Renate Drechsler: ADHS im Kindes- und Jugendalter
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 23.09.2026
Renate Drechsler: ADHS im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2026. 114 Seiten. ISBN 978-3-8017-2796-3.
Thema
ADHS zählt zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes‑ und Jugendalter. Dieses Fachbuch bietet Wissen zu Symptomen, Ursachen, Diagnostik und Therapie. Besonderes Augenmerk liegt auf neuropsychologischen Modellen und praxisnaher Differenzialdiagnostik. Auch Therapieoptionen, inklusive Pharmakotherapie, werden beleuchtet. Dieses Buch richtet sich vor allem an Neuropsycholog:innen, Kinder‑ und Jugendpsychotherapeut:innen, Kinder‑ und Jugendpsychiater:innen, Kinderärzt:innen.
Autorin
Prof. Dr. Renate Drechsler studierte Studium der Germanistik, Romanistik und Psychologie in Freiburg im Breisgau. Nach klinischer Tätigkeit in der Neurorehabilitation in Deutschland und der Schweiz ist sie seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich, seit 2024 als freie Mitarbeiterin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Neuropsychologie der ADHS, non-pharmakologische Therapie der ADHS, neuropsychologische Diagnostik im Kindes‑ und Jugendalter, exekutive Funktionen, problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen.
Aufbau und Inhalt
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), erstmals von der Symptomatik her im 18. Jahrhundert beschrieben und damit kein neumodisches Störungsbild aus der digitalen Welt zählt zu den häufigsten, zugleich aber auch zu den am intensivsten (kontrovers) diskutierten psychischen Störungsbildern im Kindes‑ und Jugendalter.
Die wesentlichen Fakten zu ADHS sind bekannt, auch wenn „einige Fachleute das Konstrukt ‚ADHS‘ […] als fragwürdig“ (S. 1) ansehen. Deshalb soll an dieser Stelle gar nicht groß auf inhaltliche Merkmale eingegangen werden, da diese logischerweise in allen vorliegenden Fachbüchern auf den gleichen Fakten und Forschungen beruhen. Dass es aber trotzdem enorm wichtig ist, sich intensiv mit dem Störungsbild gerade im Kindes‑ und Jugendalter auseinanderzusetzen, verdeutlicht Renate Drechsler direkt zum Einstieg.
Die Auswirkungen einer ADHS können sich nämlich auf zahlreiche Lebensbereiche auswirken, wie sie anhand von Forschungsergebnissen herausstellt. So haben von ADHS Betroffene im schulischen Kontext ein hohes Exklusionsrisiko, bleiben sie doch doppelt so oft im Vergleich zu einer störungsfreien Kontrollgruppe ohne Schulabschluss. Auch die Gefahr, ein Schuljahr wiederholen zu müssen, ist für Schüler:innen mit ADHS erhöht. Auswirkungen gibt es auch im Berufsleben, weil sie zum Beispiel häufiger ihre Stelle wechseln oder entlassen werden. Deutlich erhöht ist bei ADHS-Patient:innen außerdem das Risiko für regelmäßigen Cannabisgebrauch, aber auch für die Abhängigkeit von anderen Substanzen oder stoffungebundene Süchte wie Spielsucht. Auffällig ist auch, dass Menschen mit einer diagnostizierten ADHS doppelt so oft wie solche ohne ADHS angeklagt werden. Bei den Verurteilungen zu Gefängnisstrafen ist die Zahl der ADHS-Betroffenen sogar dreimal so hoch.
Unabhängig von persönlichen Folgen und individuellem Leid hat ADHS aber auch eine ganz andere Komponente, die die Allgemeinheit betrifft, wie am Beispiel der USA empirisch belegt wurde: „Die globalen Kosten, die der Gesellschaft neben den medizinischen durch ADHS entstehen, in Form von zusätzlichem finanziellem Aufwand für Bildung und Erziehung, verlorene Arbeitskraft, verminderte Effizienz, Verlust an Einkommen, Justizkosten, wird für die USA, je nach Quelle, auf 2 bis 20 Milliarden Dollar jährlich geschätzt“ (S. 2).
Neben einer Einführung in definitorische Grundlagen der ADHS und die typischen Verhaltensmerkmale in verschiedenen Entwicklungsphasen widmet sich ein Schwerpunktkapitel den neuropsychologischen, psychologischen und neurobiologischen Befunden und Modellen. Dabei wird auch auf die starken interindividuellen Unterschiede und heterogenen Muster der neurokognitiven Auffälligkeiten von ADHS eingegangen. Der aktuelle Forschungsstand geht davon aus, dass es sich bei ADHS um ein mehrdimensionales Störungsbild handelt, dessen typische Verhaltensprobleme nicht monokausal auf kognitive Defizite zurückzuführen sind, sondern auf ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Die daher anspruchsvolle Diagnostik und Differenzialdiagnostik werden aufbereitet, wobei auf die Bedeutung neuropsychologischer Verfahren für Diagnosestellung und Therapieplanung eingegangen wird.
Diskussion
Inhaltlich und grafisch hervorragend aufbereitet bietet das Buch eine kompakte Übersicht über die wesentlichen Fakten zur ADHS. Durch das Fallbeispiel am Ende lässt sich das erworbene Wissen in die Praxis transferieren. Auch wenn sich das Buch hauptsächlich an psychiatrisches Fachpersonal wendet, um eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten aktuellen Befunde zur Neuropsychologie der ADHS bei Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, bietet es auch für andere Berufsgruppen, die in ihrem Alltag mit dem Störungsbild in Kontakt kommen, einen guten Überblick, der angesichts der Fülle von Publikationen zu ADHS und der oft widersprüchlichen Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung, nicht einfach zu erreichen ist.
Fazit
Kurz und kompetent: Das Buch bietet auch dank der Taschenkarten im Anhang einen gelungenen Überblick über die ADHS im Kindes‑ und Jugendalter.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
Mailformular
Es gibt 249 Rezensionen von Wolfgang Schneider.





