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Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel et al. (Hrsg.): Rasende Zerstörung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.09.2026

Cover Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel et al. (Hrsg.): Rasende Zerstörung ISBN 978-3-85371-567-3

Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel, René Kirschey, Benjamin Lemke, Conny Stahmer-Weinandy (Hrsg.): Rasende Zerstörung. Wirtschaftliche, politische und psychosoziale Folgen der Kriegsvorbereitung. Promedia Verlag (Wien) 2026. 256 Seiten. ISBN 978-3-85371-567-3. D: 24,00 EUR, A: 24,00 EUR.

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Ist der Mensch gut oder böse?

Das Lebewesen, das mit Vernunft ausgestattet und fähig ist, Allgemein‑ und Werturteile zu bilden und ein gutes, gelingendes Leben zu führen, ist frei und gleich an Würde und Rechten geboren (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948) [1] Es ist immer wieder aufgefordert, von einer Logik des Krieges und Gewalt zu einer Logik der Friedfertigkeit und Menschlichkeit zu kommen. In der UNESCO-Verfassung vom 16.11.1945 wird postuliert: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden“. Kriege sind immer von Grausamkeit, Brutalität und Unmenschlichkeit geprägt. Es gibt keinen Grund, Kriege zu führen, und auch nicht, von einem „gerechten Krieg“ zu sprechen. Der UNESCO-Kongress vom 26. 6. – 1. 7. 1989 hat in Yamasoukro/​Elfenbeinküste „Frieden im Denken der Menschen“ definiert als Ehrfurcht vor dem Leben, als kostbarstes Gut der Menschen, mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung erkannt, als eine ganz menschliche Verhaltensweise bezeichnet, als tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität festgelegt, und als eine harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Umwelt bestimmt. Zur Auseinandersetzung, Bewältigung und friedlichen, gerechten Lösung von Konflikten und Kriegen bedarf es des Blicks in die Menschheitsgeschichte. Kampf und Gewalt, wie auch Verständigung und Zuneigung, hat es immer gegeben, und wird es auch weiterhin geben. Mit dem Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“ wird Einhalt gegen das Böse im Menschen gefordert. Es sind ethische, moralische und weltanschauliche Gründe, für Frieden in der Welt einzutreten. Anzeichen und Exempel gibt es: das buddhistische Denken, dass Frieden von innen komme und nicht im Äußeren zu suchen sei; es sind die Theorien, Praxen und Geisteshaltung des gewaltlosen Widerstands, die Friedensbemühungen befördern können – und zwar in Situationen, in denen Konflikte zu Kriegen werden können, wie auch in den Zeiten von Kriegen, um nach Waffenstillstand Friedenbewegungen zustande zu bringen. Es sind die anthropologischen, philosophischen, psychologischen und pädagogischen Konzepte zur gewaltfreien Kommunikation und des friedlichen Zusammenlebens der Menschen, die für Friedensbildung, ‑erziehung und ‑dienste gefragt sind (Marshall B. Rosenberg) [2].

