Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Jutta Allmendinger, Werner Eichhorst et al. (Hrsg.): IAB Handbuch Arbeitsmarkt. Analysen, Daten, Fakten

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 15.08.2006

Cover Jutta Allmendinger, Werner Eichhorst et al. (Hrsg.): IAB Handbuch Arbeitsmarkt. Analysen, Daten, Fakten ISBN 978-3-593-37936-4

Jutta Allmendinger, Werner Eichhorst, Ulrich Walwei (Hrsg.): IAB Handbuch Arbeitsmarkt. Analysen, Daten, Fakten. Campus Verlag (Frankfurt) 2005. 240 Seiten. ISBN 978-3-593-37936-4. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 59,90 sFr.
Reihe: IAB Bibliothek - 1.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Ziel der Veröffentlichung

Mit dem IAB Handbuch Arbeitsmarkt liegt der erste Band einer neuen Reihe "IAB Bibliothek" vor, die in einer Zusammenarbeit des Instituts Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit dem Campus Verlag konzipiert und realisiert wird. Ziel des Vorhabens ist es, die wissenschaftlichen Ergebnisse des IAB zur Arbeitmarktforschung einem breiteren Fachpublikum vorzustellen und die arbeitsmarktpolitische Diskussion anzuregen.

Aufbau

Der erste Band folgt einer Dreiteilung.

  1. Der erste Teil enthält eine Darstellung des deutschen Arbeitsmarktes seit der Wiedervereinigung, gefolgt von einer Beschreibung und Bewertung der arbeitsmarktpolitischen Reformen aus den Jahren 2004 und 2005.
  2. Im zweiten Teil werden die Schwerpunktthemen Niedriglohnbeschäftigung (2 a) und Arbeitszeitpolitik (2 b) behandelt.
  3. Teil drei präsentiert einen Datenanhang zu den zentralen Indikatoren des deutschen Arbeitsmarktes und zu internationalen Vergleichsdaten.

1 Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes und die neuen arbeitsmarktpolitischen Instrumente

Der deutsche Arbeitsmarkt ist im internationalen Vergleich durch die Gleichzeitigkeit von unterdurchschnittlichem Niveau der Erwerbsbeteiligung und Beschäftigung und hoher Arbeitslosigkeit charakterisiert. Dabei hat sich das Risiko der Arbeitslosigkeit und des längerfristigen Verbleibs in der Erwerbslosigkeit vor allem zu Lasten von älteren und gering qualifizierten Erwerbspersonen verfestigt. Auch die Erwerbsintegration von Frauen steht deutlich hinter einer Reihe anderer Staaten zurück. Besonderes Augenmerk richten die Autoren auf die zunehmenden Probleme der Ausbildungs- und Erwerbsintegration Jugendlicher. Das Problem der "Bildungsarmut" stellt sich umso schwerwiegender, als bei einem anhaltenden Bedarf nach Höherqualifizierung die Bildungsexpansion bereits seit Anfang der 90er Jahre beendet ist. Hier kündigen sich auch im Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung gravierende Probleme der Erwerbstätigkeit dieser Personengruppe an. Hinzu kommen ausgeprägte regionale Disparitäten, die nicht klassisch nach der West-Ost Teilung verlaufen, sondern auch innerhalb der östlichen und westlichen Landesteile.

Die Gleichzeitigkeit von sowohl konjunkturellen als auch strukturellen Ursachen der hohen und sich weiter verfestigenden Arbeitslosigkeit unterstreichen, dass durch konjunkturpolitische Maßnahmen das Ausmaß der Arbeitslosigkeit kaum nennenswert zu verringern sein wird. Ausgehend von längerfristigen Trends der Entwicklung der Wirtschaftsstruktur (Technologisierung, Tertiarisierung, Internationalisierung) diskutieren die Autoren kurz- und langfristige Herausforderungen für eine nachhaltige Beschäftigungspolitik, die sowohl die Makropolitik (im Sinne der Konjunkturpolitik) als auch die Verbesserung der mikroökonomischen Wachstumsbedingungen betreffen. Dabei betonen sie insbesondere die Bedeutung einer präventiv ausgerichteten Bildungspolitik.

