Larissa Steimle, Heino Stöver: Soziale Arbeit in Totalen Institutionen
Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 28.09.2026
Larissa Steimle, Heino Stöver: Soziale Arbeit in Totalen Institutionen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2026. 1. Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-8487-8710-4. 64,00 EUR.
Drogenkonsum in Geschichte und Gesellschaft .
Thema
Mit Soziale Arbeit in Totalen Institutionen legen Larissa Steimle und Heino Stöver, unter Mitarbeit von Ulla-Britt Klankwarth, eine fachlich breit angelegte Einführung in ein sozialarbeiterisches Handlungsfeld vor, in dem professionelle Hilfe unter besonders ausgeprägten Bedingungen von Zwang, Hierarchie und Kontrolle stattfindet. Im Mittelpunkt stehen der Strafvollzug, der Jugendstrafvollzug und der Maßregelvollzug. Diese Einrichtungen werden mithilfe des von Erving Goffman geprägten Begriffs der Totalen Institution analysiert, ohne dass die Autor:innen dessen historische Beschreibung unkritisch auf gegenwärtige Verhältnisse übertragen.
Die leitende Frage des Buches lautet, wie Soziale Arbeit in Organisationen professionell handeln kann, die den Alltag ihrer Bewohner:innen weitgehend reglementieren, ihre Kontakte zur Außenwelt begrenzen und individuelle Handlungsspielräume erheblich einschränken. Damit rückt ein grundlegendes professionsethisches Problem in den Vordergrund: Sozialarbeiter:innen sollen Menschen unterstützen, Autonomie fördern und soziale Teilhabe ermöglichen, sind zugleich jedoch in institutionelle Sicherheits-, Kontroll‑ und Prognoseaufträge eingebunden.
Das Buch behandelt dieses Spannungsverhältnis nicht als gelegentliche Störung, sondern als konstitutive Bedingung des Arbeitsfeldes. Damit richtet es den Blick auf eine Profession, deren fachliche Qualität sich gerade darin bewähren muss, widersprüchliche Aufträge wahrzunehmen, zu begründen und gegenüber allen Beteiligten transparent zu bearbeiten. Zugleich geht es um die Frage, welche theoretischen Grundlagen, methodischen Kompetenzen und reflexiven Haltungen Fachkräfte benötigen.
Die Autor:innen verbinden institutionensoziologische Analyse, kriminologisches Wissen, Theorien Sozialer Arbeit, methodische Konzepte und zielgruppenspezifische Perspektiven. Besondere Aufmerksamkeit gilt Menschen, die innerhalb des Vollzugssystems zusätzlichen strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind, darunter Frauen, LGBTIQ*-Personen, Mütter, drogenkonsumierende und ältere Menschen sowie Personen mit Migrationshintergrund.
Adressiert werden vor allem Studierende und Berufseinsteiger:innen, aber auch erfahrene Praktiker:innen, die ihr Handeln systematisch reflektieren möchten. Das Werk versteht sich ausdrücklich als einführender Überblick und nicht als enzyklopädische Gesamtdarstellung. Sein Anspruch besteht darin, kritische Institutionenanalyse mit handlungsorientierter Professionalität zu verbinden: Die problematischen Strukturen Totaler Institutionen sollen weder verharmlost noch zum Anlass genommen werden, die dort lebenden Menschen professionell im Stich zu lassen.
Aufbau und Inhalt
Der Band wird durch ein Grußwort von Heinz Cornel eröffnet, der die besondere Relevanz einer Sozialen Arbeit hervorhebt, die das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle kritisch analysiert und dennoch den Weg in die Praxis nicht scheut. Die Einleitung präzisiert diesen Anspruch. Ausgehend von der Unterscheidung lebensweltunterstützender, lebensweltergänzender und lebensweltersetzender Arbeitsfelder wird der Vollzug als Bereich charakterisiert, in dem professionelle Interventionen tief in den Alltag der Klient:innen eingreifen.
Die Autor:innen benennen die Arbeit mit schwer erreichbaren Adressat:innen, institutionelle Machtasymmetrien, bürokratische Anforderungen und die Schwierigkeit einer tragfähigen Beziehungsgestaltung als zentrale Herausforderungen. Sechs aufeinander aufbauende Kapitel führen von der institutionentheoretischen Grundlegung über Arbeitsfelder, Theorien und Methoden bis zu besonderen Zielgruppen und Praxisinterviews.
