Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 21.08.2026

Cover Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast ISBN 978-3-518-00135-6

Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast : zur Architektur demokratischer Räume. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2026. 267 Seiten. ISBN 978-3-518-00135-6. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
Reihe: edition suhrkamp. .

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Zählpixel

Thema

Die gebaute Umwelt mit Gebäuden, Plätzen und Straßen ist Ausdruck des politischen Denkens in einer Gesellschaft, sodass es Sinn macht, Demokratie und Architektur zusammen zu bringen. Ausgehend davon werden anhand zahlreicher Beispiele städtische Plätze, Gebäude und Straßen aus einer politischen Perspektive betrachtet.

Autor

Jan-Werner Müller ist Politikwissenschaftler und Professor an der Princeton University.

Inhalt

Auf eine Einleitung folgen drei Kapitel, in denen der Fokus jeweils auf den Platz, den Palast und die Straße gerichtet wird. Abschließend wird in Form von sieben Punkten über Architektur und Demokratie reflektiert.

In der Einleitung berichtet der Autor von Regierungs‑ und Parlamentsgebäuden und Großbauprojekten in vielen Ländern der Erde, die er aus der Perspektive ihrer Geeignetheit für eine demokratische Staatsform untersucht. Er weist zugleich darauf hin, dass das Appellieren an demokratische Werte nicht selten eine Marketingstrategie ist. Wie er schreibt, muss die gebaute Umwelt als politisch gesehen werden, weil sie Machtverhältnisse widerspiegelt und auch, weil Bauen Macht erfordert. Architektur kann Demokratie repräsentieren und fördern, aber nicht garantieren. Louis Kahns Parlamentsgebäude in Dhaka symbolisiert nach Ansicht des Autors Demokratie. Zutiefst undemokratisch seien dagegen die Entwürfe von Albert Speer gewesen sowie das Projekt „The Line“ in Saudi-Arabien. Der Autor verweist auf Friedrich Nietzsche, der gemeint hatte, dass in Bauwerken der Wille zur Macht zum Ausdruck kommt.

Im ersten Kapitel, das dem Thema Platz gewidmet ist, begibt sich der Autor zunächst in das antike Griechenland. Die griechische Polis war, wie er schreibt, weniger ein bestimmter geografischer Ort, sondern eine Gruppe von Menschen. Das römische Forum diente umso weniger als Ort politischer Partizipation, je mehr es sich mit Statuen und Denkmälern füllte. Große Plätze sind stets sowohl Orte für Demonstrationen gegen Regierungen als auch für Paraden eines autoritären Regimes. Aus der Zahl der Menschen, die sich versammelt haben, wird, wie Müller konstatiert, auf die Relevanz eines Ereignisses geschlossen. Die große Zahl spielt auch im virtuellen Raum eine große Rolle, auch wenn sie hier kaum die Stärke des Engagements widerspiegelt. „‚Liken’ und ‚Teilen‘ sind weit von der Investition entfernt, die eine Offline-Teilnahme an einer Demonstration erfordert“ (S. 65). Wie Müller schreibt, können Plätze auch zu groß sein, sodass man sich dort verloren fühlt und es schwerfällt, sich zu orientieren. Auch das kann politisch gewollt sein.

Im zweiten Kapitel richtet der Autor den Blick auf Parlamente und Regierungsgebäude. Donald Trump wird erwähnt, der versucht hat, seine Vorstellungen von einem neuen Baustil durchzusetzen. Müller wirft die Frage auf, ob Monomentalität zu Demokratien passt und ob Paläste nicht etwas Undemokratisches an sich haben. Größe und Höhe drücken etwas aus. Mit Monumentalität wird signalisiert, dass sich an diesem Ort etwas Bedeutsames abspielt. Müller verweist hier auf die Architektur des Faschismus. Der Balkon war ein politisch bedeutsamer Ort gewesen: Der Machthaber stand für alle sichtbar auf dem Balkon. Auch wenn Glas mit Transparenz assoziiert wird, so diente doch das gläserne Haus, das Mussolini bauen ließ, vor allem dazu, Macht zur Schau zu stellen. Erdogan hat riesige Moscheen bauen lassen, Orban ein historisches Gebäude kostspielig sanieren lassen. Modi lässt ein dreieckiges Parlamentsgebäude an einer bestimmten Stelle errichten. Wenn sich die bauliche Vergangenheit nicht abtragen lässt, kann man sie, wie Müller feststellt, in ihrer Bedeutung herabmindern. Man kann z.B. ein Gegendenkmal errichten. Ein spezifisch demokratischer Stil lässt sich zwar nach Ansicht des Autors nicht ausmachen, doch ein für die Demokratie bedeutsamer Bau sollte kein Bürogebäude wie jedes andere sein. Vom Äußeren geht es dann ins Innere des Gebäudes, in dem Müller auf Höhenunterschiede und Sitzanordnungen zu sprechen kommt, die stets eine Botschaft enthalten. Klar ist aber, dass Parlamente angesichts der Neuen Medien heute anders als früher funktionieren. „Was im Plenarsaal geschieht, … soll Content für soziale Medien produzieren“ (S. 138). Was die Zugänglichkeit eines staatlichen Gebäudes betrifft, kann die Botschaft der Regierung lauten, dass das Volk willkommen ist oder auch nicht. Wenn man ihm misstraut, findet das seinen Ausdruck in hohen Mauern, bewachten Speerzonen und auch geheimen Fluchtwegen. Ein Beispiel dafür, dass der Zugang erzwungen werden kann, ist der gewaltsame Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 in Washington.

