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Christoph Steinebach (Hrsg.): Handbuch Psychologische Beratung

Cover Christoph Steinebach (Hrsg.): Handbuch Psychologische Beratung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 670 Seiten. ISBN 978-3-608-94152-4. 34,00 EUR.
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Einführung in das Thema, Hintergründe und Autoren

"In allen psychologischen Berufsfeldern ist Beratung die zentrale Dienstleistung", schreibt Steinebach im Vorwort. Eben diese Dienstleistung beschreibt das Handbuch in zahlreichen Facetten und Perspektiven. Dabei geht es immer um das Verhältnis von Beratung als Format und Psychologie als Fach und zugrunde liegende Theorie. Beratung ist in keinem Fall nur "Therapie light", sondern immer eine dem speziellen Gegenstand angepasste und angemessene Form der Umsetzung psychologischen Wissens und Könnens. Die Rückbindung an wissenschaftlich fundierte Psychologie sichert die Professionalität der Beratungsarbeit und bewahrt sie vor Beliebigkeit und kurzlebiger Mode. Die Differenzierung von Beratung erfolgt entlang ihrer bewirtschafteten Felder: Erziehungsberatung, Lebensberatung, Paarberatung etc., sie kann aber nicht von der Alltagstauglichkeit bewährter Methodik allein leben. Dass Steinebach AutorInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Mitwirkung an dem Band eingeladen hat, erweitert die Perspektive zusätzlich.

Steinebach selbst ist Professor für Rehabilitationspädagogik im Fachbereich Heilpädagogik der Katholischen Fachhochschule Freiburg i.Br. und zugleich Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor und Organisationsberater. Er verfügt über umfangreiche  Erfahrungen im Beratungsbereich als Psychologe an einen Sozialpädiatrischen Zentrum und als Leiter einer interdisziplinären Frühberatungsstelle. Die anderen AutorInnen sind überwiegend im akademischen Bereich als ProfessorInnen oder wissenschaftliche MitarbeiterInnen tätig, einige auch im Bereich unterschiedlicher Beratungseinrichtungen.

Aufbau und Inhalt

Mit einer grundlegenden Verhältnisbestimmung von Beratung und Psychologie eröffnet Steinebach den Band: Beratung wird definiert, die Geschichte psychologischer Beratung skizziert, grundlegende Theorien, Arbeitsbereiche und Arbeitsweisen aufgezeigt und schließlich "Herausforderungen und Trends" angesprochen. Eine gute Aufmerksamkeitsrichtung gibt Steinebach mit dem Stichwort "Ethos und Ethik" vor, die dann in verschiedenen Beiträgen wieder auftaucht und eine wichtige Perspektive darstellt.

Nach dieser Einführung behandelt der Band das Thema in fünf Kapiteln.