Das erste Kapitel rekonstruiert ausführlich Erving Goffmans Konzept der Totalen Institution. Dessen Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass in solchen Einrichtungen die üblicherweise getrennten Lebensbereiche des Schlafens, Arbeitens und der Freizeit an einem Ort und unter einer zentralen Autorität zusammenfallen. Isolation von der Außenwelt, ein strikt geregelter Tagesablauf, standardisierte Routinen, asymmetrische Informationsverhältnisse und eine ausgeprägte Trennung zwischen Insass:innen und Personal prägen die institutionelle Ordnung.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den von Goffman beschriebenen „Angriffen auf das Selbst“: Aufnahmeprozeduren, der Verlust persönlicher Gegenstände und Rollen, Demütigungen sowie ein Privilegiensystem können die bisherige Identität beschädigen und Anpassung erzwingen. Primäre und sekundäre Anpassungen erscheinen dabei als Strategien, mit denen Betroffene institutionelle Erwartungen erfüllen oder sich begrenzte autonome Räume erhalten.
Verdienstvoll ist, dass das Kapitel die Rezeption des Konzepts nicht ausspart. Thematisiert werden seine begriffliche Weite, die geringe Trennschärfe zwischen unterschiedlichen Einrichtungstypen, methodische Schwächen der ursprünglichen Untersuchung, die einseitige Konzentration auf die Perspektive der Insass:innen sowie die historische Veränderung von Psychiatrien und Gefängnissen. Moderne Vollzugseinrichtungen sind durchlässiger, stärker mit externen Diensten vernetzt und nicht in jeder Hinsicht mit den von Goffman beschriebenen Anstalten vergleichbar.
Dennoch halten die Autor:innen an dem Konzept als kritischem Referenzrahmen fest. Es schärfe den Blick für Macht‑ und Kontrollmechanismen und verpflichte die Soziale Arbeit dazu, das subjektive Erleben der Klient:innen ernst zu nehmen. Ergänzende Reflexionsfragen regen dazu an, unnötige Kontrolle zu identifizieren, Beteiligungsmöglichkeiten zu erweitern und vermeintlich abweichendes Verhalten als möglichen Versuch der Selbstbehauptung zu verstehen.
Anschließend werden Strafvollzug, Jugendstrafvollzug und Maßregelvollzug historisch, rechtlich und organisatorisch vorgestellt. Die Darstellung reicht von der Entwicklung der Freiheitsstrafe und den frühen Zucht‑ und Arbeitshäusern bis zum heutigen Resozialisierungsauftrag. Für den Erwachsenenstrafvollzug erläutern die Autor:innen Vollzugsziele, offene und geschlossene Formen, Gefangenenarbeit, gesundheitliche Belastungen und die Spannung zwischen Schutz der Allgemeinheit und Wiedereingliederung.
Im Abschnitt zum Jugendstrafvollzug werden Erziehungsgedanke, Entwicklungsbesonderheiten, Diversion und die möglichst zurückhaltende Anwendung freiheitsentziehender Sanktionen betont. Der Maßregelvollzug wird als psychiatrisch-therapeutisches System beschrieben, in dem Behandlung, Risikobeurteilung und Freiheitsentzug eng miteinander verbunden sind. So werden Gemeinsamkeiten Totaler Institutionen sichtbar, ohne die Unterschiede ihrer Rechtsgrundlagen, Zielsetzungen und Adressat:innen einzuebnen.
Das zweite Kapitel wendet sich unmittelbar der Sozialen Arbeit in diesen Feldern zu. Ausgangspunkt ist ein Verständnis der Profession, das Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und die Veränderung belastender gesellschaftlicher Verhältnisse miteinander verbindet. Die historische Darstellung zeigt, dass die heutige Straffälligenhilfe nicht geradlinig entstanden ist. Sie führt von religiös und philanthropisch geprägter Gefangenenfürsorge über erste Vereine, die Entwicklung öffentlicher Dienste und Reformansätze der Weimarer Republik bis zum nationalsozialistischen Bruch, zur Nachkriegszeit und zur Professionalisierung im Umfeld der Strafvollzugsreformen der 1960er‑ und 1970er-Jahre.
