Dagmar Kasüschke, Diana Franke-Meyer et al. (Hrsg.): Internationale Zugänge zur Geschichte der Pädagogik der frühen Kindheit
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 27.08.2026
Dagmar Kasüschke, Diana Franke-Meyer, Rita Braches-Chyrek (Hrsg.): Internationale Zugänge zur Geschichte der Pädagogik der frühen Kindheit. Institution - Familie - Profession. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2025. 181 Seiten. ISBN 978-3-8474-3154-1. D: 53,00 EUR, A: 54,50 EUR.
Buchreihe Zugänge zur Geschichte der Pädagogik der frühen Kindheit - Band 3.
Familie – gesellschaftliche Keimzelle
„Familie ist eine besondere Lebensform generationsübergreifender Solidaritätsbeziehungen, die sich durch tektonische Verschiebungen im Privaten und gesellschaftliche Transformationsprozesse verändern“ (Schierbaum, u.a., 2023). Weil sich familiale Bildungs‑ und Bindungsprozesse immer schon verändert haben, ist es angezeigt, die aktuellen, globalen Entwicklungsprozesse in der frühkindlichen Pädagogik zu thematisieren. Auf die hierarchischen, patriarchalen Strukturen folgten freiheitliche, demokratische und menschenrechtliche Verläufe: „Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter haben ohne Beschränkung aufgrund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen“ (Menschenrechtsdeklaration von 1948, Art. 16) [1]. Es sind die grundlegenden, partnerschaftlichen, demokratischen und solidarischen Erkenntnisse, dass die frühe Kindheit im Dasein der Menschen eine besondere Bedeutung und Herausforderung darstellt [2]. Die bürgerliche Mutter-Kind-Beziehung erweiterte sich hin zum Kind-Vater‑ und Kind-Gesellschafts-Ideal. Zur Familie traten weitere soziale Formen des Zusammenlebens, des Sorgens und Pflegens, wie z.B. Kindertageseinrichtungen, Kitas, die nicht mehr halbtags, sondern ganztags wirken und auch Mittagessen anbieten. Das bedeutet auch, dass die Mütter nicht mehr nur am Herd stehen, sondern auch beruflich tätig sein können.
Aufbau und Herausgeberteam
Das traditionelle Kinderwohl und des Kinderschutzes in den Händen der Mütter und Eltern entwickelte sich zur gesellschaftlichen, politischen Aufgabe. Es ändern sich auch die Erziehungsauffassungen und ‑methoden [3], wenn auch (noch) nicht überall. Deshalb bedarf es im wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs des Blicks auf die globalen Zusammenhänge, Theorien und Praxen der frühkindlichen Bildung. Die Elementarpädagogin Dagmar Kasüschke von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd, die Erziehungswissenschaftlerin Diana Franke-Meyer von der Evangelischen Hochschule Bochum und die Sozialpädagogin Rita Braches-Chyrek von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg geben den Sammelband heraus.,
Aufbau und Inhalt
Der Sammelband wird in zwei Kapitel gegliedert: „Institutionen und Familie in der frühkindlichen Betreuung und Bildung (FBBE)“ und „Institution und Profession in der frühkindlichen Betreuung“. Neben der Einführung durch das Herausgeberteam setzen sich die Wissenschaftlerinnen mit der Thematik auseinander: Diana Franke-Meyer verweist mit dem Beitrag „Institutionen und Familie in der frühkindlichen Betreuung und Bildung (FBBE)“, indem sie auf den Einfluss der bürgerlichen Familiennorm auf die ausserfamiliale Kindertagesbetreuung im 19. Jahrhundert verweist. Sie nimmt den „Volkskindergarten“ im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus und zeigt Gestaltung, Vor‑ und Nachteile auf. Katharina Rösler von der Hochschule Campus Wien setzt sich mit dem Beitrag „Historische Aspekte des österreichischen Kindergartens zur Betrachtung des aktuellen Spannungsfelds von Erziehung, Bildung, Fürsorge und Institutionalisierung“ darauf, dass Kinderbetreuungseinrichtungen wie Krippe oder Kindergarten entscheidend davon bestimmt werden, welche räumlichen und inhaltlichen Konzepte praktiziert werden und wie professionelles Wirken stattfindet.
Dorena Caroli von der Universität Bologna informiert über „Die Geschichte der FBBE-Institutionen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Familie im Italien der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre“. Sie zeigt die professionalen, wissenschaftlichen Bemühungen auf, die es ermöglichen, den „Kindergarten als Dienstleistung für Kinder, für Familien und für die Stadt“ anzuerkennen.
