Stephan Bundschuh, Marike Flömer et al.: Jugendliche Erinnerungspraktiken
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 21.09.2026
Stephan Bundschuh, Marike Flömer, Judith Hilgers, Timo Voßberg, Eren Yıldır Yetkin: Jugendliche Erinnerungspraktiken. Methodenplurale Forschung zur Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 241 Seiten. ISBN 978-3-8474-3077-3. D: 59,90 EUR, A: 61,60 EUR.
Thema
Thema des vorliegenden Bandes sind die unterschiedlichen Erinnerungspraktiken bei Jugendlichen.
AutorInnen
Prof. Dr. Stephan Bundschuh ist Professor im Fachbereich Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz und war verantwortlich für das Projekt ‚Partizipative Erinnerungspädagogik in Koblenz und Umgebung‘ (PEPIKUm). – M. A. Marike Flömer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt PEPIKUm. – Prof. Dr. Judith Hilgers lehrt und forscht verantwortlich für das Forschungsprojekt PEPIKUm. – M. A. Timo Voßberg ist Mitarbeiter am Projekt PEPIKUm und promoviert an der Bergischen Universität Wuppertal. – Dr. Eren Yildirim Yetkin leitet das Projekt PEPIKUm und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin.
Aufbau
Beginnend mit einem Abbildungs‑ und Tabellenverzeichnis und Transkriptionsnotationen folgt eine Einführung und dann folgende Kapitel: theoretischer und historischer Bezugsrahmen, methodenplurales Forschungsdesign, partizipative Forschung und Erinnerungsarbeit, Aushandlungsprozesse von Geschichte und Gegenwart und Erinnerungspraktiken, Methodenpluralität und Forschungsprozesse und Diskussion der Ergebnisse.
1. Einführung
Der Weg zum Interview wird beschrieben und der ‚plurale Umgang zur deutschen Geschichte‘. Die Jugendlichen sollten die Themen frei wählen können. Folgende Fragen sollten beantwortet werden: 1. Wie rekonstruieren sie politisch und sozial Vergangenes? 2. Welche Rolle spielen ein individuelles, familiäres, gruppenbedingtes Geschichtsverständnis? 3. Wie gestalten sie ihre Erinnerungspraxis heute? Ein weiteres Thema ist auch die partizipative Forschung im methodenpluralen Design.
2. Theoretischer und historischer Bezugsrahmen
Engagement wird als gesellschaftliche Partizipation (subjektorientiert und prozessoffen) in unterschiedlichen selbstverwalteten und non-formalen Organisationsformen auch in der Migrationsgesellschaft verstanden als Teilhabe an der Erinnerungskultur. Es werden Erinnerungslandschaften gesellschaftlich gestaltet, wobei sowohl Irritationen als auch Bereicherung durch die postkoloniale und postmigrantische Realität erfahren werden (z.B. Rassismus). Wie gestaltet sich die Partizipation in der pädagogischen Praxis, und welche Rolle spielen dabei Familiennarrative und intergenerationale Transmission?
3. Methodenplurales Forschungsdesign
Eine Einführung in ‚Methodenplurale Datenerhebung‘ beginnt mit einem Interview mit Expertinnen und partizipativ mit zwei über Jugendinitiativen ausgewählten Jugendgruppen. Aus den Ergebnissen wird ein Leitfaden für Interviews entwickelt mit Co‑ und Nicht-Co-Forschenden und es werden Gruppengespräche konzipiert und die partizipative Forschung mit zwei Jugendgruppen aus Jugendzentren fortgesetzt. Die Protokolle der Forschenden werden ausgewertet unter Berücksichtigung von digitalen Feldnotizen der Co-Forschenden.
Das Projekt beginnt mit der Suche nach interessierten Jugendlichen. Der prozessoffene partizipative Ansatz beinhaltet, dass weder Fragestellungen und Methoden, noch Ergebnisformen antizipiert wurden. Jugendliche wurden mit leitfadenstrukturierten Interviews befragt, um die subjektiven Bedeutungen und Auseinandersetzungen mit Geschichte und Erinnern zu erfahren. Das sehr komplexe Vorgehen entsprach der Komplexität der Themen ‚Erinnerungspraxis und kollektives Gedächtnis‘.
4. Partizipative Forschung zur Erinnerungsarbeit
Am Mikroprojekt der Pfadfinder:innen war die lebensweltliche Nähe eine Bedingung für die Forschung. Dazu gehörten Familiennarrative (Motivation und Herausforderung) und eine lokale Spurensuche. Reflektiert wurde nach einem Museumsbesuch das Verhältnis von projektorientierten partizipativen Prozessen (z.B. die Betroffenenperspektive) und politischer Bildung, speziell auch am Beispiel von Jugendlichen mit Fluchterfahrung und deutscher Geschichte. Insgesamt fanden vier Mikroprojekte statt: Zwei mit Jugendgruppen, die sich jugendpolitisch, z.B. in kommunalen Jugendvertretungen, engagierten, zwei weitere Gruppen kamen aus der offenen Jugendarbeit in enger Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern und mit unterschiedlichen Gruppenstrukturen; dabei spielten Flucht‑ und Migrationserfahrungen eine größere Rolle.