Auch die spätere Ernüchterung gegenüber Behandlungsideen sowie die erneute Profilierung durch Soziale Diagnostik, Dokumentation, Gruppenarbeit, Supervision und Case Management werden einbezogen. Vor diesem Hintergrund formulieren die Autor:innen drei Professionalitätsstandards. Erstens müssen Fachkräfte wissenschaftliches Regelwissen mit einem offenen, fallspezifischen Verstehen verbinden. Zweitens ist Soziale Arbeit zugleich auf die subjektive und die strukturelle Ebene gerichtet: Sie unterstützt einzelne Menschen, darf aber soziale Ungleichheit, institutionelle Bedingungen und gesellschaftliche Ausschließungsprozesse nicht individualisieren. Drittens erfordert das Feld dauerhafte Reflexivität, weil sich Widersprüche wie Hilfe und Kontrolle, Nähe und Distanz, Sicherheit und Freiheit oder Prognoseanspruch und Ungewissheit nicht endgültig auflösen lassen.
Die weiteren Abschnitte unterscheiden staatliche beziehungsweise justizielle Straffälligenhilfe, Freie Straffälligenhilfe und ergänzende soziale Dienste. Für den Sozialdienst im Strafvollzug werden Aufnahmegespräche, soziale Anamnese, Vollzugsplanung, Beratung, Krisenintervention, Stellungnahmen, Entlassungsvorbereitung und Vermittlung in Anschlussangebote beschrieben. Die Freie Straffälligenhilfe kann sich vergleichsweise unabhängig von justiziellen Zeit‑ und Kontrolllogiken an Wohnungs-, Schulden-, Arbeits-, Familien‑ oder Suchtproblemen orientieren. In der Bewährungshilfe verbinden sich Unterstützung und Überwachung besonders sichtbar. Für Maßregelvollzug und Jugendstraffälligenhilfe werden multiprofessionelle Zusammenarbeit, soziale Diagnostik, Netzwerkpflege, Risikoeinschätzung, Übergangsmanagement und die Vermeidung unnötiger Inhaftierung hervorgehoben.
Das dritte Kapitel bündelt ausgewählte theoretische Grundlagen. Ein Überblick über Kriminalitätstheorien stellt unter anderem Anomie‑ und Belastungsansätze, Kontroll-, Lern-, Subkultur-, Labeling-, Lebenslauf‑ und Rational-Choice-Perspektiven vor. Dabei warnen die Autor:innen vor monokausalen Erklärungen, schwachen Prognoseversprechen und einer unreflektierten Nutzung von Hellfelddaten. Es folgen Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch, Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch, Desistance-Ansätze und das Lebenslagenkonzept. Kriminalisiertes oder selbstschädigendes Verhalten wird dadurch nicht entschuldigt, aber in biografische, soziale und institutionelle Zusammenhänge eingeordnet.
Das abschließende Teilkapitel zum Verhältnis von Hilfe und Kontrolle greift das doppelte beziehungsweise dreifache Mandat auf und fordert transparente Rollenklärung, den Erhalt freiwilliger Entscheidungsspielräume sowie eine eigenständige professionelle Position gegenüber institutionellen Aufträgen. Die Auswahl verfolgt keinen Anspruch auf eine vollständige Theoriegeschichte, sondern soll ein verwendbares Regelwissen für die Fallarbeit bereitstellen. Besonders deutlich werden die Querverbindungen zwischen den Ansätzen:
Lebensweltorientierung mahnt zur Rekonstruktion des Alltags, Lebensbewältigung erklärt problematisches Verhalten als Versuch, Handlungsfähigkeit wiederzugewinnen, Desistance richtet den Blick auf Veränderungsprozesse und neue Identitäten, während das Lebenslagenkonzept materielle und soziale Möglichkeitsräume erfasst. Dadurch entsteht kein geschlossenes Erklärungsmodell, wohl aber ein mehrdimensionaler Bezugsrahmen, der vorschnelle Individualisierung und schematische Risikoklassifikation erschwert. Zugleich unterstützt diese Verbindung eine reflektierte Auswahl fallangemessener Interventionen im institutionellen Alltag.
