Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Tanja Stern: Zum Umgang mit Erwerbsarbeit in unsicheren Zeiten

Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 30.07.2026

Cover Tanja Stern: Zum Umgang mit Erwerbsarbeit in unsicheren Zeiten ISBN 978-3-658-51361-0

Tanja Stern: Zum Umgang mit Erwerbsarbeit in unsicheren Zeiten. Eine biografieanalytische, machtreflexive Studie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 349 Seiten. ISBN 978-3-658-51361-0. D: 89,99 EUR, A: 92,51 EUR, CH: 99,50 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Studie widmet sich den veränderten Transformationsprozessen in der modernen Arbeits‑ und Lebenswelt. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Individuen – insbesondere Erwerbstätige, die prekär beschäftigt bzw. (freiberuflich) flexibel ihren Lebensunterhalt sichern (müssen) – ihr Einkommen erwirtschaften.

Der ursprüngliche Titel der zugrundeliegenden Dissertation von Tanja Stern enthält zudem den Begriff der „Sinnkonstruktion“. Wie also wird der Sinn des eigenen Tuns konstruiert? Worum muss(te) ich das tun, was ich tue, und warum ergibt das, zumindest rückblickend, einen Sinn?

Im Bewerbungsschreiben muss dieser Sinn hingegen zukunftsorientiert formuliert werden: Warum habe ich dort gearbeitet und mich hierin fortgebildet, um schließlich genau diese Position anzustreben? Was dabei reine Konstruktion ist, bleibt dem/der Personaler*in zu hinterfragen.

Das Werk verdeutlicht das Spannungsverhältnis zwischen dem gesellschaftlichen Autonomieversprechen und dessen tatsächlichen Grenzen. Dies führt bei den Betroffenen zu Ambivalenzen, Verunsicherungen sowie letztendlich auch nicht selten zu einer gewissen Selbst‑ und Weltentfremdung.

Autorin

Tanja Stern ist als Gastdozentin an der ASH Berlin im Studiengang Soziale Arbeit tätig. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind u.a. rekonstruktive Biografieforschung sowie das Zusammenspiel von Erwerbsarbeit und Leben.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um eine Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Aufbau

Nachdem zunächst ins Thema eingeführt und Danksagungen ausgesprochen wurden, schlüsselt Tanja Stern in Kapitel 2 (S. 19 ff.) das methodische Vorgehen auf und liefert gleich die Begründung mit. Nach einem kurzen Abriss der methodologischen und biografietheoretischen Annahmen verortet sie ihre Arbeit in der rekonstruktiven Sozial‑ und Biografieforschung. Wie die Daten erhoben wurden – nämlich über narrativ-biografische Interviews – zeigt der nächste Abschnitt. Der methodische Bogen spannt sich weiter über die klassischen Gütekriterien qualitativer Sozialforschung bis hin zum Forschungsdesign, Feldzugang, Sampling und dem konkreten Verlauf der Studie.

Das umfassendste Kapitel der Arbeit ist Kapitel 3 (S. 53 ff.), die empirischen Ergebnisse. Hier wird dargelegt, wie die Menschen, mit denen Stern spricht, von sich selbst erzählen, ihre Überlegungen und Ideen zum Arbeitsleben und ihr Leben an sich „konstruieren“.

Im darauffolgenden Kapitel 4 (S. 281 ff.) fasst die Autorin die empirischen Befunde zusammen, gleicht die Fälle miteinander ab und diskutiert sie. Sie hält Ausschau nach strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden innerhalb der Fallpaare und widmet sich fallübergreifenden Themen und Orientierungsmustern.

In Kapitel 5 (S. 309 ff.) schließlich, führt Stern ihre Ergebnisse in einen breiteren wissenschaftlichen Diskurs und leitet in die Beantwortung ihrer gesetzten Forschungsfragen ein. Das abschließende Fazit (S. 327 ff.) schlägt schließlich den Bogen zu einer global-politischen Perspektive und leitet aus den Erkenntnissen konkrete Forderungen für die zukünftige Forschung sowie für ein praktisches, in diesem Fall primär sozialarbeiterisches, Handeln ab.

Inhalt

Im Zentrum der Arbeit steht die empirische Rekonstruktion von Umgangsweisen mit Erwerbsarbeit, wie sie Tanja Stern anhand ausführlicher Fallanalysen herausarbeitet. Sie nähert sich dem Untersuchungsgegenstand über konkrete biografische Verläufe und bettet sie lebensgeschichtlich ein.

Aus dem empirischen Material greife ich zunächst den Hauptfall A heraus, der von der Autorin detailliert nachgezeichnet wird. Hier fungiert Erwerbsarbeit für das untersuchte Subjekt primär als ein Vehikel zur Distanzierung und Emanzipation vom herkömmlichen Herkunftsmilieu. Geboren in einer „Arbeiterstadt im Kohlenpott“ (S. 59) nutzt die Interviewpartnerin ihre spätere Erwerbstätigkeit als einen bewussten Befreiungsschlag, um sich von traditionellen familiären Vorgaben abzugrenzen und einen eigenen sozialen Raum zu erschließen. Stern beschreibt diesen Prozess als ein permanentes Aushandeln zwischen herkunftsspezifischen Prägungen und dem Wunsch nach individueller Autonomie, wobei die Erwerbsarbeit als zentrales Instrument für einen biografischen Aufbruch dient.

