Franz Hofmann, Wilfried Kretschmer (Hrsg.): Lernorte der Demokratie
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 20.08.2026
Franz Hofmann, Wilfried Kretschmer (Hrsg.): Lernorte der Demokratie. Praxisbeispiele für erfolgreiche Schulentwicklung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 203 Seiten. ISBN 978-3-407-25974-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Thema
Lernen und Beraten: Intellektuelle, theoretischem, praktische und demokratische, wertebasierte Bildung
In den Zeiten von Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus und Populismus, in denen die Fuchtel von Machtmissbrauch, Diktatur und Unterdrückung herrscht, kommt es darauf an, demokratisches kooperatives und partizipatives Denken und Handeln hervorzurufen; in allen humanen Lebensformen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Schule als Bildungs‑ und Lernort. Die darin Beteiligten – Kinder, Eltern, Erziehungsberechtigte, Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulaufsicht, Schulpolitik und Verwaltung – sind verantwortlich dafür, dass in diesem Lebensraum humane Bedingungen herrschen. Schulentwicklung unterliegt dem Anspruch, dass Lernen zu Verhaltensänderungen führt [1].
Entstehungshintergrund und Herausgeber
Die (verpflichtende) Institution Schule ist ein Ort, in dem der Mensch zu einem „zôon politikon“ und einem „zôon logon echon“, einen vernunft‑ und sprachbegabten Lebewesen gebildet werden soll. In der „Scala naturae“ des Aristoteles nimmt er zwar die Mittelstellung zwischen Gott und Tier ein; doch im anthropologischen, ganzheitlichen Bewusstsein ist der Mensch ein Glied im kosmischen Sein [2], und es bedarf des Bewusstseins, dass er nicht alleine in der Welt lebt [3].
Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Salzburg, Franz Hofmann und der pädagogische Trainer und ehemalige Schulleiter Wilfried Kretschmer, legen einen Sammelband vor, indem sie Praxisbeispiele einer erfolgreichen Schulentwicklung präsentieren: „Es geht um kritische Vernunft, den Respekt und die Würde demokratischer Institutionen und um personale Bildung als reflexives Prinzip gegen völkisches Empfinden und Stimmungen der Masse“.
Aufbau und Inhalt
Das Autorenteam gliedert den Sammelband in drei Teile. Im ersten Teil geht es um „Demokratische Haltung“, im zweiten um „Demokratische Handlung“, und im dritten um „Demokratische Wirkung“. Ausgewählte TheoretikerInnen und PraktikerInnen stellen ihre pädagogischen, beruflichen Erfahrungen vor: Franz Hofmann zeigt auf, „Warum Demokratiebildung eine selbstgesteuerte Haltung der Schulleitung braucht“. Er unterscheidet dabei zwischen zwei Einstellungen, der „autonomie-affinen“ und der „heteronomie-affinen“, die er mit vier Thesen belegt: Selbst denken und nicht andere für sich denken lassen, sich also des eigenen Verstandes zu bedienen, und kooperativ handeln – differenzierte Führungs‑ und Leitungsformen anwenden – Empathie entwickeln – Affektsteuerung.
Der ehemalige Schulleiter der IGS Franzsches Feld in Braunschweig, Andres Meisner, zeigt mit dem Beitrag „Erlebte Partizipation und respektvoller Diskurs“ auf, wie Demokratieerfahrungen ganzheitlich ermöglicht werden. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Unterrichtskultur und in der Führungsrolle der Lehrkraft: „Leadership for learning“.
Die Bildungswissenschaftlerin Manuela Gamsjäger von der PH Oberösterreich (Linz), setzt sich für Demokratiebildung in der Lehrer*innenbildung ein. Sie fordert auf, „Demokratiebildung als erfahrungsbasierten, reflexiven und rationalen Prozess zu begreifen“, in der Lehreraus‑ und –fortbildung. Die pädagogische „Wertneutralität“ endet dort, wo menschenverachtende, rassistische und demokratiefeindliche Einstellungen auftreten.
