Karen Köhler: Spielen
Rezensiert von Prof. Dr. Ulrich Heimlich, 01.09.2026
Karen Köhler: Spielen. Hanser Berlin (Berlin) 2025. 2. Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-446-28413-5. 22,00 EUR.
Thema
„Spielen“ ist schon häufig zum Thema eines Buches geworden. Aber niemand hat bisher versucht, ein Buch über das „Spielen“ selbst zu einem Spiel zu machen. Die Autorin spricht die Leser:innen persönlich an und fordert sie auf, sich beim Lesen aktiv an der Gestaltung des Themas “Spielen“ zu beteiligen.
Autorin
Karen Köhler kommt aus Hamburg, hat Schauspiel studiert und viele Jahre am Theater gearbeitet, bevor sie begann zu schreiben. Sie veröffentlicht Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Essays, Erzählungen und Romane. Sie schreibt regelmäßig für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und das „ZEITmagazin“.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist in der auf 10 Bände angelegten Reihe „Das Leben lesen“ des Carl Hanser-Verlages angesiedelt, in der neben dem Thema „Spielen“ auch das „Wohnen“, das „Altern“, das „Lieben“ und vieles mehr jeweils mit einem eigenen Band aufgegriffen wird.
Aufbau
Das Buch „Spielen“ ist eher nicht als Sachbuch konzipiert, versteht sich vielmehr als „Machbuch“ (S. 9) und richtet sich nicht in erster Linie an ein fachwissenschaftliches Publikum. Es fordert die Leser:innen vielmehr auf, das Spielen selbst in die Hand zu nehmen und zwar gemeinsam mit anderen. Den Grund dafür sieht die Autorin im wesentlichen in der zentralen Bedeutung, die das Spielen für das Leben in einer modernen Welt hat. Im Spielen lernen wir stets Neues und trainieren sogar unser Gehirn. Deshalb liegt auch im Spiel der Keim zur Kreativität.
In der Spielbeschreibung erläutert die Autorin zu Beginn, dass sich das folgende Buch wie ein Spiel in 10 Level gliedert: ein „Aufwärmlevel“, neun „folgende Level“. Ihr Ziel ist es, dass wir wieder lernen, das Leben zu spielen. So heißt auch der Hashtag zum Buch: #daslebenspielen in Verbindung mit der „Landingpage“ des Verlags. Hier finden interessierte Leser:innen zusätzliche Aufgaben zum jeweiligen Level in Form von Ton‑ und Bildmaterial. Ein QR-Code öffnet den Zugang. Auch die Leser:innen werden eingeladen, hier ihre Spielerfahrungen zu dokumentieren.
Hat man sich in der „Aufwärmgymnastik“ einen eigenen Spiel-Namen ausgedacht, erfährt man etwas über die Spielregeln. Vor diesem Hintergrund beginnt die Autorin nun die verschiedenen Aspekte des Spielens zu entfalten. Ausgehend von „Spaß und Vergnügen“ (Level 1) über „Lernen und Entwicklung“ (Level 2) und „Stressabbau und Entspannung“ (Level 3) kommt sie schließlich zum sicherlich zentralen Kapitel über „Soziale Bindung“ (Level 4). Aber „Wettbewerb und Herausforderung“ (Level 5), „Kreativität und Fantasie“ (Level 6) und „Flucht und Ablenkung“ (Level 7) zählen ebenso zu den vielfältigen Aspekten des Spielens wie „Kontrolle und Anerkennung“ (Level 8) und „Kulturelle und gesellschaftliche Normen“ (Level 9). Jedes Kapitel endet mit dem Abschnitt „Tägliche Muckibude“, in der dazu angeregt wird, sich an jedem Tag mit einer Spielaufgabe zu beschäftigen. Ebenfalls am Ende jedes Kapitels folgen sog. „Schlangen-Aufgaben“, die nach Schwierigkeitsstufen gestaffelt sind (Anfänger:innen, Fortgeschrittene, Ultras) und für die es Schlangenpunkte gibt. Diese können am Ende des Buches auf einem Spielfeld angekreuzt werden. In der Rubrik Gameplay am Ende des Levels beschreibt die Autorin ihre eigenen Erfahrungen mit den vorherigen Aufgaben. Dieser Abschnitt sollte erst dann gelesen werden, wenn man selbst Erfahrungen mit den Aufgaben gemacht hat.