Gegenüber der differenzierten Problem- und Handlungsanalyse der Entwicklung des Arbeitsmarktes stimmt die Darstellung und Bewertung der aktuellen arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitischen Maßnahmen wenig optimistisch. Zwar kann naturgemäß eine Evaluation der Arbeitsmarktreformen im  Gefolge der Hartz-Kommission noch nicht erwartet werden, die Ausrichtung der Instrumente auf eine Aktivierungsstrategie in jedwede Tätigkeit sowie die Verstärkung sozialpolitischer Komponenten der Arbeitsmarktpolitik zu Lasten der Verbesserung der Wiedereingliederung bedeuten nicht nur neue Zumutungen für die arbeitslosen Betroffenen, sondern werfen die Frage nach der Passgenauigkeit der Instrumente gemessen an den Zukunftsanforderungen einer nachhaltig wirkenden Wachstums- und Beschäftigungspolitik auf.

2 a Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland und im internationalen Vergleich

In der wissenschaftlichen und politischen Diskussion wird die Förderung der Arbeitsnachfrage und des Arbeitsangebotes im Niedriglohnsektor als eine zentrale Möglichkeit gesehen, die Arbeitsmarktintegration insbesondere der niedrigqualifizierten und wettbewerbsschwächeren Arbeitskräfte zu verbessern. Die Analyse von Größe, Struktur und Dynamik der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland lässt einen differenzierten und weniger optimistischen Blick auf die Reformerwartungen zu: zwar ist der Anteil der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland, das heißt von Arbeitnehmern mit weniger als zwei Dritteln des Meridianverdienstes, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer Aufwärtsmobilität, d.h. die Wahrscheinlichkeit in eine höher entlohnte Beschäftigung zu wechseln, in den letzten Jahren zurückgegangen. Insbesondere Frauen, die in der Niedriglohnbeschäftigung überrepräsentiert sind, profitieren kaum von Aufstiegschancen und werden auf eine Zuverdienerinnen-Rolle festgelegt. Dabei ist bemerkenswert, dass immerhin 60 vH der GeringverdienerInnen eine Berufsausbildung aufweisen. Dies spricht gegen die pauschale Gleichsetzung von niedriger Entlohnung und geringer formaler Qualifikation und provoziert - von den Autoren nicht gestellte - Fragen nach Bewertungsmaßstäben und -verfahren in den als Niedriglohnsektoren klassifizierten haushaltsnahen und sozialen Dienstleistungsbereichen.

Reformen der Arbeitsmarktpolitik und des   Steuer- und Transfersystems haben die Integration der so genannten wettbewerbsschwächeren Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt bislang nicht verbessern können. Zwar haben die Einführung von Mini- und Midi-Jobs und die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zu einer Ausweitung der Niedriglohnbeschäftigung beigetragen, allerdings bei nur schwachen Effekten auf die Beschäftigung im Sinne einer wachsenden Erwerbstätigkeit im ausschließlich geringfügigen Bereich.  Die Neuregelungen konnten zwar zum Abbau der Stillen Reserve beitragen, insbesondere Frauen in Paarhaushalten haben ihr Arbeitsangebot ausgeweitet, wohingegen Arbeitslose - wie zu erwarten war - kaum von den Mini-Jobs profitieren. Während die Wirkungen auf eine Arbeitsmarktintegration langzeitarbeitsloser Personen schwach einzuschätzen sind, sind die Auswirkungen auf die Einnahmeausfälle bei Sozialversicherungen und Einkommenssteuern beträchtlich.

