Günter Burkart: Erlesenes Begehren
Rezensiert von Helmwart Hierdeis, 17.09.2026
Günter Burkart: Erlesenes Begehren. Soziologische Analysen der Liebe im Roman. Campus Verlag (Frankfurt) 2025. 649 Seiten. ISBN 978-3-593-52147-3. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
Autor
Günter Burkart war Prof. für Kultursoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Davor war er an den Universitäten Philadelphia, Mannheim, Klagenfurt, Freiburg und Berlin tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kultursoziologie, Geschlechterforschung, Soziologie von Paarbeziehungen und Familie. Der „Liebe“ unter soziologischem Blickwinkel widmet er sich seit dem Ende der 90-er Jahre.
Aufbau und Inhalt
Seiner Untersuchung stellt der Autor einen Prolog unter dem Titel „Robinsonaden der Liebe“ (S. 15–23) voran. Darunter versteht er „Geschichten […], in denen sich aus der Begegnung zweier völlig isolierter Menschen außerhalb jeglicher gesellschaftlichen Einbettung eine Liebesbeziehung entwickelt“ (S. 15). Daniel Defoes „Robinson“ beschreibt zwar keine gegenseitige erotische Attraktion der beiden männlichen Protagonisten (eine solche Erzählung wäre seinerzeit auch nicht an die Öffentlichkeit gelangt), aber anhand ihres zufälligen Aufeinandertreffens auf einer Insel kann Burkart deutlich machen, weshalb er in diesem Zusammenhang solche Erzählungen ausschließt (er verweist exemplarisch auf einige einschlägige Romane seit dem 19. Jahrhundert): Sie liefern ihm nichts soziologisch Verwertbares.
Burkart geht sein Thema in vier vielfach untergliederten Abschnitten an:
Im 1. Teil mit dem Titel „Exposition und Grundlagen“ (S. 27–98) rechtfertigt er sein Vorhaben, „fiktionale Literatur als Erkenntnisquelle für soziologische Analysen“ (S. 27) heranzuziehen. Für vieles, das Romane abhandelten, gebe es „kein entsprechend detailliertes empirisches Material“ (S. 28). Das gelte insbesondere für die Phänomene „Intimität, Sexualität und leibliche Liebeskommunikation“ (ebd.). Aber warum sollen sie überhaupt für die Soziologie von Belang sein? Burkart antwortet mit zwei Prämissen. Einmal: Liebesbeziehungen sind in ihrer Genese wie in ihrer Praxis gesellschaftliche Beziehungen: „Liebe ist keine unbedeutende Nebensache […], sondern ein wichtiger Aspekt der sozialen Identität des Menschen und des Zusammenlebens“ (S. 30) – zumindest seitdem im Gefolge von Aufklärung und Industrialisierung rationale Funktionssysteme (Arbeitswelt, Bildungssysteme, Verwaltung) und Familie/Privatsphäre auseinanderklaffen (S. 31). Dieser Gegensatz findet sich auch in Romanen wieder, sofern sie „realistisch“ sein wollen. Was die realen Liebesbeziehungen angeht, so färbt die Romanliteratur wiederum auf sie ab – nicht nur, was das Spiel der Körper angeht, sondern auch im Hinblick auf die verbale Kommunikation. In einer zunehmend lesenden Gesellschaft sickert die literarische Sprache in die Umgangssprache ein. Bislang Unsagbares findet seine sprachlichen Symbole. Das führt zur zweiten Prämisse: „[…] es spricht einiges dafür, dass sowohl die Liebe als auch der Roman in einem wechselseitigen Verstärkungsprozess an Bedeutung für den Prozess der Vergesellschaftung des Menschen in der Moderne gewonnen haben“ (S. 30). Als Empiriker stellt Burkart klar: Es geht um (beschreibbare) soziale Beziehungen, nicht um individuelle Gefühle (S. 33). Seine Romananalysen werden demnach von der Frage angeleitet, „welche gesellschaftlichen Ausformungen die Liebe sowohl in der Sozialwelt als auch im Roman annimmt“ (S. 47) – als „intime Beziehung“, als „leibzentrierte Praxis“, als „Atmosphäre“, als „bedingungslose Gabe“ und als „Kulturprodukt“ (S. 48 f.). Dabei nimmt er auch die Erwartungen der Liebenden (die ihnen zugeschriebenen „Leitideen“) in den Blick, wie sie in „semantischen Konzepten“ (S. 61) zum Ausdruck kommen, zum Beispiel in der Hoffnung auf ihre alle Schwierigkeiten überwindende Kraft. Burkart sieht in ihnen einen gleichsam „mythischen Bodensatz der Liebe“ (S. 64). Die Schwere einer wortlosen Liebe erkennt Burkart in Robert Seethalers Roman Ein ganzes Leben (2014). Und wie das gemeinsame Eintauchen eines Paars in eine literarische Liebesgeschichte die Armut des gelebten Eros zu kompensieren scheint, beschreibt für ihn beispielhaft John Williams in Stoner (1965).
