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Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Empirische Forschung in der Psychoanalyse

Cover Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Empirische Forschung in der Psychoanalyse. Grundlagen - Anwendungen - Ergebnisse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2005. 376 Seiten. ISBN 978-3-89806-477-4. 36,00 EUR, CH: 62,00 sFr.

Reihe: Forschung psychosozial.
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Thema

Mit dem von Poscheschnik herausgegebenen und unter Beteiligung zahlreicher namhafter Wissenschaftler zustande gekommenen Werk liegt erneut in jüngerer Zeit eine Arbeit vor, die sich mit der Frage beschäftigt, wieweit psychoanalytische Thesen orthodox empirischer Forschung zugänglich sind, wieweit sie dies überhaupt sein sollen und welche Ergebnisse der empirische Zugang evtl. erbringen kann. Der behandelte Gegenstand reicht von theoretischen Erörterungen, wie Psychoanalyse überhaupt verifiziert werden kann, bis hin zu konkreten Ergebnissen etwa der Traumforschung, der Evaluation psychoanalytischer Therapie usw.

Inhalt

  • Methodisch gut aufgebaut beginnt der einleitende Artikel von Poscheschnik mit der prinzipiellen Frage empirischen Zugangs zur Psychoanalyse. Die sehr moderate Vorstellung des Autors ist etwa gut wiedergegeben in seinen Äußerungen, dass es wenig sinnvoll sei, "die Psychoanalyse, die eine ganze wissenschaftliche Disziplin umfasst (Theoriengebäude, Forschungsmethoden, Anwendungsgebiete, Scientific community, Profession, Kulturkritik), in ein Prokrustesbett eiserner Regeln zu pressen. Zum anderen gilt es der Vielfalt der von der Psychoanalyse untersuchten Sujets, die jeweils einer gegenstandsadäquaten Spezialisierung von epistemologischen und methodischen Strategien bedürfen, Rechnung zu tragen" (S. 39). Poscheschniks eher allgemein gehaltene Forderungen kann man damit auch durchaus unterstreichen: möglichst große Exaktheit psychoanalytischer Konzepte, Offenheit psychoanalytischer Theorien für Modifikationen, Reflexion des gesamten Forschungsprozesses in der Psychoanalyse, Bereitschaft zu intra- und interdisziplinärem Dialog, Adäquatheit, Triangulation und Transparenz des methodischen Vorgehens.
  • Der folgende Abschnitt von Gerd Rudolf beschäftigt sich mit der Sozialisation des Psychoanalytikers, mit dem spezifischen Zugang der Psychoanalyse zur Forschung, der immer auch die eigene Erfahrung in Rechnung stellt, und weist auf die Diskrepanz zwischen psychoanalytischem Selbstverständnis einerseits und Außensicht der Psychoanalyse andererseits hin. Ähnlich sieht die Stellungnahme von Siegfried Zepf im nächsten Absatz aus: "Anstatt die Psychotherapieforschung auf eine einheitswissenschaftliche nomologische Methodologie zu verpflichten, wären die Forscher gut beraten, wenn sie das Verhältnis von Theorie, Behandlungsmethode und -gegenstand einzelner Verfahren prüfen und daraus verfahrensspezifische Kriterien für die Durchführung empirischer Untersuchungen und die Evaluation der Ergebnisse entwickeln würden. Dann könnte sich ihnen auch erschließen, dass sich diese Behandlungen einer nomologischen Überprüfung schon aufgrund ihrer Besonderheit prinzipiell entziehen. Weil die qualitativen Forschungsansätze ohne epistemologische Selbstaufklärung geblieben sind und sich deshalb allesamt im Verhältnis von Gegenstand, Methode und Theorie verheddern, entzieht sich auch ihnen diese Besonderheit des psychoanalytischen Verfahrens" (S. 103). Zepf unterzieht hier auch Arbeiten von Kächele, die auf ihn wie eine "Mixtur aus kritischem Rationalismus, computergestützten Konstrukten und Nomologie" (S. 103) und solche von Leuzinger-Bohleber et al. als Mischung aus cognitive science, Tiefenhermeneutik und Nomologie (S. 103) einer deutlichen Kritik.
