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Laura-Solmaz Litschel: Digitalisierte Nachtarbeit

Rezensiert von Dr. Maik Eimertenbrink, 21.08.2026

Cover Laura-Solmaz Litschel: Digitalisierte Nachtarbeit ISBN 978-3-7799-9213-4

Laura-Solmaz Litschel: Digitalisierte Nachtarbeit. Gig Work und Migration in der Smart City Berlin. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 228 Seiten. ISBN 978-3-7799-9213-4. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel.

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Thema

Durch die Nacht mit der Autorin und Wissenschaftlerin Laura-Solmaz Litschel: Auf sogenannten Nightwalks spaziert sie durch das nächtliche Berlin – mal angeleitet vom Smartphone, mal einfach der Nase nach. Sie erforscht das berufliche Treiben in der Nacht, besucht „Unorte“, sammelt Geschichten, interviewt Nachtgestalten und analysiert die Transformation des nächtlichen Stadtraums. Nebenbei wirft sie einen Blick auf digitale Heimarbeit und die Vermischung von Arbeit und Erholung am gleichen Ort: das heimische Bett.

Litschel beleuchtet die Nacht als digital vermittelten Raum des 24/7-Kapitalismus und zeigt u.a. auf, wie Algorithmen, mobile Endgeräte und urbane Räume in den späten Stunden zu einem Gefüge prekärer Arbeits‑ und Lebensbedingungen verschmelzen.

Sie liefert einen nächtlichen Blick auf die moderne Arbeitssoziologie im Rahmen eines Public Anthropology Ansatzes und integriert aktuelle Debatten aus den Sozial‑ und Kulturwissenschaften, der Europäischen Ethnologie, der Stadtforschung, der Kultur‑ und Sozialgeografie sowie der Migrationsforschung.

Neben dichten Beschreibungen nutzt die Autorin teilnehmende Beobachtungen, Expert*inneninterviews, Mapping von Arbeitsorten und den Besuch von öffentlichen Roundtables mit Gig-Workern und Aktivist*innen sowie viele andere Ideen, um sich dem Forschungsfeld zu nähern.

Autor:in

Laura-Solmaz Litschel ist u.a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für Migrationsforschung und am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität zu Berlin tätig.

Entstehungshintergrund

Die Publikation „Digitalisierte Nachtarbeit“ entstand im Zusammenhang mit dem Projekt „Night spaces: migration, culture and IntegraTion in Europe (NITE)“, an dem sie beteiligt war. Die Publikation ist gleichzeitig ihre Promotion.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel auf 206 Seiten plus Anhang. Im ersten Kapitel wird in Digitale Nachtarbeit als Phänomen eingeführt. Im zweiten Kapitel geht es bereits ins Feld. Beschrieben wird der Feldeinstieg, Beobachtungen im Feld und die Auswertung der Interviews.

Die Kapitel 3 bis 5 benennt Litschel jeweils „Wartung“. Das Kapitel 3 betrifft die Wartung des Menschen als humane Ressource, der in der Nacht fit gemacht und gewartet wird für den darauffolgenden Tag. Das Kapitel 4, die Wartung der Maschinen, behandelt die Maschine, den E-Scooter, der nachts gewartet wird für den Arbeitseinsatz am Tag danach. Das Kapitel 5, die Wartung der Algorithmen, behandelt das „Klicken vom Bett aus“, also digitale Arbeit im Privatraum.

Die Publikation schließt im Kapitel 6 mit einem Resümee. Litschel beschreibt, zusammenfassend und als Fazit, wie es sich denn so lebt, schlaflos im Plattform-Urbanismus.

Inhalt

Alles beginnt mit einem Feldtagebuch. Die Forscherin streift abends und nachts durch Berlin, schaut sich das „Zusammenspiel von Stadt, Nacht und appgesteuerter Arbeit“ an (S. 19), sitzt im öffentlichen Raum, an Plätzen, Bushaltestelle und Kiosken („Spätis“) und fährt mit E-Scootern durch die Berliner Stadtnacht. Sie schaut sich alles an, was die Nacht zu bieten hat, und stellt dabei Zusammenhänge zu appgesteuerter Arbeit her: von Lagertüren, die sich per App öffnen lassen bis zur app-gesteuerten Buchung eines Zeitslots oder eines Ubertaxis. Die Autorin lässt sich dabei nicht von der „Magie“ einer „Smart City“ blenden, sondern weiß genau, dass die Stadt nur so „smart“ sein kann, wie die Personen, die die oft niedrigschwellige Arbeit dahinter verrichten.

