Gregor Hasler: Darm-Intelligenz
Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 22.09.2026
Gregor Hasler: Darm-Intelligenz. Wie unser Bauch fühlt, denkt – und heilt. Schattauer (Stuttgart) 2026. 176 Seiten. ISBN 978-3-608-40219-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Thema
Nach seinem populären Buch „Die Darm-Hirn-Connection“ präsentiert Gregor Hasler nun die praktischen Aspekte des Themas in exemplarischer Form: Was Patient:innen, überhaupt Interessierte konkret machen können, wie das Konzept des Darmbewusstseins in den Lebensalltag integriert werden kann.
Autor
Prof. Dr. med. Gregor Hasler (*1968) ist seit 2019 ordentlicher Professor für klinische Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg (Schweiz) sowie Chefarzt des Freiburger Netzwerks für Psychische Gesundheit. Er forschte drei Jahre am National Institute of Mental Health in Bethesda (Maryland) im Bereich Epidemiologie zum Einfluss von Stress auf die Gesundheit. Seit 2010 ist er außerordentlicher Professor für Psychiatrische Versorgungsforschung und Chefarzt der Sozialen Psychiatrie der Universität Bern, 2016 verbrachte er im Rahmen eines Sabbaticals als Visiting Professor an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, USA.
Entstehungshintergrund
Vor sieben Jahren überraschte uns der Psychiater Gregor Hasler mit dem Konzept eines Darm-Hirns und eines Darmbewusstseins. Was zunächst etwas esoterisch anmutet, kommt bei Hasler im Gewand einer Verbindung aus molekularer Neurowissenschaft und Lebensphilosophie daher. Er bezieht das implizite Gedächtnis und den prozeduralen Modus des Bewusstseins auf die Naturgeschichte des Darms und gewinnt daraus unerwartete Einsichten. Zugleich muss eingeräumt werden, dass es eine enorme Schnittmenge mit dem vegetativen Nervensystem gibt, wie es etwa J. H. Schultz konzeptualisiert hatte, um eine morphologische Grundlage für sein autogenes Training zu schaffen. Auch Hasler arbeitet mit autosuggestiven und körperbezogenen Techniken, um aus dem Takt geratenen Darm-Hirnen wieder zu einem Gleichgewicht zu verhelfen. J. H. Schultz [1] (1884–1966) wird an keiner Stelle zitiert; dennoch haben wir es m.E. mit einer unkonventionellen Neuinterpretation der von ihm erläuterten Zusammenhänge zwischen zentralem und autonomem Nervensystem zu tun.
Aufbau/Inhalt
Diese Arbeit Gregor Haslers ist ein populärwissenschaftliches Werk, in dem er seine Erläuterungen über vegetative Funktionen des Darms einerseits naturgeschichtlich begründet. Das Darmgehirn ist älter als das Zentralnervensystem. Es steuert rhythmisch homöostatische Abläufe, die nicht durch symbolische Welten, Repräsentationen, deklarative Informationen und reflexive Entscheidungen charakterisiert sind. Das Darmbewusstsein erfordert eben keine Entscheidungen, wie sie die kognitiven und emotionalen Operationen unseres ZVS hervorbringen – und lässt sie auch gar nicht erst zu. Dahingestellt sei, inwieweit das Darmbewusstsein in sich autonom handelt oder im Wechselspiel mit anderen Bereichen des vegetativen Nervensystems etwa Herzschlag, Atmung, Schwitzen.
