Peter Rudolph: Neue Leadership-Ansätze in der Pflege
Rezensiert von Dr. Michael Krisch, 31.08.2026
Peter Rudolph: Neue Leadership-Ansätze in der Pflege. Wie Sie Personalführung, Patienten- und Kundenmanagement erfolgreich umsetzen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 1. Auflage. 203 Seiten. ISBN 978-3-658-48359-3. 49,99 EUR.
Thema
Führung in der Pflege ist längst keine Aufgabe mehr, die sich auf Dienstplanung, Organisation und die Sicherstellung reibungsloser Abläufe reduzieren lässt. Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Digitalisierung, veränderte Erwartungen jüngerer Beschäftigtengenerationen und zunehmende wirtschaftliche Anforderungen haben das Aufgabenprofil von Führungskräften erheblich erweitert. Peter Rudolph greift diese Entwicklung in seinem Buch Neue Leadership-Ansätze in der Pflege auf und verbindet die Frage nach zeitgemäßer Führung mit Themen des Personalmanagements, der Personalentwicklung sowie des Patienten‑ und Kundenmanagements.
Damit trifft das Buch einen wichtigen Punkt. Führung wird in der Pflege zunehmend zu einer strategischen Ressource. Einrichtungen können auf viele der äußeren Rahmenbedingungen nur begrenzt Einfluss nehmen. Sehr wohl beeinflussen können sie jedoch, wie Menschen geführt, entwickelt und an die Organisation gebunden werden, wie Veränderungen umgesetzt werden und welche Kultur innerhalb einer Einrichtung entsteht. Rudolph versteht Führung entsprechend nicht allein als Funktion, sondern als Haltung und Gestaltungsaufgabe. Dies zieht sich als roter Faden durch das Buch. Im Schlusskapitel verdichtet er diesen Gedanken zu zehn Leadership-Prinzipien.
Autor
Prof. Dr. Peter Rudolph lehrt Gesundheitsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal und an der Dresden International University. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen insbesondere in der Personal‑ und Organisationsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft. Darüber hinaus verfügt er über langjährige Erfahrung als Berater, Trainer und Coach von Führungskräften im Gesundheitswesen.
Diese Verbindung von Wissenschaft, Lehre und Beratung prägt das Buch deutlich. Rudolph schreibt nicht ausschließlich aus der wissenschaftlichen Beobachterperspektive, sondern erkennbar mit Blick auf Situationen, in denen Führungskräfte im Versorgungsalltag tatsächlich handeln und entscheiden müssen.
Entstehungshintergrund
Ausgangspunkt des Buches ist ein Befund, den man aus Sicht des Pflegemanagements nur unterstreichen kann: Die Anforderungen an Führungskräfte haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Führungskräfte sollen den laufenden Betrieb gewährleisten und gleichzeitig Veränderungsprozesse gestalten, Mitarbeitende gewinnen und halten, Digitalisierung vorantreiben, unterschiedliche Generationen zusammenführen und nicht zuletzt die Qualität der Versorgung sicherstellen. Das Buch beschreibt diese neue Führungsrealität anschaulich anhand typischer Situationen aus Pflegeeinrichtungen.
Besonders relevant erscheint mir dabei die Verbindung von Führung und Personalmanagement. Gerade angesichts des Fachkräftemangels wird deutlich, dass Personalgewinnung allein das Problem nicht lösen kann. Mindestens ebenso wichtig sind gute Integration, systematisches Onboarding, Entwicklungsmöglichkeiten, eine tragfähige Führungskultur und damit letztlich die Fähigkeit, Mitarbeitende langfristig an eine Organisation zu binden. Rudolph greift diesen Zusammenhang konsequent auf.
Aufbau
Das Buch umfasst sieben Kapitel. Nach einer Einordnung der Veränderungen und Herausforderungen von Pflegeeinrichtungen widmet sich Rudolph zunächst dem Personalmanagement. Es folgen die Grundlagen von Führung und verschiedene Führungstheorien sowie ein umfangreiches Kapitel zur konkreten Gestaltung von Führungsprozessen. Weitere Kapitel behandeln das Patienten‑ und Kundenmanagement sowie die Personalentwicklung. Den Abschluss bilden zehn Leadership-Prinzipien für die Pflege.