  • Im Mittelteil des Buches folgen nun eine Reihe von empirischen Untersuchungen, beginnend mit experimentellen Studien zur Freudschen Lehre von Widerstand und Verdrängung (Thomas Köhler). Untersuchungen zur Reaktion auf Stimuluswörter, auch zu Messungen der elektrischen Hautleitfähigkeit finden hier ebenso Beachtung wie eigene Untersuchungen des Autors zu Assoziationen und Erinnerungen. Beispielhaft für die Freud eher bestätigenden Ergebnisse sei kurz erwähnt: "Assoziationen, die eher als aversiv eingestuft wurden, zeigten bei ihrer Produktion eine längere Latenz (Indikator des Widerstands); hingegen unterschieden sie sich hinsichtlich der begleitenden physiologischen Erregung (SCR) im Mittel nicht von neutral oder positiv eingeschätzten Assoziationen. Wie schon oben angemerkt, ist dies aber auch nicht zu erwarten und ist als Befund für Freuds Theorie des Widerstands irrelevant. Weiter ergab sich, dass als negativ eingeschätzte Assoziationen leichter vergessen wurden; das war sowohl in der Gruppe der Fall, die zur unmittelbaren Reproduktion der Assoziationen aufgefordert wurde als auch in der anderen Gruppe, deren Erinnern erst nach einer Woche überprüft wurde. Diese Befunde wären auch nicht mit Walkers Aktionsverminderungs- Theorie zu erklären" (S. 118).
  • Tamara Fischmann und Wolfgang Leuschner wenden sich Laboruntersuchungen zum Traum zu. Insbesondere halten sie die Theorie der Tagesreste im Anschluss an Pötzls Untersuchungen und eigene Replikationen für nicht bestreitbar. Bezüglich der Wunscherfüllung im Traum vertreten sie eher die Auffassung, dass diese nicht widerlegt, aber auch schwer zu beweisen sei.
  • Eine spannende Kontroverse um die Bedeutung der Kleinkindforschung für die Psychoanalyse stellt der Abschnitt von Martin Dornes (Ist die Kleinkindforschung irrelevant für die Psychoanalyse?) im Folgenden dar. Durchaus beeindruckend, wenn auch nicht unbedingt zu teilen, scheint die Einstellung von Dornes zum wissenschaftlichen Vorgehen generell. Ein Zitat macht die Sicht der Dinge deutlich: "Wissenschaftliche Erkenntnisse sind meist schlechter als ihr Ruf. Sie sind oft strittiger Natur. Trotz seines hohen Ansehens ist wissenschaftliches Wissen fast immer anfechtbar" (S. 166, Zitat stammt von Stehr 2000). Allerdings ist sein Hinweis durchaus überlegenswert, dass vieles an wissenschaftlichen Publikationen die Folge von Macht, Konvention, Zeitgeist auf der einen Seite ist und eine Folge von Wahrheit auf der anderen Seite. Jeder, der beobachtet, wie sich wellenförmig manche Ergebnisse kumulieren, dann plötzlich restlos in der Versenkung verschwinden um 20 Jahre später erneut als große wissenschaftliche Errungenschaft gefeiert zu werden, kann ihm nur beipflichten. Arbeiten aus dem Bereich der Bindungstheorie (Kai von Klitzing) oder zur Entwicklungspsychopathologie (Peter Fonagy und MaryAufgrund guter empirischer Fundierung psychoanalytischer Theorie und Praxis kann die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse mittlerweile offensiv vertreten werden".


    Rezensent
    Prof. Dr. Arnold Langenmayr
    Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
    FB Bildungswissenschaften


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    Zitiervorschlag
    Arnold Langenmayr. Rezension vom 07.02.2006 zu: Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Empirische Forschung in der Psychoanalyse. Grundlagen - Anwendungen - Ergebnisse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2005. ISBN 978-3-89806-477-4. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3488.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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