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Carsten Bünger, Christian Grabau et al. (Hrsg.): Sexualität und Bildung - gesellschafts­kritische Einsätze

Rezensiert von Ass. Prof.in Dr.in Sara Blumenthal, 20.08.2026

Cover Carsten Bünger, Christian Grabau et al. (Hrsg.): Sexualität und Bildung - gesellschafts­kritische Einsätze ISBN 978-3-7799-8595-2

Carsten Bünger, Christian Grabau, Kerstin Jergus, Marion Thuswald (Hrsg.): Sexualität und Bildung - gesellschaftskritische Einsätze. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2025. 330 Seiten. ISBN 978-3-7799-8595-2. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
Reihe: Jahrbuch für Pädagogik - 2025.

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Thema

Der deutschsprachige Diskurs um den Konnex von Sexualität und Bildung hat sich in den letzten Jahren zunehmend ausdifferenziert und an theoretischer Tiefe gewonnen. Mit dem „Jahrbuch für Pädagogik 2025: Sexualität und Bildung – Gesellschaftskritische Einsätze“ liegt ein qualitätsvoller, breitgefächerter Beitrag vor, dessen Themensetzung im Kontext aktueller Ent-Demokratisierungstendenzen zunehmend an Bedeutung gewinnt; eine Analyse des Themenkomplexes Sexualität mit Bezug auf die politische Sphäre.

Autor:in oder Herausgeber:in

Das interdisziplinäre Herausgeber:innen-Team besteht aus Carsten Bünger, Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildung und Gesellschaft an der Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd, Christian Grabau, Professor für das Lehrgebiet Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität Hagen, Kerstin Jergus, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg & Marion Thuswald, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie der bildenden Künsten in Wien.

Aufbau

Mit dem 330 Seiten starken „Jahrbuch für Pädagogik 2025: Sexualität und Bildung – Gesellschaftskritische Einsätze“ finden die Themenfelder Sexualität und Bildung als Gegenstände gesellschaftskritischer Pädagogik einen umfassenden Diskursraum. In Teil I werden Bildung, Sexualität und Geschlecht politisch kontextualisiert – von überladenen Sexualitätsnarrativen über Perspektiven einer post-heteronormativen Gesellschaft bis zu Schuldebatten in Australien und rechtem Aktivismus gegen informelle sexuelle Bildung in Österreich. In Teil II werden Spannungsfelder zwischen Emanzipation, Vulnerabilität und sexualisierter Gewalt beleuchtet und für eine erneuerte, kritisch-politische Sexualpädagogik plädiert. Die wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewaltverhältnisse wird diskutiert. Teil III ist medialen Bildungsräumen und digitalen Sexualkulturen, einschließlich der Rolle von Online-Plattformen und KI, den Ambivalenzen postdigitaler Interaktionen, Pornografiekompetenz und moralischen Aushandlungen in Fanfiction gewidmet. Im Teil IV werden historische, theologische und praxisnahe Zugänge zu Sexualerziehung – vom Diskurs um Onanie um 1900 über queer-theologische Impulse, Caring Masculinities und antidiskriminierende Ansätze bis zu einem responsiven Verständnis sexueller Bildung entfaltet. Der Band inkludiert außerdem einen Beitrag mit dem historischen Stichwort „Pädagogischer Eros“ sowie ein Jahresrückblick und Rezensionen. Der Band gedenkt dem pädagogischen Vordenker Heinz-Joachim Heydorn zu seinem 50. Todestag.

Inhalt

Das erste Kapitel „Bildung, Sexualität und Geschlecht – Politische Kontextualisierungen“ wird mit dem Beitrag „Überfrachtungen des Sexuellen. Sexualitätsnarrative in politischen Kontexten“ von Meike Sophia Baader und Sandra Koch eröffnet. Baader und Koch analysieren drei Narrative über Sexualität im politischen Kontext des 20. und 21. Jahrhunderts – die sexuelle Befreiung und Revolution der 1970er Jahre, sexuelle Freizügigkeit in der DDR und „Frühsexualisierung“ im Kontext neurechter Bewegungen und Positionierungen im 21. Jahrhundert.

