Franziska Sophie Proskawetz: Soziale Arbeit studieren
Rezensiert von Prof.in Dr.in Daniela Cornelia Stix, 08.09.2026
Franziska Sophie Proskawetz: Soziale Arbeit studieren. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2026. 120 Seiten. ISBN 978-3-8252-6708-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
Reihe: StudyGuide.
Autor:in
Franziska Proskawetz beschreibt sich als Bildungswissenschaftlerin und ist Dozentin im Studiengang Soziale Arbeit an der Ev. Hochschule Bochum. Ihre dortige Lehrerfahrung veranlasste sie zum Verfassen dieses Buchs. Sie selbst hat ausdrücklich nicht Soziale Arbeit studiert.
Aufbau
Das Buch, ein Ratgeber, ist neben einer Einführung und einem Epilog in sieben weitere Kapitel gegliedert, die den Hauptteil des Buchs darstellen. Die jeweiligen Überschriften sind als Fragen formuliert. Das erste Kapitel dieses Hauptteils lautet beispielsweise „Soziale Arbeit: Was heißt das?“ und ist mit knapp 20 Seiten das inhaltlich umfangreichste Kapitel des gesamten Buchs. Alle Kapitel enthalten Checklisten mit Reflexionsfragen für die Lesenden, auch Tipps, Beispiele und O-Töne gestalten das Buch abwechslungsreich. Dem Epilog schließen sich ein Glossar und ein Kapitel mit Quellen/​Empfehlungen zur Vertiefung der Inhalte des Hauptteils an.
Inhalt
Im 2. Kapitel beschreibt Franziska Proskawetz die Adressat:innen, Theorien und Methoden Sozialer Arbeit in sehr knapper Form und gibt einen Abriss über die geschichtliche Entwicklung vom Mittelalter bis in die 1990er Jahre. Außerdem enthält das Kapitel einen Abschnitt zur internationalen Sozialen Arbeit. In einem weiteren Abschnitt werden verschiedene Handlungsfelder Sozialer Arbeit unter der Bezeichnung „Bereiche“ vorgestellt und in Tabellen einzelnen „Themen“ zugeordnet.
Im 3. Kapitel geht es um die formalen und persönlichen Voraussetzungen zur Aufnahme eines Studiums der Sozialen Arbeit. Der erste Teil gibt einen allgemeinen Überblick über die formalen Voraussetzungen für ein Studium. Im zweiten Teil kommen Studierende bzw. Absolvent:innen in O-Tönen zu ihren persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen hinsichtlich eines Studiums der Sozialen Arbeit zu Wort, die von Franziska Proskawetz eingeordnet werden. Das Kapitel schließt mit einigen Empfehlungen, wie man als interessierte Person herausfinden kann, ob Soziale Arbeit als Studienfach geeignet ist.
Im 4. Kapitel werden allgemeiner Studienaufbau, ‑inhalte und Prüfungsformate vorgestellt. Franziska Proskawetz verknüpft in diesem Kapitel Informationen zu den Studieninhalten und Prüfungsformaten mit Tipps, O-Tönen und Beispielen. Dabei werden unter anderem verschiedene Bezugsdisziplinen und Themenfelder des Studiums vorgestellt. Ergänzend enthält Tabelle 4 Beispiele für mögliche Spezialisierungen. Das Kapitel schließt mit einem Abschnitt zu den im Studium üblichen Prüfungsformen.
Hieran anknüpfend folgt das wissenschaftliche Arbeiten als 5. Kapitel. Das Kapitel behandelt verschiedene Aspekte des wissenschaftlichen Arbeitens im Studium. Dazu gehören unter anderem der Umgang mit Schreibblockaden, der Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Forschung, Literaturverwaltung sowie die Vorteile von Interpretationswerkstätten.