2 b Arbeitszeitpolitik

Seit Mitte der 90er Jahre ist der Trend zur Verkürzung der tariflichen Arbeitszeit zum Stillstand gekommen. Seit 2002 steigt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten - verursacht durch Arbeitszeitverlängerungen im öffentlichen Dienst -sogar wieder. Zugleich zeichnet sich ein durchgängiger Trend zur Teilzeitarbeit ab, der vor allem durch eine starke Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung bestimmt ist. Wenig überraschend sind Teilzeitarbeit wie auch der expandierende Bereich der geringfügigen Beschäftigung geschlechtsspezifisch geprägt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibt nach wie vor eine Anpassungsleistung der Frauen. Daran hat auch das 2001 in Kraft getretene Teilzeit- und Befristungsgesetz wenig geändert. Auch betriebliche Arbeitszeitarrangements, die in Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich zum Flexibilitätspotential beitragen, sind hinsichtlich der Wirkungen ambivalent zu bewerten. Flexible Arbeitszeiten sind nicht per se familienfreundlich, sondern setzen einen aktiven betriebskulturellen und arbeitspolitischen Gestaltungswillen voraus.

Während die Autoren die beschäftigungspolitisch positiven Auswirkungen kürzerer Arbeitszeiten eher skeptisch beurteilen, sehen sie in den aktuellen Strategien der Arbeitszeitverlängerung keinen Beitrag zur Bekämpfung der Wachstumsschwäche und Verschärfung der Beschäftigungskrise. Die in der politischen Diskussion um Veränderung der Arbeitszeit betonten Vorteile längerer Arbeitszeiten sind zumeist allein aus einzelwirtschaftlicher Perspektive gerechtfertigt. Unter Berücksichtigung gesamtwirtschaftlicher Aspekte, insbesondere des Ausgabeverhaltens von Konsumenten und Investoren, weichen einzel- und gesamtwirtschaftliche Betrachtungen deutlich voneinander ab. Außerdem wirken kurze Arbeitszeiten im Ländervergleich als Standortvorteil, weil die Produktivität und Motivation der Beschäftigten erhöhen, während lange Arbeitszeiten zu unproduktiver Zeitverwendung führen können.

Leider stützen sich die Autoren in der Diskussion der Wirkungen der Arbeitszeitpolitik im Wesentlichen  auf ökonometrische Modellannahmen und Simulationsrechnungen, wohingegen qualitative Aspekte der Arbeitszeitverkürzung unterbelichtet bleiben. Das betrifft nicht nur die Aspekte einer Koordination von Familie und Beruf und einer gleichberechtigten Erwerbsintegration von Frauen, sondern ebenso die Entwicklung der Arbeitsbelastungen, der altersgerechten Gestaltung der Arbeit und der Anforderungen lebenslangen Lernens. Damit wird leider der im ersten Kapitel deutlich hervorgehobene Anspruch einer präventiven und nachhaltigen Ausrichtung der Beschäftigungspolitik nicht eingelöst.

Fazit

Das IAB Handbuch bildet nicht nur den Arbeitsmarkt in seiner ganzen Breite ab, es präsentiert auch Arbeiten aller Bereiche des Instituts. Fast 40 Autoren und Autorinnen haben hier die Ergebnisse ihrer Arbeit eingebracht und zeigen damit erstmals das gesamte inhaltliche Spektrum des Instituts. Das Handbuch ist übersichtlich und ansprechend gestaltet und erlaubt einem breiten Fachpublikum und einer interessierten Öffentlichkeit einen fundierten und verständlichen Überblick über die zentralen Felder, Fragestellungen und Ergebnisse der arbeitsmarktpolitischen Forschung.  Die Beiträge sind problemorientiert angelegt und machen Kontroversen ebenso deutlich wie Forschungsdefizite aufgezeigt werden. Dem Leser, der Leserin  bleiben damit einfache Antworten erspart.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Mailformular

Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 15.08.2006 zu: Jutta Allmendinger, Werner Eichhorst, Ulrich Walwei (Hrsg.): IAB Handbuch Arbeitsmarkt. Analysen, Daten, Fakten. Campus Verlag (Frankfurt) 2005. ISBN 978-3-593-37936-4. Reihe: IAB Bibliothek - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3476.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht