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Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit

Rezensiert von Dr. Renate Dillmann, 05.08.2026

Cover Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit ISBN 978-3-89438-870-6

Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Kommunismus vor Marx. PapyRossa Verlag (Köln) 2026. 127 Seiten. ISBN 978-3-89438-870-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
Reihe: Neue Kleine Bibliothek - 359.

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Thema

In seinem Einführungsband stellt Joshua Graf verschiedene bekannte sowie eher unbekannte Vertreter des Kommunismus vor Marx vor. Ziel des Buchs ist es, eine breite Geschichte subalterner Widerstandskämpfe und kommunistischer Bestrebungen darzulegen und die verschiedenen Akteure als eigenständige politische Subjekte abzuhandeln.

Autor

Joshua Graf ist Sozialarbeiter (M.A.) und promoviert derzeit in politischer Theorie an der Universität Osnabrück. In seiner Dissertation befasst er sich mit der Entwicklung des Kommunismusverständnisses bei Marx und Engels. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter für Soziale Arbeit und Verfasser zahlreicher Fachartikel auf dem Gebiet der Marx-Engels-Forschung und kritischen Sozialtheorie.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt eine erste systematische Zusammenfassung der Ergebnisse aus Grafs Recherche zu den historischen Wurzeln des Kommunismus dar, auf welche der Autor in seiner Promotion mit einem intensivierten Fokus auf Marx und Engels aufbauen wird.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung (S. 7–20), welche die historische Bedeutung des Begriffs Kommunismus würdigt und diesen vom heute manchmal synonym verwendeten Wort Sozialismus abgrenzt, ist das Buch in zwei größere Abschnitte unterteilt. Der erste größere Abschnitt besteht aus vier Unterkapiteln, die sich je einem Denker und/oder Praktiker kommunistischer Projekte vor der Französischen Revolution widmen.

Zunächst wird der Namensgeber des literarischen Genres der Utopie, Thomas Morus mit seinem Werk „Utopia“ behandelt (S. 21–29). Neben einer bündigen Widergabe der Kernelemente der von Morus ersonnenen Idealgesellschaft, beinhaltet das Kapitel kritische Reflexionen über die politische Funktion utopischer Prosa, welche realpolitisch als Kontrastfolie fungierte und eher auf die Verbesserung des Bestehenden denn auf dessen tatsächliche revolutionäre Überwindung zielte (S. 22).

Darauffolgend wird mit Gerrard Winstanley und der „Digger“-Bewegung, welche in der Mitte des 17. Jahrhunderts in England wirkte, ein Beispiel für eine dezidiert religiöse kommunistische Bewegung eingeführt. Im Gegensatz zu Morus‘ rein schriftstellerischer Tätigkeit machten sich die tief christlichen Akteure praktisch an die gemeinsame und gütergemeinschaftliche Bearbeitung brach liegenden Landes (S. 29–37). Das „Digger“-Projekt beruhte auf der Duldung durch die bestehenden Eliten; eine revolutionäre Opposition gegen die eingerichtete Herrschaft setzte es nicht. Wie der Autor kritisch anmerkt, finden sich in den Überlegungen Winstanleys zur Ausgestaltung des Gemeinwesens zahlreiche problematische autoritäre Implikationen (S. 34 f.).

Ganz und gar antireligiös motiviert war hingegen der nächste Protagonist. Graf führt mit Jean Meslier, dem „gottlosen Gottesmann“ (S. 38), einen atheistischen Priester ein, der der enormen Macht der christlichen Kirche im Frankreich des 18. Jahrhunderts geschuldet, zeitlebens seine religions‑ und herrschaftskritischen Gedanken nicht öffentlich machte. Mesliers atheistische Argumentation beinhaltet eine Analyse der Verzahnung von religiösen Ideologien und deren herrschaftsstabilisierender Funktion für die weltlichen Machthaber des Feudalsystems (S. 48 f.).

Den Abschluss des ersten Buch-Teils bildet das Unterkapitel zu Gabriel Morelly. Dieser französische Aufklärer schrieb neben einem utopisch-anarchistisch-kommunistischen Roman, der „Basiliade“, vor allem das „Gesetzbuch der Natur“, in dem er es sich zur Aufgabe machte, die Gütergemeinschaft als adäquate Form menschlichen Zusammenlebens aus den vermeintlichen Gesetzen der Natur abzuleiten (S. 49–56). Getragen von einem strikten wissenschaftlichen Selbstanspruch sah sich Morelly dazu berufen überzeitliche Gesetze für eine erfolgreiche Gemeinschaft aufzustellen. Auf praktische Verwirklichung zielend, beinhaltet dies genaue Regelungen über das Leben der Gemeinschaftsmitglieder (S. 56). In dieser festen Überzeugung sieht Graf die Ursache für unreflektierte hierarchisch-autoritäre Tendenzen in Morellys Denken.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Kommunismus als „moderner Bewegung“ ab der Französischen Revolution. Dabei ordnet der Autor zunächst die enorme historische, praktische wie symbolische Bedeutung der Französischen Revolution als Referenzpunkt für folgende kommunistische Strömungen ein. Enttäuscht von den uneingelösten universalistischen Versprechungen des aufstrebenden Bürgertums radikalisierten sich Teile und die kommunistische Bewegung gewann an Bedeutung.

