Astrid Giebel, Bruno Schrage (Hrsg.): Geistlicher Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 23.09.2026
Astrid Giebel, Bruno Schrage (Hrsg.): Geistlicher Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Blinde Flecken in der konfessionellen Wohlfahrtspflege. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2026. 558 Seiten. ISBN 978-3-7841-3881-7. 42,00 EUR.
Thema
Untersucht werden die blinden Flecken, die es bei der Aufarbeitung seitens der konfessionellen Wohlfahrtspflege zum geistlichen Machtmissbrauch und zur sexualisierten Gewalt gibt. Giebel und Schrage möchten „innerhalb des Kontextes konfessioneller Wohlfahrtspflege dazu beitragen, Gefahren zu erkennen und abzuwenden“ (S. 16) Im Vordergrund stehen die Sichtweisen und Lebensperspektiven der Betroffenen. Im Kern, so schreiben es die Herausgeber, wird nach den Ursachen, Kontexten und Auswirkungen von spirituellem und sexuellem Machtmissbrauch gefragt
Herausgeber:innen
Die beiden Herausgeber:innen sind, Michael Fischer zufolge, „seit langer Zeit in Caritas und Diakonie tätig“ (S. 11).
Astrid Giebel ist promovierte Theologin, Diplom-Diakoniewissenschaftlerin und Pastorin.
Bruno Schrage ist Diplom-Theologe und Diplom-Caritaswissenschaftler.
Aufbau
Das Buch ist wie folgt gegliedert:
- Wahrnehmen
- Ergründen
- Beleuchten
- Aufarbeiten
- Konsequenzen ziehen
- Repliken (Lernfelder)
Inhalt
Einige Streiflichter aus dem Inhalt:
Im Abschnitt Wahrnehmen berichtet Werner Nickolai von inneren Wunden, die nie ganz verheilen werden. Er berichtet von seinem Lebenslauf. Hier erzählt er von seinen Erlebnissen, die ihm selbst in den 1950er‑ und 1960er Jahren in der totalen Institution, konkret im Kinderheim, widerfahren sind, wie:
- dem samstäglichen Duschritual und dem damit verbundenen Wechsel der Unterwäsche. „Die Ordensschwester kontrollierte die Unterhose auf ihre Sauberkeit. War die Unterhose verschmutzt […], gab es mit einem Rohrstock auf den Hintern, nachdem er entblößt werden musste“ (S. 35);
- wenn beim Mittagessen gesprochen wurde, so musste derjenige, der gegen das Sprechverbot verstieß, einen vier bis fünf Millimeter breiten Serviettenring zwischen die Zähne klemmen. Der daraufhin unweigerlich erfolgte Speichelfluss wurde mit Ohrfeigen bestraft.
Nickolai kritisiert die Misshandlungen durch die Ordensschwestern, „die mit ihren Aufgaben völlig überfordert waren“ (S. 35).
Anonyma berichtet vom sexuellen Missbrauch in den 1940er Jahren durch einen katholischen Priester. Die Autorin stellt in ihrem Beitrag Auswirkungen religiöser Entscheidungen in der Familie ihre Onkels vor, der diesen sexuellen Missbrauch erfahren hat. Der Betroffene bricht kurz vor dem Abitur die Schule ab und studiert bei den Zeugen Jehovas, obwohl der eigentliche Plan ein Theologiestudium gewesen ist.
Karl Haucke interviewt einen Seelsorger „zur Verwirklichung und Verhinderung von Menschenwürde unter der Domäne katholischer Kirchenleitung“. In diesem Interview wird der sexuelle Missbrauch durch Machthabende auf Gemeindeebene diskutiert.
Mit einem Beitrag zu Macht als Möglichkeit von Gewalt wird von Gerhard Schreiber in den Abschnitt Ergründen eingeleitet. Schreiber sieht das Phänomen Macht als eine Bedingung für die Gewaltausübung. Die Diskussion zu Gewalt und Missbrauch kann nur dann erfolgen, wenn geklärt ist, was unter Macht zu verstehen ist. „Das Missbrauch im Raum von Kirche geschieht und geschehen kann, ist […] Kennzeichen seiner Defekte“ (S. 97).
Einen soziologischen Blick auf sexuellen Missbrauch unternimmt Michael N. Ebertz mit seinen Ausführungen. Diese soziologische Brille, so der Verfasser, sei bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von Priestern und Ordensleuten in den 1950er Jahren nicht aufgesetzt worden.
An den soziologischen Blick schließt sich ein Aufsatz von Ute Leingruber an, der sich mit den blinden Flecken in der Missbrauchsforschung befasst: „Der Text beleuchtet exemplarisch konkrete Manifestationen dieser Unsichtbarkeit und weist schließlich auf das Konzept der ‚intersektionalen Ignoranz‘ hin, das unter dem Fokus auf erwachsene Frauen in der Kirche das Problem der blinden Flecken analysiert“ (S. 130).
