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Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Kinder ohne Bindung. Deprivation, Adoption und Psychotherapie

Cover Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Kinder ohne Bindung. Deprivation, Adoption und Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 278 Seiten. ISBN 978-3-608-94182-1. 39,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

"Kinder ohne Bindung" behandelt frühe Deprivationserfahrungen und ihre Manifestation als Bindungsstörungen, intellektuelle Defizite sowie physische Mangelerscheinungen und diskutiert einige Möglichkeiten der Regeneration vor allem nach Adoptionen. Das Buch präsentiert die Beiträge einer Konferenz, die mit hoher internationaler Beteiligung von der Internationalen Akademie für Entwicklungs-Rehabili­tation und der Hellbrügge-Stiftung im Oktober 2004 in München zu Ehren von M. Rutter (Institute of Psychiatry in London, United Kingdom) organisiert worden war, dessen wissenschaftliches Lebenswerk im Mittelpunkt stand.

Inhalt

Rutters Beitrag über die psychischen Auswirkungen früher Heimerziehung gehört zu den faszinierendsten wissenschaftlichen Abhandlungen dieses Buches, der unschätzbare Erkenntnisse über die Entwicklungs­pathologie rumänischer Heimkinder und ihrer Begegnung durch die weltweit eingeleiteten Adoptionen nach dem Zusammenbruch des Ceaucescou-Regimes zusammenfassend darlegt. Flankiert wird dieser Beitrag durch Ergebnisse aus der Arbeit des Internationalen Adoptions­projekt-Teams (D. E. Johnson; University of Minnesota, U.S.A.) sowie Ausführungen über die Heimerziehung im Prag der ehemaligen tschecho­slowakischen Republik (Z. Matejcek sowie J. Sturma; Kinderzentrum Prag, Tschechische Republik). 

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu Entwicklungsproblemen nach frühkindlicher Deprivation und Vernachlässigung wird zudem durch Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung erweitert. So findet man in diesem Buch ebenfalls Beiträge von S. Suomi (National Institute of Child Health and Human Development in Bethesda, U.S.A.) und K. Bard (University of Plymouth, United Kingdom) über grundlegende Mechanismen in der mütterlichen Fürsorge und ihrer Variabilität bei Primaten, deren Erkenntniswert in dem Beitrag von M. Papousek (Ludwig-Maximilians-Universität München) zur Frühentwicklung des Kindes eine neue Dimension erfährt:

  • Warum sind die frühen Beziehungserfahrungen (bei menschlichen und nicht-menschlichen Primaten) so zentral für die weitere Entwicklung?
  • Warum haben wiederholte Beziehungsabbrüche und gestörte Beziehungsmuster diese verheerenden Wirkungen?
  • Was muss in Pflege- und Adoptivbeziehungen nachgeholt, kompensiert, ersetzt und repariert werden?

Diese Fragen diskutiert Papouseks Beitrag aus den verschiedensten Wissenschaftsperspektiven und liefert damit gleichzeitig einen theoretischen Rahmen, in den sich sowohl die Buchbeiträge über die empirischen Befunde aus der Deprivations­forschung als auch die therapeutischen Ansätze einordnen lassen.  

T. Hellbrügge (Internationale Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation München), der das Buch mit einem historischen Abriss über die Deprivationsforschung einführt und dabei das Spektrum von Deprivationssymptome und psychopathologischen Entwicklungsmustern aufzeigt, hatte sich mit dem Konzept der Entwicklungs-Rehabilitation unter der besonderen Berücksichtigung der Regulationsstörungen bei kindlichen Beziehungserfahrungen schon darauf eingelassen und damit gleichzeitig einen Bogen zum zweiten Teil des Buches gespannt. Dort werden nun Beiträge (M. Keren; Tel-Aviv University, Isreal und A. Hart; University of Brighton, United Kingdom) angeboten, die die diagnostischen und therapeutische Möglichkeiten und Hilfestellungen für Pflege- und Adoptivkinder und ihrer Eltern beschreiben wie auch Interventionen bei Bindungsstörungen im Besonderen diskutieren (K. H. Brisch; Klinikum der Universität München). Wie Kindern trotz vergangener Vernachlässigung, Misshandlung, sozialer Ausgrenzung und Bildungsbenachteilung zu einer guten Form der Entwicklung und Anpassung kommen, wird schließlich auf der Grundlage der Debatte über die Schlüsselindikatoren für Resilienz kritisch hinterfragt. Abschließend werden wichtige aktuelle gesetzliche Regelungen im Umgang mit Pflege- und Adoptivkindern thematisiert (L. Salgo; Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt a.M.).

Fazit

Es ist ein äußerst empfehlenswertes Buch, das vor allem in die Hände derer gehört, die sich mit der Betreuung von Pflege- und Adoptivkinder befassen und in therapeutische Maßnahmen für diese Kinder einbezogen sind.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Liselotte Ahnert
Hochschule Magdeburg-Stendal Studiengang Rehabilitationspsychologie Entwicklungspsychologie
Homepage www.lieselotte-ahnert.de


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Zitiervorschlag
Liselotte Ahnert. Rezension vom 28.02.2006 zu: Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Kinder ohne Bindung. Deprivation, Adoption und Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-608-94182-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3470.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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