Die Vorstellungen von Liebesbeziehungen sind bei den meisten Menschen mit Mann-Frau-Beziehungen besetzt. Das gilt für die soziale wie für die erzählte Welt. Homosexuelle Beziehungen sind nicht ausgeschlossen, aber sie stehen am Rand: „akzeptiert und scheinbar normal, aber ausgegrenzt“ (S. 101). Burkart belegt das im 2. Teil seiner Untersuchung, den er den „Liebesformen und Existenzweisen des Begehrens“ widmet (S. 99). Diese Besonderheit sieht er – unter Berufung auf die Sozialforschung – weniger als Folge einer bestimmten Sozialisation an, denn als (Selbst-)Konstruktion im Zusammenhang mit „Interaktionsprozesse(n) außerhalb der Familie und kulturelle(n) Zuschreibungen“ (S. 108). Auch hier gibt die Romanliteratur schärfere Einblicke als die Empirie (S. 107; 112 ff.), zumal sie meist von Betroffenen verfasst ist. Als Auffälligkeit männlicher Homosexualität registriert Burkart im Vergleich zur heterosexuellen „romantischen Liebe“ die Dominanz des „begehrten Körpers, der erotischen Attraktion“ (S. 127).“ Die „Frauenliebe“ (S. 129 ff.) bietet ein anderes Bild. Nach einer sozialhistorischen Skizze und der Analyse zahlreicher literarischer Beispiele kommt Burkart zu diesem Schluss: „In vielen Fällen ist die Liebe bei lesbischen Paaren gleichermaßen romantisch wie bei Heteropaaren oder gleichermaßen leidenschaftlich. […] Es könnte sein, dass die lesbische Liebe leichter in die Semantik der heterosexuellen romantischen Liebe integrierbar ist, weil sie insgesamt weniger auffällig ist und auch in der Vergangenheit weniger pervers und anstößig erschien als männlich-männliche Liebe“ (S. 151). Unausgesprochene Voraussetzung der beschriebenen Beziehungen ist – bei aller möglichen Dynamik – ihre Symmetrie. Dass sie nicht selbstverständlich ist, ist Alltagswissen und Gegenstand eines eigenen Romangenres, das sich den „amour passion“ oder „amour fou“ zum Thema macht und an der leidvollen, Leid verursachenden, zerstörerischen Liebe teilhaben lässt (S. 155 ff.). Mit seiner Analyse schlägt Burkart eine Brücke zu Fehlformen der Liebesbeziehung. Unter dem Titel „Pädophiles Begehren und Missbrauch im Namen der Liebe“ (S. 176 ff.) bietet er eine ausführliche Darstellung und Diskussion von Nabokovs Lolita (1955). Der Roman steht für ihn exemplarisch für eine asymmetrische Beziehung. In ihrer Rechtfertigung durch den erwachsenen Protagonisten Humbert klingt nach Auffassung des Autors eine patriarchalische Ideologie durch, die unter dem Deckmantel „Liebe“ die Beziehung zu einer 14-jährigen rechtfertigen soll. Der zweite Teil endet mit Beobachtungen zur „Öffnung der Dyade“ (S. 191) im Roman. Gemeint sind die Infragestellung der Monogamie (S. 208 ff.), die Tendenz zur „Polyamorie“ (S. 205 f.) und die Rolle, die „intelligente Maschinen als Ehebrecher“ (S. 207 f.) übernehmen können. In diesem Zusammenhang macht der Autor auf die „Grenze des zeitgenössischen Liebesromans als Quelle für die soziologische Zeitdiagnose“ (S. 210 f.) aufmerksam: So seien die realen Liebesbeziehungen längst nicht so instabil wie in den Erzählungen, die beschriebenen Milieus gäben meist gehobene soziale Verhältnisse wieder, und schließlich sei es erstaunlich, dass sich nach wie vor fast alle Romane „im Fahrwasser der Heteronormalität bewegen“ (S. 211). Den Schlusspunkt setzt Burkart mit einem durch zahlreiche Beispiele belegten „Abgesang auf das Pathos der großen Liebe“ (S. 215 ff.) im Roman.