Die thematische Spannweite ist beachtlich. Behandelt werden unter anderem Recruiting, Onboarding und Mitarbeiterbindung, transformationale, gesundheitsorientierte und agile Führung, Kommunikation und Motivation, Teamentwicklung und Konflikte, Resilienz, Patienten‑ und Kundenorientierung, Beschwerdemanagement sowie unterschiedliche Instrumente der Personalentwicklung. Hierzu zählen Mitarbeiter-, Förder-, Feedback‑ und Fehlzeitengespräche ebenso wie Coaching, Mentoring, Peer-Coaching und Wissensmanagement.
Die Kapitel sind dabei so angelegt, dass sie nicht zwingend vollständig nacheinander gelesen werden müssen. Wer beispielsweise vor einem schwierigen Mitarbeitergespräch steht, sich mit Teamentwicklung beschäftigt oder das eigene Onboarding überarbeiten möchte, kann gezielt einzelne Abschnitte heranziehen.
Inhalt
Eine Stärke des Buches liegt in der konsequenten Übersetzung allgemeiner Management‑ und Führungskonzepte in die Lebenswirklichkeit von Pflegeeinrichtungen. Rudolph beginnt nicht bei abstrakten Führungsmodellen, sondern bei den konkreten Herausforderungen der Branche.
Dazu gehört zunächst der Umgang mit einer zunehmend heterogenen Belegschaft. Der Generationenmix wird dabei nicht nur als mögliches Konfliktfeld beschrieben, sondern als Führungsaufgabe und Ressource verstanden. Mentoring, flexible Arbeitsmodelle und generationenübergreifende Teamentwicklung werden als Möglichkeiten aufgezeigt, unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen produktiv miteinander zu verbinden.
Auch die Digitalisierung wird folgerichtig als Führungsaufgabe betrachtet. Digitale Transformation erschöpft sich nicht in der Einführung neuer Technik. Führungskräfte müssen digitale Kompetenzen fördern, Veränderungen kommunikativ begleiten und Mitarbeitende frühzeitig beteiligen. Bemerkenswert ist, dass Rudolph dabei auch die ethische Dimension anspricht: Digitalisierung darf nicht zu einer Dehumanisierung der Pflege führen, sondern sollte Mitarbeitende entlasten und den Patientinnen und Patienten zugutekommen.
Besonders praxisnah ist das umfangreiche Kapitel über Kommunikation. Die bekannten Kommunikationsmodelle werden auf Führungssituationen in der Pflege übertragen und um konkrete Hinweise, Beispiele und Gesprächssituationen ergänzt. Rudolph zeigt etwa, wie Feedback konkret und entwicklungsorientiert formuliert werden kann und wie Führungskräfte Konflikte ansprechen können, ohne unnötig zu eskalieren.
Aus meiner Sicht als Hochschullehrer im Pflegemanagement ist außerdem die Verknüpfung von Leadership und Personalentwicklung hervorzuheben. Personalentwicklung erscheint hier nicht als nachgelagerte Aufgabe einer Personalabteilung, sondern als originäre Führungsaufgabe. Das zeigt sich besonders in den Abschnitten über Feedbackgespräche, Coaching, Mentoring und Peer-Coaching. Führungskräfte werden damit nicht nur als Entscheider, sondern auch als Entwickler ihrer Mitarbeitenden verstanden. Beim Coaching beispielsweise stehen Eigenverantwortung, Reflexion, aktives Zuhören, Fragetechniken und die gemeinsame Entwicklung von Lösungen im Mittelpunkt.
Interessant ist schließlich die Einbeziehung des Patienten‑ und Kundenmanagements. Rudolph erinnert damit daran, dass gute Führung nicht an der Grenze des eigenen Teams endet. Mitarbeiterorientierung, Versorgungsqualität und Patientenorientierung gehören zusammen. Dies ist gerade für das Pflegemanagement ein wichtiger Gedanke, weil Führungsqualität letztlich daran gemessen werden muss, welche Bedingungen sie für gute Versorgung schafft.