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Um der rasenden (erdhaften) Vernichtung zu entgehen, bedarf es des Bewusstseins, dass die Menschheit nur friedlich und human weiterhin menschen‑ und kosmoswürdig leben und überleben kann. Der Begriff „Kriegstüchtigkeit“ kann als Unwort der Zeit aufgefasst werden [3]. Entgegengesetzt werden muss der Begriff „Friedenstüchtigkeit“ [4]. Die „Neue Gesellschaft für Psychologie“ (NGfP) hat vom 26. 3.- bis 29. 3. 2026 in Berlin den Jahreskongress durchgeführt. Die Ergebnisse werden im Sammelband „Rasende Zerstörung“ vorgelegt. Der Sammelband wird vom Herausgeberteam Bruder/Bruder-Bezzel (+)/Kirschey/​Lemke und Stahmer-Weinandy vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Der NGfP legt die Ergebnisse des Kongresses vor. Es sind Gedanken, Analysen, Schlussfolgerungen und Beobachtungen, wie sich aktuell, lokal und global eine „rasende Militarisierung“ vollzieht, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst. Der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewernann (geb. 1940) ruft, angesichts des „Selbstverrats des Christentums“, zum christlichen Handeln auf, wie sie die „Bergpredigt“ als radikale Abkehr von Krieg und Gewalt zum Ausdruck gebracht hat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Der Psychologe und Politikwissenschaftler, Vorsitzender der NGfP, Benjamin Lemke,begründet historisch, wie der Begriff „Rasende Zerstörung“ verstanden werden kann: „durch den Kapitalismus und seine technologische Dynamik angetriebene Form der Zerstörung, die sich durchansteigende Geschwindigkeit und Intensität auszeichnet und zunehmend den Alltag beherrscht“. Conny Stahmer-Weinandy, Psychoanalytikerin und zweite Vorsitzende von NGfP, setzt sich mit dem Werk von Almuth Bruder-Bezzel auseinander, die am 23. 11. 2025 gestorben ist. Ihr kritisches, politisches und gesellschaftliches Wirken war bestimmt von der Mahnung, dass Intellektuelle allzu oft und allzu leicht die Kriegstreiber und Kriegsunternehmer unterstützen. Posthum meldet sich Almut Bruder-Bezzel mit dem Beitrag „Das Eigene und das Fremde in mir“ zu Wort. Es ist die Erwartung – „Es ist Krieg und keiner geht hin“, die als Macht und Kraft gefordert ist. Der ehemalige Vorsitzende von NGfP und Psychologe Klaus Jürgen Bruder fragt: „Was ist Entpolitisierung?“. Es ist das Recht und die Pflicht, Widerstand gegen undemokratische Macht und Diktatur zu leisten. Der Journalist und Buchautor Günther Burbach setzt sich auseinander mit der zunehmenden, immer mehr unkontrollierbaren Digitalisierung: „Palentir und der digitale Kapitalismus“. Er erläutert, wie sich die militärische Nutzung von datenbasierten Plattformen vollzieht [5]. Der Göttinger Schriftsteller Wolfgang Bittner klagt mit dem Beitrag „Die betrogene Gesellschaft“, wie die Bevölkerung indoktriniert und auf einen Krieg eingestimmt wird. Er agitiert gegen die deutsche Vasallenschaft und Kulturelle und militärische Umklammerung durch die USA‑Politik und plädiert für eine (illusorische?) Annäherung an Russland, Wie? Die Sonderpädagogin und Politologin Magda von Garrel setzt sich mit „menschenfressender KI“ auseinander. Es sind die Algorithmen, die Affinität und Abhängigkeit schaffen und so die individuellen Kräfte vermindern. Der ehemalige Pionier-Hauptmann der -Bundesehr und Politikwissenschaftler Wolfgang Effenberger bringt mit dem Beitrag „Kriegsvorbereitung als gesellschaftliches Projekt“ – seine Erfahrungen und Analysen ein. Mit einer historischen Betrachtung und der Warnung vor einem dauerhaften Krieg (Omniwar) verweist er auf die Alternativen: Friedenspolitik und -forschung, Demokratie. Der Sozialwissenschaftler und Gesellschaftskritiker Rudolph Bauer fragt: „Warum Krieg?“: „Kriege werden geführt als Antwort auf ökonomische und Finanzkrisen, um durch rasende Zerstörung eine Produktionsweise zu erhalten bzw. wiederherzustellen, die erneut auf Krisen zusteuert, welche aus Sicht des Kapitals notwendig machen, Kriege zu führen.“ Manfred Sohn, Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, zeigt auf: „Kriegsvorbereitung bedeutet Schulden, Inflation, Sozial‑ und Demokratieabbau.“ Sein differenzierter Beitrag, der Persönliches und Kritisches enthält, endet mit der Hoffnung, dass Widerstand gegen Krieg und Kriegsausgaben die sozialen, freiheitlichen, demokratischen Kräfte stärkt. Die Arbeits‑ und Organisationspsychologin Ursula Vogt, DKP-Mitglied, thematisiert „Die Propaganda der Herrschenden und ihre Funktion und Grenzen“. Die sich vollziehende Spaltung der Arbeiterklasse wird von der kapitalistischen Herrscherklasse heftig geschürt und befördert. Mit dem Gedicht von Erich Kästner legt sie den Finger in die Wunde und ruft zur Aufklärung auf: „Ihr sollt nicht denken, wenn ihr sprecht!/Gehirn ist nichts für kleine Leute./Den Millionären geht es schlecht,/Ein neuer Krieg käm ihnen recht.“ Der Sozialwissenschaftler Norbert Wohlfahrt setzt sich auseinander mit „Resilienz und Kriegstüchtigkeit“ und fragt: „Militarisierung als individueller Freiheitsgewinn?“. Die Forderungen zum Selbstdenken verbinden sich mit der Erkenntnis: „Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit“. Der Essayist, Theater‑ und Romanautor, Mitglied des Willy-Brandt-Kreises, Michael Schneider, nimmt Stellung zu den gesellschaftspolitischen Hoffnungen – „Nie wieder Krieg“ – und diskutiert mit den Auffassungen, „der böse Russe … die Täter-Opfer-Umkehr und die (Selbst)Zerstörung Europas“ Die aktuelle, finanzpolitische Entwicklung bringt zutage; „Der Kapitalismus erzeugt den Krieg wie die Wolke den Regen“ (Jean Jaures). Die Journalistin und Ethnologin Karin Leukefeld stellt fest: „Kriegsverbrechen als Routine“, und sie zeigt auf, dass die Barbaren wir sind. Der Psychotherapeut Günter Rexilius richtet drei notwendige Fragen an die „Linken“. Es ist die Frage, ob und inwieweit hat die Verarmung des globalen Südens den kapitalistischen Norden berührt? „Kann die neoliberale, kapitalistische Entwicklung gestoppt werden?“, und schließlich: „Hat ein humaner, gleichberechtigter, ganzheitlicher Sozialismus eine Chance?“. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken, die Volkswirtschaftlerin Annette Groth betrachtet die globale Entwicklung und stellt fest: „Die UNO befürwortet Kolonialismus und Trump bezieht sich auf die Bibel“. Der Philosoph Werner Rügemer thematisiert „Völkermord, Sklavenarbeit, Sexualverbrechend – Die Alternativen zum absteigenden US-geführten Kapitalismus“. Gegen die zahlreichen narzisstischen Individuen und die kapitalistische, egozentristische Oligarchenherrschaft in den USA setzt er die von China gesteuerte Sozialpolitik: „700 Millionen Menschen wurden aus der Armut geholt, in Arbeit, Brot, Wohnung, Bildung, Gesundheit, Lebenssicherheit gebracht“. Der Wiener Wirtschafts-, Sozialgeschichtler und Verleger Hannes Hofbauer [6] schaut kritisch auf die europäische Entwicklung: „Entrechtet und geächtet – Zur Sanktionspolitik der Europäischen Union“. Es sind Vorboten und Vorbereitungen für ein Kriegsrecht. Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Krieger (1946) stellt fest: „Erfahrungen sind wichtig – doch das Wahre ist das Ganze“. Seine Beschäftigung mit der Entwicklung der KI (Intelligence and National Security, 2014) zeigt Alternativen auf. Die Ursachen von Kriegen, wie dem aktuellen Ukraine-Russland-Krieg, sind nur erklärbar durch die Wirkungen und Bedürfnisse des internationalen Finanzkapitals. Die Erziehungswissenschaftlerin Eva Borst malt mit dem Beitrag – „Resilient in den Untergang“ – die sich als „Gehorsamsschulung“ zeigende Kriegstüchtigkeit an die Wand. „Der sich unter der Decke allgemeiner Übereinkünfte vollziehende Zwang gerinnt allmählich zu einer Selbstverständlichkeit und blockiert eigene Überlegungen“.