Brigitte Ertl leitet Grundschulen in Unterfranken und ist in der Lehrerfort‑ und –weiterbildung tätig. Die Frage – Demokratische Haltung in der Grundschule?“ – beantwortet sie eindeutig: Das Erlernen und Praktizieren einer demokratischen, partizipativen Haltung ist keine neue, didaktische, methodische und curriculare Aufgabe, sondern Bestandteil eines lebenslangen Bildungsprozesses.
Der Leiter des Tiroler Zentrums für Leadership und Schulentwicklung, Andreas Wurzrainer, thematisiert mit dem Beitrag „Demokratiebildung und Elternarbeit“ Beispiele von Kind-Eltern-Lehrergesprächen. Regelmäßige, anlass‑ und prozessorientierte Kommunikation muss auf professioneller Basis geführt werden-
Die Elementarpädagogin und Erziehungswissenschaftlerin Carina Imser von der Universität Salzburg setzt sich mit „Adultismus“, der ungerechtfertigten Ungleichbehandlung auseinander und plädiert für eine „demokratische Erziehungskultur“. Kinder als Personen und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen, ist Menschenrecht und –pflicht.
Wilfried Kretschmer leitet den zweiten Teil mit dem Beitrag „Schule als Lernort der Demokratie“ ein. Als Mitglied der (zeitbedingten) kollegialen Schulleitung der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) in Hildesheim, die für ihre pädagogische Arbeit 2007 den Deutschen Schulpreis erhielt, als Themenleiter des Handlungsfeldes „Schule leiten“ der Deutschen Schulakademie und unabhängiger Bildungstrainer zeigt er beispielhaft auf, wie sich eine demokratische Schulentwicklung vollziehen kann, und welche Chancen wie Risiken dabei auftreten können. „Erfolgreiche Führung ist ein kommunikativer und partizipativer Prozess“.
Andreas Wurzrainer weist mit dem Beitrag „Grundpfeiler einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ darauf hin, dass BNE ein verändertes Verständnis von Schule erfordert, „als demokratischen, erfahrungsbasierten und aktiv gestaltbaren Lebensraum“.
Der pädagogische Schulleiter des Leipziger Evangelischen Schulzentrums, Ferdinand Kiderlen, fragt: „Spielen sie mit?“, indem er Freiräume für demokratisches Führungshandeln in heterogenen Kollegien aufzeigt. Es sind die aktiven Lehrerinnen und Lehrer, die selbstverständlich und selbstbewusst Verantwortung übernehmen und sich alltäglich, fach‑ und sachbezogen engagieren. Es sind die Zaghaften und Enttäuschten, die davon ausgehen, dass es sich nicht lohnt, sich mehr als gefordert zu engagieren; und es sind schließlich die am Rande stehen, mut‑ und kraftlos einfach nur dabei sind.
Die kollegiale Schulleiterin der Georg-Lichtenberg-Gesamtschule (IGS) in Göttingen, Tanja Laspe, stellt mit dem Beitrag „Pädagogische Beziehung, Partizipation und Selbstwirksamkeit als Schlüssel schulischen Erfolges“ das Team-Klein-Gruppenmodell vor. „Hierarchiegedämmte“ Führungs‑ und Leitungsstrukturen bestimmen das gemeinsame, erfolgreiche Lernen in der Schule.
Die Schulleiterin der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule (IGS), Yvonne Schweppe, ist überzeugt, dass qualitative Veränderungen der Schule organisatorische, pädagogische und didaktische Haltepunkte benötigen. Es sind die „Jahresarbeitspläne“, die in Zusammenarbeit des Kollegiums mit Schüler/innen, Erziehungsberechtigten, Fachleuten und Wissenschaftler/​innen erstellt, durchgeführt und evaluiert werden. Die dabei berücksichtigten didaktischen und methodischen Forder-Förderbedingungen und Schwerpunktsetzungen, und das Gefühl – „Das ist mein Ding“ – bewirken bei den Beteiligten ein echtes Selbst‑ und Mittun. In der Schule sind es die Jahrgangs‑ und Stufenteams, die didaktische Werkstatt, das didaktisch-pädagogisches Gremium, die kollegiale Schulleitung und die Gesamtkonferenz, in denen Vertreter/​innen aller Schulbeteiligten mitarbeiten.