Thema des dritten Kapitels ist die Straße als politischer Ort. Die Begegnungen der Menschen auf der Straße sind von kurzer Dauer, was ein Anreiz für extravagante Selbstdarstellungen sein kann, denn die Flüchtigkeit der Begegnung und die Anonymität bieten Möglichkeiten für ein Anderssein. Entsprechend wichtig ist es, Anonymität zu gewährleisten. Die Straße ist aber nicht nur eine Flaniermeile, man kann darin auch Barrikaden errichten. Ausführlich geht Müller auf Straßenblockaden ein und auf ein gestalterisches Gegenmittel: Breite Straßen lassen sich weniger leicht verbarrikadieren. Klimakleber, die eine menschliche Blockade errichten, sind besonders öffentlichkeitswirksam. Und schließlich können Straßen auch Versteck-Orte sein. Gittermuster und breite gerade Straßen können das verhindern. Das Recht auf Anonymität wird bereits hier beschnitten, noch mehr jedoch durch Videoüberwachungskameras und digitale Techniken. Müller weist auf subtile Formen hin, das Recht sich zu versammeln, einzuschränken. Wenn Pflanzkübel aufgestellt werden, bringt man Natur in die Stadt und argumentiert dementsprechend, zugleich wird der für Aufenthalte und Zusammenkünfte nutzbare Raum dezimiert. Eine lineare Stadt, wie sie in Saudi-Arabien geplant wurde, würde die Möglichkeit für Versammlungen erheblich reduzieren

In der abschließenden Coda listet der Autor sieben Bausteine auf, den Zusammenhang von Architektur und Demokratie betreffend. Räume, in denen man sich versammeln und eine kollektive Kontrolle ausüben kann, sind immer mehr geschrumpft; eine Demokratie braucht unterschiedliche Räume; offene Camps im öffentlichen Raum bedeuten, dass man dort auszuharren gedenkt, wohingegen geschlossene Camps auf eine Stärkung des internen Zusammenhalts abzielen; es sollten für die Austragung von Konflikten geeignete Räume verfügbar sein; Designs für die Demokratie müssen auch virtuelle Räume mit bedenken; Transparenz ist ein überschätztes und oft missverstandenes Konzept, wenn Demokratie und Architektur in einen Zusammenhang gebracht werden; Demokratie kann man nicht zu einem einzigen Symbol verdichten.

Diskussion

Der Autor stimmt auf das Thema der Architektur demokratischer Räume ein, indem er auf die Agora im antiken Griechenland, einen offenen öffentlichen Platz für politische Diskussionen, zurückblickt. Es gelingt ihm, die Bedeutung der gebauten Umwelt für das Zusammenleben der Menschen anhand historischer und vieler aktueller Beispiele zu veranschaulichen. Als ein Weitgereister kann er aus einem großen Fundus schöpfen. Doch objektive Kriterien, an denen man ablesen kann, inwieweit ein Platz oder ein Gebäude zu einer Demokratie passt, sind schwer auszumachen, was sich an dem Parlamentsgebäude in Dhaka zeigt. Auf dem Foto sieht es wie eine Zitadelle aus, die das Volk außen vor lässt. Von Müller wird es als eine Verkörperung der Demokratie gepriesen. Dass Sitzanordnungen und Höhenunterschiede in Parlamentsgebäuden Botschaften aussenden, leuchtet unmittelbar ein. Mit Beispielen aus vielen Ländern untermauert der Autor seine Aussagen, z.B. dass in Tel Aviv Demonstrationen auf einem großen, aber weit vom Sitz der Macht entfernten, von nichtssagenden Wohnblocks umgebenen Platz keine große Wirkung entfalten. Wie schwierig es ist, das richtige Maß zu finden und nicht in Monumentalität, wie sie für Paläste in Autokratien typisch ist, zu verfallen, lässt sich der Aussage des Autors entnehmen, dass ein Parlamentsgebäude nicht wie ein Bürogebäude aussehen sollte. Das richtige Maß liegt irgendwo in der Mitte, ohne dass man es fixieren könnte. Müller schildert anschaulich die vielen Aspekte von Straßen. Es sind Räume, in denen man unerkannt und unkontrolliert unterwegs sein kann, in denen man Blockaden errichten und in denen man sich verstecken kann. Er betont, dass es in Demokratien viele Meinungen gibt, dass das Parlament Konflikten Raum geben muss und man Demokratie nicht zu einem einzigen Symbol verdichten kann und es deshalb auch keine einzig richtige Gestaltung demokratischer Räume gibt.

Fazit

Das Buch ist allen Menschen und nicht nur denen, die in Demokratien leben und diese Staatsform zu schätzen wissen, zu empfehlen. Es macht bewusst, dass Architektur und Stadtplanung politische Botschaften enthalten. Mit zahlreichen Beispielen aus vielen Ländern macht der Autor den Zusammenhang zwischen gebauter Umwelt und Staatsform sichtbar. Das gilt für den Außenraum mit seinen Plätzen und Straßen, den Innenraum von Staatsgebäuden und deren Zugänglichkeit. Das Buch ist ein Plädoyer für eine Demokratie stärkende Architektur und Stadtplanung.

Rezension von
Dr. Antje Flade
Psychologin, Sachbuchautorin
Mailformular

Es gibt 61 Rezensionen von Antje Flade.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245