Inhalt
Im März 2025 hat die Deutsche UNESCO-Kommission Brettspiele als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet (S. 183). In New York treffen sich regelmäßig mehrere hundert Menschen, um gemeinsam Brettspiele zu spielen, wie die New York Times vom 19. April 2025 berichtet (ebd.). Allein diese Tatsache zeigt schon, dass wir in einer Zeit leben, in der sich der gesellschaftliche Stellenwert des gemeinsamen Spielens grundlegend verändert. In gewissem Umfang hat Spielen in der Menschheitsgeschichte schon immer eine Bedeutung gehabt, wie entsprechende archäologische Funde aus verschiedenen Kulturen zeigen. In der Gegenwart beginnt das Spielen jedoch alle Lebensbereiche zu durchdringen. Das hängt besonders damit zusammen, dass Spielen eine Vielfalt an Erfahrungen im Miteinander ermöglicht.
Allen voran zählt dazu sicherlich das positive Erlebnis von Spaß und Freude. Dafür sprechen mittlerweile auch Befunde der Hirnforschung, angefangen von der Bedeutung des Spielens für die Dopaminausschüttung bis hin zur Koordination der Nervensysteme und der Hormonreaktion. Deshalb schafft das Spielen auch günstige Voraussetzungen für Lernprozesse. Beim Spielen ist unser Gehirn in hohem Maße bereit, Neues zu lernen. Das wird besonders dann deutlich, wenn wir Kinder beim Spielen beobachten oder mit ihnen spielen.
In der Kindheit kann Spielen mit Lernen und Entwicklung gleichgesetzt werden. Spielen setzt den Mut voraus, etwas Neues zu schaffen und dabei möglicherweise auch zu scheitern. Dann ist es wichtig, dass Kinder damit nicht allein bleiben und lernen, auch mit dem Scheitern souverän umzugehen. Erwachsene sollten sich in der Begleitung von Kindern beim Spielen auch an ihre eigene Kindheit und die eigene Spielbiographie erinnern.
Eine der größten Leistungen beim Spielen-Lernen ist es sicher, das Spielen um des Spielens willen zu praktizieren. Werden Gewinnen und Verlieren belanglos, dann kann es um das Spielerlebnis selbst gehen, den Flow beim Spielen. Und schon stellt sich ein Gefühl von Stressabbau und Entspannung ein. Möglicherweise gelingt es sogar, diese spielerische Haltung auf das Leben zu übertragen.
Am wahrscheinlichsten ist das, wenn das Spielen zu sozialen Interaktionen einlädt. Das gilt besonders für Spiele, in denen die Kooperation miteinander wichtig ist, um ein Spielziel zu erreichen. Soziale Bindung beim Spielen geht nachweislich einher mit dem erhöhten Aussstoß von Oxytocin, das auch „Bindungshormon“ (S. 102) genannt wird. Das Spielen in der Gruppe trägt darüber hinaus dazu bei, dass wir grundlegende soziale Fähigkeiten erlernen und durch Wiederholung festigen.
Zweifellos ist in Spielen auch der Aspekt Wettbewerb und Herausforderung von Bedeutung. Gerade wenn man das spielerische Element in unserem gemeinsamen Leben sucht, wird man entdecken, dass sich Spielende im Spiel mit ihren Fähigkeiten messen wollen. Dazu kann immer die Erfahrung des Scheiterns gehören, aber eben auf spielerische Weise, sodass man sicher noch eine Chance bekommt, Lust hat sich weiterzuentwickeln und sich neuen Herausforderungen zu stellen.
Im Spiel zeigt sich zudem, dass jeder Mensch ein kreatives Potenzial in sich hat. Spielen hilft uns, unsere Kreativität und Fantasie zu entdecken. Die Geschichte der Menscheit ist auch eine Geschichte der Erfindungen, die nicht selten aus dem spielerischen Erproben entstanden sind. Deshalb liegt gerade in unserer Kreativität das Geheimnis unserer Lebensenergie.
