge Seiffge-Krenke, Jg. 1948, ist Diplompsychologin, Psychoanalytikerin (DPV/IPA), Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutin (DGIP) – und die Grand Dame der analytischen Entwicklungspsychologie. Wie keine andere versteht sie es, Texte zu verfassen in einer Kombination aus exzellenter Übersicht über die empirische Forschung und gesättigter klinischer Erfahrung. Sie ist Trägerin diverser Wissenschaftspreise; ihr Hauptwerk Psychoanalytische Therapie Jugendlicher erschien 1986 bei Kohlhammer, in diversen Neuauflagen seit 2010 bei Klett-Cotta unter dem Titel Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie, vollständig aktualisiert und erweitert inzwischen in der 4. Auflage. Sie hat etwa 30 Bücher und hunderte Artikel verfasst.
Aufbau/​Inhalt
Als eine Einführung: „Probleme in Liebesbeziehungen – ein häufiges Motiv für die Inanspruchnahme von Psychotherapie“ folgen 10 Kapitel: 2. Liebesbeziehungen im Wandel der Zeit: Liebesbeziehungen früher und heute/3. Liebe-Verliebtheit-Partnerwahl/4. Entwicklungsdynamik der Paarbeziehungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen/5. Familienentwicklung und Paarbeziehung/6. Die Liebe und die neuen Medien/7. Herausforderungen durch neue (?) Möglichkeiten/8. Transkulturelle Aspekte: Ist Liebe überall gleich?/9. Sexualität und Gewalt in Liebesbeziehungen/10. Liebe und Psychopathologie/11. Liebe in der Psychotherapie
Seiffge Krenke beschäftigt sich mit Liebesbeziehungen im 21. Jahrhundert. Viele der beschriebenen Phänomene habe ich in den letzten Jahren in den Erfahrungen meiner Patient:innen mitverfolgen können, wenn auch nicht so differenziert wie der Analyse der Autorin. Selbstverständlich ist mit Émile Durkheim (1984), dass Jugendliche zugleich Protagonist:innen von Devianz und von gesellschaftlicher Innovation sind.
Etwa das Online-Daten als vorherrschende Form der Kontaktaufnahme im Partner:innenkontext existiert schon länger als 10 Jahre. Welche sozialen Veränderungen bringt das mit sich, und wie verändert sich die Gesellschaft dadurch: Ist etwa das Ansprechen in sozialen Kontexten oder das Flirten auf der Straße in die Nähe von sexueller Belästigung gerückt? Welche Folgen hat die vermeintlich massenhafte Auswahl von potenziellen Datingpartner:innen für die Fähigkeit, sich auf eine Einzelne einzulassen? Wie wirkt sich der Switch von einer ersten eye-to-eye-Anziehung, einem Match auf Tinder, zu einen realen Beziehung aus? Wie kommt es, dass viele Jugendliche sexuelle Kontakte eher eingehen können, als sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen? Die Freud´sche „Objektbeziehung“ (1914) stellt mehr ein Wiedererkennen als eine freie Wahl dar (vgl. Klaus Theweleit 1990). Das romantische Liebesideal (Dein ist mein ganzes Herz) stellt aus psychoanalytischer Sicht auch eine unreife Idealisierung des Liebesobjekts dar. Neben evolutionspsychologischen Ursachen spielen kulturelle Einflüsse und soziale Normen eine große Rolle dabei, wer wen attraktiv findet. Die freie Partner:innenwahl hat sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt und wird heute noch in Gesellschaften mit kollektivistischen Moralvorstellungen abgelehnt.
Welche Folgen hat es, dass die generativen Konsequenzen einer Liebesbeziehung oft als Zerstörung der partnerschaftlichen Ebene der Liebenden erlebt werden, zugunsten einer emotional viel höher bewerteten Elternschaft?
Welche Konsequenzen für die Fähigkeit Adoleszenter, sich abzunabeln und ein autonomes Leben zu führen, hat ein Anklammern der Eltern? Ist die Zunahme von F93.0 Emotionale Störung mit Trennungsangst bei Jugendlichen eigentlich ein Phänomen, das die elterliche Seelenverfassung treffender beschreiben würde?
Die sozialen und kulturellen Auswirkungen der Migration auf die reale Beziehungspraxis ist gravierend, muslimische und speziell arabische Gesellschaften sind weniger individualisiert. Die Partner:innenwahl liegt eher im Interesse der Familienverbände als im Geschmack der jungen Liebenden. Das Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs hatte vollständig die Geltung eingebüßt. Plötzlich gilt es wieder als wichtige moralische Tugend. Gleichzeitig ist in den Augen vieler durch muslimische und/oder afrikanische Kulturen geprägter Menschen Homosexualität oder Transsexualität ein Verbrechen oder zumindest ein schweres Laster. Wie verändert sich dadurch der öffentliche Diskurs im deutschen Sprachraum?
Die letzten beiden Kapitel widmet Seifige-Krenke den destruktiven und psychopathologischen Möglichkeiten des Scheiterns der Liebe und des Scheiterns der Übertragungsliebe im therapeutischen Prozess.