Das 6. Kapitel umfasst ein breites Spektrum an organisatorischen Themen und Fragestellungen, wie bspw. die Wahl des Studienorts, Zeitmanagement, Netzwerkaufbau und den Umgang mit Krisen im Studium. Auch dieses Kapitel ist wieder angereichert mit Tipps und O-Tönen sowie Reflexionsfragen, die den Leser:innen Anregungen für die Organisation und Gestaltung des Studiums geben. Dazu gehört beispielsweise der Hinweis, bei spezifisch gelagerten Interessen statt nach einem generalistischen Studiengang nach einem Studiengang mit entsprechendem Schwerpunkt zu recherchieren.
Um die Karriereoptionen – schon während des Studiums – geht es dann auch im 7. Kapitel. Dabei wird unter anderem die Möglichkeit thematisiert, sich bereits während des Studiums in einem sozialen, bildenden oder pflegenden Bereich zu engagieren. Darüber hinaus werden verschiedene berufliche Tätigkeitsfelder nach dem Studium vorgestellt. Erfreulich ist die Darlegung des wissenschaftlichen Karrierewegs als ebenfalls bestehende Option für Absolvent:innen der Sozialen Arbeit. Als weitere Berufsfelder werden die Kinder‑ und Jugendhilfe, das Gesundheitswesen und die Altenhilfe sowie Inklusion und Teilhabe genannt.
Diskussion
Franziska Proskawetz verfolgt mit ‚Soziale Arbeit studieren‘ einen ausdrücklich niedrigschwelligen Zugang und richtet sich damit vor allem an Studieninteressierte und Studierende, die sich einen ersten Überblick über Studium und Berufsfeld verschaffen möchten. Die konsequente Ansprache der Lesenden mit „Du“, die einfache Sprache, O-Töne, Tipps und Reflexionsfragen senken die Zugangshürden und können insbesondere Studieninteressierten eine erste Orientierung geben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob ein Ratgeber für ein wissenschaftliches Studium seine Zielgruppe nicht auch stärker fordern, und bereits an wissenschaftliche Denk‑ und Arbeitsweisen heranführen sollte. Die starke Komprimierung der Inhalte hat jedoch zur Folge, dass fachliche Zusammenhänge teilweise nur verkürzt dargestellt werden. Damit entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch, einen niedrigschwelligen Einstieg zu ermöglichen, und dem Anspruch, zugleich ein wissenschaftlich fundiertes Bild des Studienfachs und der Profession Sozialer Arbeit zu vermitteln:
Dies zeigt sich bereits im 2. Kapitel. Die Bezeichnung der Handlungsfelder als „Bereiche“ in einem Abschnitt dieses Kapitels ist zunächst verwirrend und entspricht nicht dem sozialarbeiterischen Fachterminus. Daran schließen sich zwei weitere gewichtige Kritikpunkte an. Zum einen bleiben die „Bereiche“ der Kinder‑ und Jugendhilfe völlig unerwähnt (z.B. im „Thema“ Gemeinwesenarbeit die Offene Kinder‑ und Jugendarbeit oder im „Thema“ Bildung die Kita‑ und Schulsozialarbeit – um dieser Zuordnungslogik zu folgen). Zum anderen formuliert Franziska Proskawetz, dass diese „Bereiche“ bzw. die entsprechenden Tabellen „in Anlehnung an die Literatur“ (S. 26 u. S. 27) erstellt worden seien. Die Angabe von Belegen fehlt jedoch. Die Intention, die Lesenden niedrigschwellig an das Sozialarbeitsstudium heranzuführen, entbindet jedoch nicht von einer nachvollziehbaren wissenschaftlichen Arbeitsweise. Gerade für einen Studienratgeber könnten Literaturbelege zugleich eine Vorbildfunktion für wissenschaftliches Arbeiten übernehmen.
Dies zeigt sich auch an anderen Stellen im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Dass konkrete Literaturbelege im laufenden Text komplett fehlen, ist nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive problematisch, sondern auch mit Blick auf die Funktion des Buches als Studienratgeber. Wer für ein Studium der Sozialen Arbeit gewonnen werden soll, sollte zugleich erfahren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auf Literatur und nachvollziehbarer Begründung beruhen. Die eigene Darstellung könnte hier eine entsprechende Vorbildfunktion übernehmen. Gerade an dieser Stelle entsteht ein Widerspruch zu Kapitel 5, in dem wissenschaftliches Arbeiten und dessen Bedeutung erläutert werden, während im gesamten Buch Quellenverweise fehlen. Die Empfehlungen zur weiteren Lektüre am Ende des Buches können diesen fehlenden Bezug nicht auffangen.