Digitale Medien zeigen jedoch auch, dass Spielen mit einer Entfernung aus der analogen Wirklichkeit einhergehen kann. Unter Umständen suchen wir sogar im Spielen die Möglichkeit zu Flucht und Ablenkung. Phänomene wie Spielsucht und Glücksspiel haben in vielen Kulturen Warnungen und Verbote zur Folge gehabt. Digitale Spiele und andere Internetangebote sind anscheinend von vonherein darauf abgestellt, Abhängigkeiten durch Belohnungssysteme zu schaffen, die sich direkt auf unseren Dopaminhaushalt im Gehirn auswirken. Die Autorin plädiert demgegenüber dafür, die handelnden Erfahrungen in einer sinnlichen und sozialen Wirklichkeit nicht auszuklammern.
Darüber hinaus schafft Spielen gerade z.B. beim Umgang mit Brettspielen in der Gruppe einen regelhaft strukturierten Raum, in dem gleichberechtigte Beziehungen bestehen und Fairness im Umgang eine unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen des Spiels ist. Deshalb hängen Kontrolle und Anerkennung beim Spielen auch so eng zusammen. Erst wenn wir die Regeln des Spiels anerkennen, können wir die Erfahrung von Selbstwirksamkeit machen und die Situation des Spielens selbst kontrollieren.
Letztlich spüren wir dann auch, dass Spielen immer eingebettet ist in die jeweilige Gesellschaft mit ihren spezifischen Erwartungen. Kulturelle und gesellschaftliche Normen prägen das Spielen in verschiedenen historischen Epochen unterschiedlich aus. Zugleich können wir im Spielen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Teilhabe schaffen. So wird im Spielen gelernt, wie mehr Inklusion gelebt und wie mit Exklusion umgegangen werden kann.
Diskussion
Karen Köhler hat ein launiges Buch über das „Spielen“ geschrieben und sich dabei nicht hinter dem Text versteckt. Es gelingt ihr, die Leser:innen in ihr Spiel hineinzuziehen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, die Bedeutung des Spielens für das Leben wieder neu zu erfahren. Die interaktive Gestaltung des gesamten Buches setzt diesen Anspruch auf sehr einladende Weise um. Auch wenn immer wieder Forschungsergebnisse zum Spielen angeführt werden, so verfolgt die Autorin mit ihrem Buch nicht die Absicht, eine komplette Forschungsübersicht zu liefern.
Hilfreich wären allerdings Anmerkungen bzw. Fußnoten (gern auch als Endnoten) mit den Quellenangaben gewesen, damit interessierte Leser:innen die Chance erhalten, einige Aspekte der Thematik noch vertiefend zu behandeln. Für alle spielpädagogisch Tätigen dürfte das Buch von Karen Köhler gleichwohl viele wertvolle Hinweise darauf enthalten, wie das Spielen mit dem eigenen Leben der Leser:innen verbunden ist und dass nicht nur Kinder und Jugendlich sondern auch Erwachsene sich mit Spielfreude an ein gemeinsames Spielerlebnis heranwagen können.
Fazit
Mit der ausgesprochen originellen Idee, ihr Buch selbst zu einem Spiel zu machen, gelingt es Karen Köhler auf unterhaltsame und abwechslungsreiche Weise, das Thema „Spielen“ einer breiten Leser:innenschaft wieder näherzubringen. Warum also nicht mal eine Spielrunde mit Freund:innen verabreden, um herauszufinden, welche Spieler:innentypen sich dabei präsentieren. In jedem Fall gilt der Grundsatz von Satyakaam Ramkrishan zu Beginn des Buches“ „Take playfulness seriously. Take seriousness playfully“.
Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Heimlich
Lehrstuhl Lernbehindertenpädagogik
Ludwig-Maximilians-Universität München
Seine "Einführung in die Spielpädagogik" ist seit über 30 Jahren auf dem Buchmarkt.
Mailformular
Es gibt 4 Rezensionen von Ulrich Heimlich.




