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Kurt Buchinger, Herbert Schober: Das Odysseusprinzip. Leadership revisited

Rezensiert von Mag. Friedrich Graf-Götz, 11.07.2006

Cover Kurt Buchinger, Herbert Schober: Das Odysseusprinzip. Leadership revisited ISBN 978-3-608-94143-2

Kurt Buchinger, Herbert Schober: Das Odysseusprinzip. Leadership revisited. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 245 Seiten. ISBN 978-3-608-94143-2. 24,50 EUR. CH: 43,90 sFr.
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Die Autoren

Kurt Buchinger und Herbert Schober sind Berater renommierter Wiener Beratungsfirmen, die der sogenannten Wiener Schule systemischer Beratung angehören. Beide verrichten auch Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten

Thema und Inhalt

Das Buch beschäftigt sich mit dem Thema Führung und versucht den Wandel nachzuzeichnen, den Führung in Organisationen in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Die Autoren erkennen moderne Führung als eine qualitativ neue Tätigkeit, vertreten aber die Meinung, dass alles, was man dieser Profession früher zuschrieb, noch als Teil- oder Nebenaspekt erhalten geblieben ist. Leitbild des neuen Führungsverständnisses ist den Autoren der antike Held Odysseus, dem es durch List und Vernunft gelang, den Fall der kleinasiatische Stadt Troja herbeizuführen und nach einer langen Irrfahrt wieder zurück nach Ithaka zu finden. Odysseus entspricht nicht den vertrauten alten Heldenbildern. Er weiß, dass Kraft und Mut allein nicht genügen, deshalb gebraucht er seinen Kopf, nicht aber, um ihn immer und überall durchzusetzen, sondern, um sich neuen Situationen auszusetzen,  Erfahrungen zu sammeln und zu lernen. Ein Beispiel etwa ist sein Abenteuer mit den Sirenen.  Odysseus hatte den Wunsch, den Gesang der Sirenen zu hören, von dem er weiß, dass Menschen, die davon angelockt werden, den Tod erleiden müssen. Also greift er zu einer seiner berühmt gewordenen Listen: Er lässt sich an den Mastbaum binden und verschließt seinen Gefährten auf dem Schiff die Ohren mit Wachs. So hört er die lieblichen Lockgesänge der Sirenen, entgeht aber dem Tod, weil die Schiffsmannschaft auf seine Bitten und Drohungen, die Insel anzusteuern, nicht reagiert.

Diese und andere Beispiele aus Homers Odyssee bebildern nach Buchingers und Schobers Erfahrung modernes Teamleadership. "Teamleader können zielgerichtet zupacken und aufmerksam zuwarten, sie verbinden Gestalten und Hinnehmen miteinander, sie geben die Richtung vor und können einfühlsam mitgehen, sie stehen für sich allein und sind mit anderen verbunden, sie sind selbstbewusst und selbstzweifelnd, sie helfen und lassen sich helfen - sie sind stolz und demütig zugleich." (S. 17)

Teamleadership ist erforderlich, weil moderne Organisationen komplexe, vernetzte und dynamische Systeme darstellen, die nicht mehr von Einzelpersonen, auch nicht von den größten Helden, erfolgreich geführt werden können. Zu ihrer Steuerung sind Teams und Großgruppen erforderlich. Sie sind in der Lage, die zu bewältigende Komplexität in sich abzubilden. In logischer Konsequenz beschäftigen sich die Autoren im Buch mit den Schwerpunktthema Teamarbeit und mit der Frage, was modernes Teamleadership ausmacht.