Kapitel vier übersetzt diese Grundlagen in methodische Zugänge. Auf der Subjektebene werden Beziehungsgestaltung, Soziale Diagnostik und Case Management behandelt. Professionelle Beziehungen sollen trotz Zwangskontext verlässlich und transparent gestaltet werden. Diagnostische Instrumente dienen einem partizipativen, mehrperspektivischen Fallverstehen und dürfen das Gespräch nicht ersetzen. Case Management wird als koordinierter Prozess beschrieben, der gerade beim Übergang aus Haft in Freiheit Kontinuität herstellen kann. Auf der Strukturebene folgen soziale Netzwerkarbeit und das politische Mandat. Netzwerkarten und Visualisierungsinstrumente helfen, Beziehungen, Ressourcen und Belastungen sichtbar zu machen. Die politische Dimension Sozialer Arbeit wird aus Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit und dem Auftrag zur Veränderung ausschließender Verhältnisse begründet.
Das fünfte Kapitel differenziert Anforderungen für ausgewählte Gruppen. Einleitend stellen die Autor:innen klar, dass deren besonderer Unterstützungsbedarf nicht aus vermeintlichen Eigenschaften der Gruppen selbst folgt, sondern vor allem aus institutionellen Normalitätsannahmen, ungleichen Ressourcen und erhöhten Diskriminierungsrisiken. Diese Rahmung verhindert, dass Zielgruppensensibilität in eine Defizitbeschreibung umschlägt. Das Kapitel zeigt, wie ein am männlichen Normalfall ausgerichteter Vollzug Bedarfe von Frauen und Müttern verfehlt, wie binäre Unterbringungslogiken und eine hypermaskuline Anstaltskultur LGBTIQ*-Personen gefährden und wie abstinenzorientierte Kontrollpolitiken drogenkonsumierende Menschen zusätzlich belasten können.
Für diese Gruppe werden Substitution, Naloxon, Safer-Use-Angebote und weitere schadensmindernde Maßnahmen gefordert. Bei älteren Inhaftierten stehen Multimorbidität, Barrierefreiheit, Pflege, Palliativversorgung und schwierige Entlassungsperspektiven im Vordergrund. Der Abschnitt zu Personen mit Migrationshintergrund kritisiert verkürzte Kriminalitätsdebatten und plädiert für sprachlich zugängliche, diskriminierungskritische und traumasensible Angebote.
Den Abschluss bilden zwei ausführliche Interviews. Nathalie Römer beschreibt ihren Arbeitsalltag im Strafvollzug, von Aufnahme, Vollzugsplanung und Gruppenarbeit bis zu Krisen, Entlassungsvorbereitung und dem Konflikt zwischen Harm Reduction und institutioneller Abstinenzorientierung. Gernot Hahn erläutert die Soziale Arbeit in einer forensischen Nachsorgeambulanz, die Bedeutung multiprofessioneller Fallarbeit, von Risiko‑ und Schutzfaktoren sowie gesellschaftlicher Aufnahmebereitschaft. Beide Gespräche konkretisieren die zuvor entwickelten Spannungsfelder und zeigen, dass Resozialisierung nicht allein innerhalb der Institution, sondern nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gelingen kann.
Diskussion
Was lässt sich zu diesem Buch nun festhalten? Ist es lesenswert? Wenn ja, für wen? Und gibt es etwas zu kritisieren? Aus Sicht des Rezensenten sind zunächst einmal die folgenden Aspekte des Werkes positiv hervorzuheben:
Formal überwiegend gut gelungen: Was die Formalia anbelangt, ist der Band überwiegend gut gelungen. Die klare Sprache, Zwischenüberschriften, Tabellen und hervorgehobenen Merksätze erleichtern den Zugang zu einem rechtlich und theoretisch anspruchsvollen Gegenstand. Gelegentlich führt die starke didaktische Verdichtung allerdings dazu, dass kontroverse Debatten wie eindeutig geordnete Wissensbestände erscheinen. Eine stärkere Kennzeichnung offener Forschungsfragen hätte diesen Eindruck korrigiert, schmälert den hohen Informationsgehalt des Werkes aber nicht.
