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Annegret Wigger: Was tun SozialpädagogInnen und was denken sie, was sie tun?

Cover Annegret Wigger: Was tun SozialpädagogInnen und was denken sie, was sie tun? Professionalisierung im Heimalltag. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2005. 144 Seiten. ISBN 978-3-938094-48-8. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-86649-096-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema des Buches

In dieser Publikation wird ein Forschungsbeitrag zu zentralen Gegenständen professioneller Tätigkeit im stationären Bereich präsentiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, was SozialpädagogInnen denken und tun, wenn sie in verschiedenen stationären Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene "auf der Gruppe arbeiten". Mit dem Terminus "auf der Gruppe arbeiten" soll eine Eingrenzung des Forschungsgegenstands auf den Kern der alltäglichen sozialpädagogischen Arbeit im stationären Bereich erreicht werden. Dies laut Annegret Wigger bewusst in Abgrenzung zu einer in der Sozialen Arbeit beobachtbaren Tendenz, den "rundum Tätigkeiten" wie bspw. Führungsaufgaben und Elternarbeiten ein höheres Prestige zuzuschreiben als dem eigentlichen Kerngeschäft (S. 16). Mit der Fokussierung auf die konkrete professionelle Tätigkeit möchte die Autorin den ihrer Meinung nach im theoretischen Professionalisierungsdiskurs nicht zufällig vernachlässigten Blick auf das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit schärfen.

Autorin

Dr. phil. Annegret Wigger ist Leiterin der Abteilung Forschung des Institutes für Soziale Arbeit (IFSA) an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Soziale Arbeit in St. Gallen (Schweiz).

Aufbau

Die 144 Seiten umfassende Publikation gliedert sich in drei Teile.

  1. Der erste umfasst zwei Hauptkapitel, in denen Motive des Forschungsvorhabens sowie das Forschungsdesign umfassend präsentiert werden.
  2. Den zweiten Teil nehmen in den Kapiteln 3, 4 und 5 zentrale Ergebnisse der Untersuchung ein.
  3. Im dritten schliesslich werden in den Kapiteln 6 und 7 unter Einbezug ausgewählter theoretischer Positionen erste Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen gezogen.

Inhalt

  1. Im ersten Kapitellegt Annegret Wigger die verschiedenen Motive dar, die zu diesem Forschungsvorhaben führten. Die Autorin erhebt einerseits den Anspruch, eine Lücke in der Professionalisierungsforschung der Sozialen Arbeit zu schliessen und andererseits, der eigenen professionellen Tätigkeit eine Sprache zu verleihen. Laut Autorin liegen keine qualitativen Forschungsergebnisse vor, in welchen eine Auseinandersetzung mit dem Kern der professionellen Tätigkeit der Sozialen Arbeit stattgefunden hat (S. 11). Entsprechend erstaune es wenig, dass es sowohl Studierenden als auch Ausgebildeten schwer fällt, den Kern der eigenen professionellen Tätigkeit sprachlich zu fassen.
  2. Im zweiten Kapitel werden der theoretische Zugang zum Forschungsgegenstand, die Feldauswahl sowie das methodische Vorgehen dargelegt. Als theoretischer Zugang wird der Tätigkeitsbegriff nach Leontjew (1982) verwendet. Danach unterscheidet sich Tätigkeit von Aktivität durch den Einbezug einer zugeschriebenen Bedeutung. Für die Stichprobe wurden drei Felder im Sinne von Typen sozialpädagogisch stationärer Einrichtungen in der Schweiz sowie pro Feld je eine Sozialpädagogin und ein Sozialpädagoge kriterienorientiert ausgewählt. Die Bezeichnung Sozialpädagogin bzw. Sozialpädagoge wird in dieser Studie umfassend verstanden, so dass Vertretende verschiedener Berufsgruppen, die in sozialpädagogischen Feldern tätig sind, darunter fallen. Es sind dies SozialpädagogInnen mit Abschluss auf der tertiären Stufe, KleinkindererzieherInnen oder verwandte Berufe aus dem Betreuungs-, Pflege-, Kindergarten- und Schulbereich (S. 18). Die Daten wurden durch die aufwändige Methode der teilnehmenden Beobachtung sowie durch leitfadengestützte Interviews erfasst. Die Datenauswertung wiederum stützt sich auf die Grounded Theory, eine mehrere Schritte umfassende Kategorisierung, welche mit einem selektiven Kategorisierungsprozess abschliesst.
  3. Im dritten Kapitel wird den Lesenden ein erster Einblick in das äusserlich beobachtbare Geschehen des jeweiligen Feldes gewährt. Dabei werden drei fallbezogene Tagesbeobachtungen aus der Perspektive der teilnehmenden Beobachtenden deskriptiv dargestellt.
  4. Im vierten Kapitel wird die aus der Datenanalyse gewonnene Tätigkeitsstruktur präsentiert, die sich in sechs zu unterscheidende Tätigkeitskomplexe bzw. Hauptkategorien gliedert. Im Mittelpunkt steht hierbei die Kategorie "Re-aktive Präsenz vor Ort". Diese wird je nach Situation aktiv oder passiv ge- und erlebt und stellt sowohl eigenständige Tätigkeit als auch Voraussetzung aller anderen Tätigkeitsbereiche dar. Die Hauptkategorie "Re-aktive Präsenz vor Ort" umfasst Facetten wie fürsorgliches Strukturieren (bspw. ein Zuhause schaffen), alltägliches Regulieren (bspw. Regeln durchsetzen) oder die Kategorie "Da sein für ..." (bspw. ein Beziehungsangebot machen). Zur Bewertung der eigenen Arbeitstätigkeit generiert die Autorin zwei Hauptkategorien: "Lebendige Vielfalt mit Resonanz" und "Zwischen Untergehen und Überleben".
  5. Im fünften Kapitel präsentiert Annegret Wigger den aus den vertieften Analysen gewonnenen zentralen Gegenstand zur sozialpädagogischen Tätigkeit und somit die Antwort auf die im Titel formulierte Frage: SozialpädagogInnen inszenieren stellvertretend Lebensräume. Mit dieser "Formel" werden die im vierten Kapitel erwähnten Hauptkategorien zu einer Kernkategorie verbunden. Laut Autorin täuscht die auf den ersten Blick angenommene Ähnlichkeit mit der aus der Methodisierung der Heimerziehung gewonnenen Kategorie "Schaffung eines entwicklungsfördernden Lebensraumes". Die in der vorliegenden Studie generierte Kernkategorie ist weder normativ geprägt, noch versteht sie sich programmatisch, sondern ist ausschliesslich deskriptiv.
  6. Im sechsten Kapitel zeigt die Autorin anhand von drei Problembereichen der Sozialen Arbeit auf, welche Herausforderungen sich für die Profession und Disziplin stellen, wenn sozialpädagogische Tätigkeit als "Inszenierung stellvertretender Lebensräume" verstanden wird und wie damit umgegangen werden könnte. Stichworte hierzu sind die "Unvereinbarkeit von System und Lebenswelt", "Der Modus der beruflichen Nähe" und "Widerstandsfähigkeiten im Professionalisierungsprozess". Am Beispiel des letzt genannten Problembereiches zeigt die Autorin auf, wie die formulierten Widerständigkeiten im Professionalisierungsprozess konkretisiert und spezifiziert werden könnten (S. 129).
  7. Im siebten Kapitel formuliert Annegret Wigger ein persönliches Schlusswort. Hier knüpft sie nochmals an das eingangs erwähnte Hauptmotiv der eigenen professionellen Tätigkeit eine Sprache zu verleihen an. In diesem Zusammenhang erwähnt die Autorin sehr schön, dass sie ihre berufliche Tätigkeit "vorwärts gelebt und rückwärts verstanden" habe (S. 137). Die von ihr generierte professionelle Haupttätigkeit "die Inszenierung eines stellvertretenden Lebensraumes durch SozialpädagogInnen" versteht sie als Angebot für die Betroffenen. Die Art und Weise wie dieses umgesetzt wird, kann dann zum zentralen beruflichen Reflexionsgegenstand werden (S. 136).