Auch das in den ersten Kapiteln vermittelte Bild Sozialer Arbeit ist kritisch zu betrachten und festzustellen, dass Soziale Arbeit von Franziska Proskawetz überwiegend als helfende Arbeit mit oder am Menschen dargestellt wird. Die politische Perspektive Sozialer Arbeit wird als z.B. Interesse an oder Einsatz für soziale Gerechtigkeit nur an einigen wenigen Stellen erwähnt. Der nicht unwesentliche Anteil an bürokratischer Arbeit und an Netzwerkarbeit fehlt in der Darstellung weitgehend, weshalb das Bild der Profession – zumindest bis zu dieser Stelle des Buchs – Schlagseite erhält.
Was schon im 2. Kapitel bei der Benennung der Theoriewurzeln störte, fällt im 4. Kapitel als wirkliches Problem auf: Die Studieninhalte sollen eine „bunte Mischung aus Sozialwissenschaften, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Ethik und Sozialwirtschaft und weiteren Disziplinen“ umfassen (S. 54). In Kapitel 2 lautet die Formulierung „Theorien […] aus verschiedenen Disziplinen – darunter der Soziologie, der Psychologie, der Pädagogik und der kritischen Gesellschaftstheorie“ (S. 29). Die Soziale Arbeit wird hier folglich wiederholt als eine aus den Bezugsdisziplinen zusammengepuzzelte und scheinbar nicht eigenständig wissenschaftlich fundierte Disziplin dargestellt. Lehrinhalte wie Geschichte, Kasuistik, Handlungskonzepte, professionelle Identitätsbildung, Diversität, Kommunikation/​Gesprächsführung werden – wenn überhaupt – nur wenig präsent und als „Spezialisierung“ in Tabelle 4 vorgestellt (S. 56). Gerade für einen Studienratgeber wäre hier eine stärkere Darstellung der eigenständigen fachwissenschaftlichen Grundlagen Sozialer Arbeit wünschenswert.
Auch die Gestaltung mit O-Tönen und Reflexionsfragen ist grundsätzlich überzeugend, bleibt in ihrer Umsetzung jedoch etwas unausgewogen. Die Stimmen vermitteln zwar persönliche Einblicke, basieren aber auf einer vergleichsweise kleinen Zahl an Personen und sind teilweise sehr umfangreich. Die Reflexionsfragen wiederum sind nicht immer unmittelbar aus den behandelten Inhalten heraus verständlich. Zusammen mit der teilweise uneinheitlichen Kennzeichnung der verschiedenen Einschübe entsteht dadurch ein didaktisches Konzept, dessen Mehrwert nicht an allen Stellen gleichermaßen deutlich wird.
Der Aufbau der Kapitel ist hinsichtlich der Zielgruppe nicht immer konsequent. Während einige Kapitel deutlich an Studieninteressierte gerichtet sind, richtet sich das 5. Kapitel mit Themen wie Schreibblockaden, dem Unterschied von quantitativer und qualitativer Forschung, Literaturverwaltung oder den Vorteilen von Interpretationswerkstätten an bereits Studierende. Da Franziska Proskawetz auch hier wieder den Spagat versucht, möglichst viele Informationen möglichst komprimiert darzulegen, bleibt es aber bei einem groben und eklektischen Überblick zum wissenschaftlichen Arbeiten. Zudem bricht die Franziska Proskawetz mit der Intention der anderen Kapitel. Diese sind tendenziell an Studieninteressierte gerichtet. Dieser Logik folgend müsste dann für Studieninteressierte erläutert werden, wieso wissenschaftliches Arbeiten in der Sozialen Arbeit relevant ist. In Kapitel 7 zeigt sich eine weitere Unstimmigkeit dahingehend, dass relativ ausführlich auf den Berufseinstieg nach dem Masterstudium verwiesen wird. Sehr erfreulich ist hierbei jedoch die Darlegung des wissenschaftlichen Karrierewegs als ebenfalls bestehende Option für Absolvent:innen der Sozialen Arbeit. Allerdings werden daneben lediglich die Berufsfelder Kinder‑ und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Altenhilfe sowie Inklusion und Teilhabe aufgeführt, was die in Kapitel 2 angeführten „Bereiche“ nicht abdeckt.