Sie beschreibt Situationen, die interessante Einblicke in die digitalisierte Nachtarbeit in Berlin zulassen. So schreibt sie von einer Beobachtung im Sommer 2020 um Mitternacht in Berlin-Moabit: „(…) nun, mitten in Moabit, stoppt plötzlich ein weißer Lieferwagen vor uns. Er hat ein polnisches Kennzeichen. In seinem Laderaum leuchtet es rot. (…) Das rote Licht (…) hilft (…) Juicer, so werden die Arbeiter*innen bezeichnet, die E-Scooter aufladen, nachts zu erkennen. Wir bleiben stehen und beobachten folgende Szene: Die Seitentür des Wagens geht auf und ein Mann springt heraus. (…) (E)r steuert auf einen E-Scooter am Straßenrand zu und lädt ihn in den Wagen. Kurz zögert er und läuft dann anschließend auf den naheliegenden Mülleimer zu. Er leuchtet mit einer Taschenlampe hinein und zieht einige Pfandflaschen heraus. Dann steigt er zurück in den Wagen und das Auto verschwindet in die Dunkelheit der Nacht“ (S. 34).

Die Autorin vermittelt ein Gefühl von digitaler Nachtarbeit in der Großstadt, lässt eigene Schlussfolgerungen zu und vermittelt theoretisches Hintergrundwissen, ordnet ein, stellt Zusammenhänge her. Es geht um prekäre Arbeit, um die scheinbare Notwendigkeit des Pfandflaschensammelns als Zubrot, und um eine Veränderung von „typischer Arbeit“ aus den Nachbarländern auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Es geht Litschel darum, kleine Beobachtungen auf große Zusammenhänge auszuweiten. Beispielhaft sollen hier die Kapitel zum „Juicing“ näher betrachtet werden.

Die meisten E-Scooter-Verleihfirmen setzen auf freie Mitarbeiter*innen, die sie als sogenannte „Juicer“ einsetzten, also als „Safter“, als jemand der zuständig dafür ist, dass die E-Roller „Saft“, Strom, für den nächsten Tag bekommen. Um diesen Job auszuüben, muss man sich per App registrieren und ein Kleingewerbe anmelden. Man wird nach Stückzahl – also pro erfolgreich eingesammeltem, aufgeladenem und wieder positioniertem Roller bezahlt. Wo die E-Scooter abgestellt werden sollen, berechnet eine KI. Da Juicer selbstständig sind, müssen sie auch ihre eigenen Betriebskosten (wie Strom zum Laden, Sprit für das Auto/Transporter und Verschleiß) selbst tragen. Es gibt keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlten Urlaub.

Wer genießen kann, keinen unmittelbaren Chef zu haben (lässt man den Druck durch die auftraggebende Firma und die Ansagen der KI mal außen vor), wer die Nachtarbeit bevorzugt (kann in einer Metropole wie Berlin möglicherweise seinen Charme haben) und wer „Spiele“ mag (darauf geht Laura-Solmaz Litschel auf S. 128 im Kapitel 4.2.1. ein, wenn sie beschreibt, wie Plattformen für ihre Juicer mit virtuellen Kreditpunkten und Bestenlisten spielerische Anreize schaffen), wer gern „draußen“ arbeitet (sofern ein Lieferwagen und ein Ladekeller als „draußen“ bezeichnet werden kann) oder wer einfach keine andere Chance hat, der macht Gig-Work aller Art – und auch diese.

Im Schlusskapitel und Ausblick berichtet Litschel von zahlreichen Arbeitskämpfen im Umfeld von Plattform-Arbeiter*innen weltweit. Es scheint sich abzuzeichnen, oder zumindest möglich, dass sich die Arbeitsbedingungen in den genannten und auch in weiteren Gig-Work-Bereichen durch gewerkschaftlich organisierte Arbeit verbessern werden. Zu wünschen ist es ihnen.

