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Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (Hrsg.): [...] Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen fördern

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 28.02.2006

Cover  Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (Hrsg.): [...] Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen fördern ISBN 978-3-938094-11-2

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (Hrsg.): Jung. Talentiert. Chancenreich? Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen fördern. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2005. ISBN 978-3-938094-11-2. 19,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Die gleichbleibend hohe Erwerbslosigkeit und die besonderen Schwierigkeiten für Jugendliche, einen geeigneten Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu erlangen, haben die Frage der "Beschäftigungsfähigkeit" dringlich gemacht. Durch Berufsorientierungs-, Trainings- und Beratungsprogramme sollen Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen und junge Erwachsene besser vorbereitet und "fit" gemacht werden für die veränderten Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt, die mehr Flexibilität, Risikobereitschaft und neue soziale Kompetenzen umfassen. Damit sollen ihre Chancen auf einen existenzsichernden Arbeitsplatz erhöht werden.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1992 einen Namen gemacht durch eine Reihe von innovativen Ansätzen, die vor allem Eigeninitiative, "Unternehmungslust" und Selbstverantwortung der Kinder und Jugendlichen stimulieren sollen. Lothar Späth, der Vorsitzende der Stiftung, charakterisiert im Vorwort des Buches das Stiftungskonzept mit den Worten: "Dort gibt es nicht die Kategorie Schule, die Kategorie Freizeit und Arbeit, sondern vernetztes Denken, das auf die Entwicklung von Kompetenzen, auf Kooperation und Austausch der Akteure zielt." Und Heike Kahl, die Leiterin der Stiftung, sieht deren besondere Aufgabe und unvermeidliches Wagnis darin, "Jugendliche auf eine Zukunft vorzubereiten, die noch niemand kennt. Es bedeutet zwangsläufig, dass Kinder, Jugendliche und ihre erwachsenen Begleiter(innen) sich auf unbestimmtes Terrain begeben. Umso wichtiger ist es auch, Kindern und Jugendlichen Gehör zu verschaffen, ihre Perspektiven einzubeziehen und sie teilhaben zu lassen." 

Inhaltsübersicht

Das Buch vermittelt einen Überblick über das facettenreiche Feld der Stiftungsarbeit. Mitarbeiterinnen der Stiftung stellen innovative Ansätze aus zentralen Programmen und Beispiele "guter Praxis" der DKJS vor, die wiederum ergänzt und teilweise auch hinterfragt werden durch Berichte aus externen Evaluationen. Der Sammelband ist in vier Kapitel unterteilt.

  1. Unter der Überschrift "Beschäftigungsfähigkeit, Jugend und Schlüsselerlebnisse" wird das von der DKJS vertretene Konzept von Beschäftigungsfähigkeit als "ein Moment von Lebenskompetenz" vorgestellt. Der Beitrag wird durch theoretische Überlegungen zu den Auswirkungen der Entstrukturierung der Jugendphase für die Chancen und Risiken des Berufseinstiegs und durch eine programmübergreifende Analyse von Schlüsselerlebnissen und Lernprozessen der an den Programmen beteiligten Jugendlichen ergänzt.
  2. Unter der Überschrift "Berufliche Orientierungsfähigkeit durch praktisches Handeln und Erproben" wird anschaulich vom Entstehungsprozess einer Schülerfirmaund den dabei zu überwindenden Schwierigkeiten erzählt, ein Projekt zur Berufsfrühorientierung in Mecklenburg-Vorpommern dargestellt und durch empirische Befunde und Perspektiven für die schulische und außerschulische Jugendbildung vervollständigt.
  3. Unter der Überschrift "Bildung durch Partizipation und Verantwortungsübernahme" werden so verschiedene Projekte wie Peer-Mediation an einer Berliner Oberschule, ein Modellversuch zur Programmevaluation mit Jugendlichen und die Projektarbeit mit einem Software-Programm (SCHOLA-21), das Praxiserfahrungen im Lehramtsstudium simuliert, vorgestellt und diskutiert. Das verbindende Element der Beiträge bildet die Frage, inwieweit Partizipationserfahrungen Kompetenzen vermitteln, die für den Berufseinstieg hilfreich sein können; sie wird im Wesentlichen bejaht. Hinzu kommt ein Beitrag, der danach fragt, ob ein Berufsfrühorientierungsprogramm in Ostdeutschland dazu beitragen konnte, die Abwanderung von Jugendlichen aus wenig chancenreichen Regionen zu verhindern. Nach den Ergebnissen der Evaluation scheint dies umso wahrscheinlicher zu sein, je mehr die Jugendlichen mit ihren Ideen sich einbringen und in ihrem Lebensumfeld etwas verändern können, wofür die Unterstützung erwachsener Begleiter/innen ebenso unumgänglich ist wie ein eigener Gestaltungsspielraum, der ihnen vor Ort zur Verfügung gestellt werden muss.
  4. Unter der Überschrift "Existenzgründung als Qualifikationsprozess und Zukunftsperspektive" werden zwei von der Stiftung initiierte Existenzgründerprogramme ("Enterprise MV - Junge Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit" und "Micropolis") für junge Erwachsene bis 27 Jahre vorgestellt und auf ihre Erfolgsaussichten hinterfragt. Beide Programme hatten eine relativ hohe Erfolgsquote, die bei Enterprise MV auf die Kombination aus finanzieller Hilfe (Banken geben üblicherweise dieser Zielgruppe keine Kredite), personenspezifischer Beratung und Qualifizierungsangeboten zurückgeführt wird. Bei der Evaluierung des Micropolis-Programms standen die mit der Existenzgründung verbundenen Lern- und Bildungsprozesse im Mittelpunkt. Dabei wurde deutlich, dass in allen Fällen zunächst ein Produkt oder eine Dienstleistung ge- oder erfunden wurde und dann erst die Idee entstand, es oder sie zu vermarkten; die entstandenen Produkt- oder Dienstleistungsideen standen, wenn sie mit Lernprozessen verbunden waren, in der Kontinuität früherer Lebensorientierungen, was der von der Entrepreneurship-Pädagogik (in Deutschland Günter Faltin) überwiegend vertretenen Auffassung widerspricht, dass Existenzgründungen dann Erfolg haben, wenn sich ihre Initiator/innen von Traditionsbindungen lösen und sozusagen ins kalte Wasser springen. 

