Anja Görtz-Dorten, Leonie Hofmann et al.: Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und Jugendalter
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 31.07.2026
Anja Görtz-Dorten, Leonie Hofmann, Lea Teresa Kohl, Manfred Döpfner: Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und Jugendalter. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 176 Seiten. ISBN 978-3-17-043096-9. 32,00 EUR.
Reihe: Klinische Psychologie und Psychotherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Verhaltenstherapeutische Interventionsansätze.
Thema
Aggressives Verhalten, Regelverstöße und soziale Auffälligkeiten – Störungen des Sozialverhaltens stellen Fachkräfte und Angehörige vor große Herausforderungen. Dieses Buch bietet eine Einführung in das Thema und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Handlungsempfehlungen für die Praxis. Es umfasst die Klassifikation und Diagnostik, stellt therapeutische Ansätze vor und beleuchtet rechtliche Fragen. Fallbeispiele und Praxistipps gehören ebenfalls zum Inhalt des Buches.
Autor:innen
Prof. Dr. Anja Görtz-Dorten lehrt und forscht an der Medizinischen Fakultät sowie der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Sie ist Leiterin des Centrums für Kinder‑ Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln (CeKiP).
Leonie Hofmann istForschungskoordinatorin am Centrum für Kinder‑ Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln (CEKIP). Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Dr. Lea Teresa Kohl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Kinder‑ Jugendlichenpsychotherapie an der Uniklinik Köln (CEKIP) sowie Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeutin.
Prof. a.D. Dr. Manfred Döpfner ist emeritierter Professor für Psychotherapie in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln.
Aufbau und Inhalt
In neun Kapitel mit detaillierter Untergliederung folgt das Buch dem Weg, den Leser:innen Grundlagen zu Störungen des Sozialverhaltens (SSV) im Kindes‑ und Jugendalter zu vermitteln. Alle Kapitel schließen mit Fragen zur Selbstkontrolle ab:
Erscheinungsbild, Entwicklungspsychopathologie und Klassifikation
Anhand der gängigen Diagnosemanuale DSM-5 sowie ICD-10 und auch ICD-11 (für das leider immer noch keine lizensierte deutsche Übersetzung vorliegt) beschreiben die Autor:innen die Symptomatik und geben einen Überblick über die Entwicklungspsychopathologie. Dabei wird zum Beispiel deutlich, dass das zur SSV gehörende oppositionelle Verhalten Teil einer normgerechten Entwicklung ist. Deshalb ist es wichtig, Verhaltensweisen genau zu beobachten und zu erfassen, um eine Abgrenzung zwischen pathologischem Verhalten und altersgerechter Entwicklung vornehmen zu können.
Epidemiologie, Verlauf und Folgen
Anhand der Studienlage wird beschrieben, dass die Häufigkeit der SSV im Durschnitt verschiedener Erhebungen bei rund 3,3 Prozent liegt, wobei Jungen vor dem Jugendalter häufiger betroffen sind, was sich im späteren Lebensverlauf nicht in dieser Form beobachten lässt. Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass erste Verhaltensweisen, die auf eine SSV hindeuten, bereits im Vorschulalter auftreten. Verläufe sind unterschiedlich, zeigen sich aber häufig stabil über die Lebensspanne. Für eine Prognose über den Verlauf des Störungsbildes müssen das Ausmaß der Risikofaktoren, der Beginn der Symptomatik, Frequenz und Intensität der problematischen Verhaltensweisen sowie die betroffenen Lebensbereiche beahctet werden. Diverse Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die SSV in vielen Bereichen langfristige Auswirkungen haben kann. So sind sowohl psychische als auch physische Gesundheitsfolgen (z.B. Dissoziale Persönlichkeitsstörung, Substanzabhängigkeit), Probleme im schulischen/beruflichen Kontext (niedriges Einkommen, schlechte Bildung) und im sozialen Bereich (frühe Elternschaft, Gewalt gegen Partner*innen oder Kinder) beobachtet werden.