Zielgruppe

Dem Hauptanliegen dieses Beitrags entsprechend, den Kerngegenstand der konkreten professionellen Tätigkeit von in stationären Angeboten tätigen SozialpädagogInnen zu bestimmen und ihn somit nicht nur fassbar, sondern auch benennbar zu machen, richtet sich diese Publikation an eine breite Leserschaft, welche sich für diese Profession interessiert. Angesprochen werden vor allem die in stationären Einrichtungen tätigen SozialpädagogInnen oder solche, die es noch werden möchten. Spannende Anknüpfungspunkte bietet der Beitrag auch für LeserInnen, die am theoretischen Diskurs über die Professionalisierung sozialpädagogischer Berufe interessiert sind.

Fazit

Was tun SozialpädagogInnen und was glauben sie, was sie tun? Die Publikation von Annegret Wigger gibt darauf die Antwort: Inszenierung stellvertretender Lebensräume. Mit diesem Forschungsprojekt beabsichtigte die Autorin, einen Beitrag zur Erfassung der vielfältigen konkreten professionellen Tätigkeiten von SozialpädagogInnen in stationären Einrichtungen zu leisten und somit eine Lücke in der sozialpädagogischen Forschungslandschaft zu schliessen.

Beim Versuch, den herausgearbeiteten Gegenstand der professionellen Tätigkeit auf den theoretischen Professionalisierungsdiskurs zu beziehen, gelangt Annegret Wigger zur Annahme, dass sich Brüche bzw. eine Nichtpassung zwischen beiden abzeichnen. Zum einen scheint es ihr, "als ob die in dem Kern schwer fassbare Tätigkeit als Grundlage für die Professionalisierungsbestrebungen denkbar ungeeignet ist" (S. 11f.). Zum anderen stellt sie in Frage, ob sich das Expertenmodell als Orientierungsfolie für die Kernkategorie der professionellen Tätigkeit eignet (S. 128).

Vor dem Hintergrund der hier aufgeworfenen Fragen zur Beziehung von professioneller Praxis und theoretischem Professionalisierungsdiskurs sind Vertretende aus Forschung, Theoriebildung und Praxis herausgefordert, sich vermehrt in einen gemeinsamen Diskurs zu begeben, um auf diese Weise allfällige Brüche zwischen einer in der Praxis gelebten und einer in der Theorie gelehrten Form von Professionalität aufzudecken.


Rezensentin
Prof. Dr. Esther Forrer
Leitung der Abteilung Master an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Esther Forrer. Rezension vom 11.11.2006 zu: Annegret Wigger: Was tun SozialpädagogInnen und was denken sie, was sie tun? Professionalisierung im Heimalltag. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2005. ISBN 978-3-938094-48-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3464.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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