Diskussion
Das Buch überzeugt vor allem dort, wo es Orientierung gibt und den Transfer in die Führungspraxis erleichtert. Rudolph schreibt verständlich, arbeitet mit Beispielen und macht deutlich, was abstrakte Begriffe wie transformationale, agile oder gesundheitsorientierte Führung für den Alltag einer Pflegeeinrichtung bedeuten können.
Das ist zugleich eine Entscheidung über den Charakter des Buches. Wer eine primär pflegewissenschaftliche oder führungstheoretische Monografie mit ausführlicher Diskussion konkurrierender Forschungspositionen erwartet, wird an einigen Stellen eine stärkere theoretische Vertiefung vermissen. Die Stärke des Buches liegt weniger in der Entwicklung einer neuen Führungstheorie als in der Auswahl, Systematisierung und praxisbezogenen Anwendung vorhandener Ansätze.
Aus Sicht des Pflegemanagements hätte man einzelne Themen durchaus noch stärker vertiefen können. Das betrifft beispielsweise die strukturellen Bedingungen, unter denen Führung stattfindet. Führung kann ungünstige Personalausstattung, fehlende Ressourcen oder problematische Organisationsstrukturen nicht beliebig kompensieren. Gerade die aktuelle Diskussion über gute Führung sollte deshalb immer auch mit Fragen der Organisationsgestaltung, Professionalisierung und strukturellen Handlungsfähigkeit von Pflege verbunden werden.
Auch die digitale Transformation, insbesondere die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz, dürfte künftig noch deutlich größere Auswirkungen auf Führung, Kompetenzprofile und Arbeitsorganisation haben, als dies heute vollständig absehbar ist. Rudolph legt hierfür wichtige Grundlagen, eröffnet damit aber zugleich ein Themenfeld, das einer kontinuierlichen Weiterentwicklung bedarf.
Diese Punkte sprechen jedoch nicht gegen das Buch. Im Gegenteil, sie zeigen, wo es sinnvoll ergänzt werden kann. Für Studium und wissenschaftliche Weiterbildung würde ich die Lektüre deshalb mit vertiefender Literatur zu Pflegemanagement, Organisationsentwicklung, Professionalisierung und empirischer Führungsforschung kombinieren. Für die unmittelbare Führungspraxis wiederum liegt gerade in der bewussten Begrenzung auf verständliche Modelle und anwendbare Instrumente ein erheblicher Nutzen.
Besonders gelungen finde ich, dass Rudolph am Ende nicht den Eindruck erweckt, es gebe den einen richtigen Führungsstil. Seine zehn Leadership-Prinzipien verstehen Führung vielmehr als fortlaufenden Entwicklungsprozess. Werteorientierung, Patientenorientierung, generationenübergreifende Zusammenarbeit und lebenslanges Lernen gehören ausdrücklich dazu. Diese Perspektive entspricht meines Erachtens sehr gut den Anforderungen an heutige Führungskräfte in der Pflege: Führungskompetenz ist kein einmal erworbener Zustand, sondern muss unter veränderten Bedingungen immer wieder reflektiert und weiterentwickelt werden.
Das Buch ersetzt keine vertiefende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Führung, bietet aber einen gut strukturierten Werkzeugkasten für die Praxis und zahlreiche Anregungen zur Reflexion der eigenen Führungsrolle. Gerade für Führungskräfte, die Pflege nicht nur organisieren, sondern aktiv weiterentwickeln wollen, ist es eine empfehlenswerte Lektüre.
Fazit
Neue Leadership-Ansätze in der Pflege ist ein praxisnahes und gut zugängliches Buch für Führungskräfte in Pflege‑ und Gesundheitseinrichtungen sowie für Studierende des Pflege‑ und Gesundheitsmanagements. Besonders überzeugend ist die Verbindung von Führung, Personalmanagement, Personalentwicklung und Patientenorientierung.
Rezension von
Dr. Michael Krisch
Studiengangsleiter Pflegemanagement B.A. an der Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft
Mailformular
Es gibt 8 Rezensionen von Michael Krisch.





