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David Bornstein: Die Welt verändern. Social Entrepeneurs [..]

Cover David Bornstein: Die Welt verändern. Social Entrepeneurs und die Kraft neuer Ideen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. 410 Seiten. ISBN 978-3-608-94411-2. 24,50 EUR.

aus dem Englischen übersetzt von Hainer Kober.
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Autor und Thema

David Bornstein ist Publizist und lebt in New York. Er hat sich auf den Themenbereich Soziale Innovationen spezialisiert und wurde mehrfach ausgezeichnet. Für das vorliegende Buch hat er fünf Jahre recherchiert und weltweit Gespräche mit "Sozialunternehmern" geführt. Das Buch wurde bisher in zehn Sprachen übersetzt.

"Die Welt verändern" handelt von Unternehmern - nicht von "berühmten Leuten", Politikern oder Industriellen, sondern von Sozialarbeitern, Lehrern, Journalisten, Ärzten, Anwälten und Ingenieuren. Sie sind über den ganzen Globus verstreut, interessanterweise weniger in Mittel- und Westeuropa. "Gemeinsam ist ihnen die Rolle der sozialen Neuerer, der Social Entrepreneurs. Sie haben zündende Ideen, wie sie das Leben von Menschen verbessern können, und sie haben diese Ideen in Großstädten, Ländern und manchmal sogar weltweit verwirklicht", so der Klappentext.

Ruhelose Menschen

Die Liste der von Bornstein vorgestellten Social Entrepreneurs ist lang.

Er berichtet über die Lehrerin Gloria de Souza, deren Lernkonzepte in Bombay verlacht wurde - bis sich herausstellte, dass ihre Methode die Leistungen der Schüler entscheidend verbessert. Mittlerweile hat die indische Regierung ihr Konzept  zur verbindlichen Unterrichtsnorm der Klassen eins bis drei erklärt.

Da sind  Veronica Khosa, die in Südafrika ein Projekt zur Pflege von Aids-Patienten aufzieht oder der Agraringenieur Fbio Rosa, der preisgünstige Elekrizität zu armen brasilianischen Bauern bringt. Auch die Grameen Bank, gegründet vom diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreisträger Muhammad Yunus, die in einem der ärmsten Gebiete der Welt selbständig Erwerbstätigen Kleinkredite ohne Sicherheit gewährt, findet Erwähnung. Schließlich ist da der Yale-Absolvent Bill Drayton, der über die Organisation Ashoka nach strengen Kriterien ausgewählte Sozialunternehmer auf vier Kontinenten berät und finanziell unterstützt. 1500 haben davon bislang profitiert.

Bornstein will zeigen, "dass ein wichtiger gesellschaftlicher Wandel häufig mit einer einzigen unternehmerischen Persönlichkeit beginnt: einer quasi „besessenen“ Persönlichkeit, die ein Problem erkennt und eine neue Lösung vor Augen hat, die Initiative ergreift und nach ihrer Vision handelt. Die Ressourcen mobilisiert und Organisationen aufbaut, um die Idee zu schützen und auf den Markt zu bringen. Die schier unerschöpfliche Energie und Konzentration aufbringt, um Widerstände zu überwinden, und die - jahrzehntelang - unermüdlich an ihrer Vision arbeitet, sie verbessert und erweitert, bis aus einer scheinbar ausgefallenen Idee eine neue Norm geworden ist." (12)

Dabei geht es in diesem Buch nicht darum, das Loblied auf diese Männer und Frauen zu singen, sondern die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Typus, eine bestimmte Form des Handelns zu lenken, der soziale Veränderungen vorantreibt.

Der Autor will zeigen, "dass kreative Menschen mit eisernem Willen und großer Entschlusskraft erforderlich sind, um Innovationen voranzutreiben, die eine Gesellschaft für die Lösung ihrer dringendsten Probleme braucht." Und er will zeigen, dass ein derartiger Wandel immer mit Menschen oder Persönlichkeiten beginnt.

