Lothar Schmidt-Atzert, Marie Hennecke et al.: Emotions- und Motivationspsychologie
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 18.08.2026
Lothar Schmidt-Atzert, Marie Hennecke, Martin Peper, Gerhard Stemmler: Emotions- und Motivationspsychologie. Ein Lehrbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. 431 Seiten. ISBN 978-3-17-042009-0. 69,00 EUR.
Reihe: Kohlhammer Standards Psychologie.
Thema
Emotionen und Motivation sind allgegenwärtige Kräfte, die unser Denken, Fühlen und Handeln steuern. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Entscheidungen – oft unbewusst, aber mit weitreichenden Konsequenzen. Freude, Angst, Wut oder Trauer – Emotionen bestimmen unser Erleben und sind eng mit physiologischen Prozessen sowie unserem Ausdrucksverhalten verknüpft. Gleichzeitig treibt uns Motivation dazu an, Ziele zu verfolgen, Herausforderungen zu meistern und unser Verhalten an individuelle Bedürfnisse oder äußere Anreize anzupassen. Dieses Lehrbuch vermittelt fundiertes Wissen über die Entstehung, Funktion und Auswirkungen von Emotionen und Motivation. Es gibt einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Theorien und Modelle und zeigt, wie Emotionen und Motivation das tägliche Leben, soziale Interaktionen und sogar unsere Gesundheit beeinflussen.
Autor:innen
Prof. Dr. Lothar Schmidt-Atzert war bis 2017 Professor für Psychologische Diagnostik an der Philipps-Universität Marburg, arbeitet nun an der Neu‑ und Weiterentwicklung von psychologischen Tests und der Aktualisierung von Lehrbuchtexten. Prof. Dr. Marie Hennecke ist Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Prof. Dr. Dr. Martin Peper ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Marburg und lehrt dort auch Emotions‑ und Motivationspsychologie. Prof. em. Dr. Gerhard Stemmler war von 1994 bis 2015 Professor für Differentielle Psychologie an der Philipps-Universität Marburg und ist Leiter des TransMIT-Zentrums für wissenschaftlich-psychologische Dienstleistungen (DGPs).
Aufbau & Inhalt
Um einen ersten Einblick in das Thema zu gewähren, steht zunächst die historische Entwicklung der Emotions‑ und Motivationspsychologie im Mittelpunkt. Dafür stellen die Autor:innen die wichtigsten wissenschaftlichen Meilensteine vor und ordnen sie bezüglich ihrer Bedeutung für das heutige Verständnis motivationaler und emotionaler Prozesse ein. Dabei wird deutlich, wie sich die Forschung von frühen physiologischen und behavioristischen Erklärungsansätzen über kognitive Modelle bis hin zu integrativen biopsychologischen Perspektiven entwickelt hat. Klar wird außerdem, dass weder Emotionen noch Motivation monokausal erklärt werden können, sondern aus dem Zusammenwirken biologischer, kognitiver, sozialer und situativer Einflussfaktoren entstehen. Daran anschließend liegt der Schwerpunkt auf der Forschungsmethodik, die im Feld angewendet wird. Ausführlich werden Verfahren zur Erfassung emotionaler Prozesse vorgestellt, darunter Selbstbeurteilungsverfahren, Verhaltensbeobachtung, psychophysiologische Messmethoden sowie experimentelle Verfahren. Eine kritische Diskussion von Stärken und Grenzen der verschiedenen Forschungsmethoden folgt. Insgesamt wird deutlich, dass valide Aussagen über Emotionen und Motivation nur durch die Kombination unterschiedlicher methodischer Zugänge möglich sind.
Im weiteren Verlauf geht es und biologische und neuropsychologische Grundlagen, ohne die es unmöglich ist, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. So betrachten die Autor:innen unter anderem die Funktionen zentraler Hirnstrukturen sowie neurochemischer und hormoneller Prozesse bei der Entstehung und Regulation von Emotionen und Motivation. Unter Berücksichtigung von Neuropsychologie sowie Ergebnissen bildgebender Verfahren und experimenteller Forschung zeigt sich, wie neuronale Netzwerke emotionale Bewertungen, motivationales Handeln sowie Entscheidungsprozesse beeinflussen. Den Kern des Lehrbuchs bilden die theoretischen Modelle der Emotions‑ und Motivationspsychologie. Im Bereich der Emotionspsychologie werden unterschiedliche Ansätze zur Erklärung der Entstehung, Funktion und Regulation von Emotionen vorgestellt und miteinander verglichen. Berücksichtigung finden physiologische, kognitive und funktionale Emotionstheorien sowie deren empirische Evidenz. Auch Ausdrucksverhalten, subjektives Erleben und die sozialen Funktionen von Emotionen werden vorgestellt.
Der motivationspsychologische Teil geht der Frage nach, welchen Bedingungen das zielgerichtete Handeln von Menschen unterliegt. Untersucht werden dafür verschiedene Formen der Motivation. Eine bedeutende Rolle spielt an dieser Stelle die Unterscheidung zwischen Annäherungs‑ und Vermeidungsmotivation sowie zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Im weiteren Verlauf zeigt sich, welche Bedeutung Leistungsmotivation, Anschlussmotiv und Machtmotiv für Lernen, Beruf, soziale Beziehungen und persönliche Zielverfolgung haben. Anschaulich machen die Autor:innen deutlich, dass die individuelle Persönlichkeit ein bedeutender Einflussfaktor auf das motivationale Handeln ist. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Themenbereichen Selbstregulation und Selbstkontrolle, wozu theoretische Modelle der Zielsetzung und Handlungsplanung eingeführt werden. So ergibt sich ein Bild darüber, warum Menschen trotz vorhandener Motivation häufig Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer Ziele haben. Gleichzeitig werden psychologische Mechanismen vorgestellt, die eine erfolgreiche Selbstregulation unterstützen.
Diskussion
Es ist ein faszinierendes Themengebiet, das sich den Leser:innen auf über 400 Seiten in dieser Neuauflage präsentiert. Die Zusammenhänge zwischen Emotion, Motivation und menschlichem Verhalten werden nicht bloß inhaltlich gut aufbereitet dargestellt, sondern ermöglichen durch eine ansprechende Visualisierung eine optische Annäherung an das Thema. Durch die Einarbeitung aktueller Forschungsergebnisse und gespickt mit vielen Beispielen ergibt sich eine Mischung aus wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen mit praxisnahen Anwendungsaspekten. Besonders spannend und lehrreich war für den Rezensenten an dieser Stelle die Korrelation zwischen Emotionen und der digitalen Welt oder das besonders lesenswerte Kapitel über den (zugegeben etwas erschreckenden) Einsatz künstlicher Intelligenz zur Emotionserkennung.
Fazit
Anschauliche Beispiele, empirische Studien und aktuelle Forschungsergebnisse – ein Buch, mit dem man nichts falsch machen kann.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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