Gabriele Mehling: »Komm, wir gehen ins Kino!«
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 17.08.2026
Gabriele Mehling: »Komm, wir gehen ins Kino!«. Das Kino als soziale und öffentliche Rezeptionssituation. Herbert von Halem Verlagsges. mbH & Co. KG (Köln) 2026. 424 Seiten. ISBN 978-3-86962-756-4. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Thema
Phantasie ist Auseinandersetzen mit dem Gestern, dem Heute und dem Morgen
Es ist die Lust und die Last, „ständig auf Unbekanntes zu stoßen, die Welt als nicht bekannte Zone fesselnd zu finden und daraus den Lebensimpuls… zu gewinnen“ [1]. Es sind die alltäglichen und besonderen Situationen, die sich real und visuell als Erlebnisse und Herausforderungen darstellen, bewältigt werden, gelingen oder misslingen. Der Mensch hat sich Gelegenheiten und Orte geschaffen, die Antworten ermöglichen auf Fragen, wie: „Was wäre, wenn…“, die nacherzählen „Was wahr“, und die vorausdenken: „Was sein wird“.
Entstehungshintergrund und Autorin
„Um ins Kino zu gehen, müssen die Menschen viel tun“. Es ist eine ressourcenaufwändige, aktive Handlung, die individuelles und soziales Denken und Tun erfordert. In dem rund 130 Jahren bestehenden Kino hat sich die Entwicklung vom Stumm‑ zum Tonfilm, von Schwarz-Weiß‑ zum Farbfilm, vom Kurz‑ zum Langfilm, von der Saal-Leinwand zum Breitwandkino, vom privat geführten Programmkino bis zum Filmpalast vollzogen. Es ist ein Ort der Information, der Kommunikation und der Emanzipation. Ein Kino wird aus verschiedenen Gründen besucht: Aus Interesse am Thema, aus „Hörensagen“, kulturbeflissen, selten aus Langeweile. Im Gegensatz zum individuellen Fernsehen zu Hause, ist der Kinobesuch auch ein sozialer Akt; man trifft sich mit anderen, davor und danach, und man spricht miteinander und über die Thematik: „Wird Film als Kunst codiert, bedeutet dies, dass es Wissen und Kriterien gibt, die tiefer reichen als das eigene subjektive Gefallen“.
Mit der Habilitationsschrift thematisiert, fokussiert und kritisiert die Kommunikationswissenschaftlerin von der Bamberger Otto-Friedrich-Universität, Gabriele Mehling, die historisch entstandenen, gegenwärtig aktualisierten und zukunftsorientierten sozialen Theorien und Praxen der Filmwissenschaft. Sie widerspricht der (gängigen) Auffassung, dass „die Ergebnisse der Filmrezeptionsforschung ( ) zwischen Kino und Fernsehen wechselseitig übertragbar (seien)“, wie dies Jürgen Wilke 1999 behauptete. Das Kinopublikum ist geprägt vom Ich‑ und Wir-Sein: „Der Kinobesuch ist eine soziale Handlung und ein Prozess“.
Aufbau und Inhalt
Die Autorin benutzt bei ihrer Forschungsarbeit die „Grounded Theorie Method“, mit der Gemeinschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit zusammen wirken. Im ersten Teil stellt sie die Frage, „was es heißt, ins Kino zu gehen“. Es sind Aspekte der Sozialität und des sozialen und gesellschaftlichen Wandels, die einerseits vermuten lassen, dass „Kino“ ein Abgesang (Kinosterben) ist, andererseits aber auch ein neuer kollektiver, (trans-)kultureller Aufschwung sein kann. Im zweiten Teil geht es um die Kinopublikumsforschung, die von den Anfängen der emanzipatorischen, innergesellschaftlichen Entwicklung bis zu den soziologischen, differenzierten, konsumtiven und „Mehrwert-Einstellungen“ reichen. Im dritten Teil diskutiert die Autorin „Daten zum Kinopublikum und zum Kinobesuch in Deutschland“. Im öffentlichen Auf und Ab der Kinobesuche – 1956 gingen in Deutschland rund 818 Millionen Besucher ins Kino, während es 2018 ca. 105 Millionen und 2024 86 Millionen waren – zeigen sich Präferenzen: An erster Stelle stehen Kinderfilme, gefolgt von Action-, Drama‑ und Komödienfilmen. Das vierte Kapitel schließt die Autorin mit einem Zwischenfazit. Sie stellt fest, dass die Frage: „Qu’est-ce que le cinéma?“ (André Bazin, 2009) immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet wird. Die Sozialität des Kinobesuchs lässt sich besser erläutern, wenn nicht individuelle, sondern soziale Einheiten betrachtet werden. In der qualitativen, soziologischen Forschung wird die „Grounded Theory Method“ (fünfter Teil) als Einzel-, Paar‑ und Gruppeninterviews eingesetzt. Die dabei ermittelten Daten stellt die Basis des jeweiligen Forschungsvorhabens dar. „Der produzierte Sinn weist über sich hinaus, er steht nicht als Wahrheit für sich, sondern fügt sich in einen Sinnkontext ein und schafft (neue) Verbildungen“. Der 6. Teil behandelt die „soziale Struktur des Kinobesuchs und der Filmrezeption im Kino“. Die Gründe¸ ob ein Kinobesuch allein oder in Gemeinschaft sinnvoll ist, filtert die Autorin in den Interviews heraus.
Diskussion
Die Frage – „Warum gehen wir (nicht) ins Kino?“ – ist eine jener individuellen und kollektiven Ansprüche an das Leben. Sie sinnvoll zu beantworten braucht es des humanen Denkens und Tuns. Es sind Rituale, geplante und zufällige Ereignisse, die den Kinobesuch (im Allgemeinen) zu einem sozialen, kommunikativen Akt machen: „Der Kinobesuch ( ) hat die Funktion der Vertiefung bestehender, wertgeschätzter sozialer Beziehungen“. Skizzen, Abbildungen und Tabellen ergänzen die schriftlichen Ausführungen. Das 30seitige Literaturverzeichnis gibt „den langen Marsch“ wieder, den die Autorin mit ihrer Diss-Arbeit vollzieht. Die audiovisuelle Kommunikation, wie sie sich im Kino vollzieht und gestaltet, ist Grundlage dafür.
Fazit
Die theatralen Fragen und Lichtbilder des Kinos bieten die „empirisch fundierte Deskription und Exploration der Sozialität des Kinobesuchs“ an. Es ist keine Arbeit, die „auf der Straße liegt“ und sich im Pool der üblichen, wissenschaftlichen Forschungen befindet; es ist ein mediales Konzentrat.
[1] Karl Heinz Bohrer (*2021), Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22496.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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