Die von Bornstein vorgestellten Entrepreneurs (Kapitelüberschriften):

  • Fabio Rosa, Brasilien: Elektrifizierung in ländlichen  Gebieten
  • Florence Nightingale, Großbritannien: Krankenpflege
  • Bill Drayton, Vereinigte Staaten: Die Blase
  • Jeroo Billimoria, Indien: Kinderschutz
  • Erzsébet Szekeres, Ungarn: Betreutes Wohnen für Behinderte
  • Vera Cordeiro /Brasilien: Gesundheitsreform
  • J.B. Schramm, Vereinigte Staaten, College-Zugang
  • Veronica Khosa, Südafrika: Pflege von AIDS-Patienten
  • Javed Abidi, Indien, Behindertenrechte
  • James Grant, Vereinigte Staaten: Child Survival Revolution

Social Entrepreneurs sind nicht neu: Sozialunternehmer hat es schon immer gegeben. Franz von Assissi, der Gründer des Franziskanerordens und verschiedener anderer westlicher Orden, hätte die Kriterien des Social Entrepreneurs erfüllt. Auch Florence Nightingale taucht in Bornsteins Liste auf. Oder man denke an Jane Adams, eine Pionierin der Sozialarbeit, allerdings kaum einmal als Social Entrepreneur vorgestellt.

Wer sind diese Social Entrepreneurs? Social Entrepreneurs sind nach Bornstein Menschen, die in Eigeninitiative mit neuen Konzepten die gravierendsten sozialen Probleme unserer Zeit angehen. Was innovative Unternehmer für die Wirtschaft sind, leisten Social Entrepreneurs für die Zivilgesellschaft: Sie sind Menschen des Wandels, kreative Schöpfer und Visionäre und entwickeln oftmals schon dann nachhaltige Reformen, wenn Regierungen und internationale Gruppierungen noch um geeignete Lösungen ringen.

Der Begriff Social Entrepreneur - oder Sozialunternehmer - ist in Deutschland ungewohnt. Die Aufmerksamkeit hat bisher vor allem der Frage gegolten, wie Kenntnisse aus Wirtschaft und Management für die Führung und Leitung Sozialer Dienstleistungsunternehmen genutzt werde können. Das ist, so Bornstein,  zweifellos ein wichtiger Trend, aber darum geht es ihm nicht. Sozialunternehmer sind nach Bornstein Menschen mit neuen Ideen zur Lösung wichtiger Probleme, die unermüdlich an der Umsetzung ihrer Vision arbeiten, Menschen, die nicht bereit sind, Widerstände einfach hinzunehmen, und die nicht aufgeben, bis sie ihren Ideen größtmögliche Aufmerksamkeit verschafft haben." (10)

Ein Entrepreneur ist nicht einfach jemand, der ein Geschäft eröffnet, sondern jemand, "der Wirtschaftsressourcen aus Bereichen geringerer Produktivität (herausnimmt) und sie an anderer Stelle (nutzt), wo sie höhere Produktivität und Erträge erzielen." Der Ökonom Say, Joseph Schumpeter ("schöpferische Zerstörung") und Peter Drucker stehen bei diesem Bild Pate. Prominente Beispiele für Entrepreneurs im Wirtschaftsleben sind Henry Ford und Steven Jobs, die beide die Strukturen ihrer Wirtschaftszweige zerstört haben, indem sie Autos und Computer als Massengüter begriffen und damit die Voraussetzungen für einen sprunghaften Anstieg der Produktivität und einen stürmischen Wandel schufen." (10) Der Social Entrepreneur verändert die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, so Peter Drucker.

"Aus Eicheln wachen große Bäume"

Im Laufe der  letzten 100 Jahre hat sich die Forschung ausführlich mit der Rolle von Wirtschaftsunternehmern beschäftigt. Verglichen damit hat man den Social Entrepreneurs wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Historisch hat man sie als Wohltäter oder Heilige (Mutter Theresa) dargestellt, mit dem Effekt, dass ihr Wirken uns mehr in der Form von Kindergeschichten als von Fallstudien überliefert ist. "Man kann einen Unternehmer analysieren, aber wie analysiert man einen Heiligen?" In der unterschiedlichen Behandlung von Wirtschafts- und Sozialunternehmern kommen nach Bornstein unterschiedliche Einstellungen über die Rolle des Menschen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet zum Ausdruck.

Im Wirtschaftssektor hat man seit langem erkannt, dass das Individuum der Motor der Veränderung ist. Im Gegensatz dazu beschäftigen sich die Theorien des sozialen Wandels stärker damit, welchen Einfluss Ideen auf Menschen haben und nicht damit, welchen Einfluss Menschen auf Ideen haben. In der Theorie des sozialen Wandels stehen die Ideen im Mittelpunkt, und die Menschen müssen sich mit der Zuschauerrolle begnügen. Victor Hugo: "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Zu kurz gedacht, meint Bornstein. Hier wird den Ideen zuviel Gewicht beigemessen. Unberücksichtigt bleibt, dass Ideen um Aufmerksamkeit und Berechtigung konkurrieren müssen. Die Ideen, die den Sieg davontragen, verdanken dies nicht ausschließlich ihren eigenen Verdiensten.