Diskussion

Der Rezensent hat am 13.08.2026 um 12:39 Uhr in Gemini 3.5 Flash-Lite (optimiert für das Web) folgende Frage eingetippt: „Wie viel bekommt man als Juicer pro E-Scooter oder wie wird das bezahlt? Lohnt sich das noch, wenn man Strom zum Laden, Sprit für das Auto/Transporter und Verschleiß selbst tragen muss?“.

Die KI-generierte Antwort überrascht: „Ich kann keine Fragen zu diesem Thema beantworten, da es möglicherweise unangemessen oder nicht sicher für dich ist. Unterhalten wir uns über ein anderes Thema“. Unangemessen und nicht sicher für mich? Über Geld spricht man nicht und wenn es um Ausbeutung geht, schon lange nicht? Und wieso nicht sicher? Das wird langsam alles zu heikel.

Der Rezensent gibt „Juicer“ und „Ausbeutung“ in eine Suchmaschine ein. Es erscheint ein Artikel der taz mit dem Titel: „Rollendes Prekariat“. N-TV zeigte bereits 2019 eine Reportage mit dem Titel: „Zweifelhaftes Juicer-Modell“. Schließlich gelangt der Rezensent auf entsprechende Info-Webseiten zur Bezahlung. „Die Entlohnung für das Aufladen eines Scooters“ so steht geschrieben „liegt nach Firmenangaben von (…) bei 4 €“. Das Thema Bezahlung wird auf dieser Infoseite so zusammengefasst: „Der Juicer ist also kein Beruf wo du schnell reich werden kannst“.

Aber ums reich werden geht es bei diesen Arbeiten wohl auch nicht. Aber Strafe zahlen? Litschel führt auf S. 142 einen Strafkatalog an: „Einen kaputten Roller mitnehmen (25 Euro Strafe), Roller nicht mit Band markiert (25 Euro Strafe). Und wer weniger als 30 Roller einsammelt, bekommt 0 Euro“. Das berichtet zumindest ihr Interviewpartner Hussein (Pseudonym).

Ähnliche Einblicke vermittelt auch das Buch „Uberworked and Underpaid: How Workers Are Disrupting the Digital Economy“ von Trebor Scholz aus dem Jahr 2016. Das „Uber“ bezieht sich hier zwar auf das Wortspiel von Über‑ bzw. „Uber“-arbeitung als Uber-Fahrer*in“, kann aber in Bezug auf Litschels Buch auf die „Uberarbeitung“ desjenigen Digitalarbeiters (oder auch Digitalarbeiterin) angewendet werden, der (oder die) auf zahlreichen Foren über das Freiheitsgefühl von digitaler Arbeit im Van etc. berichten (teilweise gegen Bezahlung entsprechender Sponsor*innen). Litschel entzaubert auch hier und zeigt auf, wie digitale Home‑ (oder Van-)Office-Ausgebeutete „ubermüdet“ und nach einem möglicherweise anstrengenden Tag voller Care-Arbeit o.ä. vom Schlafplatz aus letzte digitale Überarbeitungen für einen Gig-Auftrag, einen kleinen, zeitlich befristeten Arbeitsauftrag, vornehmen.

Fazit

Das Buch überzeugt mit tiefen Einblicken in Szenen, die man sonst möglicherweise nicht kennenlernen würde. Janusz (Pseudonym) fasst (s)ein Lebensgefühl, aber letztendlich auch die Publikation von Litschel gut zusammen, wenn er sagt: „Wenn man müde ist und (…) rumfährt, dann ist es voll cool und witzig. Vor allem in Berlin, wo es überall Freaks gibt, (lacht) die nach dem Feiern unterwegs sind. Deshalb waren die Anfänge cool.“ Digitalisierte Nachtarbeit kann witzig und cool anfangen – wie es aber möglichweise nach der anfänglichen Euphorie weitergeht, zeichnet die Autorin Litschel interessant und gut aufbereitet nach.

Rezension von
Dr. Maik Eimertenbrink
Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
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Es gibt 9 Rezensionen von Maik Eimertenbrink.

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ISSN 2190-9245