Diskussion

Kriege werden von Menschen geführt, von künstlichen Systemen nur dann, wenn der Mensch die Grundlagen dafür schafft. Der anthrôpos ist als zôon politikon ein vernunft‑ und sprachbegabtes Lebewesen, fähig und in der Lage, ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges Leben zu führen. Seine Begierde, Kriege zu führen und sich wie ein „wildes Tier“ zu benehmen, wird durch seine Bindung an eine politische Gemeinschaft eingefangen [7].

Fazit

Kriege und Gewalt sind keine zwangsläufigen Tätigkeiten, sondern menschengemachte Verhaltensweisen, die es zu überwinden gilt [8]. Es gilt „Nein“ zu sagen gegen Krieg, Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Militarisierung.


[1] Jörn Rüsen, Perspektiven der Humanität, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10385.php

[2] Gert Hellerich, Von einer Logik des Krieges zu einer Logik des Friedens, 2023,www.socialnet.de/rezensionen/31465.php

[3] Leo Ensel, Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit, 2026, www.socialnet.de/rezensionen/34415.php

[4] Fabian Scheidler, Friedenstüchtig, 2025, www.socialnet.de/33483.php

[5] vgl. dazu: Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php

[6] Hannes Hofbauer, Aller Rechte beraubt, 2026, www.socialnet.de/rezensionen/34352.php

[7] Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, 620f S.

[8] Rudolph Bauer, Hrsg., Kriege im 21. Jahrhundert, 2015, www-socialnet.de/rezensionen/19352.php

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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ISSN 2190-9245