Chloé Chermette, Till Thimme et al.: Bewegungstherapie bei Suchterkrankungen
Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 24.09.2026
Chloé Chermette, Till Thimme, Hubertus Deimel: Bewegungstherapie bei Suchterkrankungen. Grundlagen - Konzepte - Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 189 Seiten. ISBN 978-3-17-044744-8.
Thema
Suchterkrankungen stellen ein globales und multidimensionales Gesundheitsproblem dar, für deren Behandlung innovative interdisziplinäre Ansätze notwendig sind. Das vorliegende Buch bietet eine Gesamtdarstellung der Bewegungstherapie bei Suchterkrankungen und zeigt, dass körperliche und sportliche Aktivitäten hier einen elementaren und wertvollen Beitrag leisten. Sie wirken gesundheitsstabilisierend und symptomlindernd, sie verbessern die Stimmungs‑ und Spannungsregulation und stärken die soziale Integrationsfähigkeit.
AutorInnen
Dr. sportwiss. Chloé Chermette ist Studienrätin im Hochschuldienst am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln.
Dr. rer. medic. Till Thimme hat die Fachliche Leitung der Bewegungstherapie in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bonn inne.
Dr. sportwiss. Hubertus Deimel ist ehem. Studiendirektor des Instituts Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln.
Aufbau
Die ersten beiden Kapitel des Buches sind eher theoretischer Natur. Nach einem kurzen Überblick über den historischen und gesellschaftlichen Background von Sucht und süchtigem Verhalten sowie über die derzeitige Verbreitung von süchtig machenden Substanzen werden Begriffe geklärt und der derzeitige Stand der Forschung zu den Wirkungen von körperlicher Aktivität auf die Gesundheit einschließlich ihrer Wirkmechanismen beschrieben.
Den Schwerpunkt des Buches bilden vier Kapitel mit zunehmendem Praxisbezug: Zunächst werden wichtige Säulen und Strukturen des Versorgungssystems für suchtmittelabhängige Menschen in Deutschland vorgestellt, anschließend der konzeptionelle Rahmen für die Bewegungstherapie als klinisches Verfahren skizziert. Im Folgenden wird beispielhaft das spezifische und eigenständige Potenzial unterschiedlicher Bewegungspraxen aufgezeigt und weitergehende praktische Handreichungen und Hilfen sowie Überlegungen zur Nachsorge am Wohnort, hier besonders in Verbindung zur Selbsthilfe, zu Selbsthilfe-Prinzipien und ‑organisationen angeboten.
Inhalt
In der Einleitung verweisen die Autor*nnen auf den zunehmenden Konsum von Suchtmitteln in unserer Gesellschaft und auch im internationalen Raum. Er gehört und gehörte für viele Menschen zum festen Bestandteil. Im Kontext der Menschheitsentwicklung lässt sich die Nutzung berauschender Substanzen durchgehend nachweisen. Und dies ist sinnvoll, da Kenntnisse über den tradierten Umgang mit ihnen zu einem vertieften Verständnis von Suchterkrankungen in der heutigen Zeit beitragen können.
Im Folgenden wird problematisiert, dass traditionsgemäß die verschiedenen medizinischen, psychotherapeutischen und soziotherapeutischen Behandlungsansätze dominieren, während Fachtherapien wie die Ergotherapie, die Musiktherapie oder die Bewegungstherapie nicht oder nur rudimentär erwähnt oder abgehandelt werden. Dies, obwohl Bewegungsaktivitäten zumindest in der postakuten Behandlungsphase schon stundenmäßig einen beträchtlichen Raum und Umfang der Behandlung ausmachen. Gegen diesen Widerspruch will dieses Buch angehen und das Potenzial der Bewegungstherapien für die Betroffenen in den verschiedenen Therapiephasen aufzeigen.
