Rolf Verres: Drogen und die Kunst zu leben
Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 01.10.2026
Rolf Verres: Drogen und die Kunst zu leben. Orientierungshilfen zum Umgang mit psychoaktiven Substanzen. Schattauer (Stuttgart) 2026. 330 Seiten. ISBN 978-3-608-40224-7. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Thema
»Im Unterschied zu den meisten anderen ärztlich verordneten Psychopharmaka geht es bei den hier besprochenen psychoaktiven Substanzen nicht um eine Dämpfung unerwünschter psychischer Erlebnisse wie z.B. Grübelzwang, Depression oder Angst, sondern vor allem um das gemeinsame Herausfinden therapeutisch produktiver Neuerfahrungen von Menschen. Es ist das wesentliche Anliegen dieser Art von Therapie, neue Erfahrungen, die als Bewusstseinserweiterungen empfunden werden, nachhaltig in die reale Welt zu integrieren« S. 239
Die Renaissance der psychedelischen psychoaktiven Substanzen in der Psychopharmakologie fällt zusammen mit diesem neuen Buch einer ihrer Pioniere in Deutschland. Rolf Ferres schreibt ausgehend von seinen Selbsterfahrungen: mit Cannabis, LSD, MDMA oder Ayahuasca, vor dem Hintergrund seiner Reisen in die Ursprungsländer der ethnischen Drogen, der Begegnungen mit schamanischen Heilern lateinamerikanischer Provenienz und mit den mit den europäischen Pionieren der psychedelischen Therapie (zeitgenössisch z.B. auch als Narkoanalyse bezeichnet) Hanscarl Leuner, Albert Hofmann, Jan Bastiaans, Stanislav Grof sowie der Begegnung mit dem Philosophen Hans Georg Gadamer.
AutorIn oder HerausgeberIn
Prof. Dr. med. Rolf Verres (*1948) studierte ab 1968 Medizin und Psychologie und promovierte 1977 in Heidelberg. Er arbeitete wissenschaftlich, habilitierte sich in Hamburg und war klinisch in oberärztlicher Position tätig. 1987 bis 1991 lehrte er als Professor für Medizinische Psychologie am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf und Dozent an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, anschließend bis 2013 als Professor für Medizinische Psychologie und Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg. Ferres ist auch Pianist und Fotograf.
Entstehungshintergrund
Verres hat bereits 2008 ein Lehrbuch über die „Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA“ mit herausgegeben. Der jetzt vorgelegte Text bettet therapeutische Überlegungen ein in eine Art biographischer Reflexion. In vielen Episoden schildert er eigene Drogenerfahrungen und Begegnungen mit gleichgesinnten Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen. Sein Oeuvre spannt sich von Überlegungen und Erkenntnissen zur Bewältigung von Krebserkrankungen über ungewollte Kinderlosigkeit bis zur psychedelischen Therapie. Die Leiter der Ovid-Klinik in Berlin Andrea und Hendrik Jungaberle sind akademische Schüler:innen von Ferres, womit sich eine Entwicklungslinie von Verres’ ersten LSD-Experimenten bis zur gegenwärtigen innovativen Praxis der Psilocybintherapie chronischer Depressionen aufzeigen lässt.
Gliederung/Inhalt
Vorwort (15)/1. Versuchung, Verführung oder echtes Interesse (22-51)/2 Abenteuer in den Welten des Bewusstseins (52-110) Der Autor beschreibt seine Erfahrungen mit Drogen, zunächst in der studentischen Subkultur der 60er Jahre, dann bei Expeditionen in die Anwendungsfelder der lateinamerikanischen und asiatischen schamanischen Ethnoheilpraxis und schließlich die Begegnung mit anderen Wissenschaftler:innen, die sich mit Bewusstseinsstudien befassen/3. Sehnsucht? Erfüllung? Glück? Ersatzbefriedigung? Betäubung? Flucht? High-Sein!!!? Hier beschreibt Verres seine eher affirmative Haltung zum Drogengebrauch vor allem zum Gebrauch bewusstseinserweiternder psychedelischen Drogen. Er beurteilt wie Hasler (2022) die Suchtgefahr gering, und stimmt dem zu, dass Psychedelika Räume öffnet, die sonst verschlossen sind und keine psychischen Funktionen blockiert wie herkömmliche Psychopharmaka (111-132)/4. Bewusstseinserweiterung mit und ohne Drogen (133-188). Hier wird deutlich, dass der Gebrauch von psychoaktiven Substanzen nicht an sich schon therapeutische Wirkung hat, sondern erst nachhaltige Entwicklung entsteht bei der Integration in ein reifes Sinnsystem die herbeiführt. Die Veränderung der Wahrnehmung steht am Beginn der Auseinandersetzung mit neuen Einsichten. Zu den berührendsten der im Buch beschriebenen Szenen gehört die Schilderung einer LSD-Therapie Jan Bastiaans mit einem ehemaligen Auschwitzhäftling, in der nicht nur erklärt wird, wie drogengestützte Konfrontationstherapie (im Sinn von Angstexposition) geholfen hat, sondern darüber hinaus, wie der Patient fähig wird, sich in den Täter einzufühlen – was ein Merkmal nachhaltiger Heilungen von Traumaopfern zu sein scheint)11, Verres 151 ff./5. Wenn Gesundheitsprofis Drogen nehmen (189-224): Unter dem Titel »Licht weben gegen Burnout« beschreibt eine Sozialarbeiterin ihre Meskalin-Selbsterfahrung im Dienste ihrer Entwicklung./6 Substanzen in heilsamen Ritualen (225-271)/7 Lust, Liebe, Sex – mit und ohne Drogen (272-289)/8 Musik im veränderten Bewusstsein (290-306)/9 Schadensbegrenzung: Was sollte man wissen? (307-324)/10 Bewusstseinskultur in Gemeinschaft: Unser Projekt REBOUND (325-340): Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Multiplikator:innenprojekt ausgehend davon, dass psychoaktive Substanzen ohnehin konsumiert werden und ein kritischer Umgang damit wesentlich hilfreicher sein kann als eine prohibitive Drogenpolitik./11 Warum ich einigen psychoaktive Substanzen dankbar bin – und warum ich dennoch fast ganz auf sie verzichte (341-352).