Aufbau und Inhalt

  • Nach einer kurzen, pointierten Schilderung der Abenteuer des Odysseus (1) wird auf das Thema Führung eingegangen (2) und die Entwicklung, die die Rolle und die Funktion Führung erfahren hat, nachgezeichnet (3).
  • Die Autoren beschreiben eingehend den Wandel, den Organisationen und damit einhergehend auch das Führungsverständnis in den letzten 30 bis 40 Jahren mitgemacht haben (4) - und folgen dabei ganz offensichtlich nicht der akademischen Routine eines historischen Exkurses, sondern weil sie zu einem besseren Verständnis aktueller Widersprüche und Brüche beitragen wollen. Sie zeigen auf, dass Organisationen von Ungleichzeitigkeiten regiert werden und auch erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen neben neueren Ansätzen nach wie vor Konzepte der Vergangenheit verfolgen. Diese scheinbaren Widersprüche repräsentieren für sie jedoch wichtige Kräfte innerhalb der Organisationen, und werden an Hand von 17 Gegensatzpaaren eingehend beschrieben.
  • In weiterer Folge wenden sich die Autoren dem Schwerpunktthema Teamarbeit zu (5), zeichnen die Entwicklung dieser Arbeitsform nach und unterscheiden ihre heutige Rolle deutlich von früheren, oft stark idealisierten Zuschreibungen. Im nächsten Abschnitt, der sich mit der erfolgreichen Teamsteuerung (6) auseinandersetzt, werden drei Kraftquellen für Teamarbeit vorgestellt, die ihren Ursprung im Buddhismus haben und auch von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer für die systemische Strukturaufstellung adaptiert wurden: Ordnung, Liebe und Erkenntnis. Die weiteren Ausführungen beinhalten wie diese Kraftquellen wirksam werden können und welche zusätzlichen Dimensionen der Steuerung existieren.
  • Im folgenden, vergleichsweise umfassenden Abschnitt wird auf die personal competence für Teamleader eingegangen (7). LeserInnen, die sich für ihre Führungsaufgaben Techniken und Rezepten erwarten, werden spätestens hier enttäuscht sein. Buchinger und Schober entziehen sich dieser Erwartung und setzen sich mit der Bedeutung von Gefühlen in Teams auseinander, mit Fragen der Identität und Rolle des Teamleaders bzw. mit zeitphilosophischen Überlegungen und daraus abgeleiteten Aufgaben eines Zeitmanagements in Organisationen. Handlungsanleitungen gibt es am ehesten im vorletzten Abschnitt, der den Titel "Die Künste des Odysseus" trägt (8). Hier wird in die Kunst des Fragens, des Commitments, die Kunst, Komplexität zu steuern und die Kunst des richtigen Entscheidens eingeführt. Den Schluss bilden Ausführungen zur Aktualität der Gruppendynamik 9).

Zielgruppen

Mögliche Zielgruppen des Buches sind Personen, die ein vertieftes Verständnis von moderner Führung suchen. Also Führungskräfte selbst, die ihre Erfahrungen gerne reflektieren und die Spannungsfelder und Dynamiken, in denen sie stecken, besser verstehen wollen. Eine weitere InteressentInnen-Gruppe sind sicher BeraterInnen, die den systemischen Beratungsansatz schätzen und auch nach organisationspsychologischen Zugängen suchen

Fazit

Das Buch ist ungemein anregend, nicht nur, weil es ausgehend von Homers Odyssee sich gekonnt einer passenden Bildersprache bedient, sondern vor allem deshalb, weil es viele Vorgänge und Entwicklungen in unseren Organisationen einem vertieften Organisationsverständnis zuführt. Phänomene, die man/frau vor allem als Betroffene/r gerne vorschnell mit gut, schlecht oder richtig und unrichtig bezeichnet, werden vor diesem Hintergrund als Alternativen erkennbar, die konstruktive Zugänge eröffnen können, also eher bereichern als behindern.

Rezension von
Mag. Friedrich Graf-Götz
Universitätslektor, Supervisor und Unternehmensberater, Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung
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Es gibt 12 Rezensionen von Friedrich Graf-Götz.

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Zitiervorschlag
Friedrich Graf-Götz. Rezension vom 11.07.2006 zu: Kurt Buchinger, Herbert Schober: Das Odysseusprinzip. Leadership revisited. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-608-94143-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3472.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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