Katharina Gerarts, Elia Jonas Reitzle et al.: Adultismus im Kita-Alltag
Rezensiert von Prof. Dr. Sabine Fischer, 11.08.2026
Katharina Gerarts, Elia Jonas Reitzle, Lisa Wiertelorz: Adultismus im Kita-Alltag. Über Macht, Kinderrechte und echte Partizipation. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2026. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-03648-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 26,00 sFr.
Thema und Anliegen
Die Publikation »Adultismus im Kita-Alltag« beschäftigt sich mit der Frage, wie adultistische Machtverhältnisse in Kindertageseinrichtungen sichtbar werden, von Kindern erlebt und durch eine machtsensible, kinderrechtsbasierte Praxis verändert werden können. Ausgangspunkt des Autorenteams sind tatsächliche Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Denn Kinder befinden sich in Entwicklungs‑ und Reifungsprozessen, unterscheiden sich in ihrer körperlichen und kognitiven Konstitution von Erwachsenen und sind in besonderer Weise auf deren Fürsorge und Schutz angewiesen. Problematisch wird diese Verschiedenheit aber erst dann, wenn aus dem Anderssein eine Anderswertigkeit abgeleitet wird. Adultismus bezeichnet folglich nicht die bestehenden Unterschiede selbst, sondern deren hierarchische Bewertung und die daraus abgeleitete Legitimation ungleicher Macht‑ und Entscheidungsverhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen.
Im pädagogischen Alltag sind solche Machtverhältnisse allgegenwärtig und dennoch häufig schwer zu erkennen. Erwachsene entscheiden über Zeit, Räume, Regeln und Abläufe; Kinder bewegen sich in Ordnungen, die sie meist nicht selbst geschaffen haben. Das Autorenteam möchte pädagogische Fachkräfte nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren, sondern ihnen Wissen und Reflexionsmöglichkeiten an die Hand geben, um adultistische Strukturen und Verhaltensweisen zu erkennen, einzuordnen und zu verändern. Das Buch greift damit ein hochaktuelles Thema auf, das eng mit Kinderrechten, Partizipation, Kinderschutz, Diskriminierungskritik und professioneller Haltung verbunden ist.
Die Publikation greift zentrale Positionen des wissenschaftlichen Diskurses auf, ohne den Anspruch zu erheben, diesen in seiner gesamten Breite und Tiefe nachzuzeichnen. Im Vordergrund steht vielmehr, Adultismus verständlich und für die Praxis bearbeitbar zu machen.
Autorinnen
Die beiden Autorinnen und der Autor verbinden Perspektiven aus Wissenschaft, Ausbildung und pädagogischer Praxis: Katharina Gerarts ist Professorin für Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit, Elia Jonas Reitzle arbeitet als Sozialpädagoge und Lehrkraft in der Kinderpflegeausbildung, und Lisa Wiertelorz ist Kindheitspädagogin und Leiterin einer Kindertageseinrichtung.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Teile, die dem Dreischritt „Adultismus verstehen, erkennen und verhindern“ folgen. Im ersten Teil führt das Autorenteam Adultismus als gesellschaftliches Macht‑ und Diskriminierungsverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern ein. Ihrem Verständnis zufolge werden Einschränkungen kindlicher Handlungs‑ und Entscheidungsmöglichkeiten nicht allein mit der tatsächlichen Schutzbedürftigkeit von Kindern begründet. Sie beruhen ebenso auf gesellschaftlich verankerten Vorstellungen, nach denen Erwachsene grundsätzlich kompetenter und entscheidungsfähiger seien.
Gerarts, Reitzle und Wiertelorz entfalten ein mehrdimensionales Verständnis von Adultismus. Es berücksichtigt persönliche Interaktionen ebenso wie institutionelle Regeln und Routinen sowie gesellschaftlich-kulturelle Deutungsmuster. Diese zeigen, dass adultistische Verhaltensweisen offen und verletzend, aber auch subtil, selbstverständlich und von guten Absichten getragen auftreten können, etwa, wenn Fürsorge oder Schutz dazu dienen, kindliche Erfahrungs‑ und Entscheidungsmöglichkeiten einzuschränken. Den unterschiedlichen Erscheinungsformen liegt die grundlegende Machtasymmetrie zwischen Erwachsenen und Kindern zugrunde. Das Autorenteam stellt pädagogische Macht jedoch nicht grundsätzlich infrage, sondern richtet den Blick auf deren verantwortungsvollen Einsatz. Es unterscheidet zwischen instruktiver Macht, die darauf ausgerichtet ist, Kinder zu schützen, zu stärken und in ihrer Entwicklung zu unterstützen, und destruktiver Macht, die deren Handlungs‑ und Entscheidungsmöglichkeiten unangemessen begrenzt. Als wesentliches Kriterium gilt dabei aus ihrer Sicht, dass Kinder widersprechen dürfen, ohne Beschämung, Beziehungsentzug oder andere negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Im zweiten Teil verbindet das Buch den theoretischen Zugang mit Beispielen aus dem konkreten Kita-Alltag. Hier werden elf Bereiche des Kita-Alltags behandelt, die von Raumgestaltung und Interaktion über Pflege‑ und Versorgungssituationen bis zu pädagogischen Grenzsituationen reichen. Fallbeispiele, fachliche Erläuterungen, Handlungsalternativen und Reflexionsfragen laden dazu ein, vertraute Routinen kritisch zu betrachten. Ein Schwerpunkt des zweiten Teils liegt auf der Berücksichtigung der Kinderperspektive. Anhand vieler konkreter Beispiele wird nachvollziehbar, wie Kinder adultistische Äußerungen, Entscheidungen und Routinen erleben und welche Auswirkungen diese auf ihr Wohlbefinden, ihr Selbstwertgefühl und ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung haben können. Adultismus wird dadurch in seiner Bedeutung für den kindlichen Alltag konkret nachvollziehbar.