Komorbidität und Differenzialdiagnostik
Ob wirklich eine SSV oder ein anderes Störungsbild vorliegt, kann nur durch eine ausführliche Differenzialdiagnostik geklärt werden. Denn oppositionelle, aggressive und dissoziale Verhaltensweisen müssen nicht unbedingt klinisch sein, sondern können auch der Altersnorm entsprechen, einen Hinweis auf eine andere psychische Problematik liefern oder auch als Komorbidität mit Symptomen anderer Störungsbilder auftreten. Um hier Klarheit zu bekommen, ist es zum Beispiel erforderlich, genau zu eruieren, in welchen Lebensbereichen und Situationen sich die Verhaltensprobleme zeigen und ob es zum Beispiel andere Symptome gibt, die nicht typisch für eine SSV, sondern ein anderes Störungsbild sind. Das Kapitel zählt für Kindheit und Jugend typische andere Störungsbilder auf und erklärt kurz deren Charakteristika und die Abgrenzung zur SSV.
Diagnostik und Indikation
Dieses Kapitel führt in die verschiedenen Schritte zur Diagnostik ein: Wie verläuft das Erstgespräch? Wie sehen eine leitliniengerechte Anamnese und Exploration aus? Die Autor:innen erläutern, dass auch eine körperliche Diagnostik wichtig ist und für eine Diagnose der SSV auch auf eine Verhaltensbeobachtung zurückgegriffen werden muss. Um anhand der erhobenen Daten eine zielführende Intervention planen zu können, ist eine individuelle Problemanalyse notwendig. Hierbei macht es Sinn, auf einer Mikroebene spezielle Situationen, in denen das problematische Verhalten auftritt, zu betrachten, und dieses gleichzeitig von übergeordneten und übergreifenden Bedingungen auf einer Makroebene abzugrenzen.
Störungstheorien und ‑modelle
Wie bei anderen Störungsbildern ist, setzt sich auch bei der SSV mittlerweile die Erkenntnis durch, dass für die Entstehung einer SSV mehrere Faktoren eine Rolle spielen. So dürften psychische Einflüsse wie eine Störung der sozial-kognitiven Informationsvereinbarung, soziale Einflüsse wie das Elternverhalten oder die Peer Group aber auch biologische Einflüsse wie Erblichkeit und Genetik eine Rolle spielen. Wichtig ist die Erarbeitung und Vermittlung eines gemeinsamen Störungsmodells mit den Beteiligten, was an einem konkreten Fallbeispiel auf zwei Ebenen dargestellt wird.
Psychotherapie, Pharmakotherapie und weitere flankierende Maßnahmen
Zunächst beschreiben die Autor:innen kurz die Möglichkeiten von Psychotherapie bei der SSV, die vor allem den Fokus auf Aufklärung über das Störungsbild beinhalten sollte. Sehr umfangreich geht es anschließend und eltern‑ und familienzentrierte sowie patient*innenzentrierte Interventionen. Aber auch die Verbesserung von Rahmenbedingungen in Kita und Schule sowie die Befähigung der dortigen Fachkräfte, mit dem Störungsbild umzugehen, werden erläutert. Die Bedeutung dieses Aspektes zeigt sich auch noch einmal deutlich in einem Unterkapitel über flankierende Maßnahmen und interdisziplinäre Ansätze mit benachbarten Disziplinen. Außerdem werden Therapiemauale vorgestellt, die Möglichkeiten digitaler Unterstützung thematisiert und anhand eines Fallbeispiels der konkrete Therapieablauf erläutert.
Psychotherapieforschung
Im Fokus stehen hier eine kurze Darstellung von wirksamen Behandlungs‑ und Präventionsansätzen sowie Behandlungsansätze ohne ausreichende Wirksamkeitsnachweise, aber auch Herausforderungen, Grenzen und ein Blick auf den weiteren Forschungsbedarf.
Rechtliche Aspekte
Hier geht es zum Beispiel um das Thema Schweigepflicht im Sinne des § 203 Strafgesetzbuch aber auch das Vorgehen beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im Rahmen der Diagnostik oder Behandlung einer SSV.
Diskussion
Wer grundlegende Informationen und eine gut aufbereitete Informationssammlung zur Störung des Sozialverhaltens sucht, der liegt mit diesem Buch richtig. Kompetent geschrieben, praxisnah konzeptioniert und didaktisch ansprechend aufbereitet, hilft es interessierten Leser:innen, Wissen über dieses vielschichtige Störungsbild zu generieren.
Fazit
Störungen des Sozialverhaltens sind komplexe Gemengelagen. Den Autor*innen gelingt es, diese Vielschichtigkeit in übersichtlicher Form dazulegen und somit viel praxisrelevanten Input zu generieren.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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