Deutlich macht Hasler, dass im Darm Milliarden Mikroorganismen als eigenständiges Biom bzw. Mikrobiom ein reges Eigenleben führen und die Darmtätigkeit beeinflussen. Wunderbar eingängig, beinahe literarisch, arbeitet er heraus, wie Ernährung bzw. Fehlernährung durch industrielle Nahrungsmittel, Stress und Sinnverlust, aber auch Bewegungsarmut, Alkohol bzw. Drogenabusus den Darm schädigen und damit auch die sogenannte Darmintelligenz. Die Funktionen und Wirkprinzipien des Darm-Gehirns werden in acht Kapiteln abgehandelt und jeweils mit psychosomatischen Übungen verbunden. Es gibt Hinweise auf verschiedene Autor:innen eher aus dem tiefenpsychologischen Kanon. Die Übungen sind überwiegend einfache Imaginationen, und es soll sich offenbar kein Übungseffekt herausbilden wie bei autogenem Training. Vielmehr ist wohl an eine zeitgenössische Leserschaft gedacht, deren permanente Stimulierung durch neue Botschaften aus dem Netz kein langatmiges Üben mehr toleriert. Wie etwa in der psychodynamisch imaginativen Traumatherapie geht es aber nicht allein um die vegetative Umstellung aus dem Angstmodus in einen regulierten Modus, sondern gleichsam auch um eine imaginierte Szene, die auch narrativen Sinn hervorbringen kann.
Diskussion
Gregor Hasler versteht es, fesselnd zu schreiben. Bei dieser Lektüre fühlt man sich an keiner Stelle didaktisch belehrt oder gar erzogen, sondern stattdessen mitgenommen auf einem Weg der Erkenntnis zur Liebenswürdigkeit. Insofern kann „Darm-Intelligenz“ durchaus als ein Übungsbuch für die Integration von Körper, Gefühl und Geist überzeugen. Es kann auch als eine praktische Ergänzung zu seinem Band, Darm-Hirn-Connection gelesen werden. Eine ärztliche Kollegin machte mich darauf aufmerksam, dass Hasler auf jedwede Hinweise auf medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten verzichtet. Was wiederum mich auf die Idee brachte, über den Laxantienmissbrauch bei essgestörten jungen Frauen neu nachzudenken. Bei diesen Patientinnen wird die Darmgesundheit nachhaltig geschädigt, was sicher Folgen hat, auch für die Prognose der Essstörung.
Fazit
Das Buch sei allen ans Herz gelegt, die sich mit einem naturphilosophischen Verständnis von Geist und Psyche auseinandersetzen wollen und ihre subkortikalen Einflussmöglichkeiten auf ihr Wohlbefinden weiter erforschen möchten. Besondere Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Literatur
Gregor Hasler (2017): Resilienz: Der Wir-Faktor. Gemeinsam Stress und Ängste überwinden, Stuttgart: Schattauer-Verlag
Gregor Hasler (2019): Darm-Hirn-Connection. Revolutionäres Wissen für unsere psychische und körperliche Gesundheit, Stuttgart: Schattauer-Verlag
Gregor Hasler (2022): Higher Self. Psychedelika in der Psychotherapie, Stuttgart: Schattauer-Verlag
Maja Langsdorff (2000): Die Geheimnisse um J. H. Schultz. Die Rolle des Autogenen Trainings und seines Begründers im Nationalsozialismus am 13.9.2000 in der »Stuttgarter Zeitung
Johannes Heinrich Schultz (1951): Bionome Psychotherapie. Ein grundsätzlicher Versuch. Stuttgart: Thieme
Johannes Heinrich Schultz (1932): Das Autogene Training (konzentrative Selbstentspannung). Versuch einer klinisch-praktischen Darstellung. Leipzig: Thieme, (aktuelle Auflage 2024)
[1]Ab 1920 führte Schultz, damals Professor in Jena, im Sanatorium »Weißer Hirsch« in Dresden umfassende klinische Versuche mit dem autogenen Training durch. Schultz ergänzte diese Forschungen durch sorgfältige Beobachtungen an gesunden Versuchspersonen in Kursen an der Lessing-Hochschule in Berlin, oft – heute undenkbar – in Gruppen mit zwei-, dreihundert Teilnehmern. Nach zwölf Jahren systematischer theoretischer und praktischer Forschung erschien 1932 sein Standardwerk zum Autogenen Training. Bis 1966, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Schultz übrigens in Berlin noch selbst Kurse. Vgl. Langsdorff 2000
Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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