All diese Fragen behandelt Seiffge-Krenke in ihrem Werk und kommt dabei auf teilweise erstaunliche Antworten. Dieser Text wirkt keineswegs wie eine Lebensbilanz, sondern ist erstaunlich aktuell. Tatsächlich ist er aber von den reichhaltigen Erfahrungen eines langen Lebens erfüllt.
Viele der originellen Thesen sind im praktischen (kinder‑ und jugend-)psychotherapeutischen Kontext unmittelbar erlebbar: Etwa wenn mich Therapieplatzsuchende mit einem ausführlichen Bericht anfragen, diese Wünsche aber nicht realisiert werden können, weil die Betroffenen ihren Kettenbrief noch an hundert andere Therapeut:innen ausgesendet haben, erinnert dieses Muster erstaunlich an Strategien, die bei Online-Dating entwickelt wurden.
Diskussion
Nachdem ich die ersten 30 Seiten mit einer gewissen Ernüchterung, eher wie eine Zusammenfassung gelesen hatte, bin ich ab Kapitel 3 mitgerissen durch eine umfassend erscheinende Übersicht über die Ergebnisse empirischer Forschung, insbesondere natürlich die von der Autorin selbst geleistete, in Kombination mit einer universellen klinischen Erfahrung aus eigenen Behandlungen und Supervisionen auch innerhalb institutioneller Kontexte. Dieses Niveau behält Frau Seiffge-Krenke dann über 300 Seiten bei, was das Buch, von mir in einem Zug gelesen, zu einer intensiven und spannenden Lektüre macht.
Viele komplexe Themen diskutiert sie ohne Polemik, aber nachhaltig lehrreich: Haben wir eine Wahl – oder ist Verlieben eben ein Stück Wiederholungszwang (vgl. Sigmund Freud)? Verhindert die emotionale Abhängigkeit der Eltern von ihren Kindern deren Loslösung in der späten Adoleszenz (S. 112 ff.)? Ursachen der Kinderlosigkeit (S. 117) … Sinken der partnerschaftlichen Zufriedenheit nach der Geburt von Kindern (S. 119 ff.)… Hat die Zunahme von F 93 Diagnosen (emotionale Störung mit Trennungsängsten) ihre Ursache in der Aufgabe der Paarebene durch die nur-Eltern? … Welche Folgen hat die verbreitete Nutzung von Dating Apps, nicht nur für Beziehungen, sondern auch für die Psychotherapie? …Sex Ja/Liebe nein … Transkulturelle Partnerschaften … Die Dualität von Aggression und Sexualität … Sexuelle Grenzüberschreitungen in der Therapie … Liebe in der Therapie…
All diese Themen werden nie summarisch referiert, sondern in einem Stil, der mit Erkenntnisgewinn und Spannung gelesen werden kann. Fallskizzen erhellen die Darstellung instruktiv.
In Seiffge-Krenkes Text wird deutlich, dass die von Martin Dornes (2012), aber auch von Martin Altmeyer (2021) teilweise aufgrundlage empirischer Befunde beschriebenen positiven Entwicklungen der digitalen Moderne heute nur noch mit Einschränkungen anerkannt werden können. Im Zeitalter der Tec-Oligarch:innen wirkt der Optimismus der digitalen Gründerzeit wie die Naivität einer 13-Jährigen. Ob die Phantasiegefährtin von einst (Seiffge-Krenke 2001) inzwischen durch KI abgelöst wurde und damit eine menschliche Möglichkeit im Verschwinden begriffen ist, wird die Zukunft erweisen.
Fazit
Das Werk sollte nicht nur von Psychotherapeut:innen gelesen werden, sondern von allen Menschen (die in der Lage sind, ein Buch von 350 Seiten zu bewältigen). Ob eine bebilderte YouTube-Zusammenfassung erscheinen wird, die auch Analphabet:innen neuer Couleur den Gewinn ermöglicht?
Literatur
Martin Altmeyer (2021): Ich werde gesehen, also bin ich: Psychoanalyse und die neuen Medien, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht
Martin Dornes (2012): Die Modernisierung der Seele. Kind-Familie-Gesellschaft. Frankfurt/M.: Fischer
Émile Durkheim (1984): „Erziehung, Moral und Gesellschaft“ (basierend auf Vorlesungen an der Sorbonne 1902/1903), Frankfurt: Suhrkamp
Sigmund Freud (1914): Zur Einführung des Narzißmus. In: GW 3 (S. 37–68), Frankfurt: Fischer
Sigmund Freud (1914): Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. In: GW 10 (S. 205–216), Frankfurt: Fischer
Renate Schepker (2017): Kultursensible Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen, in der Reihe Psychodynamik kompakt (hg. von Inge Seiffge-Krenke und Franz Resch), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Inge Seiffge-Krenke (1986): Psychoanalytische Therapie mit Jugendlichen, Stuttgart: Kohlhammer
Inge Seiffge-Krenke (2001): »Liebe Kitty, du hast mich gefragt…«: Phantasiegefährten und reale Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 1, 1–15, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Inge Seiffge-Krenke (2010): Jugendliche in Psychodynamischer Therapie, Stuttgart: Klett-Cotta
Inge Seiffge-Krenke (2017): Die Psychoanalyse des Mädchens, Stuttgart: Klett-Cotta
Klaus Theweleit (1990): Objektwahl. (All You Need Is Love …), Frankfurt: Stoemfeld * Roter Stern
Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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