Die tschechischen Wissenschaftlerinnen Jana Uhlirová und Barbara Loudová Stralczynská (beide nicht im Autorenverzeichnis aufgeführt) analysieren mit dem Beitrag „Die Beziehungen zwischen der Familie und den tschechischen Vorschuleinrichtungen im 20. Jahrhundert“. Sie verweisen darauf, dass es sich bei den vorschulischen Bildungs‑ und Erziehungseinrichtungen „um die Vorbereitung des Kindes auf das Leben“ geht.
Susanne Garvis und Anne Keary vom Griffith Institute for Educational Research setzen sich mit dem Beitrag „Veränderte Vorstellungen von Familie und frühkindlichen Einrichtungen in Australien“ auseinander. Sie informieren über den „Wandel im Laufe der Zeit anhand einer auto-ethnographischen Reflexion über zwei Generationen einer Familie“ und zeigen die vielfältigen individuellen, kollektiven und professionellen Veränderungen auf.
Die Erziehungswissenschaftlerin Katrin Macha von der Berliner Internationalen Akademie (INA) informiert mit dem Beitrag „Nicht länger nur Zuschauer“ über die Zusammenarbeit von Eltern und Pädagog*innen im Kindergarten.
Den zweiten Teil beginnen Roseanne Vallice Levy und Helge Wasmuth von der New Yorker Mercy University. Sie stellen die „Developementally Appropriate Practice“(DAP) vor: „Entwicklungsgerechte Praxis und seine Auswirkungen auf frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in den Vereinigten Staaten“. Die „National Association for the Education of Young Children (NAEYC)“ weist aus, dass „Lernen kein individualisierter Prozess ist, … sondern dass die Rolle von Kultur, Gemeinschaft und Beziehungen beim Lernen von Kindern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“.
Das Team Sena Öz, Müdriye Yildris Bicakci, Esra Beker, Figen Gürsoy und Neriman Aral informieren über „Vorschulerziehung und Familienbeteiligung in der Türkei“. Sie zeigen auf, wie sich die Entwicklung vollzieht und wie die Zusammenarbeit, z.B. mit der Universität Ankara, verläuft. Die Erziehungswissenschaftlerin Angéla Bajzáth von der Eözvös Loránd Universität thematisiert „Die Entwicklung der frühkindlichen Bildung in Ungarn mit Fokus auf die Zusammenarbeit mit Familien“. Die Verringerung der sozialen Ungleichheiten ist Ziel der staatlichen Maßnahmen. Dabei kommt der Aus‑ und Weiterbildung von Erzieher/innen eine besondere Bedeutung zu. Den Schlussbeitrag – „Zur Geschichte des Forschungsfeldes Kinderschutz“ – liefert die Sozialpädagogin von der Bamberger Otto-Friedrich-Universität-Es waren und sind die zeittypischen Wertvorstellungen und Wertentscheidungen, die vulnerable wie autonome Konzepte wirksam werden ließen oder sie verwarfen.
Diskussion
Die wissenschaftliche Geschichte der frühen Kindheit ist ein Feld, das gesellschaftliche Mentalitäten und alltägliche, ideelle und ideologische Entwicklungen einschließt. Die Familie als individuelle und kollektive „Keimzelle frühkindlicher Sozialisation“ ist vielfältigen Einflüssen ausgesetzt. Die gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Veränderungsprozesse bedingen, dass der Ausbau und die Weiterentwicklung einer demokratischen, freiheitlichen Familienpolitik sind bestimmt von einer rechtlichen Absicherung finanzieller Förder‑ und Unterstützungsmaßnahmen und dem Ausbau einer familienbezogenen Infrastruktur. Es ist der Blick über den nationalen Gartenzaun und die internationalen Verbindungen und Kooperationen, mit denen das Buch Aufmerksamkeit schafft.
Fazit
Der nationale und internationale Diskurs darüber, wie die An‑ und Herausforderungen zur humanen, menschenwürdigen Gestaltung und Entwicklung einer frühkindlichen Bildung und Erziehung bewältigt werden können, ist wissenschaftlicher Anspruch und Herausforderung.
[1] Dietmar Lange, Erziehung zur Vernunft, 2025, www.socialnet.de/rezensionen/33590.php
[2] Petra Völkel/Anne Wihstutz, Hrsg., Erziehungs‑ und Bildungspartnerschaft im Elementarbereich, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/33590.php
[3] Ahmet Toprak, „Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen“, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1624.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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