Das 2. Kapitel bildet die theoretische Rahmung des Buches. Es geht um kulturhistorische Gesichtspunkte, also den historischen und gesellschaftlichen Background von Sucht und süchtigem Verhalten, sowie die aktuelle Verbreitung süchtig machender Substanzen in der Suchtlandschaft in Deutschland.
Als weitere theoretische Grundlage ordnen die Autor*nnen die Entstehungsbedingungen sowie die theoretisch begründeten Therapieansätze in einen bio-psycho-sozialen Ansatz ein und stellen für die Bewegungstherapie als Querschnittsdisziplin relevante Bezüge aus der Sportwissenschaft, Medizin und Psychologie wie handlungs‑ und stresstheoretische Überlegungen, aber auch salutogenetische Perspektiven und Resilienzmodelle vor.
Im 3. Kapitel wird in umfassender Weise der derzeitige Stand der Forschung zu den Wirkungen von körperlicher Aktivität auf die Gesundheit einschließlich ihrer Wirkmechanismen beschrieben.
Zunächst werden differenziert die relevanten Begriffe definiert, wie sie im Buch verwendet werden: Bewegung, körperliche Aktivität, sportliche Aktivität, Sporttherapie. Differenziert und durch zahlreiche Studien belegt werden im Folgenden die möglichen Effekte von körperlichen Aktivitäten auf physische, psychische und psychosoziale Gesundheitsparameter dargestellt, die für die praktische bewegungsorientierte Arbeit mit suchterkranken Menschen von Bedeutung sind.
Auf die Frage, wie und wodurch körperliche Aktivität auf die psychische Gesundheit wirkt, ist Gegenstand der 2. Teils im 3. Kapitel. Zur Beantwortung der Frage werden psychosoziale und neurobiologische Wirkhypothesen ausführlich dargestellt, die oftmals plausibel begründet und z.T. auch „empirisch belegt“ sind (S. 38), „ein schlüssiges allgemeingültiges multidimensionales und interaktionelles Modell der Wirkmechanismen körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit fehlt jedoch bislang“ (S. 39).
Der 3. Teil des 3. Kapitels beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Suchterkrankungen. Es geht ein auf körperliche Aktivität als protektiven und als Risikofaktor im Zusammenhang mit riskantem Konsum/​Verhalten und Abhängigkeitserkrankungen sowie als Behandlungsmöglichkeit bei bestehenden oder drohenden Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol, Nikotin, Stimulanzien, Opiate, Cannabis, abhängige Verhaltensweisen).
Den Schwerpunkt des Buches bilden die folgenden vier Kapitel mit zunehmendem Praxisbezug.
Zunächst werden im 4. Kapitel wichtige Säulen und Strukturen des Versorgungssystems für suchtmittelabhängige Menschen in Deutschland vorgestellt, einschließlich der Therapiephasen der Behandlung von Sucht‑ und Abhängigkeitserkrankungen. Hierbei wird herausgestellt, dass sich bewegungstherapeutische Maßnahmen in allen Phasen der Behandlung integrieren lassen, wenngleich mit unterschiedlichen thematischen und inhaltlichen Akzenten. Beispielhaft werden Bewegungsangebote für die Akutphase, die Postakutbehandlung und die Nachsorgephase beschrieben.
Das 5. Kapitel skizziert einen konzeptionellen Rahmen für die Bewegungstherapie als klinisches Verfahren. Die Bewegungstherapie wird auf handlungstheoretischer Basis als Verfahren vorgestellt, das die individuellen gesundheitsorientierten Handlungskompetenzen, die Selbstregulationsfähigkeiten und die biopsychosozialen Entwicklungspotenziale des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Zentrale Merkmale und Phasen des therapeutischen Prozesses bilden dabei die Diagnostik und Indikation, die praktische Umsetzung und Evaluation einschließlich der dazu notwendigen Voraussetzungen und Bedingungen für eine professionelle bewegungstherapeutische Behandlung und Betreuung. Differenziert wird eingegangen auf Inhalte, Themen und Profile der Bewegungsaktivitäten in den unterschiedlichen Therapiephasen, d.h., den individuellen Anforderungen werden ausgewählte Sportarten zugeordnet.