Diskussion

Das von der DKJS vertretene Konzept von Beschäftigungsfähigkeit bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen dem Vertrauen in die Stärken und persönlichen Entwicklungspotentiale der Jugendlichen, die durch partizipativ angelegte Projekte gefördert werden, und der Anpassung an die neuen Strukturen und Anforderungen einer Arbeitswelt und eines Arbeitsmarktes, der die individuelle Initiative, Flexibilität und das "Selbstmanagement" der jugendlichen "Arbeitskraftunternehmer" (Voß/Pongratz) oder "unternehmerischen Einzelnen" (Blancke/Roth/Schmidt) auf Biegen und Brechen ausnutzt und in Bahnen lenkt, die in erster Linie für die Unternehmen profitabel sind. Die DKJS-Programme zur "Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit" nehmen insofern den "Leitbildwechsel von der aktiven zur aktivierenden Arbeitsmarktpolitik" vorweg, wie ihn schließlich die Hartz-Kommission 2002 verkündet hat, und setzen ihn bruchlos fort. In diesem Zusammenhang klingt es euphemistisch, wenn die DKJS den Anspruch erhebt, junge Menschen durch "praxisnahe und lebensweltorientierte" Ansätze, den Erwerb von "Schlüsselqualifikationen" und durch "Bildungsanlässe" zu befähigen, "ihre Zukunft selbst zu gestalten" (S. 22).

Damit stelle ich nicht die "stärkeorientierten" und "partizipativen" Grundgedanken und Programmelemente der Stiftung pauschal in Frage, sondern fordere dazu, mit den wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Kontexten, die die kapitalistische Wirtschaftsweise vorgibt und heute in vergleichsweise neuen Formen gestaltet, kritischer umzugehen und die Jugendlichen ebenso dazu zu motivieren und zu befähigen. Mit anderen Worten: Die Förderung von Beschäftigungsfähigkeit ist von politischer Bildung nicht zu trennen, die die Jugendlichen nicht nur im funktionalen Sinn "beschäftigungsfähiger", sondern auch als Subjekte urteils- und handlungsfähiger werden lässt. Dazu gehört meines Erachtens auch, dass die von der DKJS bevorzugten individualistischen Handlungsperspektiven hinterfragt und um solidarische Aspekte zumindest ergänzt werden. So wäre z.B. bei den Existenzgründungsprogrammen zu fragen, warum sie sich auf die Förderung einer Art Jugend-Ich-AGs kaprizieren, statt auch genossenschaftliche und solidarökonomische Ansätze ins Auge zu fassen.    

Fazit     

Das Buch gibt einen lesenswerten Einblick in die vielfältigen Programme der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit und sperrt sich durch die Verbindung von internen Praxisberichten und externen Evaluationen auch nicht einer kritischen Beurteilung. Um allerdings die gesellschaftspolitische Brisanz der diversen Programme in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen, sind Leserinnen und Leser gefordert, die bereit sind, sich über die Projektdarstellungen und Analysen hinaus mit der "schönen neuen Arbeitswelt" (Ulrich Beck) und der keineswegs immer menschenfreundlichen Dynamik der Arbeitsmärkte vertraut zu machen und kritisch auseinander zu setzen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 28.02.2006 zu: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (Hrsg.): Jung. Talentiert. Chancenreich? Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen fördern. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2005. ISBN 978-3-938094-11-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3487.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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