„Historische Weichenstellungen und Wendemarken“ überschreibt Burkart den 3. Teil seiner Abhandlung (S. 233). Zwischen der Antike (Ilias, Odyssee) und der Gegenwart ändern sich in der realen Welt und im Roman die Perspektiven auf das Innenleben der Liebenden, auf das Verbindende zwischen ihnen, auf das Bekennen von Gefühlen, auf die Rolle, die soziale Verhältnisse und gesellschaftliche Normen für Liebesbeziehungen spielen – und nicht zuletzt, wie sie gedeutet und semantisch eingekleidet werden. Schon bei Platon/Sokrates findet sich die Idee von der Liebe als „Versuch, die existenzielle Einsamkeit aufzuheben“ (S. 242), von der Sehnsucht nach dem Guten und Schönen, nach Vollkommenheit und Unsterblichkeit (ebd.). Aber die Ambivalenz ist damit nicht aufgehoben, nur muss das mögliche Zerstörerische, das die frühen Liebesmythen beherrschte, „domestiziert“ werden (S. 241). Ob die Liebe sich dem Ideal annähert, ist nicht an den Beziehungen, sondern an den Gefühlen von Einzelpersonen abzulesen. Von der Spätantike ausgehend diskutiert Burkart die für ihn bedeutendsten „Wendemarken“: den spätantiken Liebesroman (S. 247 ff.) und den höfischen Roman (S. 260 ff.), die aristokratischen Liebesromane in Frankreich (S. 302 ff.) und das Auftreten der sozialen Klassen in englischen Romanen (S. 319 ff.), die französischen Romane, die sich um die „Kunst der Verführung“ drehen (S. 332 ff.), und Flauberts Roman Madame Bovary, der die Umstände und das angelesene Verständnis von Liebe betont, die eine Liebesbeziehung beeinflussen (S. 369 ff.), schließlich Marcel Prousts Eine Liebe Swanns und Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als Beispiele für Ausformungen einer Liebe, die, durch ständische Konfliktlagen behindert, sich ihrer selbst nicht sicher ist, weil sie glaubt, nie vollkommen zu sein (S. 387 ff.). Dazwischen hat Burkart als einziges Drama unter den Romanen Shakespeares Romeo und Julia platziert (S. 283 ff.) – wegen seines literarischen Ranges und weil der Dichter darin die Frage ins Bewusstsein rückt, ob auch die Frau ihrer Neigung folgen und ihren Partner frei wählen darf. Den deutlichsten Einfluss auf die literarische Gegenwart haben nach Burkarts Auffassung Flaubert und Proust genommen: „Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stehen zwei größere Fragen vor den Romanciers, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen: Die Frage, ob Liebe ein Produkt der Kultur ist und die Problematik postmoderner Verunsicherungen und Zweifel auch gegenüber der romantischen Liebe, die bereits in die Defensive geraten ist. Flaubert und Proust, die sich diesen Fragen stellen, schaffen so Höhepunkte des modernen Romans“ (S. 420).
Dem 4. Teil „Grundzüge einer Theorie der Liebe – auf der Basis von Romananalysen“ (S. 423 ff.) stellt Burkart ein Arbeitsprogramm voran: „In diesem bilanzierenden Teil werden (!) romanübergreifend eine Reihe von Zusammenhängen erörtert, wie sie sich aus den Leitfragen des theoretischen Bezugsrahmens ergeben: Küsse und Blicke, Berührungen und sexuelle Praktiken, Mythen und Semantiken, Atmosphären und Sozialformen, leibliche Medien, gesellschaftliche Einbindungen der Liebe … Die Orientierung am Roman als Einzelfall (Romananalysen als Fallstudien) wird ergänzt durch Querschnittsbetrachtungen nach theoretischen Schwerpunkten und in historischer Perspektive“ (ebd.).