Eine Beschreibung der Rahmenbedingungen und Qualitätsmerkmale bzgl. Personalstruktur, Ausstattung und interdisziplinärer Zusammenarbeit schließt dieses Kapitel ab.
Im Praxiskapitel III wird beispielhaft das spezifische und eigenständige therapeutische Potenzial unterschiedlicher Bewegungspraxen aufgezeigt (Kap. 6). Die praxisinteressierte Leser*in findet hier u.a. konkrete Hinweise für die praktische Arbeit mit Zugängen wie Bewegungs‑ und Sportspiele, Klettern, Kampfkünsten, Kraft‑ und Ausdauertraining oder Entspannungsverfahren und Achtsamkeit sowie erlebnisorientierten Zugängen. Dabei wird deutlich darauf hingewiesen, dass die angewandte Bewegungsform nach ausführlicher Diagnostik und mit medizinischer Betreuung ausgewählt und den Behandlungsphasen angepasst wird.
Das Ausdauer-, Kraft‑ und Koordinationstraining wird eingesetzt zur Stabilisierung und Verbesserung des allgemeinen körperlichen und psychischen Gesundheitszustandes als basale Zielsetzung in der Behandlung verschiedener Suchterkrankungen, wobei hier sehr differenziert auf die Phasen der Behandlung Rücksicht genommen werden muss.
Das Spektrum der Übungen zur Körperwahrnehmung, Achtsamkeit und Entspannung bildet gleichsam das Gegenstück zu den Aktivitäten, bei denen das sportliche Handeln und das intensive Gruppenerleben im Vordergrund stehen. Sie finden statt in einem Modus der Entschleunigung und Verlangsamung und sind vorwiegend auf die Eigenwahrnehmung gerichtet. Als Beispiele werden aufgeführt und mit Beispielen dargestellt: Yoga, Qigong, Achtsamkeitsübungen, Progressive Muskelrelaxation und autogenes Training.
Bei den „erlebnisorientierten Zugängen“ stehen die unmittelbare und intensive Selbsterfahrung mit allen Sinnen im Vordergrund, gekoppelt mit Naturerleben und die Auseinandersetzung mit Spannung, Risiko und Wagnis, sowie das Kooperieren und das ganzheitliche Lernen in der Gruppe. Exemplarisch wird hier ausführlich veranschaulicht, wie beim Klettern unterschiedliche und erlebnisorientierte therapeutische Akzente auf motorisch-sensorischer, kognitiver, emotionaler und sozialer Ebene gesetzt werden können.
Der Einsatz von Kampfkünsten für die bewegungstherapeutische Arbeit bietet sich an, da 1)heutzutage viele Kampfkünste neben ihrer ursprünglichen Funktion der Wehrfähigkeit und des Selbstschutzes auf eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung abzielen, 2)das zentrale Thema dieses Bewegungsfeldes – das Kämpfen – immer eine bewegungsdialogische Auseinandersetzung mit einem Gegenüber impliziert und 3)in vielen Disziplinen dem Üben und dem Perfektionieren von stilisierten Bewegungsabfolgen ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Als Beispiele werden genannt: Tai-Chi, Katas aus dem Karatedo, Partnerübungen aus dem Kendo. Die Autor*innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass beim Einsatz von Kampfkünsten besonders geachtet werden muss auf die Emotionalität und die seelische Vulnerabilität der Teilnehmer, auch auf mögliche Vorgeschichten mit grenzüberschreitenden Verhaltensweisen, enthemmter Impulsivität und Gewaltbereitschaft.