Ideen brauchen Fürsprecher, Propagandisten, um Fuß zu fassen und sich auszubreiten - Menschen, die von ihnen regelrecht besessen sind und die Fertigkeit, Motivation, Energie und Hartnäckigkeit besitzen, um diese Ideen zu fördern: Sie müssen in der Lage sein, zu überreden, zu begeistern, zu betören, zu beschwatzen, aufzuklären, zu Tränen zu rühren, Ängste zu beschwichtigen, Wahrnehmungen zu verändern, Meinungen zu artikulieren und ihre Ideen geschickt durch alle Systeme zu navigieren. (126) Das alles gilt in besonderem Maße, wenn die Idee bestehende Machtverhältnisse oder fest verwurzelte Normen und Überzeugungen in Frage stellt. Bornstein stellt in seinem Buch Menschen vor, die über die dafür notwendige Besessenheit verfügen.

"If not for profit, for what?"

Social Entrepreneurs denken nicht in Wirtschaftskategorien. Es liegt nach Bornstein einfach in ihrer Natur, Dinge zu tun, von denen sie überzeugt sind. Businessplänen, perfekt ausgefüllten Anträge auf öffentliche Zuwendungen gilt nicht ihre Leidenschaft. Was Social Entrepreneurs kennzeichnet, sind vor allem ihre Kreativität (Zielsetzungs- und Problemlösungskreativität), ihre unternehmerische Befähigung ("Ist jemand wirklich besessen von einer Idee?") und ihre moralische Einstellung.

Angesichts der Tatsache, dass eine neue Idee ständig revidiert und der Wirklichkeit angepasst werden muss, lautet die entscheidende Prüffrage, ob wir es mit einem Entrepreneur zu tun haben: Verfügt der Mensch, der sich für die Idee einsetzt, über die Beständigkeit, um die große Vision nicht aus den Augen zu verlieren, die Kreativität, um unvorhergesehene Probleme zu lösen, die Beharrlichkeit, um sie in die Tat umzusetzen, und die Unnachgiebigkeit, um auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben - ganz gleich, wie lange es dauert, wie viele Fehlkalkulationen, Pannen oder Missgeschicke noch warten und wie viel Widerstand und Einsamkeit noch ertragen werden müssen?

Das ist natürlich die Frage aller Fragen. Umfassender gesellschaftlicher Wandel - von der Verwirklichung eines Projekts an einem Ort über seine Realisierung in verschiedenen Regionen bis hin zur Veränderung von Verhaltensmustern und Wahrnehmungsweisen in nationalem Maßstab - braucht viel Zeit, häufig Jahrzehnte.

Fazit

David Bornstein liefert beeindruckende Menschenportraits, die so gar nicht in Übereinstimmung zu bringen sind mit unserem Bild von Sozialmanagern. Es sind aber eben auch keine Manager, die er portraitiert, sondern Sozialunternehmer. Er stellt die Einzelbeispiele in den Kontext der Entwicklung der Zivilgesellschaft - als nicht staatlichen und nicht-wirtschaftlichem Bereich, der weltweit einer der am schnellsten wachsenden Sektoren ist. Die Konsequenzen, die er aus seinem Buch zieht, lassen sich auf einen einfachen Punkt reduzieren: "Zu den wichtigsten Maßnahmen, die den Zustand der Welt verbessern könnten, gehört der Aufbau von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die Social Entrepreneurs bei ihre Arbeit unterstützen und dafür sorgen, dass sich immer ehr Menschen zivilgesellschaftlich engagieren." (12)

Im Anhang des Buchs findet der Leser eine Übersicht über Organisationen, die Sozialunternehmen sichten oder unterstützen, "Informationsquellen der akademischen Welt" und eine umfassende Literaturübersicht zum Thema.

Dieses Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen, weil es die Perspektive - berufs-, organisations- oder deutschlandzentriert -  erweitern hilft.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 13.12.2006 zu: David Bornstein: Die Welt verändern. Social Entrepeneurs und die Kraft neuer Ideen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-608-94411-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3475.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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