Zu diesen radikalisierten Praktikern, welche auf die nicht nur formelle Verwirklichung von Freiheit und vor allem Gleichheit zielten, gehörten die Babouvisten. Ihrem Namensgeber Babeuf (S. 62–66), dem Akteur Buonarotti (S. 66–73) und schließlich dem noch zu Marx‘ Zeiten gefürchteten Blanqui (S. 74–77) werden drei Abschnitte gewidmet. Gemeinsam ist diesen „Männern der Tat“ (S. 62) ihr Hang zu klandestinen Verschwörungen, in denen die Übernahme der Macht durch ein konspiratives Attentat und eine darauf folgende Diktatur einer kommunistischen Elite anvisiert wurde. Graf führt diese Art bevormundende Stellvertreter-Taktik auf die mangelnde Entwicklung des Proletariats als Klasse sowie die besonders stark ausgeprägte staatliche und gesellschaftliche Zentralisierung im damaligen Frankreich zurück. Den Berufsrevolutionären fehlte, wie Graf kritisch anmerkt, jegliche Reflexion über die eigene elitäre Haltung (S. 73).

Mit Théodore Dézamy (S. 81–90) wird der theoretisch wohl am weitesten entwickelte Kommunist im Buch vorgestellt. Er sah die Möglichkeit zur Errichtung der Gütergemeinschaft durch die moderne Industrie und vertrat eine Vision des Kommunismus, die sich strikt gegen anti-individualistische und gleichmacherische Tendenzen wehrte (S. 85 f.).

Solchen Anliegen schenkte Cabet in seinem utopischen Roman „Reise nach Ikarien“ (S. 90–96) wenig Aufmerksamkeit. Als klassischer Vertreter des Utopismus ersann sich Cabet eine perfekte Zukunftsgesellschaft am Reißbrett. Cabet befürwortete zudem einen Reform-Kommunismus durch sukzessive Befähigung der Menschheit mittels einer über Generationen dauernden Erziehung; Revolution per Gewalt verachtete er hingegen (S. 96–99).

Zu guter Letzt diskutiert Graf die deutschsprachigen Akteure des Kommunismus vor Karl Marx (S. 100–115). Allen voran nimmt er den Schneider Wilhelm Weitling mit seiner Vorstellung eines unvermittelten Übergangs vom Feudalismus zum Kommunismus in den Blick. Im deutschsprachigen Kommunismus, der sich dezidiert gegen jegliche positive Bezugnahme auf die Kategorie der Nation verwehrte (S. 100–102) wird eine Alternative Theorietradition eingeführt, die sich von der französischen Variante samt ihrer positiven Bezugnahme auf das „Volk“ in dieser Hinsicht diametral unterscheidet.

Abschließend rekapituliert Graf die wichtigsten Ergebnisse, die Gemeinsamkeiten und zahlreichen Unterschiede der vorgestellten Personen in einem kurzen Fazit (S. 117–120).

Diskussion

Mit seinem Erstlingswerk liefert Graf eine präzise Einführung in zentrale Akteure des Kommunismus vor Marx und deren Denken. Die Lektüre ist erkenntnisreich. Vorwissen über den Gegenstand ist nicht vonnöten, jedoch kann eine gewisse Erfahrung mit sozialwissenschaftlichen (Fach-)Texten helfen, dem für eine Einführung manchmal etwas anspruchsvollen Duktus habhaft zu werden. Für den*die Leser*in ist es von Vorteil, dass die Kapitel bei Interesse auch einzeln gelesen werden können.

Lobend hervorzuheben sind die historische Einordnung wie die macht‑ und herrschaftskritische Reflexion des widergegebenen Inhalts. Mit seinem durchgängigen Fokus auf die Standpunkte zur Geschlechterpolitik und zu Fragen gemeinschaftlicher Deliberationsverfahren legt der Autor die Ambivalenz der vorgestellten Bewegungen und Personen offen. Diese werden sowohl für ihre, gemessen an ihrer und manchmal noch unserer Zeit, bemerkenswert fortschrittlichen Überlegungen anerkannt als auch gleichzeitig kritisch kommentiert, wenn ihre Gedanken ihrem eigenen emanzipatorischen Selbstanspruch nicht gerecht werden.

Dadurch gelingt es Graf, oft vergessene Akteure radikaler emanzipatorischer Politik wieder in die heutige Debatte einzuführen und eine langanhaltende subalterne Widerstandspraxis offenzulegen, ohne diese unkritisch zu glorifizieren.

Überdies liefert der Autor mit seinem Werk insbesondere in den Ausführungen zur historischen Differenz zwischen Sozialismus und Kommunismus – zweier ansonsten häufig leichtfertig verwendeter Termini – einen zentralen Beitrag zur Begriffsunterscheidung. Die historischen Belege zur verbreiteten herrschaftlichen Panik vor dem „Gespenst“ des Kommunismus in den 1840er Jahren sind ein wichtiger Beitrag zur Diskussion um sozialradikale Bewegungen im Vormärz.

Das Buch überzeugt mit einer klug durchdachten Auswahl an Theoretikern, Praktikern und Bewegungen. Es rückt die verschiedenen Zugänge zum Thema „Kommunismus“ – individuelle Ausstiegspläne, utopischer Roman, Verschwörung oder erste Überlegungen zu einer kommunistischen Massenbewegung ins Bild und ruft einige eher in Vergessenheit geratene Personen (Morelly, Meslier, Seiler) ins Gedächtnis.

Fazit

Grafs gut recherchiertes Buch ist allen, die sich mit der Geschichte des Kommunismus vor Marx befassen wollen, zu empfehlen.

Rezension von
Dr. Renate Dillmann
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Es gibt 2 Rezensionen von Renate Dillmann.

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ISSN 2190-9245