Einer klare Gesamtkomposition: Die größte Stärke des Buches liegt in seiner klaren Gesamtkonzeption. Die Kapitel stehen nicht unverbunden nebeneinander, sondern folgen einer nachvollziehbaren Bewegung von der Analyse der Institution über das professionelle Selbstverständnis hin zu Theorien, Methoden, Zielgruppen und praktischen Erfahrungen. Gerade für Studierende ist diese Dramaturgie hilfreich: Der Begriff der Totalen Institution bleibt keine abstrakte soziologische Kategorie, sondern wird schrittweise daraufhin befragt, was er für Wahrnehmung, Beziehungsgestaltung, Diagnostik, Fallsteuerung und politische Positionierung bedeutet. Tabellen, Merksätze und Reflexionsfragen strukturieren komplexe Inhalte, ohne den Text in ein bloßes Manual zu verwandeln.
Ein differenzierter Umgang mit Goffman: Besonders überzeugend ist der differenzierte Umgang mit Erving Goffman. Die Autor:innen verwenden dessen Konzept weder als zeitlose Tatsachenbeschreibung noch erklären sie es wegen historischer Veränderungen für erledigt. Sie benennen die problematische Zusammenfassung äußerst heterogener Einrichtungen, die begrenzte empirische Grundlage, die Vernachlässigung institutioneller Außenbeziehungen und die Veränderungen moderner Vollzugssysteme. Zugleich zeigen sie, warum die Kategorien Isolation, Rollenverlust, Privilegiensystem, Diskulturation und sekundäre Anpassung weiterhin analytisch produktiv sind.
Diese Balance schützt vor zwei verbreiteten Verkürzungen: vor einer dramatisierenden Gleichsetzung heutiger Anstalten mit den Einrichtungen der 1950er-Jahre ebenso wie vor der Annahme, Reformen hätten institutionelle Machtasymmetrien grundsätzlich beseitigt. Das Buch gewinnt zudem durch seine konsequente Verbindung von Subjekt‑ und Strukturebene. Probleme wie Wohnungslosigkeit, Überschuldung, Sucht, prekäre Erwerbsbiografien oder fehlende soziale Netze werden nicht ausschließlich als individuelle Defizite behandelt.
Die Autor:innen fragen nach gesellschaftlichen Ausschließungsprozessen, institutionellen Barrieren und den Bedingungen, unter denen Resozialisierung überhaupt möglich sein kann. Das ist für die Soziale Arbeit im Vollzug zentral, weil ein rein verhaltensorientierter Zugriff leicht dazu führt, Anpassungsleistungen von Inhaftierten zu verlangen, während der Arbeits‑ und Wohnungsmarkt, das Hilfesystem und die öffentliche Meinung kaum Aufnahmechancen eröffnen. Die wiederkehrende Betonung, Resozialisierung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bildet daher mehr als eine programmatische Schlussformel. Auch professionsethisch ist die Darstellung stark.
Adäquate Darstellung der Spannung von Hilfe und Kontrolle: Das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle wird im Buch weder durch eine rhetorische Berufung auf das Wohl der Klient:innen verdeckt noch in eine einfache Gegenüberstellung von „guter“ Sozialer Arbeit und „schlechter“ Institution aufgelöst. Sozialarbeiter:innen verfügen selbst über Definitions-, Informations‑ und Entscheidungsmacht. Berichte, Prognosen oder Einschätzungen können Lockerungen, Sanktionen und Entlassungsperspektiven beeinflussen. Das Werk fordert deshalb Transparenz, reflexive Rollenklärung und eine fachlich begründete Eigenständigkeit gegenüber justiziellen Erwartungen. Diese Position ist anspruchsvoll, weil sie Loyalität zur Organisation nicht mit professioneller Verantwortung gleichsetzt und zugleich anerkennt, dass Fachkräfte institutionelle Vorgaben nicht nach Belieben außer Kraft setzen können.