Einen gänzlich anderen Schwerpunkt setzt hingegen der Hauptfall B (S. 99 ff.), den Stern als die bewusste Abkehr von institutionellen und arbeitsmarktlichen Zwängen charakterisiert. Das rekonstruierte Subjekt, „die Surferin“ (S. 99), verweigert sich den gängigen Verwertungslogiken der Leistungsgesellschaft. Anstatt Karrierepfade zu verfolgen, steht hier die Sicherung von Freiräumen und alternativen Lebensformen im Vordergrund. Die Analyse verdeutlicht, dass dieser Umgang nicht als bloßes Scheitern am Arbeitsmarkt zu deuten ist, sondern als eine aktiv gewählte Strategie der Entschleunigung und Selbstbestimmung.

Einen weiteren zentralen Baustein bildet der Fall D (S. 175 ff.), in dem Erwerbsarbeit als ein kontinuierliches Bildungsprojekt zur Selbst‑ und Welterweiterung verstanden wird. Hier zeigt sich, dass Arbeit für das Subjekt weniger zur bloßen Existenzsicherung dient, sondern als Medium der persönlichen Weiterentwicklung. Die interviewte Person sucht gezielt nach Tätigkeitsfeldern, die intellektuelle Anregung bieten und es ermöglichen, die eigenen Horizonte stetig zu erweitern.

Stern macht im anschließenden Theorieteil deutlich, dass die Subjekte nicht im luftleeren Raum agieren, sondern sich stets an Ideen, an Selbstkonstruktionen, „abarbeiten“ – sei es durch Bestätigung, Modifikation oder durch eine heimliche Untergrabung einer bestehenden arbeitsmarktpolitischen Ordnung.

Diskussion

„Wenn man sich nicht zu sehr auf ein bestimmtes Ziel, auf eine bestimmte berufliche Richtung festlegt, wenn in der Gestaltung der Lebensumstände immer wieder die Möglichkeit besteht, sich ggf. auch im letzten Moment noch anders zu entscheiden, und man sich pragmatisch an den jeweils auftauchenden Optionen orientiert, die dann mit den jeweils eigenen Interessen und Fähigkeiten verknüpft werden, dann bedeutet dies, sich dem Lauf der Wellen als Surferin anzuschmiegen, statt ihn zu durchbrechen, und so gewissermaßen mit den Gegebenheiten umzugehen.“ (S. 283)

Mit diesem prägnanten Zitat berührt Tanja Stern den Kern des von ihr untersuchten Umgangs mit Unsicherheiten. Die Akteur*innen navigieren durch den Arbeitsmarkt und halten nach selbstbestimmten Nischen Ausschau. Genau hier entfaltet die Studie ihre Stärke: Stern analysiert die Haltungen ihrer Interviewpartner*innen als ambivalente, aber notwendige Bewältigungsstrategien.

Das Bild der „Surfer*in“ veranschaulicht gut und passend, wie Individuen in einem selektiven Arbeitsmarkt versuchen, Handlungsspielräume zu wahren. Und die Verknüpfung eigener Interessen mit flüchtigen Gelegenheiten macht deutlich, dass Sinnkonstruktion in den Beispielen immer auch an Flexibilität und Improvisation gekoppelt ist. So wird selbst unter starkem Anpassungsdruck ein Kern an subjektiver Eigensinnigkeit verteidigt.

Wenn alle strukturellen Absicherungen wegfallen, kann gelebte Freiheit aber auch schnell zur Zumutung werden. An dieser Schnittstelle wird die Brücke zu einer praxisorientierten Intervention sichtbar: Es bedarf Unterstützungsstrukturen, die Individuen dazu befähigen, „selbstgewiss ins Ungewisse“ aufzubrechen (vgl. Galing-Stiehler, Andreas; Schulz, Jürgen; Müller, Robert Caspar: Selbstgewiss ins Ungewisse, 2021), ohne strukturelle Ursachen aus dem Blick zu verlieren.

Es gelingt Tanja Stern, das Spannungsverhältnis zwischen Eigenverantwortung und realen Begrenzungen greifbar zu machen und einen wichtigen Ausgangspunkt zum Verständnis moderner Subjektbewältigung zu bieten.

Fazit

Das Buch überzeugt durch gelungene Fallrekonstruktionen und bietet interessante Einblicke in das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Sinnkonstruktionen und strukturellen Zwängen. Wer sozialarbeiterisch und vielleicht sogar in der Unterstützung von Karriereplanungen tätig ist, greife zu diesem Buch. Man wird keine Anleitung zur Beratung finden, aber das Buch hilft, prekär Erwerbstätige und Erwerbsarbeit in unsicheren Zeiten, besser zu verstehen.

Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
Website
Mailformular

Es gibt 8 Rezensionen von Maik Eimertenbrink.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245