Die Studiendirektorin, Referentin für Schülermitverantwortung, Schülerzeitung und Partizipation und die Schulentwicklungsmoderatorin Alexandra Wächtler und die Schulentwicklungsmoderatorin Anna Wenzl, beide am Bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung tätig, informieren mit dem Beitrag „Jede Stimme zählt – partizipative Schulentwicklung konkret“, über den Schulversuch: „Schul‑ und Schülerparlamente stärken“. Schülerparlamente sind demokratische Einrichtungen, die es ermöglichen, Gehör, Einfluss und Macht zu erringen
Das ehemalige Mitglied der kollegialen Schulleitung der Hildesheimer RBG und Trainer der Schulakademie, Henning Rosahl, informiert über die Fortbildungswerkstatt der Deutschen Schulakademie ‚Schule leiten“. An dem Projekt waren 16 Schulen beteiligt: 7 Grundschulen, 3 Förderschulen, 2 Gemeinschaftsschulen und 4 Gymnasien. Von den Schulen wurden eigene Visionen einer guten Schule entwickelt und praktiziert.
Der Pädagoge und Leiter für Digitalisierung an der Deutschen Internationalen Schule im südafrikanischen Johannesburg, Nick Krichevsky berichtet, „Wie eine 5chule demokratisch in ihr Umfeld wirkt“. Es sind die „Prefects“, ältere Schüler/innen, die als Verantwortliche und Aktive zwischen Schulleitung und Schüler/innen stehen und Räume schaffen können, „in denen junge Menschen erleben, dass Möglichkeiten real sind, dass Verantwortung etwas mit ihnen zu tun hat und dass Zugehörigkeit nicht am Herkunftsort endet“.
Der Hildesheimer Kulturwissenschaftler und Journalist Norbert Mierzowsky erzählt von seiner Arbeit: „Journalismus im und aus dem Klassenzimmer“ und ermöglicht einen Einblick in die schulöffentliche Arbeit. Weil der Klassenraum (meist) Menschen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Schichten zusammenbringt, kann die schulische Öffentlichkeitsarbeit wertvolle Dienste leisten, und „SchülerreporterInnen hervorbringen.
Im dritten Teil „Demokratische Wirkung“ stellt Mattheo Carmignola von der Hochschule Salzburg,ausgewählte Funde aus der empirischen Bildungsforschung zu schulischer Partizipation vor: „Schule als demokratischer Erfahrungsraum“. Es sind differenzierte Studien, Analysen, Untersuchungen und Forschungsmethoden, die die Spreu vom Weizen trennt, vor Fake News und falschen Ergebnissen bewahrt.
Diskussion
Das ethische Bedürfnis, gut zu sein, bestimmt das menschliche Dasein. Der Anspruch, ein humanes, menschenwürdiges Leben zu führen, muss ganz früh beginnen – in der familialen Erziehung, in der Kita, der Schule und im Beruf, und er muss ein Leben lang andauern. Dazu ist ein Perspektivenwechsel erforderlich: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren und neue Lebensformen zu finden“ [4]. Es sind die existentiellen Herausforderungen zu erkennen, „dass Mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom), und es bedarf des Bewusstseins, dass der Mensch ein gleichberechtigtes Glied im kosmischen Sein ist. Dazu ist es notwendig, selbst zu denken und nicht andere für sich denken zu lassen, und genau hinzuschauen [5].
Fazit
Schule ist mehr als Lernraum. Schule ist Wachstums-, Veränderungs‑ und Aufklärungsort.
[1] www.sozial.de/vom-lernen.html
[2] Werner Vogd, Selbst‑ und Weltverhältnisse. Leiblichkeit, Polykontextualität und implizite Ethik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24084.php
[3] Silke Helfrich/​David Bollier, Frei, fair und lebendig – die Macht der Commons, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25797.php
[4] Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995
[5] Ulrich Sollmann, Genau geschaut. Psychologie des Autoritarismus, 2026, www.socialnet.de/rezensionen/​34549.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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