Die Kapitel zu Frauen, LGBTIQ*-Personen, Müttern, drogenkonsumierenden und älteren Menschen sowie Personen mit Migrationshintergrund zeigen anschaulich, dass formal gleiche Behandlung bestehende Ungleichheit reproduzieren kann. Besonders das Eintreten für Harm Reduction im Strafvollzug besitzt fachpolitische Schärfe. Die Forderung nach Substitution, Überdosierungsprävention, Naloxon, Safer-Use-Informationen und extern zugänglicher Beratung macht deutlich, dass Gesundheitsschutz nicht an Gefängnismauern enden darf. Ebenso wichtig ist die Kritik an binären Unterbringungsordnungen, Deadnaming, diskriminierenden Durchsuchungen und einem Schutzverständnis, das gefährdete Personen durch Isolation zusätzlich bestraft.
Praxisnahe Methodik: Die Auswahl und Darstellung der Methoden im Buch ist praxisnah und zugleich hinreichend vorsichtig. Soziale Diagnostik wird nicht als Etikettierungsverfahren missverstanden, sondern als dialogischer Prozess, der unterschiedliche Perspektiven, Ressourcen und Umweltbedingungen erschließen soll. Netzwerkarten, biografische Zeitlinien oder Instrumente zur Erfassung von Lebensqualität werden als Hilfsmittel und nicht als Ersatz für professionelles Fallverstehen präsentiert. Ähnliches gilt für Case Management: Standardisierte Prozessschritte sollen Verbindlichkeit und Kontinuität erzeugen, dürfen aber nicht zu einer technokratischen Verwaltung komplexer Lebenslagen führen. Gerade beim Übergang zwischen Haft, Maßregelvollzug, Bewährung, Suchthilfe, Wohnungsversorgung und Arbeitsintegration wird der Nutzen koordinierter Unterstützung plausibel.
Die beiden Interviews erhöhen die Anschaulichkeit erheblich. Nathalie Römer und Gernot Hahn sprechen über Zeitdruck, hohe Fallzahlen, Krisen, Sicherheitslogiken, Prognosedruck, psychische Erkrankungen, aufenthaltsrechtliche Unsicherheit und die begrenzte Bereitschaft gesellschaftlicher Institutionen, entlassene Menschen aufzunehmen. Dadurch erhält das Buch eine Erfahrungsdimension, die in rein systematischen Lehrwerken häufig fehlt. Beide Praktiker:innen vertreten eine kritisch-solidarische Position: Sie problematisieren Freiheitsentzug und Ausschließung, leiten daraus aber keinen professionellen Rückzug ab. Das überzeugt, weil ein Verlassen des Feldes die dort lebenden Menschen gerade jenen Akteur:innen überließe, deren primärer Auftrag nicht soziale Unterstützung ist.
Abbildung der föderalen Vielfalt: Eine weitere Stärke, zugleich aber auch eine praktische Herausforderung, liegt im Umgang mit der föderalen Vielfalt des deutschen Vollzugssystems. Der Band berücksichtigt unterschiedliche Rechtsgrundlagen und regionale Ausprägungen, macht jedoch keine systematische ländervergleichende Bestandsaufnahme. Für eine Einführung ist diese Begrenzung nachvollziehbar. Praktiker:innen hätten dennoch von tabellarischen Gegenüberstellungen profitiert, etwa zu Zuständigkeiten, Mutter-Kind-Plätzen, Angeboten des offenen Vollzugs, Substitutionspraxis oder sozialarbeiterischen Personalschlüsseln. Gerade weil institutionelle Handlungsmöglichkeiten erheblich vom Bundesland und von der einzelnen Anstalt abhängen, könnten solche Vergleiche verdeutlichen, welche Bedingungen rechtlich zwingend und welche organisatorisch veränderbar sind.
Neben diesen Stärken weist das Buch aus Sicht des Rezensenten jedoch auch einige Schwächen auf. Das sind die folgenden:
Eher geringe Evidenz: Die Praxisperspektive stützt sich lediglich auf zwei ausführliche Gespräche, deren Auswahl und Auswertung kaum methodisch erläutert werden. Die Interviews sind erkenntnisreich, bleiben aber notwendigerweise an konkrete Personen, Einrichtungen und regionale Rahmenbedingungen gebunden. Eine größere Vielfalt an Stimmen hätte die institutionellen Widersprüche noch deutlicher hervortreten lassen. Denkbar wären Fachkräfte aus Jugendvollzug, Freier Straffälligenhilfe oder Bewährungshilfe, Mitarbeitende anderer Berufsgruppen, Angehörige und insbesondere Menschen mit eigener Haft‑ oder Maßregelvollzugserfahrung gewesen. Gerade weil das Buch Goffmans Konzentration auf das subjektive Erleben würdigt, fällt das Fehlen direkter Adressat:innenperspektiven besonders auf.