Der dritte Teil richtet den Blick auf die Veränderung pädagogischer Praxis. Biografische Selbstreflexion, Kinderrechtskultur, diskriminierungssensible Sprache und Beschwerdemöglichkeiten werden als Bausteine einer adultismussensiblen Kita vorgestellt. Für alle Bereiche bietet das Buch erprobte Methoden und Materialien an, die sowohl die individuelle Reflexion als auch gemeinsame Entwicklungsprozesse im Team unterstützen können. Beispielsweise laden biografische Übungen dazu ein, den Einfluss eigener Kindheitserfahrungen auf professionelles Handeln und das mögliche Fortwirken adultistischer Muster zu reflektieren. Weitere Materialien nehmen den Stand der Kinderrechte, die Teamkultur, Machtverhältnisse und Beschwerdemöglichkeiten in den Blick.
Ein bereits im zweiten Teil eingeführtes Reflexionsinstrument bündelt zentrale Fragen zu Interaktion, Partizipation, Teamkultur und Selbstreflexion. Obwohl seine normativen Aussagen sozial erwünschte Antworten begünstigen können, zielt das Instrument weniger auf eine standardisierte Bewertung als auf die gemeinsame Reflexion pädagogischer Routinen und Machtverhältnisse. Das Instrument wird als Gesprächs‑ und Entwicklungsinstrument für Teams vorgestellt und soll Veränderungsprozesse in den Einrichtungen unterstützen.
Diskussion
Persönlich überzeugt mich die Publikation insbesondere durch die gelungene Verbindung von theoretischer Einordnung, anschaulichen Beispielen und dem Aufzeigen konkreter Handlungs‑ und Reflexionsmöglichkeiten. Adultismus wird nicht nur als abstraktes Macht‑ und Diskriminierungsverhältnis beschrieben, sondern in seinen oftmals subtilen Erscheinungsformen im Kita-Alltag nachvollziehbar gemacht. Die konsequente Einbeziehung der Kinderperspektive verdeutlicht zudem, wie adultistische Äußerungen, Entscheidungen und Routinen von Kindern erlebt werden und welche Auswirkungen sie haben können. So wird z.B. in einer geschilderten Essenssituation auf Seite 69 deutlich, wie das gut gemeinte Auflegen einer Probierportion gegen den Willen des Kindes dessen körperliche Selbstbestimmung einschränken kann. Dennoch kritisiert das Buch Fachkräfte nicht pauschal, sondern lädt sie dazu ein, selbstverständliche Routinen, biografisch geprägte Handlungsmuster und den eigenen Umgang mit Macht zu hinterfragen
Die Fallbeispiele, Reflexionsfragen und methodischen Anregungen bieten hierfür konkrete Ansatzpunkte. Sie ermöglichen individuelle Reflexionen und eröffnen zugleich Gesprächsanlässe für Teams und längerfristige Entwicklungsprozesse in den Einrichtungen. Adultismuskritische Pädagogik erscheint dabei nicht als Verzicht auf erwachsene Verantwortung, sondern als Verpflichtung, Macht transparent, dialogisch, verhältnismäßig und für Kinder anfechtbar auszuüben. Darin liegt ein wesentlicher Beitrag der Publikation.
Die im Buch bereits aufgegriffenen pädagogischen Antinomien und Dilemmata, insbesondere die Spannungsverhältnisse zwischen Partizipation und Schutz, Selbstbestimmung und Fürsorge sowie kindlichem Willen und erwachsener Verantwortung, bieten vielfältige Anknüpfungspunkte für eine weiterführende und vertiefende Auseinandersetzung, möglicherweise in einem zweiten Band. Ebenso lohnenswert könnte es sein, darin die institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen pädagogischen Handelns noch stärker in den Blick zu nehmen. Denn eine Fachkraft kann Kindern nur begrenzt Zeit für Aushandlungen geben, wenn sie gleichzeitig für eine große Gruppe verantwortlich ist oder feste Abläufe einhalten muss. Adultismussensible Pädagogik ist deshalb nicht allein eine Frage der persönlichen Haltung, sondern auch der personellen, organisatorischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen,die Kinderrechte und Beteiligung nachhaltig unterstützen müssen.
Aufgrund seiner verständlichen Darstellung, der anschaulichen Praxisbeispiele und der vielfältigen Reflexionsimpulse eignet sich das Buch insbesondere für Fachkräfte und Teams in Kindertageseinrichtungen. Darüber hinaus bietet es wertvolle Anregungen für Studierende und angehende pädagogische Fachkräfte sowie für Personen, die in Fortbildung, Supervision und Fachberatung im Arbeitsfeld Kita tätig sind.
Fazit
Die Publikation »Adultismus im Kita-Alltag« leistet einen wichtigen Beitrag zur noch überschaubaren deutschsprachigen Fachliteratur. Sie überträgt den adultismuskritischen Diskurs systematisch auf den Kita-Alltag und verbindet theoretische Grundlagen mit praxisnahen Reflexions‑ und Handlungsimpulsen. Damit gibt das fachlich fundierte und gut zugängliche Praxisbuch wichtige Impulse für eine machtsensible, partizipative und kinderrechtsbasierte Kita-Kultur.
Rezension von
Prof. Dr. Sabine Fischer
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