Das Themenfeld Bewegungs‑ und Sportspiele ist extrem breit und hinsichtlich seiner Charakteristika sehr heterogen. Es bietet viele therapeutische Ansatzpunkte und Einsatzmöglichkeiten. Anhand einiger konkreter Beispiele aus dem Volleyball und den sog. „Kleinen Spielen“ wird gezeigt, wie Bewegungs‑ und Sportspiele in bewegungstherapeutischen Einheiten eingesetzt werden können: als Aufwärm‑ oder Abschlussspiel, zur Förderung der motorisch-sensorischen Komponenten sowie der kognitiven, emotionalen und sozialen Ebene der Persönlichkeit.
Den Abschluss bilden im 7. Kapitel weitergehende praktische Handreichungen und Hilfen zum Planen und Steuern therapeutischer Prozesse, zur Förderung gesundheitsorientierten Verhaltens, zur Gestaltung von Beziehung und Umgang mit den Patient*innen, sowie zu Überlegungen zur Nachsorge am Wohnort, hier besonders in Verbindung zur Selbsthilfe, zu Selbsthilfe-Prinzipien und ‑organisationen.
Im 8. Kapitel betonen die Autor*innen noch einmal die Bedeutung von ambulanten Bewegungsangeboten und Nachsorgestrukturen, zeigen Wege der Weiterentwicklung in der Forschung auf, richten einen Fokus auf „neue Suchtformen“, also verhaltensbezogene Süchte (Medien‑ und Onlinesucht) und sie plädieren für die Implementierung der Bewegungstherapie in die Leitlinien und die öffentliche Wahrnehmung.
Abgerundet wird das Buch mit einem sehr ausführlichen Inhaltsverzeichnis (22 Seiten), einem Stichwortverzeichnis und einem Dokumentationsbogen für die Bewegungstherapie, der als Leitfaden für die „Eingangsdiagnostik – Erstgespräch“, die „Verlaufs‑ und Entwicklungsdiagnostik“ und die „Ausgangsdiagnostik – Abschlussgespräch“ dient.
Diskussion
Dieses praxisorientierte Handbuch vermittelt Grundlagenwissen zu Substanzkonsumstörungen und bewegungstherapeutischen Bezugstheorien und fasst die aktuelle Forschung zu Effekten und Wirkmechanismen körperlicher Aktivitäten anschaulich zusammen. Überdies werden fundierte Konzepte, bewährte Methoden und praktische Anwendungsmöglichkeiten der Bewegungstherapie im klinischen Setting und in der Nachsorge beschrieben.
Diesem Anspruch werden die Autor*innen in hohem Maße gerecht. Die einzelnen Kapitel informieren fundiert zum einen über die Facetten von Bewegung und Sport und zum anderen über das Themenfeld der Sucht in unserer Gesellschaft. Auf dieser Grundlage stellen sie die Verbindung her zwischen Gesundheit und Bewegung, ihrer Wirkungen und Wirkfaktoren und sie informieren ausführlich, wie die konkrete, sehr vielfältige Praxis aussehen kann.
Das sehr ausführliche Literaturverzeichnis zeigt, dass die Aussagen in diesem Buch sehr fundiert und in der Forschung bestätigt sind.
Bleibt mit Werner Sipp, dem Autor des Geleitwortes (ehem. Präsident des Internationalen Kontrollrates der Vereinten Nationen) zu wünschen, „dass die hier vorgestellten Erkenntnisse zu einer stärkeren Berücksichtigung der Bewegungstherapie in der Suchthilfe führen, dass sie weitere Forschungen anregen und zu einem vertieften internationalen Austausch über bewegungstherapeutische Konzepte beitragen“ (S. 6).
Fazit
Ein komprimiertes Buch, das voll ist von Informationen zum Thema Sucht und Bewegungstherapie, die wissenschaftlich gut belegt sind. Es bietet einen sehr guten Überblick über die Thematik und lädt ein, der Bewegungstherapie in der Suchbehandlung mehr Zeit und Raum zu geben.
Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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