    Das erste hat "Grundfragen" mit den Überschriften "Beratung und ..." zum Thema: Entwicklung, Gesundheit, Kultur, Medien, Gender und Recht sind solche Verbindungen, die in jedem Fall informative Artikel abgeben. Bemerkenswert finde ich, dass das Thema "Beratung und Gender" eigens thematisiert ist: es ist wichtig, wird aber nicht selten übersehen. Hier kommt auch ein Thema zum Tragen, das in den Beiträgen an unterschiedlichen Stellen wieder auftaucht: die Frage von Macht in Beratungsbeziehungen, das selbst wieder eine hohe ethische Relevanz hat.
  1. Es folgt, mit vier Beiträgen, das Kapitel "Theorien der Beratung", das grundlegende Theoriekonzepte wie Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Humanistische Psychologie und Systemische Ansätze darstellt. All diese Theorien werden ausdrücklich in ihrer speziellen Bedeutung für Beratungskonzepte dargestellt. So werden die Verbindungslinien und relevanten Züge für die Praxis gut deutlich.
  2. Ein drittes Kapitel ist den Themen der Beratung gewidmet: in sieben Beiträgen werden klassische Beratungsanlässe präsentiert: Erziehungsberatung, Lebensberatung, Paarberatung, Familienberatung, Teamberatung, Organisationsberatung sowie Supervision und Praxisberatung. Diese Aufstellung allein macht deutlich, dass auf den dafür zur Verfügung stehenden 75 Seiten diese Themen nur im Überblick dargestellt werden können. Der allerdings ist sehr instruktiv und reizt an vielen Stellen zu eigener Vertiefung.
  3. Auch das vierte Kapitel behandelt Themen der Beratung, allerdings diesmal unter der Überschrift "Brennpunkte der Beratung". Um Brennpunkte handelt es sich bei den meisten dargestellten Themen deshalb, weil Beratung hier immer Krisenintervention bedeutet: Lern- und Leistungsstörungen, geistige Behinderung, Lebenskrisen, Alkohol- und Drogenhilfe, Missbrauch etc. Allerdings finden sich auch Arbeitsfelder wie Seelsorge, Gründungsberatung, Jugendberatung und andere - insgesamt zwölf Beiträge sind hier gesammelt.
  4. Das letzte Kapitel öffnet den Blick für "Innovative Wege der Beratung". "Frühberatung" zum Beispiel meint eine möglichst früh ansetzende beratende Begleitung von Eltern bzw. Familien mit Kindern, die behindert sind. Mediation ist eine immer noch innovative, aber dennoch inzwischen gut etablierte Form der Konfliktregulierung. Auch Trennungs- und Scheidungsberatung ist mittlerweile ein Klassiker und hätte auch im vierten Kapitel einen guten Platz gehabt - ebenso wie Schulberatung, Intervision (also kollegiale Beratungsformen). Für viele Bereiche noch innovativ ist hingegen "Qualitätssicherung durch Evaluation" - dieser Beitrag beschließt nicht zufällig den Gang durch die Beratungslandschaft. (Das komplette Inhaltsverzeichnis kann auf der Seite des Verlages eingesehen werden).

Diskussion

Ein Handbuch ist auf selektive Lektüre hin angelegt: man greift zu einem solchen Band, um sich in einem komplexen Feld zu orientieren. Vermutlich wird niemand die 600 Seiten komplett lesen. Das ist aber für eine gewinnbringende Lektüre auch gar nicht nötig. Man kann das Buch gut nutzen, um sich einen Überblick in einzelnen Bereichen zu verschaffen. Jeder Beitrag bietet auch eine - oft relativ kurze - Literaturliste, die zur Vertiefung des Themas einlädt. Für mich ist das zweite Kapitel, das die Theorien der Beratung darstellt, zusammen mit dem Einführungskapitel das Herzstück des Buches. Denn von dort aus wird, um das Bild auszukosten, das Blut in die anderen Kapitel gepumpt: welches Thema auch immer eine psychologische Beratung hat, sie lebt von den grundlegenden Theorien. Welche Grundfrage auch immer verhandelt wird, in der Antwort schwingen theoretische Voraussetzungen mit. Die anderen Kapitel stellen sehr gut das Spektrum dar, das psychologische Beratung heute abdeckt. Steinebach hat als Herausgeber sehr kompetente AutorInnen gewonnen. Wer selbst in dem dargestellten Bereich kundig ist, kennt die Namen seit langem, denn es handelt sich renommierte Fachleute, die neben ihrer Fachkompetenz auch noch die Begabung einbringen, ihr hochkomplexes Fachgebiet übersichtlich und verständlich darzustellen, ohne unnötige Angst vor zu starken Vergröberungen.

So breit wie das thematische Spektrum ist auch der Adressatenkreis des Werkes: nämlich zunächst die Beratungsprofis aller Bereiche, also PädagogInnen, SozialarbeiterInnen, PsychologInnen und BeraterInnen mit anderen Grundprofessionen. Wer immer aus diesem Kreis sich der eigenen Grundlagen vergewissern oder einen Blick über die Grenzen des eigenen Bereiches hinaus werfen möchte, wird gern zu dem Buch greifen. Ebenso aber auch alle, die zu Beratern ausgebildet werden: die finden theoretische Grundlagen verdaulich, aber nicht simplifiziert dargestellt. Und letztlich werden auch Ausbildende gern immer wieder die Beiträge nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen und übermäßige Komplexität zu vermeiden.

Fazit

Ein wirklich hervorragendes Handbuch, geschrieben von kompetenten AutorInnen, die es verstehen, grundlegende Fragen ihres Fachgebietes verständlich darzustellen. Allemal seine Anschaffung wert!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 01.08.2006 zu: Christoph Steinebach (Hrsg.): Handbuch Psychologische Beratung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-608-94152-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3471.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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