Liste der aus der Heidelberger Arbeitsgruppe hervorgegangenen Publikationen und medizinisch-psychologische Diplom und Doktorarbeiten (353)
Diskussion
Offensichtlich ist die Begegnung mit psychedelischen Drogen eines von Verres’ Lebensthemen.
Mit dem Kongress des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) »Welten des Bewusstseins« 1996 in der Heidelberger Stadthalle wurde die Renaissance der psychedelischen Therapie in Deutschland eingeleitet, die dann über die erste Studie zur Wirksamkeit der Psilocybin-Behandlung bei chronischen therapieresistenten Depressionen an der Johns Hopkins University zu ihrer heutigen Blüte führte. Verres’ erste Begegnungen mit Halluzinogenen resultierten offenbar eher aus Berührungen mit der Hippiekultur. Im weiteren Verlauf seines beruflichen Lebens begegnet er den wichtigen Mentor:innen dieses neuen Wegs in der psychiatrischen Therapie durchaus ernsthaft, wenngleich sie eher Randständige bleiben, innerhalb des Mainstream ihres Fachs. Sie lassen sich auch außerhalb der biologischen (oder sozialen) Psychiatrie anregen und pflegen Berührungspunkte etwa zu Kunst, Philosophie und Ethnologie.
Das vorliegende Werk ist an einigen Stellen sehr anekdotisch und kann nicht im engen Sinn als wissenschaftlich angesehen werden. Es gewährt jedoch Anteil an einer reichen Erfahrung und erreicht an manchen Stellen die Qualität echter Lebensweisheit; so ist es vielleicht vergleichbar mit manchen Texten des Benediktinermönchs Pater Anselm Grün. Eine Begegnung mit dem Dalai Lama während einer tagelangen Meditation wird ebenso beschrieben wie ein nächtliches Schweigen mit Hans Georg Gadamer kurz vor seinem Tod.
Die Urteile werden unterschiedlich ausfallen. Ich halte des Buch von Rolf Verres für einen bedeutenden Beitrag zu Diskussion über existenzielle Fragen in der modernen westlichen Gesellschaft, was in Zeiten des rechten Populismus umso nötiger erscheint.
Fazit
Albert Hofmann: »Wenn die Pforten der Wahrnehmung einmal geöffnet sind, braucht man die Substanzen nicht mehr« Die Psilocybin Therapie und andere psychedelisch unterstützte Therapien sind keine Wegbereiter der Abhängigkeit wie in den 60er Jahren vermutet wurde, sondern Unterstützer einer neuen Lebenskunst.
Literatur
Georg Hasler (2022): Higher Self: Psychedelika in der Psychotherapie, Stuttgart: Klett Cotta
Albert Hofmann (1979): LSD – Mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer „Wunderdroge“, Stuttgart: Klett Cotta
Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres (Hrsg., 2008):Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA Bern: Huber
Ka-Tzetnik135633 (1994): Ich bin der SS-Mann. Eine Vision, München: Piper
Ulrich Kießling (2026):Quo vadis Psilocybin? Ein Selbsterfahrungsbericht und einige psychodynamische Reflexionen in Sozial.de
Daniele Zullino (2022):Vom rituellen Gebrauch zum pharmakologischen Einsatz: Die psychedelische Renaissance https://www.universimed.com/ch/article/psychiatrie/die-renaissance-176374
Frauke Sandig und Eric Black (2020):„Aware – Reise in das Bewusstsein“ (2020) Dokumentarfilm
Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
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