Diese Leerstelle berührt auch den empirischen Status des Werkes. Es handelt sich im Kern um eine breit recherchierte, didaktisch aufbereitete Synthese, nicht um eine eigenständige empirische Untersuchung. Das ist angesichts des erklärten Einführungsanspruchs legitim, sollte bei der Einordnung aber deutlich bleiben. Zahlreiche Empfehlungen – etwa zur Beziehungsgestaltung, Beteiligung, Diagnostik oder politischen Interessenvertretung – sind fachlich plausibel und normativ gut begründet, werden jedoch nicht systematisch hinsichtlich ihrer Wirksamkeit unter verschiedenen Vollzugsbedingungen geprüft. Für ein Lehrbuch ist dies kein grundsätzlicher Mangel, für fortgeschrittene Leser:innen wäre eine stärkere Unterscheidung zwischen empirisch abgesicherten Befunden, professionellen Standards und begründeten Positionierungen dennoch hilfreich.
Eingeschränkte Reichweite des Titels: „Totale Institutionen“ bezeichnet bei Goffman eine breite Gruppe von Einrichtungen. Das Buch konzentriert sich hingegen nahezu vollständig auf Strafvollzug, Jugendstrafvollzug und Maßregelvollzug. Geschlossene Psychiatrien, militärische Einrichtungen, Abschiebungshaft, Lager, stationäre Pflege oder andere lebensweltersetzende Organisationen werden höchstens am Rand erwähnt. Die Fokussierung ist sachlich nachvollziehbar und ermöglicht überhaupt erst eine kohärente Darstellung. Der Titel weckt jedoch die Erwartung einer feldübergreifenden Theorie Sozialer Arbeit in Totalen Institutionen (was der Rezensent erwartet hatte), was der Band aber nicht erfüllt. Eine engere Titelwahl hätte den tatsächlichen Gegenstand präziser ausgewiesen.
Begrenzte Tiefe der Darlegungen: Mit der großen thematischen Breite geht außerdem eine unvermeidliche Begrenzung der Tiefe einher. Auf rund zweihundert Textseiten werden Institutionengeschichte, Strafrecht, Kriminologie, Professionstheorie, mehrere Theorien Sozialer Arbeit, Methoden, sechs Zielgruppen und zwei Praxisfelder behandelt. Die Kapitel vermitteln deshalb eher solide Orientierung als vertiefte Kontroversen. Der historische Abriss des Strafens nimmt vergleichsweise viel Raum ein, während organisationssoziologische Fragen jenseits Goffmans knapper bleiben. Eine stärkere Einbeziehung von Gefängnissoziologie, institutioneller Logik, informaler Ordnung, Organisationskultur und dem Verhältnis verschiedener Berufsgruppen hätte die Analyse der konkreten Organisationen vertieft.
Auch einige theoretische Perspektiven hätten das Profil des Buches erweitern können. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Disziplinierung und Überwachung, Restorative beziehungsweise Transformative Justice und Critical Race Theory wäre angesichts des Gegenstands naheliegend gewesen. Themen wie digitale Überwachung, algorithmische Risikoprognosen, Datenschutz, Personalmangel, emotionale Belastung und Gesundheit der Fachkräfte bleiben ebenfalls unterbelichtet. Die Autor:innen eröffnen am Ende des zweiten Interviews zwar den Blick auf Alternativen zu freiheitsentziehenden Systemen, doch eine systematische Diskussion institutioneller Alternativen hätte die kritische Stoßrichtung des Buches gestärkt.