Ausgehend von einer Einordnung des Sexuellen als Qualität, die etwa von Barbara Rendtorff, im Rückgriff auf psychoanalytische Theorietraditionen, mit Unbeherrschbarkeit, Unkontrollierbarkeit, Eigensinn und Begehren assoziiert wird, gehen die Autorinnen davon aus, „…dass den angesprochenen Narrativen in ihrer Verknappung und Vereindeutigung in den Diskursen ihrer Zeit die Funktion zukommt, ein komplexes, vielschichtiges Thema zu begrenzen, zu vereinfachen, zu domestizieren und einzuhegen und damit das Beunruhigende des Sexuellen in den Griff zu bekommen“ (S. 22).

Für die NS-Zeit arbeiten Baader und Koch mit Bezug auf eine Argumentationslinie Dagmar Herzogs heraus, dass sich die Sexualpolitik des NS als „heterosexuelle Liberalisierung“ charakterisieren lässt. Im NS-Regime wurden Jugendliche bspw. in der Jugendorganisation „Bund Deutscher Mädchen“ zu vorehelichem Geschlechtsverkehr aufgefordert, eine Strategie, um junge Menschen für das NS-Regime zu begeistern.

Das aktuelle Narrativ der Frühsexualisierung wird von den Autorinnen als historisch neuer Begriff und nun mehr verbreiteten konservativen und neurechten Kampfbegriff eingeordnet. Frühsexualisierung „…unterstellt, dass durch einen pädagogischen Umgang oder durch Aufklärungsmaterialien Kinder zuallererst zu sexuellen Wesen gemacht würden, statt sie in ihrer vermeintlich „natürlichen Unschuld“ zu belassen. Es ruft implizit das Gegennarrativ von der „kindlichen Unschuld“ auf, das die westliche Geschichte der Kindheit stark geprägt hat, christliche Elemente impliziert…“ (30). Entlang der Analyse der drei Narrative schließen Baader und Koch damit, dass in den Narrativen eine Deutung und Aufladung des Sexuellen vorgenommen wird, die zwar aus unterschiedlichen politischen Strömungen gedacht ist, jedoch gleichermaßen überfrachtet ist. Kritisch fragen sie danach, ob der aktuelle positive Blick der sexuellen Bildung, gedacht als ebenfalls reduktionistisches Narrativ „Sexualitätspositiv“ „…wirklich ausreichend für eine reflektierte Praxis der sexuellen Bildung ist. Wie werden dabei die Anderen und deren Alterität einbezogen und was ist mit der Reflexion von Ungleichheiten und Machtdifferenzen?“ (32).

In seinem Beitrag „Ausweitung der Kampfzone. Rechter Aktionismus gegen informelle sexuelle Bildung in Österreich“ diskutiert Paul M. Horntrich, wie die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) und die Identitäre Bewegung Österreichs (IBÖ) gegen Formen informeller sexueller Bildung vorgehen. Der Autor zeigt anhand von Beispielen zu Konstrukten und Strategien, wie „Frühsexualisierung“, „Globo-Homo“, Kritik an Pride-Paraden oder staatlichen Aufklärungskampagnen auf, wie rechte und rechtsextreme Gruppierungen Aufmerksamkeit für und affektive Bindung an ihre politischen Ziele erzeugen. Im Kern wird hierbei ein traditionalistisches Gesellschaftskonzept, beruhend auf einem heterosexuellen Geschlechterdualismus und dem Primat der heterosexuellen Kernfamilie, genutzt. Horntrich schließt mit Bezug auf Diskurse in Deutschland und den USA damit, „…dass sich auch die österreichische Rechte an diesem internationalen, anti-emanzipatorischen Diskurs beteiligt. Pädagogische Kontexte werden in Österreich, wie in vielen anderen Ländern, von (neu)rechten Akteuren als „Kampfplatz“ genutzt, um liberale Gesellschaftsentwürfe zu untergraben und den Boden für eigene, reaktionäre Sexual‑ und Geschlechterpolitiken zu bereiten“ (S. 75). Der Autor schlägt vor, rechten und rechtsextremen Aktionismus gegen sexuelle Bildung „…als Ringen um kulturelle Hegemonie…“ zu deuten (S. 76).