Anne-Katharina Neddens befasst sich mit dem aktuellen Verhältnis von Religiosität bzw. Spiritualität und Psychotherapie. Sie thematisiert den spirituellen Machtmissbrauch insbesondere über die traumatherapeutische Arbeit in Anamnese, Diagnose und Begleitung. Und sie „zeigt die Entwicklung einer sensiblen Fachpraxis im Umgang mit spirituellen Verletzungen auf“ (S. 202).
Im Abschnitt Beleuchten befasst sich Andreas Lob-Hüdepohl mit theologisch ethischen Erwägungen zum geistlichen Missbrauch.
Unter der Überschrift „Wie kommt die Beute ins Netz? Und was wird aus den Betroffenen?“ befasst sich Stephanie Butenkemper mit den Mechanismen und Auswirkungen von spirituellem Machtmissbrauch. Die Autorin erkennt, dass die Folgen geistlichen Missbrauchs real, tief und vielfältig sind. Sie betreffen die ganze Person in ihrer Individualität und Selbstbestimmung.
Björn Mrosko beleuchtet die Auswirkungen rechter Politik auf die Prävention sexualisierter Gewalt. Mrosko kommt zu dem Schluss, dass rechte Deutungen Prävention, Intervention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt unter Druck stellen, „indem sie Täter‑ und Betroffenenbilder verzerren, bestimmte Gruppen gegeneinander ausspielen und professionelle Strukturen delegitimieren“ (S. 286).
Andreas Henkelmann fragt im Abschnitt Aufarbeiten danach, warum caritative Organisationen einen professionellen Umgang mit ihrer Vergangenheit benötigen.
Bettina Janssen und Karl Haucke nehmen die Betroffenenbeteiligung bei der institutionellen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Blick. Diese Betroffenenbeteiligung, so stellen die Autorin und der Autor im Fazit fest, ist von zentraler Bedeutung, auch wenn sie vielfältige Herausforderungen beinhaltet.
Markus Harmann stellt die Situation des sexualisierten Missbrauchs in einem Förderschulinternat des Erzbistums Köln dar.
Den sexuellen Missbrauch des Seelsorgers Kurt Ströers nimmt Peter Zimmerling in den Blick.
Welche Konsequenzen sind aus dem Ganzen nun zu ziehen?
Peter Hundertmark will mit – Interventionen bei geistlichem Missbrauch – vulnerabilisierende Theologien aufdecken, Verhaltenskodizes erarbeiten, Interventionen planen und die Opfer die hier als Beschwerdeführende auftreten, schützen.
Seit dem 01.02.2023 ist Susanne Pauser Mitglied des Vorstands des Deutschen Caritasverbands. Sie berichtet aus ihrer dreijährigen Verantwortung für Missbrauchsfragen.
Den religiösen Machtmissbrauch bespricht Michael Utsch. In seinen Ausführungen gibt er psychologische Hinweise für Betroffene sowie zur institutionellen Vorbeugung
Diskussion
Es ist kaum zu glauben, dass in einer Institution des Glaubens sexualisierte Gewalt möglich ist. Aber der Forschungsverbund ForuM hat die Ergebnisse 2025 für die evangelische Kirche und eine entsprechende Forschung seitens der katholischen Kirche (Dreißing u.a. 2018) haben die Gewalttaten aufgedeckt. Diese beiden Studien bilden die Grundlage für die Veröffentlichung.
Fazit
Geistlicher Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt werden von Vetreter:innen beider christlicher Kirchen in den Blick genommen und erklärt. Es sind die blinden Flecken – das, was bisher noch nicht gesagt wurde oder nicht gesagt werden darf, weshalb einige AutorInnen ihre Beiträge anonym oder unter einem Pseudonym verfasst haben – die zur Sprache kommen.
Literatur
Dreißing, Harald/​Salize, Hans Joachim/Dölling, Dieter/​Hermann, Dieter/​Kruse, Andreas/​Schmitt, Eric/Bannenberg, Britta: Forschungsprojekt: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischoffskonferenz. Mannheim, Heidelberg, Gießen 2018. https://www.dbk.de/fileadmin/​redaktion/​diverse_downloads/​Dossiers_alt/​dossiers_2018/​MHG-Studie-gesamt.pdf [abgerufen am 28.08.2026].
Forschungsverbund ForuM (Hg.): Abschlussbericht: Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland. Weinheim 2025. https://beltz.de/fachmedien/​sozialpaedagogik-soziale-arbeit/​abschlussbericht-forschung-zur-aufarbeitung-von-sexualisierter-gewalt-und-anderen-missbrauchsformen-in-der-evangelischen-kirche-und-diakonie-in-deutschland/​BEL448708 [abgerufen am 28.08.2026].
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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