5. Aushandlungsprozesse von Geschichte und Gegenwart
Der Fokus liegt auf dem biographischen Erinnern im Sozialisationsprozess und dessen Rolle in der Identitätsbildung. Was formt die individuellen Selbstbilder und prägt das Denken und Handeln? Individuelles Erinnern bedeutet nicht nur Konfrontation mit sich selbst und der sozialen Umwelt, sondern auch Deutung. Ein differenziertes Geschichtsbild wurde beobachtet und spontane oder biographisch-familiär geprägte Zugänge zur Überlieferung. Die Jugendlichen waren politisch interessiert, sozial engagiert, fühlten sich aber oft nicht ernstgenommen. Ein spezielles Kapitel ist ihren Erfahrungen mit Diskriminierungen und Ausschlussmechanismen, und deren Bewältigungsstrategien gewidmet.
6. Erinnerungspraktiken, Methodenpluralität und Forschungsprozesse. Diskussion der Ergebnisse
Im ersten Unterkapitel wird das Themenfeld im Hinblick auf soziale Praktiken und eigene Erfahrungen behandelt: Die Verortung des Selbst im historischen und aktuellen Geschehen, das Lernen aus der Geschichte und die Bedeutung der familiären Biographie, den Folgen von Diskriminierungserfahrungen und eine Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse. In den Leitfadeninterviews geht es um die Deutungen und Erfahrungen, u.a. auch speziell unter Anerkennung der Missachtung und Ausgrenzung. Insgesamt handelt es sich um ein methodenplurales Setting und ein entsprechendes Design für partizipative Forschung. Am Schluss werden forschungsethische Fragen (Verantwortung der Forschenden, das Forschungsbündnis mit den Co-Forschenden) und partizipative Forschung zwischen Forschung und Bildung (Veränderungsprozesse, Bildungsmöglichkeiten, Mitbestimmung und Selbststeuerung) behandelt.
Diskussion
Das Konzept war, nicht manipulierte Ergebnisse zu erhalten, die infolgedessen auch sehr unterschiedlich und differenziert aussagekräftig ausgefallen sind – ein Vorteil dieser interdisziplinären und methodenpluralen Forschung, die umfangreich und ausführlich dargestellt wurde. Die Methode ist sicher interessant für alle, die sich wissenschaftlich mit Jugendforschung und Erinnerungspraktiken beschäftigen. Für Praktiker sind eher die Ergebnisse relevant und deren Interpretation. Der multiplurale Ansatz ermöglichte die Darstellung der unterschiedlichen Einflüsse aus Familie, Gesellschaft und persönlicher Erfahrung nicht nur in Bezug auf das, was und wie erinnert wie, sondern auch darauf, wie diese die Selbstwahrnehmung geprägt haben.
Das Buch ist nicht leicht zu lesen, weil die methodischen Überlegungen, die für Forscher interessant und wichtig sind, einen großen Raum einnehmen, z.B. die Abstimmung untereinander, die Anpassung an die unterschiedlichen Bedingungen, in denen die befragten Jugendlichen aufgewachsen und sozial verortet sind. Die Untersuchungen betrafen vor allem Jugendliche, die familiär und sozial gut vernetzt Prägungen in bestimmten Milieus erhalten haben, mit denen sie auch emotional verbunden sind. Davon partiell ausgenommen sind die negativen Erfahrungen von Ausgrenzung, Flucht und Migration. Der Zugang ging über die Betreuer, was die Auswahl eingrenzte, und über das soziale Engagement, das wahrscheinlich bereits geprägt war durch frühere und familiär übermittelte gute soziale Erfahrungen. Für Menschen, die in der Praxis mit Jugendlichen arbeiten, ist interessant, aus welchen vielfältigen und unterschiedlichen Quellen die Erinnerungen gespeist wurden.
Das sehr aufwendige Forschungsprojekt ermöglichte einerseits differenzierende Zugangsweisen, schränkte jedoch aufgrund der begrenzten Zahl der interviewten Jugendlichen und mit Fokus auf offene Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit Verallgemeinerungen aus. Dennoch schärfen die Ergebnisse den Blick für die Komplexität von Erinnerungspraktiken. Wer sich dafür interessiert, wird dieses Buch mit Gewinn lesen und auch einen differenzierten Blick auf Jugendliche entwickeln, die in einer Migrationsgesellschaft aufwachsen.
Was mir gefehlt hat, neben den berichteten fokussierten Teilen von Einzelinterviews, war ein lebendiges und sehr persönliches Bild für das Interesse der Teilnehmenden an diesem Forschungsprozess, der meist auf Vorschlag der Betreuer zustande kam, aber dennoch auch eine spezifische Eigenmotivation voraussetzte. Welche Vorstellungen und Wünsche motivierten die Jugendlichen: Selbstdarstellung, Neugier, eigenes oder fremdes (z.B. der Untersucher oder Betreuer) Interesse an der Teilnahme? Und lag der Fokus – mit Ausnahme von diskriminierenden Erfahrungen – zu sehr auf positiv prägende Erinnerungen, die auch im Bezugsrahmen des sozialen Umfeldes (z.B. Pfadfinder) und der Generationen eine Bedeutung haben, wenn man sich mit diesem sozialen Netz identifiziert – was nicht immer der Fall ist.
So bleibt für mich am Ende auch die Frage, wie wohl die Erinnerungspraktiken von weniger gut integrierten Jugendlichen in Deutschland aussehen. Es ist ein Erfolg dieser Veröffentlichung, dass sie diese und weitere Fragen aufwirft und dass die Forschungen fortgesetzt werden sollen.
Fazit
Ein interessanter Forschungsansatz und Ergebnisse, die zum Nachdenken anregen. Vor allem zu empfehlen für Leser, die nicht nur an den Ergebnissen, sondern auch an methodenpluraler Forschung interessiert sind.
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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