Bei der Wahl der Hochschule in Kapitel 6 fällt auf, dass das Thema staatliche Anerkennung vernachlässigt wurde. Je nachdem, in welchem Handlungsfeld man später arbeiten möchte, kann aber die Möglichkeit, die staatliche Anerkennung während des Studiums zu erlangen, den Karriereweg entscheidend beeinflussen. Gerade in einem Kapitel, das Studieninteressierte bei der Wahl des Studienorts unterstützen möchte, ist diese Information daher sehr bedeutend.
Damit zeigen sich über mehrere Kapitel hinweg Inkonsistenzen zwischen dem Anspruch, einen möglichst umfassenden Überblick über Studium und Berufsfeld zu geben, und der tatsächlichen Auswahl und Gewichtung der Inhalte. Die niedrigschwellige Darstellung erleichtert zwar den Zugang, führt aber an mehreren Stellen dazu, dass fachliche Differenzierungen, zentrale Tätigkeitsbereiche und die wissenschaftliche Eigenständigkeit Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession nur unzureichend sichtbar werden.
Vor diesem Hintergrund stellt sich auch eine professionsbezogene – vielleicht sogar professionsethische – Frage. Die Kritik richtet sich dabei weniger gegen die Person der Autorin als gegen die fachliche Ausgestaltung des Ratgebers. Dass die Autorin selbst nicht Soziale Arbeit studiert hat, disqualifiziert sie selbstverständlich nicht für das Verfassen eines solchen Ratgebers. Ihre Lehrerfahrung im Studiengang stellt eine relevante Perspektive dar. Gerade deshalb wäre jedoch eine besonders sorgfältige fachwissenschaftliche Absicherung der Inhalte durch einschlägige Literatur erforderlich. Die im Buch aufgezeigten Verkürzungen und das Verhältnis zu den Bezugsdisziplinen fallen vor diesem Hintergrund stärker ins Gewicht. Insbesondere die fehlenden Quellenverweise und die Darstellung der Sozialen Arbeit als Zusammensetzung ihrer Bezugswissenschaften erschweren eine fachwissenschaftlich differenzierte Darstellung der Disziplin und Profession und verzerrt das Bild der Sozialen Arbeit als Disziplin und – wie die Autorin selbst darstellt – als junge Profession.
Fazit
‚Soziale Arbeit studieren‘ bietet einen niedrigschwelligen Einblick in das Studium der Sozialen Arbeit. Die verständliche Aufbereitung und die zahlreichen Orientierungshilfen machen die Lektüre zugänglich, zugleich gehen die starke Vereinfachung, die geringe wissenschaftliche Fundierung und einige fachliche Verkürzungen zulasten der Differenziertheit. Insgesamt bleibt damit ein ambivalenter Eindruck: Das Buch vermittelt einen ersten Überblick, zeichnet dabei jedoch ein teilweise vereinfachtes Bild der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession.
Rezension von
Prof.in Dr.in Daniela Cornelia Stix
ist Dipl.-Sozialpädagogin/-arbeiterin (FH) und Medienwissenschaftlerin (M.A.) und als Professorin für Soziale Arbeit an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Themen Digitalität und Digitalisierung der Sozialen Arbeit, Natur- und Erlebnispädagogik sowie die Kinder- und Jugendarbeit. https://www.b-tu.de/fg-sozialearbeit
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ORCID: https://orcid.org/0000-0001-9211-7748
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