An dieser Stelle allen genannten Aspekten mit ihren thematischen Verästelungen nachzugehen, ist nicht möglich. Pars pro toto soll ein Blick auf den „Kuss – das zündende Medium der Liebe“ (S. 459 ff.) stehen. Burkart trennt den Kuss von allen freundschaftlichen, familiären und öffentlichen (rituell-konventionellen) Küssen, weil sie mit seinem Thema nichts zu tun haben. Allenfalls täuschen sie eine Intimität vor (vgl. S. 495 f.). „Der erotische Liebeskuss bzw. der sexualisierte Kuss […] unterscheidet sich von den vielen anderen Arten des Küssens […] vor allem durch seine Sonderstellung bei der Entstehung der Liebesbeziehungen“ (S. 460). Dieser Präzisierung folgend widmet sich der Autor dem Kuss als „Generator und Verstärker der Liebe“ (ebd.). Er kann gleichermaßen einen Prozess der Paarbildung abschließen wie eine neue Entwicklung einleiten – ein Aspekt, den er in der Gegenwart vorherrschen sieht: „Im Verlauf der Geschichte ist der erotische Kuss immer mehr zu einer Verheißung geworden […], eine verlockende Aussicht auf Sexualität, Liebe und die Existenz als Paar“ (S. 461). Bedeutungszuschreibungen und Praktiken ändern sich in der sozialen Welt und im Roman. Burkart verfolgt den Wandel von der Spätantike bis in die Gegenwart mit allen Modifikationen, wie sie durch die jeweilige Gefühlskultur bewirkt werden und wie sie die sozialen Regeln für den Umgang der Liebenden miteinander und für literarische Darstellungen vorsehen. Das ist kein linearer Prozess, aber er mündet in eine Gegenwart ein, in der weder der erste Kuss (S. 469 ff.) noch das (auch datingforcierte) erotische Küssen (S. 471 f.) zur Paarbildung führen müssen. Ob Phänomenologie, Historie oder Soziologie des Kusses: Zwischen gelebtem Leben und Roman ist keine scharfe Trennung möglich. Das gilt für die Liebe insgesamt. So lautet Burkarts Resümee: „So unterschiedlich sind diese beiden Welten der Liebe gar nicht. Der Roman ist realistisch und orientiert sich an der sozialen Welt. Und die Liebe orientiert sich am Roman. Die Liebe ist romanhaft – auch das macht sie romantisch. […] Man sollte daher nicht unterscheiden (über die formale Differenz hinaus) zwischen einer Liebe an sich und einer Liebe im Roman“ (S. 600).
Diskussion
Zweitausend Jahre Liebesbeziehungen, gespiegelt in etwa 200 Romanen, sind Günter Burkarts Forschungsobjekt. Sein wissenschaftliches Interesse daran als Kultursoziologe sieht er dadurch legitimiert, dass die erzählende Literatur ihre Protagonist:innen in „Möglichkeitsräumen“ (S. 43) agieren lässt, die der Realität, verstanden als Wirklichkeitskonstruktion (S. 44), nachgebildet sind, oder dadurch, dass die jeweilige Geschichte „als Reaktion auf eine gesellschaftliche Problemlage verstanden werden kann“ (S. 43). Den Topos „Möglichkeitsraum“ hat Burkart dem Begriffsarsenal der Objektiven Hermeneutik entnommen (S. 44, Anm. 54).
Die soziologische Romananalyse ist wie eine riesige Erzählung angelegt. Möglicherweise hat sich der Untersuchungsgegenstand auf den Stil der Darstellung ausgewirkt. Die Paraphrasierung von Romanen und Romanpassagen und die gelegentlich umfangreichen Zitate gehen scheinbar mühelos über in Kommentare und theoretische Bezüge. Epoche um Epoche und Roman um Roman verstärkt sich die Plausibilität der Ausgangshypothese, dass die Liebe immer auch ein Produkt der jeweiligen sozialen Verhältnisse und der sie stabilisierenden Deutungen und Regeln ist – was immer wieder auch zum Scheitern einer Liebesbeziehung führen kann, wie Burkart am Beispiel von Goethes Beziehungsfiktion Werther anrührend darstellt (S. 468 f.).
Die Vorstellungen von „der Liebe“ und ihrer Umsetzung in der Beziehung stammen aus vielen Quellen (Burkart zählt auch den Roman dazu); sie beeinflussen das Suchbild und die Modalitäten bei der späteren Begegnung, sie können zu Fremdheitserfahrungen führen, zu Konflikten, zur Erfahrung befreiender Konfliktlösungen, zur Festigung des Liebesverhältnisses. Dafür bieten die von Burkart analysierten Romane ungezählte Beispiele. Nur: Wie werden solche Vorstellungen eigentlich verinnerlicht, und das über Generationen hinweg? Hierauf hätte die tiefenhermeneutische Kulturanalyse eine Antwort geben können. Aber die Frage taucht bei Burkart nicht auf – wie der Autor auch hinsichtlich der seine Untersuchung leitenden Objektiven Hermeneutik auf nähere Begründungen und methodische Erläuterungen verzichtet (S. 44, Anm. 54). Vielleicht hätten sie seine Darstellungsästhetik beeinträchtigt. Andererseits: Wer über eine solche Darstellungskunst verfügt …
Fazit
„Dieses Buch ist eine Erzählung zur Entwicklung der Liebe im Medium des Romans, auch ein Buch über die Liebe zum Lesen und Schreiben“, schreibt Burkart im „Epilog“ (S. 605). Der Rezensent stimmt – „ergötzt und belehrt“ – vorbehaltlos zu.
Rezension von
Helmwart Hierdeis
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