Anna Hartmann und Marco Kammholz widmen ihren Beitrag „Für eine neuerliche Revision der Sexualpädagogik – Unzeitgemäße Überlegungen zur Erneuerung einer gesellschaftskritischen Sexualpädagogik“ der Diskussion theoretischer Grundannahmen der gegenwärtigen Sexualpädagogik zu Lust‑ und Sexualitätsbejahung, zum Identitäts‑ und Vielfaltsdenken und zu sexueller Gesundheit und sexuellem Wohlbefinden aus einer lacanianisch-psychoanalytisch orientierten Subjekt‑ und Gesellschaftstheorie. Die Autor:innen argumentieren, dass der aktuelle deutschsprachige Diskurs um Sexualpädagogik in seinen unterschiedlichen Strömungen in seiner Zielsetzung auf Sexualfreundlichkeit, Lustbejahung, Vielfalt und Gesundheit homogen sei. Sie verweisen auf eine ausstehende, gesellschaftskritische Reflexion sexualpädagogischer Zielsetzungen. So problematisieren sie etwa im Bezug auf Forderungen nach einer selbstbestimmten Sexualität, „…dass der Mensch auf sein Begehren keinen selbstbewusst steuerbaren Zugriff hat. Die aktuelle gesellschaftliche Tendenz, alles möglich machen und in erlernbare Bausteine oder Module übersetzen zu wollen Zugang zum Sexuellen zustande bringen zu wollen, lässt diese dem Menschen innewohnte Grenze außer Acht und konfrontiert das Subjekt umgekehrt mit einem selbstzerstörerischen Regress sich selbst gegenüber“ (S. 99)

Diskussion

Benno Hafeneger beschreibt in seinem Beitrag „Wir wurden nicht gefragt – Jugend und Gesellschaft im Jahr 2024“ die Sozialisationsbedingungen heutiger Jugendlicher in Deutschland. Spaltungs‑ und Polarisierungstendenzen der Gesellschaft – insbesondere ideologischer und affektiver Art, betreffen auch die Generation heutiger Jugendlicher – und somit auch die Zielgruppen von Lehrveranstaltungen in akademischen Kontexten. Hieraus ergeben sich aus meiner Perspektive unter anderem Fragen nach unseren Aufgaben als Lehrende in Bezug auf die Gestaltung von Bildungsräumen mit und für Studierende, die sich mit rechten Diskurspositionen identifizieren? Wie gehen wir mit der Normativität pädagogischer Konzepte in einer pluralen Gesellschaft um, in der rechte Diskurse an Bedeutung gewinnen? Wie lässt sich Lehre zu Themen von Sexualität und Pädagogik unter den aktuellen Bedingungen so gestalten, dass Bildungsprozesse initiiert werden?

Für die wissenschaftliche Publikationspraxis ebenso wie für die Lehre stellt der Band ein reiches Tableau politischer Perspektiven auf das Verhältnis von Sexualität und Bildung bereit, das zur vertieften Reflexion anregt und zur Weiterentwicklung der eigenen Arbeit beiträgt.

Fazit

Das vorliegende „Jahrbuch für Pädagogik 2025: Sexualität und Bildung – Gesellschaftskritische Einsätze“ hält, was es verspricht. Mit einem kritischen Blick wird eine Vielzahl von Themen im Feld von Sexualität und Bildung diskutiert. Dieser Band enthält wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung des deutschsprachigen Diskurses und würde sicherlich auch auf interessierte Leser:innen im globalen Kontext stoßen. Eine Übersetzung ins Englische würde nicht nur die internationale Rezeption stärken, sondern auch weiterführende Anschlussdiskurse eröffnen.

Rezension von
Ass. Prof.in Dr.in Sara Blumenthal
Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Inklusionsforschung, Universität Klagenfurt
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Es gibt 2 Rezensionen von Sara Blumenthal.

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ISSN 2190-9245