Ambivalenz im Zielgruppenkapitel: Im 5. Kapitel, in dem besondere Zielgruppen in Totalen Institutionen beschrieben werden, erzeugt die notwendige Gliederung nach Personengruppen eine weitere Ambivalenz. Einerseits macht sie bislang vernachlässigte Bedarfe sichtbar. Andererseits droht ein additives statt intersektionales Verständnis von Verschiedenheit: Frauen, LGBTIQ*-Personen, Mütter, ältere Menschen, drogenkonsumierende Menschen und Personen mit Migrationshintergrund erscheinen in getrennten Abschnitten, obwohl sich Benachteiligungen überschneiden.
Die Situation einer älteren trans Frau mit unsicherem Aufenthaltsstatus und Substanzkonsum lässt sich nicht durch das bloße Zusammenfügen einzelner Kategorien erfassen. Eine explizite intersektionale Klammer hätte zeigen können, wie Geschlecht, Klasse, Rassifizierung, Gesundheit, Alter, Sexualität und rechtlicher Status institutionell zusammenwirken. Positiv ist allerdings, dass die Autor:innen die Gruppen nicht essentialisieren wollen, sondern ihre besondere Aufmerksamkeit ausdrücklich aus struktureller Benachteiligung ableiten.
Gute Beziehung unter Zwang: Diskussionswürdig ist schließlich die Aussage, eine gute professionelle Beziehung sei auch im Zwangskontext möglich. Das Buch begründet überzeugend, dass Klarheit, Verlässlichkeit, Respekt und Transparenz selbst unter Kontrollbedingungen bedeutsam sind. Zugleich können solche Qualitäten den Zwang aber nicht neutralisieren. Wo Gesprächsinhalte in Berichte einfließen, Prognosen Lockerungen beeinflussen und die Ablehnung von Kooperation negative Folgen haben kann, bleibt Freiwilligkeit strukturell begrenzt. Hier hätte noch schärfer zwischen einer unter Zwang möglichst fair gestalteten Arbeitsbeziehung und einer tatsächlich frei vereinbarten Hilfeleistung unterschieden werden können (lesenswert ist diesbezüglich das 2007 erschienene Buch Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? von Marie Luise Conen und Gianfranco Cecchin. Eine Rezension dazu findet sich hier).
Insgesamt ein nützliches, lesenswertes Buch: Ungeachtet dieser Einwände ist das Werk fachlich zuverlässig, sprachlich zugänglich und didaktisch sehr brauchbar. Es vermeidet sowohl einen naiven Resozialisierungsoptimismus als auch eine pauschale Delegitimierung jeder professionellen Tätigkeit im Vollzug. Die Autor:innen weisen auf die begrenzte Erklärungskraft von Kriminalitätstheorien, die Unsicherheit von Prognosen und die nicht vollständig auflösbaren Widersprüche Sozialer Arbeit hin. Gerade diese Zurückhaltung erhöht die Glaubwürdigkeit. Hinzu kommt die aktuelle und interdisziplinäre Literaturbasis, die rechtliche, kriminologische, sozialarbeitswissenschaftliche und gesundheitspolitische Quellen zusammenführt.
Für Bachelorstudiengänge, Fortbildungen und den Einstieg in die Straffälligenhilfe ist der Band deshalb besonders geeignet. Lehrende können einzelne Kapitel zu Institutionentheorie, doppeltem Mandat, Sozialer Diagnostik, Desistance oder zielgruppensensibler Praxis separat einsetzen. Praktiker:innen erhalten Anregungen zur Reflexion ihrer institutionellen Rolle. Dass die Publikation als Open-Access-Ausgabe zugänglich ist, erhöht ihren praktischen und hochschuldidaktischen Nutzen erheblich. Summa summarum lässt sich festhalten, dass das Buch seinen selbst gesetzten Anspruch als strukturierte Kartierung eines anspruchsvollen Feldes sowie als Plädoyer für eine menschenrechtsorientierte, institutionenkritische und dennoch handlungsfähige Soziale Arbeit in hohem Maße erfüllt.
Fazit
Das Buch ist eine sehr empfehlenswerte, menschenrechtsorientierte Einführung, die Theorie und Praxis überzeugend verbindet. Seine Breite eröffnet das Feld, ersetzt aber weder vertiefte Spezialliteratur noch empirische Stimmen der Betroffenen selbst.
Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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